Interview

Michaela Hartnagel-Keil: ‚Ich bin spät gestartet – aber genau zur richtigen Zeit‘

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Noch vor wenigen Jahren arbeitete Michaela Hartnagel-Keil im Büro, heute steht sie rund 60 Mal im Jahr auf der Bühne und gehört zu den prägenden Gesichtern der hessischen Fastnacht.

Mit Humor, Herzlichkeit und ihrer Kunstfigur Baa-bie trifft sie einen Nerv – und zeigt, dass Neuanfänge kein Alter kennen. Im Gespräch erzählt sie von Mut, Ehrfurcht vor großen Bühnen, familiärem Rückhalt und der Kraft, Menschen mit Lachen für einen Moment die Sorgen zu nehmen.

Vom Büro auf die große Bühne: Noch vor wenigen Jahren arbeiteten Sie als Sekretärin – heute stehen Sie rund 60 Mal im Jahr auf der Bühne. Wann haben Sie selbst realisiert: Das ist kein Ausflug mehr, das ist jetzt mein Beruf?
Eigentlich habe ich meinen Job erst Ende des Jahres gekündigt. Die Entscheidung kam, weil ich gemerkt habe, dass ich die Zeit, die ich habe, bewusst auf der Bühne verbringen möchte. Ich wollte mich voll darauf konzentrieren. Ich bin sozusagen eine Spätzünderin – ich werde dieses Jahr 57, fühle mich aber ganz und gar nicht so. Die Bühne ist für mich mein Hobby, und was gibt es Schöneres, als sein Hobby zum Beruf zu machen? Ich liebe es, Menschen zum Lachen zu bringen und ihnen gerade in der heutigen Zeit einen Moment zu schenken, in dem sie abschalten und ihre Sorgen vergessen können. Die vielen Anfragen sind überwältigend, und ich hätte nie gedacht, dass dieser Erfolg in so kurzer Zeit kommt.

Ihr erster Auftritt beim hr-Casting war eher ein spontaner Versuch – und wurde zum Wendepunkt. Was glauben Sie, hat damals den Ausschlag gegeben: Text, Timing oder Ihre Bühnenpräsenz?
Wenn ich an unser erstes Casting denke – da bin ich mit einer Freundin als Sassa Sammel und Sossi aufgetreten – muss ich heute noch lachen. Es war eigentlich eine kleine Katastrophe: Wir haben den Text vergessen. Aber statt panisch zu werden, haben wir einfach spontan drauflosgespielt und das Beste daraus gemacht. Genau dieser Moment hat, glaube ich, einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es war unperfekt, ehrlich und lebendig – und vielleicht genau deshalb so überzeugend.

Die Hessische Weiberfastnacht begleitet Ihre Karriere bis heute. Was bedeutet Ihnen dieses Format persönlich – als Künstlerin und als Mensch?
Wahnsinnig viel. Die Bühne dort ist für mich wie ein Zuhause. Ich kann kaum in Worte fassen, mit wie viel Herzblut das gesamte Team des Hessischen Rundfunks arbeitet. Diese besondere Atmosphäre spürt man sofort: Jeder im Saal freut sich auf diese gemeinsame Zeit. Die Künstlerinnen und Künstler sind mir sehr ans Herz gewachsen – mittlerweile sind daraus sogar echte Freundschaften entstanden. Und auch das Publikum, im Saal wie vor den Bildschirmen, bedeutet mir unglaublich viel. Ich bekomme so viele berührende Nachrichten, und daran sieht man, wie dankbar die Menschen für diese Momente des Lachens sind.

