First Look

«Imperfect Women»: eine gänzlich unperfekte Serie

von

Kerry Washington, Elizabeth Moss und Kate Mara sind drei Powerfrauen der amerikanischen Serie, können das neue Format von AppleTV+ aber doch nicht retten.

Es gehört mittlerweile fast zum ästhetischen Grundrauschen des Prestigefernsehens, dass Serien ihre eigene Bedeutung behaupten, bevor sie sie tatsächlich einlösen. Gerade im Umfeld von Plattformen wie Apple TV+ ist diese Selbstbehauptung zu einer Art Markenkern geworden: Hochglanz, große Namen, große Themen – und die stille Hoffnung, dass sich daraus schon irgendwie Relevanz ergibt. «Imperfect Women» ist ein geradezu exemplarischer Fall dieser Entwicklung.

Auf dem Papier wirkt alles wie eine kalkulierte Erfolgsgleichung: eine literarische Vorlage, adaptiert von Annie Weisman, ein Ensemble um Elisabeth Moss, Kerry Washington und Kate Mara, dazu ein psychologischer Kriminalfall, der Freundschaft, Schuld und Verrat miteinander verschränkt. Drei Frauen, eine jahrzehntelange Beziehung, ein Mord – das ist nicht nur ein Plot, sondern fast schon ein Versprechen. Doch wie so oft liegt das Problem nicht im Versprechen, sondern in seiner Einlösung.

Die Serie beginnt mit einer Leerstelle: dem Tod einer der drei Freundinnen. Von hier aus entfaltet sich ein Geflecht aus Perspektivwechseln und Andeutungen. Das klingt zunächst nach jener erzählerischen Komplexität, die das Format für sich beanspruchen will – tatsächlich aber wirkt dies eher wie ein strukturelles Ausweichmanöver. Denn die Perspektivwechsel erzeugen weniger Erkenntnis als vielmehr Stillstand. Man erfährt viel, aber versteht wenig besser.

Dabei ist das zentrale Thema – die Brüchigkeit langjähriger Beziehungen – durchaus tragfähig. Die Serie insistiert geradezu darauf, dass diese Freundschaft mehr sei als bloße Nähe, eher eine „Seelenverwandtschaft“. Doch gerade diese Behauptung bleibt auffällig unbewiesen. Statt gelebter Intimität sieht man vor allem Dialoge, die Intimität behaupten.

Das ist umso bedauerlicher, als die Darstellerinnen durchaus in der Lage wären, diese Leerstelle zu füllen. Besonders Elisabeth Moss gelingt es immer wieder, ihren Szenen eine gewisse Gravitation zu verleihen. Auch Kerry Washington bringt Momente von Verletzlichkeit ein, die über das Drehbuch hinausweisen. Doch letztlich bleiben diese Leistungen isoliert. Die Serie wirkt, als würde sie ihre Schauspielerinnen eher ausstellen als wirklich nutzen – ein Problem, das sich bekanntermaßen durch viele aktuelle Prestigeproduktionen zieht.

In ihrem dramaturgischen Grundkonzept erinnert «Imperfect Women» unverkennbar an Formate wie «Big Little Lies», ohne jedoch deren atmosphärische Dichte oder ironische Brechung zu erreichen. Stattdessen entsteht eine seltsam glatte Erzählhaltung, die zwischen Thriller und Melodram pendelt, ohne sich für eine Form zu entscheiden. Im Ergebnis steht, was manche Kritiker bisher als „glossy soap“ bezeichnet haben: eine Hochglanz-Seifenoper, die ihre eigene Oberflächlichkeit kaum reflektiert. Hinzu kommt eine gewisse Vorhersehbarkeit, die dem Genre nicht gut bekommt – denn trotz aller Verschachtelungen bleibt die Handlung erstaunlich konventionell.

Für eine vollendete Katastrophe ist «Imperfect Women» deutlich zu routiniert, zu kompetent produziert. Aber gerade diese Routine wird ihr zum Verhängnis. Die Serie nimmt sich wichtig, ohne wirklich etwas zu riskieren. Sie verspricht Tiefe, ohne sie einzulösen. Und sie vertraut mehr auf ihre dramaturgisch interessanten Grundbausteine als auf ihre tatsächliche Gestaltungskraft. Vielleicht ist das die eigentliche Ironie dieses Titels: Nicht die Figuren sind hier „imperfect“, sondern die Serie selbst – und zwar auf eine Weise, die weniger menschlich als vielmehr systemisch wirkt.

Die Serie «Imperfect Women» ist Teil des Streaming-Angebots von AppleTV+.

Kurz-URL: qmde.de/170285
Finde ich...
super
schade
Teile ich auf...
Kontakt
vorheriger Artikel«Belle Collective: Birmingham» startet im Aprilnächster ArtikelHistory Channel schickt Alice Roberts auf Schienen
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel

Letzte Meldungen


Mehr aus diesem Ressort


Jobs » Vollzeit, Teilzeit, Praktika


Surftipp


Surftipps


Werbung