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‚Disruption‘

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Jannis Brühl warnt wie Tech-Macht zur politischen Gefahr werden könnte.

Mit „Disruption“ legt der Digitalexperte der „Süddeutschen Zeitung“ Jannis Brühl ein hochaktuelles, alarmierendes Buch vor, das sich wie eine Bestandsaufnahme eines politischen Kipppunkts liest. Unter dem Untertitel „Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen“ analysiert Brühl, wie aus den einst gefeierten Innovatoren des Silicon Valley eine neue Machtelite geworden ist – eine Elite, die nicht mehr nur Märkte, sondern zunehmend auch politische Systeme formen will.

Ausgangspunkt des Buches ist das erste Jahr von Trump. Brühl beschreibt, wie sich seit 2024 eine bislang beispiellose Allianz herausgebildet hat: Eine kleine Gruppe extrem vermögender Tech-Unternehmer rückt offen an die Seite eines autoritären Präsidenten. Namen wie Peter Thiel, Mark Zuckerberg, Alex Karp und Marc Andreessen stehen dabei nicht nur für wirtschaftliche Macht, sondern für eine neue Ideologie: den Glauben, dass Demokratie ineffizient, störend und letztlich überholt sei.

Brühls zentrale These ist ebenso einfach wie beunruhigend: Die Tech-Eliten verstehen sich selbst als Avantgarde. Sie glauben, dank Kapital, Technologie und Zukunftsvisionen besser zu wissen, wie Gesellschaft organisiert werden sollte. Demokratie mit ihren langsamen Verfahren, Kompromissen und Mehrheiten gilt in diesem Denken als Bremsklotz. „Disruption“ – ursprünglich ein betriebswirtschaftlicher Begriff – wird zur politischen Kampfansage: Bestehende Institutionen sollen nicht reformiert, sondern überwunden werden.

Besonders überzeugend ist, wie Brühl die ideologischen Wurzeln dieser Haltung freilegt. Er zeigt, dass es nicht nur um Macht oder Geld geht, sondern um ein Weltbild, das stark von Science-Fiction, Libertarismus und techno-utopischen Fantasien geprägt ist. In diesen Erzählungen erscheinen Staaten als ineffiziente Altlasten, Bürger als Datenpunkte und politische Prozesse als Softwareprobleme, die sich „lösen“ lassen. Demokratie wird dabei nicht als Wert, sondern als Hindernis betrachtet.

Das Buch zeichnet detailliert nach, wie aus wirtschaftlicher Macht politische Macht wurde. Brühl beschreibt Netzwerke, Denkfabriken, Wahlkampffinanzierung, Plattformkontrolle und den gezielten Einsatz von Technologien zur Meinungsbeeinflussung. Er zeigt, wie soziale Netzwerke politische Öffentlichkeit umformen, wie Datenanalyse Wahlentscheidungen lenkt und wie Überwachungstechnologien – oft unter dem Vorwand von Sicherheit – demokratische Kontrollmechanismen aushebeln. Besonders eindrücklich ist dabei die Rolle von Unternehmen wie Palantir, die staatliche Aufgaben mit privatwirtschaftlicher Logik verschmelzen.

Dabei verfällt Brühl nicht in Verschwörungstheorien. Sein Buch ist nüchtern recherchiert, journalistisch präzise und analytisch klar. Gerade diese Sachlichkeit macht „Disruption“ so beängstigend: Die beschriebenen Entwicklungen sind keine düsteren Zukunftsszenarien, sondern bereits Realität. Der Autor zeigt, wie offen und selbstbewusst Teile der Tech-Elite inzwischen gegen demokratische Prinzipien argumentieren – und wie wenig Widerstand ihnen bislang entgegenschlägt.

Stilistisch verbindet Brühl Reportage, Analyse und politische Theorie. Er erklärt komplexe digitale Zusammenhänge verständlich, ohne sie zu vereinfachen. Gleichzeitig gelingt es ihm, die großen Linien sichtbar zu machen: den Übergang von einer liberalen, marktwirtschaftlich geprägten Tech-Kultur hin zu einer autoritären, oligarchischen Machtstruktur. Besonders stark ist das Buch dort, wo es die Selbstbilder der Tech-Milliardäre mit ihren realen politischen Folgen konfrontiert.

Ein entscheidender Mehrwert von „Disruption“ liegt darin, dass Brühl nicht bei der Diagnose stehen bleibt. Im letzten Teil richtet er den Blick nach Europa und fragt, wie demokratische Gesellschaften resilienter werden können. Er diskutiert Regulierung, digitale Souveränität, Medienkompetenz und die Rolle unabhängiger Institutionen. Dabei wird deutlich: Europa steht vor der Wahl, entweder Zuschauer einer globalen Machtverschiebung zu bleiben – oder aktiv demokratische Gegenmodelle zu entwickeln.

Brühl schreibt dabei weder apokalyptisch noch hoffnungslos. Sein Ton ist warnend, aber nicht resigniert. Demokratie, so seine implizite Botschaft, ist kein Naturzustand, sondern eine dauerhafte Aufgabe. Gerade im digitalen Zeitalter müsse sie neu verteidigt, angepasst und gestärkt werden – gegen Akteure, die Innovation predigen, aber Machtkonzentration betreiben. Dieses Buch ist keine leichte Lektüre – aber eine notwendige. Gerade weil es nicht polemisch ist, sondern argumentativ stark, bleibt es lange im Kopf. „Disruption“ zeigt, wie zerbrechlich Demokratie geworden ist – und warum es höchste Zeit ist, sie nicht den selbsternannten Architekten der Zukunft zu überlassen.

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