Die Kritiker

«Tannbach»: Little Berlin nach dem Krieg

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Knapp zwei Jahre nach dem Epos «Unsere Mütter, unsere Väter» wagt sich das ZDF wieder an einen deutschen (Nach-)Kriegsstoff. «Tannbach» erzählt die Geschichte eines Dorfes und seiner Bewohner, die sich für den Westen oder Osten entscheiden müssen. Ob sich das Einschalten lohnt...

Hinter den Kulissen

  • Buch: Josephin und Robert von Thayenthal (bearbeitet von Gabriela Sperl, Gabriela Zerhau und Martin Prist)
  • Regie: Alexander Dierbach
  • Kamera: Clemens Messow
  • Produzenten: Gabriela Sperl, Quirin Berg, Max Wiedemann
  • Produktionsfirma: Wiedemann & Berg
  • Darsteller: Henriette Confurius, Jonas Nay, Nadja Uhl, Heiner Lauterbach, Martina Gedeck, Ludwig Trepte, Alexander Held, Ronald Zehrfeld u.a.
„Keiner konnte ahnen, was daraus wird.“ Es ist so ein Satz, der im jungen Nachkriegsdeutschland wohl oft gefallen ist. Georg von Striesow spricht ihn aus, ein ehemaliger Offizier des deutschen Reichs und Vater einer Tochter, die nicht verstehen kann, zu welchen Gräueltaten ihr Volk imstande war. Und ihr Vater. Die Striesows sind Großgrundbesitzer, ihr Schicksal ist eines von vielen, das im neuen ZDF-Dreiteiler «Tannbach – Schicksal eines Dorfes» erzählt wird.

Tannbach, das ist der Name eines kleinen Flusses an der bayerisch-thüringischen Grenze, er fließt mitten durch das Dörfchen Mödlareuth. Der Film ist die große Geschichte Deutschlands im Kleinen, er will alle Dramen der 1940er Jahre in diesem Örtchen am Tannbach erzählen: das Ende des Krieges und seine Folgen, die innerdeutschen Konflikte, die Teilung des Landes. Die Lebenswege der Bewohner stehen exemplarisch für viele deutsche Schicksale, die sich in den Jahren nach dem Krieg neu entscheiden.

Die Geschichte beginnt kurz vor der offiziellen Kapitulation Deutschlands, es ist April 1945. Gräfin von Striesow versteckt Flüchtlinge auf ihrem Gutshof; es machen Flugzettel die Runde, dass die Amerikaner in der Nähe sind und die Befreiung vorantreiben. Doch kurz vor der Rettung marschiert die SS auf dem Hof ein und will ein Exempel statuieren – die Deserteure sollen sterben, und Tochter Anna muss mit ansehen, wie ihre Mutter, die Gräfin, exekutiert wird. Die Amerikaner kommen kurz darauf, aber zu spät für die Gutsfamilie. Vater von Striesow, ebenfalls flüchtig, überlebt im Versteck und muss sich dem Neuanfang stellen. Wie alle Bewohner des Dorfes am Tannbach.

Neben den Striewows beleuchtet der ZDF-Film hauptsächlich zwei weitere Familiengeschichten, die das Schicksal des jungen Deutschland abbilden. Dafür wurde gerade Tannbach als Ort der Handlung gewählt, weil das Dorf genau an der bayerisch-thüringischen Grenze verläuft. Als Amerikaner und Russen aufeinandertreffen, steht vieles auf dem Spiel. Und da keine Grenzeinigung zustande kommt, verläuft bald die innerdeutsche Grenze mitten durch das Dorf – die US-Soldaten taufen es „Little Berlin“.

Bis zu diesem Punkt hält «Tannbach» sich an die Fakten, denn das heutige Dorf Mödlareuth ereilte dieses Schicakal wirklich in den Nachwehen des Krieges. Darüber hinaus ist die Geschichte der Bewohner und ihrer Lebenswege komplett fiktional. Und daran muss sich der Stoff messen lassen: Dramaturgisch entfaltet das Drehbuchteam um Josephin und Robert von Thayenthal einen durchaus komplexen Minikosmos, dem es zu großen Teilen allerdings an Spannungsbögen fehlt. Die Geschichten wirken vorhersehbar, an manchen Stellen hat man das Gefühl, all das schon einmal gesehen zu haben. An die erzählerische Klasse der teamWorx-Produktion «Unsere Mütter, unsere Väter» kommt man nicht heran; dort waren die Figuren und ihre gelebte Geschichte interessanter, relevanter, mitreißender. Allerdings hatte jener Film auch deutlich mehr narrative Freiheiten und durch die atmosphärisch intensiven Kriegsszenen auch mehr Spielraum in Sachen Spannung. «Tannbach» will das leere Nachkriegsdeutschland thematisieren, und das ganz bewusst an nur einem Ort. Und auch wenn der neue ZDF-Film so etwas langatmiger, ruhiger daherkommt, so überwiegt davon abgesehen ein positiver Eindruck.

