Die Kritiker

«Tatort - Borowski und das verlorene Mädchen»

von

Ein spannender, packender Stoff, der aber als Drama wesentlich besser gefallen hätte als im Korsett eines Krimis: zumal mit der glänzenden Episodendarstellerin Mala Emde.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Axel Milberg als Klaus Borowski
Sibel Kekilli als Sarah Brandt
Mala Emde als Julia Heidhäuser
Sithembile Menck als Amina Jaschar
Ferhat Keskin als Imam Abu Abdullah
Dogan Padar als Hasim Mahdi
Jürgen Prochnow als Kesting

Hinter der Kamera:
Produktion: Nordfilm Kiel
Drehbuch: Charlotte I. Pehlivani
Regie: Raymond Ley
Kamera: Philipp Kirsamer
Produzent: Johannes Pollmann
Ihr Bruder bindet die siebzehnjährige Schülerin Julia Heidhäuser (Mala Emde) an einem Heizungsrohr fest. Sie kann sich losreißen und eilt zum Kommissariat, um Anzeige gegen ihn zu erstatten: Sie glaubt, dass er sie festsetzen wollte, um ihre Mitschülerin Maria zu ermorden.

Tatsächlich wird am nächsten Morgen Marias Leiche gefunden. Doch die Beweislage gegen Julias Bruder ist recht dünn; die familiären Strukturen der Heidhäusers sind derweil allerhand Reibungen unterworfen und von bösem Blut gekennzeichnet. Ihre alleinerziehende Mutter hat Angst, dass Julia ihr entgleitet: Das Mädchen ist zum Islam übergetreten, verkehrt in einer Moschee, die für ihre radikalen Prediger und ihre Beziehungen zu terroristischen Organisationen bekannt ist. Julias Radikalisierung scheint indes schon eingesetzt zu haben und setzt sich über den Rest des Films fort: Bald verlässt sie das Haus nur noch im Hidschab und pflegt einen engen Kontakt zu einem IS-Kämpfer im Levante.

Währenddessen kommt der Staatsschutz Borowski und Sarah Brandt in die Quere. Dort hat man Julia und ihre Moschee schon lange im Visier, hört systematisch Gespräche ab und beobachtet jeden, der dort ein- und ausgeht. Sollte Julia, wie langsam immer klarer wird, nach Syrien in den Krieg ausreisen, um dort einen IS-Kämpfer zu ehelichen, könnte dies für die Behörde der langersehnte Durchbruch werden und die Identität des Kontaktmannes des Imams enthüllen, der die Übergänge ins Kriegsgebiet organisiert. Skrupellos, finden Borowski und Brandt, und nehmen die Sache selbst in die Hand.

Das Thema dieses Krimis ist aus den Schlagzeilen gerissen, brandaktuell und hoch interessant: eine junge Frau, die sich, nachdem sie anderswo Ablehnung erfahren haben will, dem radikalen Islam zuwendet, in ihm eine nie gekannte Erfüllung findet und bereit ist, für diesen neuen Lebenssinn Grässliches zu tun. Doch anstatt eines einnehmenden Psychogramms, das mit einer Schauspielerin wie Mala Emde zweifellos hätte gelingen können, muss der Stoff hier aus Sendeplatzgründen freilich in das Korsett eines Krimis gepresst werden. Das beschneidet die ihm zur Verfügung stehende Screen Time erheblich: Schließlich müssen Alibis überprüft, falsche Fährten gelegt, potentielle Täter eingeführt und „Was haben wir bis jetzt“ gefragt werden.

So bleibt leider vieles im Allgemeinen – und gerade Julias Motivation für den Bruch mit ihrem alten Leben und den Einstieg in eine menschenverachtende Welt bleibt diffus, ungenau, schemenhaft. Zu sehr versteift sich „Borowski und das verlorene Mädchen“, wie der etwas unangenehm rührselig-plakative Titel bereits erahnen lässt, auf die Narrative einer aus dem Tritt geratenen jungen Frau, die falschen Einflüssen unterliegt, zu einer Lebenssinn stiftenden, aber grauseligen Ideologie findet, und bereit ist, alles dafür zu opfern. Das ist einfach zu verstehen, aber viel zu kurz gedacht, und wird dem Thema nicht gerecht. Ein Film, der es besser macht: „Le ciel attendra“, Regisseurin: Marie-Castille Mention-Schaar, Frankreich 2016.

Das Erste zeigt «Tatort – Borowski und das verlorene Mädchen» am Sonntag, den 6. November um 20.15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/89170
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