2023 wurden Sie erstmals als Gastgeberin der Weiberfastnacht angefragt – ein Schritt, den Sie selbst als „unvorstellbar“ beschrieben haben. Was hat Ihnen in diesem Moment am meisten Respekt eingeflößt?
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch kaum Bühnenerfahrung. Ich hatte große Angst, dass mich die Zuschauer nicht annehmen, die Angst zu versagen war sehr präsent. Eigentlich waren es meine Kinder, die mir den entscheidenden Anstoß gegeben haben: Wenn du es nicht versuchst, wirst du es dein ganzes Leben lang bereuen. Das hat gesessen – und ich habe mich getraut.

In diesem Moment war es vor allem die Verantwortung, die mir Respekt eingeflößt hat. Die Hessische Weiberfastnacht hat eine lange Tradition und ein unglaublich treues Publikum – da tritt man nicht einfach so nach vorne. Mir war bewusst, in welche Fußstapfen ich trete. Gleichzeitig war da aber auch eine tiefe Dankbarkeit und Demut für das Vertrauen, das man mir geschenkt hat. „Unvorstellbar“ trifft es deshalb sehr gut – nicht aus Angst, sondern aus Ehrfurcht vor dem Format und den Menschen, die es lieben.

Mit Ihrer Kunstfigur Baa-Bie karikieren Sie Rollenbilder und Alltagsrealitäten von Frauen. Wie viel Beobachtung, wie viel persönliche Erfahrung steckt in dieser Figur?
Baa-bie – mit doppeltem AA und in XXL – ist das krasse Gegenteil der weltbekannten Barbie. Die Idee entstand 2022, als ich kurz vor der Weiberfastnacht einen kleinen Gag gedreht wurde. In der Sendung habe ich dann augenzwinkernd erzählt, Hollywood habe angerufen und wolle mich als Barbie für die Hauptrolle buchen. Genau aus diesem Spaß heraus ist Baa-bie entstanden. Sie ist eine bewusste Überzeichnung, ehrlich, selbstbewusst und nah am echten Leben. Und offenbar trifft sie einen Nerv: Baa-bie ist inzwischen über die Landesgrenzen hinaus auf ganz unterschiedlichen Bühnen unterwegs – was ich mir damals niemals hätte vorstellen können.

Fastnacht ist traditionell, manchmal auch konservativ. Wie offen erleben Sie das Publikum für moderne, selbstbewusste Frauenfiguren und gesellschaftliche Spitzen?
Ich erlebe das Publikum als viel offener, als man oft denkt. Fastnacht lebt von Tradition, aber sie lebt genauso davon, den Menschen den Spiegel vorzuhalten. Moderne, selbstbewusste Frauenfiguren gehören heute ganz selbstverständlich dazu. Wenn gesellschaftliche Spitzen ehrlich, humorvoll und nicht von oben herab kommen, werden sie sehr gut angenommen. Die Menschen merken, ob etwas aus dem echten Leben kommt – und genau dann entsteht dieses gemeinsame Lachen, das Fastnacht für mich so besonders macht.

Sie touren inzwischen mit einem Comedy-Quintett, spielen Soloshows und moderieren große TV-Abende. Was fordert Sie dabei mehr: die große Live-Bühne oder das Fernsehen?
Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen vom HR haben wir das „Comedy-Quintett“ ins Leben gerufen. Mit dieser Show sind wir unterwegs – und an jedem Abend weiß niemand, was genau passieren wird. Genau davon lebt sie: von Spontanität, vom Moment und vom gemeinsamen Spaß auf der Bühne.

Ich muss tatsächlich sagen, dass mich keine Bühne mehr fordert als die andere. Ich stehe einfach unglaublich gerne auf der Bühne. Egal ob live vor Publikum oder im Fernsehen: Ich betrete die Bühne, wir haben Spaß – und das Wichtigste ist für mich, dass ich beim HR wie auch auf allen anderen Bühnen immer ich selbst bleibe. Ich glaube, genau das macht am Ende den Unterschied.

