Hingeschaut

«Fest & Flauschig» und die dringende Hoffnung, dass alles anders wird

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Unser Redakteur ist treuer «Fest & Flauschig»-Hörer – aber er weiß nicht, wie lange noch. Denn der Podcast mit Olli Schulz und Jan Böhmermann hat stark abgebaut.

Es fällt nicht leicht, einen Verriss über einen langlebigen Podcast zu schreiben. Nimmt man nämlich Podcasts, die eigentlich fiktionale Hörspiele sind, sowie intensiv recherchierte, journalistische Podcasts raus (also zwei quantitativ unterlegene Genres), stellen selbst die professionellsten Podcasts schlicht etwas Unmittelbares dar. Insbesondere allgegenwärtige "Laberpodcasts": Die Gastgeber sitzen am Mikro und quatschen. Diese Medienform ist unvermeidlich intensiv von der Tagesform der Verantwortlichen abhängig.

Wenn eine langlebige Fernsehserie brutal abstürzt, lässt sich sagen: Die Storys sind unglaubwürdig geworden. Oder die Dialoge platt. Oder, oder. Es lassen sich konkrete, konstruktive Argumente finden – es besteht kein Grund, persönlich zu werden. Sollten Serienschaffende etwa den Kern ihrer Figuren aus den Augen verlieren, lässt sich fordern, sie sollten sich zurückbesinnen. Wenn jedoch ein Laberpodcast schlecht wird, was will man da bemängeln? "Das Gelaber früher war interessanter"? "Labert wieder besser"? "Seid nicht ätzend, sondern mehr so wie früher"? Das klingt unweigerlich wie pampiges Gejammer.

Doch ganz gleich, wie kleinkariert solche Kritik wirken mag: Manchmal muss sie sein. Selbst, ach, insbesondere bei «Fest & Flauschig». Denn seit Mitte März ist der Laberpodcast von Olli Schulz und Jan Böhmermann von einem Highlight zu einer lästigen, selbstauferlegten Pflicht verkommen. Jedenfalls für denjenigen, der diese Zeilen hier verbricht.

Es hat den Anschein, als sei das Social Distancing den Gastgebern nicht bekommen. Lobten wir hier bei Quotenmeter.de anfangs noch die Corona-Sonderausgaben von «Fest & Flauschig» für ihre Mischung aus unverbindlichem Plausch und eingestreuten, fundierten Informationen, mutierte der Podcast mit der Zeit zu einem Tummelplatz des genervt in den Äther geätzten Halbwissens.

Und repetitiv ist es geworden: Böhmermann raunzt, wie sehr ihm "die kleinen Menschen in seinem Leben" (oder, seit er den Gag aufgegeben hat: seine Kinder) auf den Senkel gehen. Böhmermann erzählt Schulz stolz, dass er nun übt, chinesisches Essen im Wok zuzubereiten (okay) und gibt andauernd sich kaum verändernde, unwitzige Updates über seine Suche nach der perfekten Rindfleisch-Textur (bis es einfach nervt). Böhmermanns Salzgemüse-Rezept kann ich schon längst im Halbschlaf mitsprechen. Böhmermann mosert über Dinge, denen er nur halbe Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Schulz fällt Böhmermann ständig ins Wort. Verhaut Promi-Namen öfter denn je, so dass die einst sympathische Verpeiltheit gewaltig frustriert: "Wie kann man so neben der Spur sein?!“ Schulz' "erotisches Hörspiel" in der Corona-Phase war ein massiv überdehnter, mieser Gag, der schnodderig verteidigt wurde. Schulz kritisiert immer häufiger Böhmermanns Themenauswahl. Teilweise berechtigt. Aber nach quälenden Wochen stellt sich gereizt die Frage: Könnt ihr euch für eure Spotify-Gage nicht endlich in einem Vorabgespräch darüber austauschen, wo die Reise hingehen soll, statt euch ergebnislos auf Sendung anzustänkern?!

Und dann dieser Tonfall: Wenn sich Schulz und Böhmermann früher in den Haaren gelegen haben, wirkte es entweder ehrlich-freundschaftlich oder gewitzt-überspitzt. Mittlerweile klingt es nur noch gallig, garstig und genervt. Passenderweise ist die Selbstironie entschwunden: Einst ulkten die Beiden über die Stellung von «Fest & Flauschig» in der Podcastszene, nun rümpfen sie über niedere Podcasts die Nase.

Der Spaß ist raus. Als Schulz mehrere Wochen vor der Sommerpause anmerkte, dass er die gehäufte «Fest & Flauschig»-Taktung bereut und findet, dass die Zwei "viel Scheiße" verzapft hätten, die man unbekümmert löschen dürfte, war dies ein rarer Moment der Selbsterkenntnis. Gebessert hat sich der Podcast seither trotzdem nicht.

Immerhin: Nun haben Schulz und Böhmermann Zeit, emotional auf Reset zu drücken. Zeit, Themen zu sammeln, über die sie engagiert miteinander reden könnten. Böhmermann wird die Gelegenheit erhalten, über seine neue Fernsehsendung zu sprechen. Damit bleibt ihm hoffentlich kein Anlass mehr, sich aus den immer gleichen Gründen, nur immer angesäuerter, darüber zu beklagen, wie schlimm er es in den eigenen vier Wänden findet.

Das täte auch Schulz gut. Denn er ist als Hälfte eines Moderationsgespanns stets wesentlich erfrischender, wenn die Stimmung um ihn herum generell positiv ausfällt. Daher funktionierte «Schulz & Böhmermann», anders als «Roche & Böhmermann», auch nur dann, wenn die Atmosphäre in der Gesprächsrunde friedlich bis feucht-fröhlich-frivol war.

Nach der Sommerpause könnte es somit sein, dass «Fest & Flauschig» wieder kumeplhaft-laberig statt dünnhäutig-nölend ausfällt. Und wenn nicht? Tja, dann wird «Fest & Flauschig» diesen Stammhörer hier verlieren. Schulz, Böhmermann, Spotify und die Werbekunden werden es sicher verkraften. Oder gar darüber lachen. Vor der Sommerpause wurden ja bereits patzige Seitenhiebe auf negatives Feedback verteilt – woher soll ich also wissen, ob das nicht so weitergeht oder sich gar intensiviert?

Dann aber wäre es «Fest & Flauschig» glatt zu wünschen, dass es vielen Leuten so geht wie mir. Denn es besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen "Ich lasse die Meinung, dass mein Projekt abbaut, gar nicht zu" und der gelassen-gottschalkesken Antwort auf Kritik: "Schreibt ruhig, dass es euch nicht gefällt – ich kann es aber einfach nicht besser."

Denn letztere Reaktion wird mit einem Lächeln gesprochen. Bei ersterer dagegen wird der Kopf in den Sand gesteckt und orientierungslos nachgetreten, in der Hoffnung, irgendwie den Richtigen zu treffen. Wer sich dieses Bild nun vorm geistigen Auge ausmalt, wird einen Strauß sehen, der sich so albern verrenkt, dass er schlussendlich eine Bauchlandung hinlegt. Und das als Vogel, der nicht fliegen kann. Wie traurig.

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