Die Kritiker

«Mörderisches Tal - Pregau»

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«Mörderisches Tal - Pregau» möchte düstere Kleinstadt- und Noir-Krimis sein, schafft es auf vielen Ebenen sogar, stolpert aber auch über diverse Klischee-Steine.

Cast & Crew «Mörderisches Tal - Pregau»

  • Regie: Nils Willbrandt
  • Darsteller: Maximilian Brückner, Ursula Strauss, Robert Palfrader, Armin Rohde, Marc Hosemann, Patricia Aulitzky, Wolfgang Böck
  • Drehbuch: Nils Willbrandt
  • Kamera: Peter Nix
  • Musik: Stefan Will , Marco Dreckkötter
Von der ARD wird «Mörderisches Tal - Pregau» als mutiges Highlight angekündigt, das denselben Sendeplatz einnimmt wie internationale Erfolge wie «Sherlock» und «Wallander». Ob sich das auszahlen wird, bleibt abzuwarten, denn die ersten beiden Episoden werden zu Heiligabend und am 1. Weihnachtstag ausgestrahlt. Es ist fraglich, ob nach dem Weihnachtsessen, dem Geschenke auspacken oder wie auch immer die traditionelle Abfolge von Weihnachten der einzelnen Zuschauer aussehen mag, gleich ein österreichischer Inzest-Krimi auf der To-Do-Liste steht. Aber die gute Mediathek steht ja auch noch zur Verfügung, um die ersten beiden Episoden des vierteiligen Dramas mit übergeordneter Story-Arc nachzuholen. Es lohnt sich durchaus!

Hannes, der sich in den reichen Familienclan von Johann Hartmann (Wolfgang Böck) und dessen Bruder Elias (Karl Fischer) eingeheiratet hat, ist Polizist in dem beschaulichen österreichischen Örtchen Pregau. Seine Ehefrau Maria (Ursula Strauss) möchte wieder Teil, wenn nicht sogar Oberhaupt eben dieses Clans werden, nachdem sie sich jahrelang liebevoll um die eigene hochsensible Tochter gekümmert hat. Nicht unwichtig in diesem Fall ist, dass Hannes und Maria schon lange keinen Sex mehr hatten. Von seinem Schwiegervater wird Hannes bestenfalls geduldet, aber sicherlich nicht respektiert oder ernst genommen. Die Implikationen sind deutlich: Hannes fühlt sich entmannt.

Da sind die zweifelhaften Reize seiner noch jungen Nichte Rosa (Zoë Straub) zwar nicht unbedingt willkommen, aber wehren kann sich Hannes dagegen auch nicht so recht. Bei einer Polizeikontrolle erwischt er die Minderjährige angetrunken mit ihrem Freund am Steuer eines Sportwagens. Um einer Strafe zu entgehen, verführt sie den verdutzten und überrumpelten Polizisten. Der lässt die beiden nach dem kleinen Stelldichein weiter fahren (das macht die ganze Sache zwar nicht unbedingt besser, aber immerhin sind Polizist und Nichte nicht blutsverwandt). Einen Tag später muss er jedoch feststellen, dass Rosa genau in dieser Nacht, genau wegen seinem Fehltritt bei einem Autounfall gestorben ist. Ihr Freund, der den Fehltritt Hannes' beobachten konnte, liegt jedoch im Koma. Ein tragischer Unfall, der Hannes nicht nur in Gewissenskonflikte stürzt. Denn dieser tut nun alles, um seine Verantwortung für das Geschehene zu vertuschen. Der Fall löst Kettenreaktionen aus, die all die Affären, die Korruption, die Scheinheiligkeit und andere dunkle Machenschaften aufzudecken scheinen, die hinter der Fassade der Kleinstadt stecken.

Die Dynamik im Organismus Kleinstadt, Dorf oder Tal nach einem tragischen Ereignis ist im Grunde nicht neu, wird hier allerdings reizvoll inszeniert. Ein Jahr hat die Produktion des Vierteilers gedauert. Die Sorgfalt, mit der Regisseur Nils Willbrandt die zahlreichen Figuren aufeinander loslässt und die Puzzleteile ins Spiel bringt, merkt man «Mörderisches Tal - Pregau» jedoch deutlich an. Dennoch kann gerade die schiere Unüberschaubarkeit der Charaktere, deren Motive und ihre Relationen zueinander für den Zuschauer zumindest zu Beginn noch verwirrend sein. Da ist auch der ungelenke und etwas alberne Off-Kommentar bzw. Voice-Over des Polizisten Hannes zu Beginn einer jeder Episode wenig hilfreich. Dieser möchte dem Zuschauer über sich selbst erzählen und beschreibt die wichtigsten Mitspieler. Ein fehlgeleiteter Drehbuch- und Regie-Griff, weil das Publikum letztendlich sowieso langsam in diese erzählerische Welt eingeführt werden muss. Vor allem zu Beginn hilft es wenig, wenn man mit Informationen über Menschen und Sachverhalte zugeschüttet wird, zu denen man noch keine Verbindung aufgebaut hat.

Danach kann das vierteilige Krimi-Drama jedoch mit einer stimmungsvollen Erzählung aufwarten, dessen Plot sich langsam und dunkel entfaltet und dabei nicht vor sexuell-düsteren Wegen zurückscheut. Maximilian Brückner überzeugt als überforderter Polizist, der immer verzweifelter versucht, die Wahrheit zu vertuschen und sich dabei immer weiter in Widersprüche, Lügen und Panik verstrickt. Als Dreh- und Angelpunkt der Filme kann er die Handlung überzeugend stemmen. eine dichte Atmosphäre schafft der Film mit einfachen Mitteln: Verregnete Straßen, lange und handwerklich gekonnte Kamerafahrten und -Einstellungen, ein wohlklingender Soundtrack. Gerade im Plot und Charakterisierungen lauern allerdings oftmals auch die Klischees. Eine Kleinstadt, die sich korrupt, ja gerade zu inzestuös, seinen dunklen Gelüsten hingibt, ist nicht gerade neu und wird von Drehbuchautor und Regisseur Nils Willbrandt gelegentlich überreizt. Osteuropäische Gangster und Puffbetreiber, korrupte Politiker und Geschäftsmänner und mittendrin ein überforderter Ermittler - die Mechanismen kennt der Noir-Genre-erfahrene Zuschauer schon, viel Neues kommt leider nicht dazu.

Fazit: «Mörderisches Tal - Pregau» ist ein sehr solide inszeniertes, mit viel düsterer Atmosphäre ausgestattetes und gut gespieltes Noir-Drama, das sich allerdings immer wieder in altbekannten Klischees verheddert.

[[Mörderisches Tal - Pregau] ist am 25., 26., 27. und 28. Dezember jeweils 21.45 Uhr im Ersten zu sehen.

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