Gekonnt schafft man es vor allem, die zwei relevantesten Handlungsfäden miteinander zu verbinden: Anna von Striesow verliebt sich bald in Friedrich Erler, Sohn einer Schneiderin und Bruder eines adoptierten Juden. Das junge Paar steht für die Hoffnung des Aufbruchs, dafür, dass die eigenen Träume und Ideale nun an der Reihe sind: Es verwundert wenig, dass sich das Paar für ein Leben im Sozialismus entscheidet, entgegen aller Wünsche des Vaters von Striesow, dem ehemaligen Gutsbesitzer. Friedrich glaubt an eine neue Welt(ordnung) der Gleichheit, mit gleichen Chancen und Rechten für alle. An dieser Stelle wird der Film relevant, und hier schafft er Neues im deutschen Fernsehen: authentisch und unprätentiös zu zeigen, in welcher Lage sich damalige Grenzbürger standen, die sich entscheiden mussten – für den Kapitalismus und die USA oder für den Sozialismus und die Sowjets. Dialogisch entfaltet «Tannbach» hier seine ganze Stärke – in den Diskussionen um ideale Weltbilder, um Träume und Pragmatismus, um Neuanfang oder Sicherheit. Bemerkenswert: Wie schon «Unsere Mütter, unsere Väter» erhebt dieser Film keinen didaktischen Hoheitsanspruch und versucht die Seite derjenigen zu verstehen, die sich damals bewusst für den Kommunismus entschieden haben – ohne darüber negativ zu urteilen.

Etwas beliebig wirkt dagegen die Nebenhandlung um ein Mädchen, das nach einer Affäre mit einem französischen Soldaten schwanger wird und den Skandal nun im Dorf geheimhalten muss. Schnell lässt sie sich auf eine Hochzeit mit einem Bauer ein, ohne ihn zu lieben, und ihr Nazi-Vater erfährt von dem unehelichen Kind und macht dem jungen Paar das Leben zur Hölle. Diese Geschichte hat wenig Relevanz für das, was «Tannbach» sonst erzählen will; sie könnte bis zu einem gewissen Grade auch in einer ganz anderen Zeit spielen. Genau an solchen Stellen verliert sich der Film in Längen.

Inszenatorisch passt man sich der ruhigen Story an und verzichtet auf dynamische Bilder, setzt eher auf viele ruhige Szenen ohne größere Schnitte, teils Standbilder. Somit verfestigt sich der etwas sterilere Eindruck gegenüber dem Montage-Meisterwerk «Unsere Mütter, unsere Väter». Zu loben sind die durchweg positiven schauspielerischen Leistungen, allen voran der Jungdarsteller Henriette Confurius und Jonas Nay als Ehepaar, das den Neuanfang wagt. Heiner Lauterbach spielt den gezeichneten Gutsbesitzer Georg von Striesow gekonnt authentisch. Leider trüben den positiven Gesamteindruck manche unpassenden oder nachsynchronisierten Szenen, die den Zuschauer aus der ansonsten gelungenen Atmosphäre reißen.

Insgesamt ist dem ZDF mit «Tannbach» ein nicht ganz so großer Wurf gelungen, der an einigen Stellen langatmig wirkt und manchmal seine eigentliche Erzählung aus den Augen verliert. Die von den hervorragenden Schauspielern getragene Haupthandlung schafft es dagegen, uns Zuschauern eines vor Augen zu führen wie sonst kaum ein Fernsehstück: Wie es für viele Grenzbürger damals war, sich für eine Seite des geteilten Deutschland – und damit für einen von zwei völlig unterschiedlichen Lebenswegen – entscheiden zu müssen. Dafür ist es «Tannbach» wert, eingeschaltet zu werden.

«Tannbach – Schicksal eines Dorfes» ist ab dem 04. Januar um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen.

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