Hintergrund

Warum beruhigen uns Serien?

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In seinem neuen Buch „FERNSEHEN – NETFLIX – YOUTUBE“ befasst sich der Medienwissenschaftler Christian Richter mit der Frage: Wie viel altes Fernsehen steckt in Netflix und YouTube? Quotenmeter präsentiert exklusive Auszüge aus seinem Werk. Teil II: Stay Calm And Watch TV!

Kontinuität und ihr Beitrag zur Sicherheit
Der Theologe Günther Thomas hat sich mit den Effekten, die aus den wiederkehrenden Strukturen des Fernsehprogramms resultieren, intensiv beschäftigt und ihnen eine gesellschaftsstabilisierende Bedeutung zugesprochen. Demnach sei die moderne Gesellschaft von einem stetigen Wandel geprägt, durch den nahe Verwandtschaftsbeziehungen, lokale Gemeinschaften, religiöse Kosmologien und Traditionen eine immer geringere Wertigkeit einnehmen und deswegen nicht mehr in der Lage wären, die nötige Konstanz und Sicherheit herzustellen. Sie könnten jedoch durch verlässliche abstrakte Gesellschaftssysteme ersetzt werden, die an ihrer Stelle eine stabilisierende Wirkung entfalten. Das Fernsehen mit seinem Kästchenmuster aus beständigen Wiederholungen, so stellt Thomas letztlich fest, sei ein System, das dies leisten könne. Hierfür wäre entscheidend, dass die einzelnen Sendungen und Programmelemente, die von zyklischer Zeit der „stündlichen, täglichen oder wöchentlichen Rhythmen“ bestimmt sind, in ihrer Summe wiederum einen stetigen Strom ausbilden, der „unumkehrbar“ ist und linear dahinfließt. Die stetige Konstanz dieses Flusses, der den Alltag der Menschen permanent begleitet, liefere letztlich das essenzielle Gefühl von Sicherheit.

Schon das reine Stattfinden des Flusses kommuniziert eine basale Beobachtbarkeit und Verläßlichkeit der Welt außerhalb der unmittelbaren lebensweltlichen Erfahrung [...].

Hierin liegt eine Ursache verborgen, wieso das Fernsehprogramm derart viel Energie aufwendet, um die Aufrechterhaltung des Flusses unter allen Umständen zu gewährleisten und durch Trailer, sprachliche Verweise, Cliffhanger und Fortsetzungsgeschichten permanent Anschlüsse zu erzeugen, mit deren Einlösung der Fortbestand des Flusses versprochen wird.

Im Fernsehprogramm wird demnach versucht, der „Angst vor dem drohenden Ende des Bestehenden“ mit einer „Wiederkehr des Gleichen und Vertrauten“ zu begegnen und die Katastrophe zu verhindern. Diese Verhaltensweise erinnert an den Glauben früherer Kulturen, durch festgelegte und wiederkehrende Handlungen und Opfergaben höhere Mächte besänftigen, dadurch Nöte, Plagen und Krankheiten abwenden und den gewohnten Lauf der Welt bewahren zu können. In diesen zyklischen Wiederholungen bildet sich die Form des Rituals aus und mit ihm…

[… d]ie Beschwörung, daß sich zwar alles ändert, aber die Welt im Ablauf ihrer Wiederholungen doch immer gleich bleibt. Das Ritual ist die Stiftung des Vertrauens, indem es als Vertrautes immer wieder neu durchgeführt und damit wiederholt wird.

Eine vergleichbare Verknüpfung von Regelmäßigkeit, die Stetigkeit erzeugt, erkennt Günther Thomas im seriellen Fernsehprogramm, das aufgrund der „Periodizität der Mitteilungsangebote“ ebenfalls ritualisiert genutzt würde. Er identifiziert im „programmförmig und in mehreren Kanälen organisierten Fernsehen“ gar eine „komplexe liturgische Ordnung“.

Die einzelnen Sendungen sind, so die hier vertretene These, als durch den liturgischen Strom verkettete Rituale zu betrachten. Der gesamte Programmfluß mit seiner Vielzahl aufeinander verweisender Einzelrituale ist eine ‚ewige‘, den Alltag der Menschen des ausgehenden 20. Jahrhunderts permanent begleitende Liturgie.

