Serientäter

«Half Men»: Im Schatten von «Baby Reindeer»

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Richard Gadd erzählt in «Half Men» erneut von traumatisierten Menschen, zerstörerischen Beziehungen und verdrängten Gefühlen. Das Ergebnis ist sehenswert und hervorragend gespielt, offenbart aber auch die Grenzen eines Autors, der diesmal zu wenig kürzt.

Vor knapp zwei Jahren überraschte Netflix mit der Serie «Baby Reindeer», die schließlich sechs Primetime Emmy Awards gewinnen konnte. Autor und Schauspieler Richard Gadd wurde nicht nur als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet, sondern erhielt auch den Preis für das beste Drehbuch. Die siebenteilige Serie wurde zudem als beste Miniserie geehrt, eine Auszeichnung, die sie auch bei den Golden Globes gewann. Die Produktionsfirma Clerkenwell Films, seit 2021 Teil der BBC Studios, erhielt jedoch nicht den Zuschlag für Gadds neue Serie.

Man Tor Productions und Thisledown Pictures verkauften das neue Projekt stattdessen an die BBC. Später stieg HBO als internationaler Partner ein. Die Produktion nahm Fahrt auf, und bereits im Winter 2026 machten BBC und HBO zahlreiche Ankündigungen zu «Half Men», für die Richard Gadd erneut sämtliche Drehbücher allein schrieb. Als Regisseure holte sich das Talent Alexandra Brodski und Eshref Reybrouck ins Boot. Ende April starteten die Fernsehsender mitsamt ihren Streamingdiensten die Ausstrahlung, das Finale folgte nach sechs Wochen Ende Mai beziehungsweise Anfang Juni.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die beiden Jungen Ruben (Stuart Campbell) und Niall (Mitchell Robertson), deren Eltern eine Beziehung führten. Die beiden sind nicht blutsverwandt, fühlen sich durch ihre zahlreichen gemeinsamen Abenteuer jedoch wie Brüder. Auf der Hochzeit des erwachsenen Niall (Jamie Bell) treffen sich die beiden Problemfälle wieder, nachdem Ruben (Richard Gadd) einen Wutanfall bekommt. In Glasgow wurden sechs einstündige Episoden gedreht, die sich zeitweise allerdings etwas zu umfangreich anfühlen.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1986, als der 15-jährige Niall den gewalttätigen 17-jährigen Ruben als Zimmergenossen bekommt. Ruben war zuvor in einer Jugendstrafanstalt, weil er einem Mann die Nase abgebissen hatte. Niall hat Angst vor seinem gewalttätigen „Bruder“, doch die beiden freunden sich mehr oder minder an. Das führt sogar dazu, dass Ruben die Schulrowdys verprügelt, die Niall das Leben schwer machen. Als Dank sorgt Niall dafür, dass Ruben einen wichtigen Test besteht. Später hilft Ruben seinem Zimmernachbarn dabei, seine Jungfräulichkeit an Mona zu verlieren. Die Sexualität der beiden wird im Verlauf der weiteren fünf Episoden eine große Rolle spielen.

Bereits in der zweiten Episode werden wichtige Bausteine gelegt: Der 18-jährige Niall beginnt sein Studium und soll auf Wunsch seiner Mutter Lori Kennedy (Neve McIntosh) ohne Ruben weiterleben. Zunächst kann er sich nicht integrieren, freundet sich dann aber mit einem französischen Austauschstudenten und Joanna an. Blöd nur, dass Niall die von Joanna ausgehende Liebe nicht erwidern kann – denn er ist bisexuell. Schließlich freundet er sich mit einem homosexuellen Studenten namens Alby an. Ruben taucht jedoch in der Studenten-WG auf und schlägt Alby nach einem Flaschendrehen krankenhausreif.

Die Gewaltprobleme von Ruben offenbaren sich als Folge seiner schwierigen Kindheit. Bereits in jungen Jahren wurde er von seinem Vater geschlagen und offenbar auch sexuell missbraucht. Die Serie deutet diese Szenen an, spricht sie jedoch nie wirklich offen aus. Das mag auch daran liegen, dass die Serie nicht nur im Streamingbereich lief, sondern ebenfalls bei BBC One. Dort sind die Grenzen etwas enger gesteckt als beim amerikanischen Pay-TV-Sender HBO.

Es gibt noch weitere Momente in der Serie, in denen Ruben durch unterschiedliche Auslöser immer wieder zu Ausrastern neigt. Sowohl der junge Ruben, dargestellt von Stuart Campbell, als auch die ältere Version, gespielt von Richard Gadd, bringen diesen Zorn eindrucksvoll auf den Bildschirm. Man nimmt ihnen den Schmerz und die Aggression jederzeit ab. Auch die psychisch angeschlagenen Versionen von Niall Kennedy, verkörpert von Mitchell Robertson und Jamie Bell, leisten wirklich starke schauspielerische Arbeit. Ein besonderes Lob verdient zudem das Make-up-Team, schließlich nimmt man den vier Darstellern das Älterwerden zwischen 1986 und 2020 problemlos ab.

Richard Gadd bleibt ein großartiger Schauspieler und Geschichtenerzähler, aber diesmal fehlt ein Autorenraum. Die sechs Episoden mit einer Gesamtspielzeit von über sechs Stunden hätten durchaus auf drei oder vier Stunden verdichtet werden können. Allerdings wäre dann wohl ein Teil des intensiven Kammerspiels zwischen Ruben und Niall verloren gegangen. Gleichzeitig ähneln sich viele Szenen über die verschiedenen Zeitebenen hinweg. Streit und Versöhnung verlaufen in nahezu allen Zeitlinien nach einem ähnlichen Muster, weshalb die großen Überraschungen am Ende ausbleiben.



Spannend ist die Figurenkonstellation. Während Ruben zwar ein gewalttätiger Dreckskerl ist, erkennt Nialls Mutter schon früh, dass sie es mit einem problematischen Psychopathen zu tun hat. Jemandem, der seine Probleme lieber unter Drogen, Sex und Selbsttäuschung begräbt. Ein totaler Egomane, der am Ende zwar eine Hochzeit in den schottischen Highlands bekommt, dessen Leben jedoch weiterhin von massiven Problemen geprägt ist. Manche Fehler der Serie störten allerdings wirklich. So kommt der bereits als Jugendlicher verurteilte Ruben bei einer späteren Körperverletzung ohne Untersuchungshaft davon. Das ist offensichtlich so konstruiert, damit eine Schlüsselszene der Serie besser funktioniert.

Richard Gadd beweist mit «Half Men» erneut sein Talent als Autor und Schauspieler. Allerdings zeigt die Serie auch die Grenzen eines Kreativen auf, der diesmal ohne erkennbares Korrektiv gearbeitet hat. Die Geschichte bietet starke Figuren, hervorragende Darsteller und zahlreiche intensive Momente, verliert sich jedoch zu oft in Wiederholungen und überdehnt ihre zentrale Konfliktkonstellation. So bleibt am Ende ein gutes, stellenweise sogar sehr gutes Drama zurück – aber kein Serienereignis, wie es «Baby Reindeer» noch war.

«Half Men» ist seit 28. Mai bei HBO Max zu sehen.

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