Viele Menschen träumen von einem Neuanfang – wagen ihn aber nie. Was hat Ihnen den Mut gegeben, Ihren sicheren Bürojob hinter sich zu lassen?
Ich würde heute niemandem raten, seinen Job von jetzt auf gleich an den Nagel zu hängen. Aber ich würde jedem raten, einen Traum zumindest zu versuchen. Bei mir war es so, dass mir mein Bürojob unglaublich viel Energie geraubt hat. Die Bühne dagegen hat mir Energie gegeben. Irgendwann habe ich gemerkt, dass dieses Ungleichgewicht nicht mehr passt. Der Schritt war nicht leicht, aber er war richtig – weil er sich für mich ehrlich angefühlt hat.

Wenn ich heute ein Jobangebot bekäme, bei dem ich meine kreativen Ideen einbringen könnte und vielleicht sogar Mut und Halt geben darf, würde ich auch wieder einen Job annehmen. Für mich geht es nicht darum, was ich mache, sondern wie und mit welchem Sinn. Kreativität, Menschlichkeit und das Gefühl, etwas weiterzugeben – das wären für mich die entscheidenden Faktoren.

Ihre Familie verfolgt Ihren Weg mit großem Stolz, sogar Ihre Enkel stehen schon auf der Fastnachtsbühne. Welche Verantwortung spüren Sie, gerade als Vorbild für jüngere Generationen?
Meine Familie ist für mich unglaublich wichtig. Hinter allem, was ich mache, steckt viel Organisation – wir haben Kinder, Enkelkinder und auch einen Hund, der auf keinen Fall zu kurz kommen darf. Da stehen alle zusammen: Meine Kinder und Enkel helfen, wo sie können, und mein Mann nimmt fast seinen ganzen Jahresurlaub , um mich zu begleiten und mich zu den Veranstaltungen zu fahren. Man kann fast sagen, er ist meine ganz persönliche Security.

Meine Kinder schütteln manchmal schon den Kopf, wenn ihre Mutter als Baa-bie um die Ecke kommt, und ich höre dann auch öfter: „Mama, muss das jetzt sein?“ Aber genau das gehört dazu – und am Ende lachen wir alle gemeinsam darüber. Humor fängt für mich immer in der eigenen Familie an, und wenn man auch über sich selbst lachen kann, ist schon viel gewonnen.

Gerade deshalb spüre ich auch eine Verantwortung als Vorbild. Ich möchte zeigen, dass Mut, Freude und Authentizität mehr zählen als Perfektion. Wenn ich sehe, wie meine Enkel mit leuchtenden Augen auf der Bühne stehen, wünsche ich mir vor allem eines für sie: Dass sie spüren, du darfst du selbst sein – und du darfst groß träumen.

Wenn Sie heute auf Ihre Karriere schauen: Was möchten Sie sich unbedingt bewahren – und wo wollen Sie sich künstlerisch noch weiterentwickeln?
Ich möchte mir meine lebensfrohe Art unbedingt bewahren. Ich möchte den Menschen sagen: Schaut auf die schönen Dinge im Leben. In meinem eigenen Leben gab es einen Punkt, an dem ich schwer krank war – dass ich das überlebt habe, ist für mich ein Wunder. Genau deshalb bin ich heute unglaublich dankbar für alles, was ich gerade erleben darf.

Künstlerisch wünsche ich mir, mein Soloprogramm weiter auszubauen und damit noch auf viele verschiedene Bühnen zu gehen. Ich hoffe sehr, dass ich diese Chancen weiterhin bekomme. Als Comedian – und ganz einfach als Michi. Hier bin ich. Und wenn man mich im Fernsehen sieht und ich nach Worten ringe oder mir auch mal eine Träne über die Wange läuft, dann ist das kein Schauspiel. Das ist echte, tiefe Dankbarkeit – für das Leben, für die Menschen und für diesen Weg, den ich gehen darf.

Danke für Ihre Zeit!

«Die hessische Weiberfastnacht» ist am Donnerstag, 12. Februar 2026, um 21.45 Uhr im HR Fernsehen zu sehen.

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