Dieser „liturgische Strom“, der eine „bruchlose Verkettung der einzelnen Rituale“ darstellt, orientiert sich wiederum am Tag- und Nacht-Rhythmus, an den Wochentagen, den Monaten oder den Jahreszeiten und damit an kalendarischen und astronomischen Zyklen sowie an der „kulturellen Form der Stunde und der Woche“. Zugleich rekurriert er auf den Alltagsrhythmus des Publikums und insbesondere auf dessen „alters- oder berufsbedingter Verfügbarkeit“ .

Auf diese Weise entsteht eine zeitliche Ordnung „ohne Anfang und Ende“, die von vielen Menschen geteilt werde. Während religiöse Rituale allerdings oft an bestimmte Orte wie Tempel oder Kirchen geknüpft seien, verlangten die fernsehhaften Rituale keinen gemeinsamen physikalischen Raum. Ihre verbindende Wirkung basiere einzig auf einer zeitlichen Synchronisierung der an der Liturgie teilnehmenden Personen durch das Programm selbst, das den zeitlichen Ablauf, seinen Rhythmus und seine Taktung verbindlich festlegt. Es ist eine zeitliche Abfolge und nicht eine geteilte Örtlichkeit, die verbindet.

Millionen von Menschen werden zur gleichen Zeit vor dem Fernsehgerät versammelt und zu einer neuen Art von Soziabilität, der ‚Fernsehgemeinde‘.

Eine solche Verbindung müsse aber nicht immer eine harte Synchronisierung bedeuten, in der alle Beteiligten gleichzeitig dasselbe tun – wenngleich das Fernsehprogramm dazu grundsätzlich in der Lage ist und dies regelmäßig bei alten Straßenfegern oder Fußballweltmeisterschaftsendspielen demonstriert. Es könne auch eine „weiche Synchronisation“ entfalten, die sich „ganz individuell an einer überindividuellen und aus dem ‚Jenseits‘ des Alltags kommenden Ordnung“ ausrichtet. Dieses Wechselspiel führt dazu, dass Alltag und Fernsehprogramm spezifisch für jede einzelne Person in Deckungsgleichheit gebracht werden können. Mit diesem eigentlich subjektiven Prozess findet jedoch automatisch eine „faktische Synchronisation der Bevölkerung“ statt, da sich die individuellen Nutzungsmuster am liturgischen Strom und damit am selben Bezugssystem ausrichten.

Der Nachmittag endet und der Abend beginnt mit HEUTE oder der TAGESSCHAU, Kinder müssen vor oder nach der TAGESSCHAU, nach der Showsendung oder vor der Neun-Uhr-Sendung ins Bett; samstags beginnt das Abendessen erst nach der SPORTSCHAU. Fernsehsendungen stellen Markierungspunkte im Tages- und Wochenablauf dar, an denen sich das Leben der Menschen ausrichtet.

Zyklen und Rhythmen bei YouTube und Netflix
„Serien und Filme jederzeit und überall ansehen.“ Dieser Satz war lange auf der Startseite von Netflix zu lesen. In ihm scheint die prägnanteste Differenz von Angeboten wie YouTube und Netflix zum Fernsehen zu liegen, die ihre Abkehr von verbindlichen (Sende-)Zeiten und einen zeitsouveränen Abruf ihrer Inhalte in der Außendarstellung gerade zum Markenkern ihrer Dienste erhoben haben. Durch die Speicherungsfunktion, die in der Architektur der Plattformen verankert und im Interface (unter bestimmten Voraussetzungen) nutzbar ist, lassen sich zur Verfügung gestellte Titel zu einem frei gewählten Zeitpunkt unabhängig von einem von außen auferlegten Kästchenschema starten oder fortsetzen. Dieses Versprechen bezieht sich auf Videos, die bereits in der Bibliothek zur Nutzung freigegeben sind und damit ausschließlich auf vergangene Veröffentlichungen. Richtet man den Blick jedoch auf die Zeitpunkte und Rhythmen, in denen die Bibliothek durch das Hinzufügen neuer Inhalte Erweiterungen erfährt, lassen sich ähnliche liturgische Ordnungen wie bei der Fernsehhaftigkeit feststellen. Einen ersten Hinweis darauf bieten die von vielen YouTube-Kanälen angekündigten Zeitpunkten, zu denen sie gewöhnlich neue Videos freigeben (z.B. Donnerstag 14 Uhr und Sonntag 11 Uhr).

