Die Kino-Kritiker

«Der Spion» – Im Geheimdienst Ihrer Majestät

von

«Sherlock»-Star Benedict Cumberbatch spielt den Geheimagenten Greville Wynne, der tatsächlich für den Britischen Geheimdienst arbeitete.

Manchmal braucht es keinen James Bond oder Jason Bourne, um einen spannenden Agententhriller auf die Beine zu stellen. Den Helden in «Der Spion» gab es nämlich wirklich. Der von Benedict Cumberbatch («Doctor Strange») gespielte Greville Wynne (†70) arbeitete schon während des Zweiten Weltkrieges für den Britischen Geheimdienst. Danach ließ er sich als Handelsvertreter nieder, wurde aber während der Hochphase des Kalten Krieges vom MI-6 quasi rekrutiert. Denn seine Geschäfte führten ihn immer wieder nach Moskau und damit sollte er sich als perfekter Mann erweisen, um im atomaren Wettkampf zwischen Ost und West auszuspionieren, was in der Sowjetunion vor sich geht. Das das nicht lange gutgegangen ist, versteht sich von selbst. Sonst wäre seine aufregende Geschichte vermutlich nie verfilmt worden. Wynne schrieb nach seinem Ruhestand mehrere Spionagebücher und eine Autobiografie, in die Drehbuchautor Tom O’Connor («Killer’s Bodyguard») und Regisseur Dominic Cooke («Der Strand») sicherlich einen Blick riskiert haben, bevor sie sich ans Werk machten.

Liebesgrüße aus Moskau
Briten und Amerikaner bekommen in den frühen Sechzigerjahren die einmalige Chance, an Geheimpapiere über die nukleare Aufrüstungspläne der Sowjets zu ergattern. Oberst Oleg Penkowski (Merab Ninidze), ein ehemaliger sowjetischer Geheimdienstoffizier mit den richtigen Kontakten zum Kreml, ist für den Erhalt des Weltfriedens bereit, die Gegenseite regelmäßig zu informieren. Was dem CIA und dem MI-6 aber fehlt, ist ein Mittelsmann. Die Wahl fällt auf Greville Wynne (Benedict Cumberbatch), ein unscheinbarer Geschäftsmann, der ein bisschen zu viel trinkt, aber regelmäßig in Moskau zu tun hat und damit nicht weiter auffallen würde. Nach anfänglichem Zögern willigt Greville ein, denn er kann das zusätzliche Geld für die Hypothek seines Hauses gut gebrauchen. Also nimmt er in Moskau Kontakt zu Penkowski auf. Beide Männer sind sich auf Anhieb sympathisch, und durch ihre regelmäßigen Austauschtreffen entwickelt sich sogar eine Freundschaft. Bis die Kubakrise ausbricht und verschärft kontrolliert wird. Schließlich wird Greville 1962 vom KGB enttarnt und zu acht Jahren Haft wegen Spionage verurteilt.

Im Angesicht des Todes
Hier gibt es keine wilden Schießereien oder spektakuläre Verfolgungsjagden, sondern nur das Abbild wahrer Agentenarbeit. Dass dabei dennoch die Spannung wächst, liegt daran, dass man permanent mit Benedict Cumberbatch mitfiebert, um nicht erwischt zu werden oder weil er sich einmal mehr aus einer brenzligen Situation herausmanövriert hat. Daraus entwickelt sich ein anregendes Versteckspiel, jedoch dazu verdammt, aufgedeckt zu werden. Die erste Hälfte des Films mutet daher noch wie ein klassischer Spionagethriller an, der in dunklen Ecken spielt, wo sich Männer mit hochgestelltem Mantelkragen und tiefsitzendem Hut begegnen, wo es um bürokratische Hürden und diplomatischer Raffinesse geht. In der zweiten Filmhälfte ändert sich dieses Stimmungsbild und das eigentliche Drama kommt zum Vorschein. Denn der Protagonist ist eben kein Supermann, sondern weiterhin ein Normalbürger, der sich in die Enge getrieben fühlt und zusehends unter der psychischen Belastung zu leiden hat, zumal er sich auch vor seiner Frau zur Geheimhaltung verpflichtet hat. Er weiß also nie, ob er von seiner nächsten gefährlichen Reise wieder nach Hause kommen wird. Als Greville Wynne schließlich in Budapest gefangengenommen und nach Moskau ausgeliefert wird, bricht dieser Mann im Angesicht des Todes einfach mal in sich zusammen. Spion zu sein ist ein einsamer Beruf.



Man lebt nur zweimal
Glücklicherweise konnte der echte Greville Wynne durch einen Agentenaustausch schon nach anderthalb Jahren wieder nach England zurückkehren – als gebrochener Mann, jedoch mit der Aussicht auf ein zweites Leben. Benedict Cumberbatch spielt seine Rolle in dieser Phase sehr minimalistisch und erreicht damit maximale Aufmerksamkeit. Man ist die ganze Zeit bei ihm, nimmt ihm die pure Verzweiflung, aber auch die beängstigende Sorge, dass sich die Welt in einen Atomkrieg verlieren könnte, völlig ab. Nach Höchstleistungen, die er bereits in ähnlich gelagerten Filmen wie «Dame, König, As, Spion» (2011) oder «The Imitation Game» (2014) gegeben hat, beweist Cumberbatch erneut, dass er für das Rollenfach des tragischen Helden prädestiniert ist und momentan sogar als einer der besten britischen Schauspieler gefeiert wird.

Fazit: Ein wahrer Spionagefall - packend fürs Kino umgesetzt und mit brillanter Besetzung. Dominieren anfangs noch die Spannung, kristallisiert sich zusehends die menschliche Tragik dahinter heraus.

«Der Spion» ist im Kino zu sehen.

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