Obwohl dieser Rhythmus nicht immer stoisch eingehalten oder um zusätzliche Beiträge erweitert wird, verheißen diese Bekanntgaben ein festes Muster und eine Wiederkehr in planbarer Form. Sie verheißen eine ähnliche Verlässlichkeit, wie jene, die das Fernsehprogramm aufrechtzuerhalten versucht. Was anderes als eine Art fester Sendezeiten verbirgt sich hinter solchen Ansagen? Dass es sich hierbei nicht bloß um formale Ankündigungen handelt, denen eigentlich keine Bedeutung zugesprochen wird, belegt Dominik Maeders Untersuchung von Kommentareinträgen zu „Let’s Play“-Videos, in denen Nutzende die…

[…] Uploadpläne und -routinen in Erfahrung zu bringen versuchen, das Nicht-Einhalten eben dieser monieren oder schlichtweg das Warten auf die Freischaltung eines Videos durch möglichste rasche Kommentierung (‚Erster!‘) dokumentieren.

Florian Diedrich, der auf der Plattform YouTube auf seinem Kanal „LeFloid“ regelmäßig in Erscheinung tritt, bestätigt im Interview ebenso die Auswirkungen einer zeitlichen Regelmäßigkeit für seine Veröffentlichungen:

Ich habe am Anfang immer gedacht, das ist doch scheißegal, ist doch Internet. Ich mache halt, wenn ich Bock habe. Aber irgendwann musste ich ‚Ich mache, worauf ich Bock habe, wann ich Bock habe‘ auf ‚Ich mache, worauf ich Bock habe – möglichst regelmäßig‘ [umstellen]. Bei mir ist es tatsächlich explodiert als ich angefangen habe, eine Regelmäßigkeit einzubauen, weil der Mensch so Hardcore ein Gewohnheitstier ist, dass er es überhaupt nicht abkann, wenn er nicht weiß, wann kommt eine neue Folge.

Neben einer Ausrichtung an kalendarischen Einheiten und wöchentlichen Zyklen orientieren sich die Veröffentlichungszeitpunkte vieler Videos über alle Kanäle hinweg ähnlich wie das Fernsehprogramm an einer angenommenen zeitlichen Verfügbarkeit der anvisierten Zielgruppe. Nicht zufällig scheint oft ein fester Termin auf den frühen Nachmittag eines Wochentags gelegt zu werden, der mit dem gewöhnlichen Schulschluss korrespondiert, sodass das neue Video idealerweise noch auf dem Heimweg von der Schule angesehen werden kann.

Die Veröffentlichungen der Beiträge orientieren sich wie das Fernsehprogramm nicht nur sichtlich am kosmischen Ablauf und der kalendarischen Taktung von Tag und Wochentag, sie orientieren sich ebenso am rituellen Kalender, weil in ihnen auf inhaltlicher Ebene bestimmte Jahreszeiten, Saisons oder Feiertage aufgegriffen werden. So lassen sich Videos finden, in denen Schmink-Tipps zu Halloween, Mutproben für die Weihnachtszeit oder sommerliche Kochrezepte vorgestellt werden. Zugleich werden Gewinnspiele veranstaltet, deren Teilnahme zeitlich begrenzt ist oder Aufforderungen für die inhaltliche Gestaltung der nächsten Ausgabe an das Publikum formuliert, sodass nur eine begrenzte Zeit besteht, um sich an den partizipativen Elementen tatsächlich beteiligen zu können. Obwohl sich auf der Plattform im Gegensatz zum Fernsehprogramm die Inhalte nach ihrer Veröffentlichung nicht direkt verflüchtigen und zumindest potenziell unendlich abrufbar bleiben, werden viele Videos dennoch zeitlich verortet und in einen aktuellen Kontext eingebunden. Sie werden auf inhaltlicher Ebene nicht entzeitlicht, obwohl dies das System eines Abrufdienstes nahelegen würde. Damit erhalten viele Videos auf der inhaltlichen Ebene ein Zeitfenster verliehen, in dem diese anzusehen sind, damit der darin aufgestellte Zeitbezug erhalten bleibt. Sicherlich lässt sich ein Halloween-Schmink-Tutorial auch zu Ostern ansehen, dafür aber ist es offensichtlich nicht bestimmt. Ein Betrachten außerhalb des funktionierenden Rahmens wäre dann vergleichbar mit dem Ansehen einer alten Ausgabe der «Tagesschau», deren eigentliche Funktion einer tagesaktuellen Nachrichtensendung ersetzt wird durch die Funktion eines Zeitdokuments, das eher als Retrospektive fungiert und einen vergangenen Moment in der Zeit wiederzubeleben versucht. Durch ihre Ausrichtung am Arbeits- und Lebensrhythmus wird dem Publikum angeraten, sich an die Sendezeiten zu halten, die Speicherungsfunktion allenfalls für eine kurzfristige Verzögerung zu nutzen und die Videos möglichst unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung anzusehen. In solchen Videos liegt die Funktion der Plattform, Inhalte dauerhaft archivieren zu können, nicht im vorrangingen Interesse der Künstler*innen. Sie zielen eher auf eine Einhaltung eines Kästchenschemas ab, das Einheitlichkeit und Konstanz produziert und für beide Seiten des Bildschirms weniger Individualität und Selbstbestimmtheit zulässt. Stattdessen wird eine spürbare Annäherung an Fernsehhaftigkeit verfolgt und die Gewährleistung einer ähnlichen Stabilität angestrebt. Analog zur beruhigenden Wirkung der Fernseh-Liturgie erscheint keine Katastrophe allzu bedrohlich, solange die Veröffentlichungszyklen im Angebot von YouTube aufrechterhalten werden.

Veröffentlichungsrhythmen, die auf einer wöchentlichen Periodizität mit fester Sendezeit fußen, stellen im Angebot von Netflix wiederum die Ausnahme dar, dominiert dort doch das blockweise Hochladen ganzer Serienstaffeln. Dennoch ist dieses Modell, das ein Binge-Watching befördert, nicht gänzlich von einer zyklischen Ordnung losgelöst. In vielen Fällen beträgt die Zeitspanne zwischen der Veröffentlichung zweier Staffeln derart exakt ein Jahr, dass diese jeweils in dieselbe Kalenderwoche fallen. Zudem sind nahezu sämtliche Starttermine auf einen Freitag und damit auf den Beginn eines Wochenendes datiert, denn am Wochenende haben berufstätige Menschen überhaupt Zeit, sich ausgiebig einer Serie zu widmen und eine Staffel am Stück anzusehen. Die konkreten Daten sind folglich auf die kalendarisch-kosmische Ordnung und zugleich an der berufsbedingten zeitlichen Verfügbarkeit des Publikums ausgerichtet und damit an denselben Parametern wie das Fernsehprogramm. Es sind die gleichen Faktoren, auf denen auch viele Upload-Modi von YouTube basieren. Wie dort stellen sie bei Netflix keinen verbindlichen Zeitpunkt dar, an dem der Inhalt zwingend angenommen – das Ritual ausgeführt – werden muss. Die Termine markieren vielmehr die Momente, zu denen eine Teilnahme frühestens begonnen werden kann. Doch stehen viele Serien ebenso wie unzählige YouTube-Videos auf inhaltlicher Ebene in einer engen Korrelation mit ihren Startterminen – etwa wenn die Serie «House Of Cards» mit dem Neujahrsempfang des Präsidenten für das Jahr 2013 und die Erzählzeit damit nur wenige Tage vor dem Veröffentlichungstermin der Serie beginnt. Die zweite Staffel der Mystery-Serie «Stranger Things» wurde am 27. Oktober 2017 veröffentlicht und damit nur wenige Tage vor dem Halloween-Fest. Die Handlung der Staffel setzt dann ebenso mit Halloween-Feierlichkeiten und mit dem 28. Oktober des Jahres 1984 sogar am nahezu identischen Tag des Jahres ein. Die Verortung der Handlungen in einer Zeit, die in einem engen Zusammenhang mit dem Zeitpunkt ihrer Veröffentlichungen steht, legt ihre möglichst schnelle Nutzung nahe, damit die zeitlichen Bezüge stimmig bleiben.

Erschaffung individueller Rituale
Dass die eigentlich jederzeit frei abrufbaren Serien tatsächlich kurz nach ihrer Erscheinung genutzt werden, zeigt sich im Phänomen des sogenannten „Binge Racing“, das als Beleg und als Katalysator für diese These dient. Hinter diesem Begriff, den das Unternehmen Netflix in seinen Presseveröffentlichungen selbst geprägt hat und ihn damit zugleich als Marketinginstrument einsetzt, verbirgt sich ein möglichst schnelles Durcharbeiten durch eine Staffel kurz nach ihrer Veröffentlichung. Konkret beschreibt der Konzern „Binge Racer“ als „members who completed a season of a TV show within 24 hours of its release on Netflix.“ Die Auswertung der Nutzungsdaten hätte ergeben, dass die Anzahl der Personen, die durch eine Staffel innerhalb der ersten 24 Stunden durchgerannt wären, von weltweit 200.000 im Jahr 2013 auf über 5 Millionen Menschen im Jahr 2017 gestiegen ist. Insgesamt wäre diese Leistung bereits von 8,4 Millionen Menschen vollbracht worden. In der dazugehörigen Mitteilung liefert die Pressestelle von Netflix gleich eine Begründung und Motivation für diese Entwicklung. Demnach würden sich unter diesen Personen nicht ausschließlich „basement-dwelling couch potatoes“ befinden. Vielmehr werde die Geschwindigkeit, mit der man sich durch eine Serie durcharbeitet, mittlerweile mit einer sportlichen Leistung gleichgesetzt, deren Erreichen man stolz teilen würde. „TV is their passion and Binge Racing is their sport“. Als Beleg für diese Aussage verweist die Meldung auf folgende Twitter-Nachricht: „Not to brag, but I'm extremely good at binge watching tv. Like, some people get bored and throw in the towel — I say I'm committed.“



In ihrem Verhalten zeigt sich die für eine Industriekultur essenzielle Initiierung von Verbrauchssteigerung als derart erfolgreich umgesetzt, dass die Produktion der verbrauchten Waren mit ihr kaum Schritt halten kann. Natürlich lässt (in vergleichbarer Weise zum Einschalten des Fernsehgeräts) ein schlichter Abruf keine verlässliche Aussage darüber zu, wie und ob ein Titel auch tatsächlich wachsam und psychisch anwesend verfolgt wird. Gerade im Autoplay-Modus wäre es denkbar, dass mehrere Folgen einer Staffel durchlaufen werden, obwohl die Person, die den Inhalt ursprünglich gestartet hat, längst auf dem Sofa eingeschlafen ist. Die Validität und Verlässlichkeit der Daten ist daher unsicher. Dennoch lassen sie die Vermutung zu, dass es für eine gewisse Anzahl an Personen zu einer Gewohnheit, vielleicht sogar zu einem Ritual wird, eine neu veröffentlichte Serienstaffel so schnell wie möglich durchzusehen.

Die Autor*innen Regina Bendix, Christine Hämmerling, Kaspar Maase und Mirjam Nast konnten unter Fans der Roman-Reihe „Perry Rhodan“ nachweisen, dass diese für das Lesen der Hefte ähnliche Muster ausbilden. Demzufolge würden manche Fans die im wöchentlichen Rhythmus erscheinenden Ausgaben sofort verzehren, während andere erst einige Hefte sammeln und diese dann im Bündel als „Aufhollektüre“ lesen. In ihrem Beitrag weisen sie zudem darauf hin, dass die Hefte auch regelmäßig vor dem Einschlafen oder in der Badewanne gelesen würden. Hier wird deutlich, dass sich die Nutzenden mit ihren Heften eigene wiederkehrende Rezeptionsmuster und Abläufe und damit ihre eigenen Rituale schaffen. Diese Ordnungen korrespondieren zwar mit den Veröffentlichungsterminen, ihren Modus aber gestalten die Menschen selbst aus und bekommen diesen nicht von einer äußeren Instanz (wie dem fernsehhaften Kästchenmuster) vorgegeben. Dies aber darf nicht mit einer weniger bindenden und strukturierenden Bedeutung verwechselt werden, denn für die einzelne Person erfährt die eigene Lese-Routine eine wichtige Funktion. Es prägen sich darin keine Rituale aus, die von vielen Menschen geteilt werden und soziale Verbindlichkeiten schaffen, sondern individuelle Rituale, die für jedes Individuum eine individuelle Bedeutung und Verbindlichkeit haben. Sie speisen sich weder aus einem von außen bestimmten Ort, noch einer vorgegebenen Zeit, sondern einzig aus selbst gewählten Kenngrößen. Dennoch sind auch diese Rituale in der Lage, Gemeinsamkeit zu stiften, allerdings weniger durch eine Gleichzeitigkeit oder physische Co-Präsenz, sondern durch das gemeinsame Interesse an einem Inhalt. Die Autor*innen weisen in ihrem Text auf die große Fan-Kultur rund um Perry Rhodan hin, aus deren Beschreibung zu entnehmen ist, dass sich ein Zusammenhalt gerade daraus ergibt, dass jeder Fan ein eigenes Ritual besitzt. Die Synchronisation der Anhängenden erfolgt nicht über die Struktur des Rituals, sondern über dessen Gegenstand.

Es ist plausibel, dass die Nutzung von On-Demand-Angeboten ähnliche Muster ausprägt und serielle Videoformate auch ohne feststehendes Programm in ähnliche individuelle Rituale eingebettet werden können. In der „Interviewstudie deutscher YouTube-NutzerInnen“ von Jeffrey Wimmer wird dies zumindest von den befragten Jugendlichen für Let’s Play-Videos bestätigt, denn dort heißt es:

Einige erzählen von einem täglichen Konsum, der fest in den Alltag integriert ist und Rituale beinhaltet, wie bspw. die Rezeption im Bett vor dem Einschlafen, im Badezimmer oder beim Essen […].

Obwohl andere Teilnehmende der Studie zwar einen regelmäßigen, aber weniger ritualisierten Gebrauch schildern, belegt die Aussage, dass On-Demand-Dienste derart genutzt werden (können), um sich eine eigene Liturgie zu erschaffen. Unterstützend kann ein weiterer Tweet des Unternehmens Netflix herangezogen werden, der abzüglich der darin zum Ausdruck gebrachten Häme verrät, dass man in den USA 53 Personen identifiziert hätte, die den Netflix-Film «A Christmas Prince» in den vergangenen 18 Tagen jeden Tag angesehen und sich auf diese Weise (wahrscheinlich unabhängig voneinander) mit einem Einzelfilm ein eigenes verlässliches Ritual geschaffen haben.



Bei den On-Demand-Diensten sind folglich liturgische Ordnungen zu erkennen, die nach ähnlichen Mustern wirken, wie jene des Fernsehprogramms. Offenbar gelingt es ihnen, trotz aller digitalizitären Freiheitsversprechen insbesondere durch ihre zeitliche Taktung weiterhin ein Bedürfnis nach Stabilität der Welt durch eine ritualisierte Mediennutzung zu gewährleisten. Es obliegt nun den Zuschauenden selbst, ihre beruhigenden Rituale zu gestalten und aufrecht zu erhalten, wodurch eine Verlagerung der bisherigen Verantwortlichkeiten auf die Seite der Nutzenden erfolgt. Bisher konnte die liturgische Ordnung des Fernsehprogramms nur angenommen oder verweigert werden, nun muss diese selbst aktiv ausgestaltet und verlässlich praktiziert werden, um ihre Wirkung zu entfalten. Hierfür reichen Angebote wie Netflix und YouTube mit ihren Videos und Serien nutzbare Bauteile an, die in eigene und individuelle Rituale überführt werden können.

Vorherigen Folge:
Folge I: Warum bleiben wir so leicht bei YouTube und Netflix hängen?

Um ihre ästhetischen und strukturellen Ähnlichkeiten zum Fernsehprogramm aufzudecken, analysiert Christian Richter ausführlich mediale Inszenierungen von Netflix und YouTube. Die Schlagworte »Flow«, »Serialität«, »Liveness« und »Adressierung« dienen dabei als zentrale Orientierungshilfen. Antworten liefern etablierte Fernsehtheorien ebenso wie facettenreiche und triviale Beispiele. Diese reichen vom ZDF-Fernsehgarten und alten Horrorfilmen über den SuperBowl und einsame Bahnfahrten durch Norwegen bis zu BibisBeautyPalace und House of Cards. Am Ende schält sich ein Zustand von FERNSEHEN heraus, der als eine neue Version aufgefasst werden kann.

„FERNSEHEN – NETFLIX – YOUTUBE. Zur Fernsehhaftigkeit von On-Demand-Angeboten“ von Christian Richter.
Das komplett Buch ist erschienen bei Transcript und Amazon erhältlich.


Quellen:
| Thomas, Günter: Medien – Ritual – Religion. Zur religiösen Funktion des Fernsehens. Frankfurt/Main: Suhrkamp (1998), S. 499ff.
| Thomas, Günther: Liturgie und Kosmologie – Religiöse Formen im Kontext des Fernsehens. In: Thomas, Günther (Hrsg.): Religiöse Funktionen des Fernsehens? Wiesbaden: Westdeutscher Verlag GmbH (2000), S. 98.
| Ebd., S. 101.
| Hickethier, Knut: The Same Procedure. Die Wiederholung als Medienprinzip der Moderne. In: Felix, Jürgen et. al. (Hrsg.): Die Wiederholung. Thomas Koebner zum 60. Marburg: Schüren Verlag (2001), S. 54.
| Ebd.
| Thomas, Günter: Medien – Ritual – Religion. Zur religiösen Funktion des Fernsehens. Frankfurt/Main: Suhrkamp (1998), S. 476.
| Ebd., S. 459.
| Ebd., S. 476f.
| Ebd., S. 471.
| Ebd., S. 470.
| Mikos, Lothar: Es wird dein Leben! Familienserien im Fernsehen und im Alltag der Zuschauer. Münster: MAkS Publikationen Münster (1994), S. 45.
| Thomas (2000)
| Thomas (1998)
| Mikos (1994)
| Maeder, Dominik: Kohärenz, Permutation, Redundanz: Zur seriellen Ökonomie des Let’s Plays. In: Ackermann, Judith (Hrsg.): Phänomen Let’s Play – Video. Entstehung, Ästhetik, Aneignung und Faszination aufgezeichneten Computerspielhandelns. Wiesbaden: Springer VS (2017), S. 72.
| Interview in der Fernsehsendung: JOIZone: D 2014, JOIZ: Ausgabe vom 23. Mai 2014. Ausschnitte sind verfügbar als Video: joiz Germany: LeFloid und Rob Bubble: In: YouTube.com (Video). Unter: https://youtu.be/aaq4BwtryYo [aufgerufen am 27. Januar 2020].
| Netflix Press-Release: Ready, Set, Binge: Unter: https://media.netflix.com/en/press-releases/ready-set-binge-more-than-8-million-viewers-binge-race-their-favorite-series [aufgerufen am 27. Januar 2020].
| Bendix, Regina / Hämmerling, Christine / Maase, Kaspar / Nast, Mirjam: Lesen, Sehen, Hängenbleiben. Zur Integration serieller Narrative im Alltag ihrer Nutzerinnen und Nutzer. In: Kelleter, Frank (Hrsg.): Populäre Serialität: Narration – Evolution – Distinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert. Bielefeld: transcript Verlag (2012), S. 308.
| Wimmer, Jeffrey: Erfahrenen Gamern sozusagen über die Schulter schauen. Eine Interviewstudie deutscher YouTube- NutzerInnen zu Let’s Play-Videos. In: Ackermann, Judith (Hrsg.): Phänomen Let’s Play – Video. Entstehung, Ästhetik, Aneignung und Faszination aufgezeichneten Computerspielhandelns. Wiesbaden: Springer VS (2017), S. 152.

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