Die Kritiker

«Die Getriebenen»

von   |  1 Kommentar

Mit Imogen Kogge als Angela Merkel und Josef Bierbichler als Horst Seehofer stellt «Die Getriebenen» in der ARD den Höhepunkt der Flüchtlingskrise nach – und kann sich dabei nicht zwischen Insider- oder Laien-Perspektive entscheiden.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Imogen Kogge als Angela Merkel
Josef Bierbichler als Horst Seehofer
Wolfgang Pregler als Thomas de Maizière
Tristan Seith als Peter Altmaier
Walter Sittler als Frank-Walter Steinmeier
Gisela Aderhold als Beate Baumann
Rüdiger Vogler als Wolfgang Schäuble

Hinter der Kamera:
Produktion: Carte Blanche International GmbH, Rundfunk Berlin-Brandenburg und Norddeutscher Rundfunk
Drehbuch: Florian Oeller
nach Motiven des Sachbuchs von Robin Alexander
Regie: Stephan Wagner
Kamera: Thomas Benesch
Produzenten: Stephan Wagner und Alexander van Dülmen
Mit «Stunden der Entscheidung» des ZDF hat es bereits einen Versuch gegeben, die unmittelbare Ereigniskette nachzustellen, die im frühen September des Jahres 2015 zum Entschluss der Bundesregierung geführt hat, auf die Einführung von Grenzkontrollen an den deutschen Schengen-Binnengrenzen zu verzichten und aus Ungarn kommende Flüchtlinge ungehindert passieren zu lassen. «Die Getriebenen» der ARD greift auf Motive des Sachbuchs von Robin Alexander zurück und will das Ereignis weniger kleinteilig beschreiben: Dazu werden die Wochen davor und danach in das Handlungskonstrukt mit einbezogen – eine sinnige Entscheidung, schließlich gibt es für die Beobachtung, jahrelange Entwicklungen seien an diesem einen Punkt kulminiert, keinen sonderlich überzeugenden Anhalt. Zudem verzichtet der vorliegende Film auf alle doku-fiktionalen Elemente und stützt sich allein auf den Versuch eines Nachspiels der damaligen Ereignisse, ohne sie mit Interviews mit den realen Personen zu unterfüttern.

Wie ein ganz zu Beginn eingeblendeter Text pflichtschuldig deutlich macht, ist das hier Gezeigte natürlich nur eine Annäherung an das Tatsächliche. Das muss man sich umso deutlicher vergegenwärtigen, weil Florian Oellers Drehbuch auch bei intimen Momenten des Ehepaars Merkel in der Kanzlerwohnung zugegen sein will – Szenen, die auf dramaturgischer Ebene vornehmlich den Zweck erfüllen sollen, Merkels nicht öffentlich gemachte Sorgen und Gedankengänge zu schildern, deren Kenntnis erforderlich ist, um ihre Weltsicht in der Makroperspektive und ihre psychologische Motivation in der Binnenansicht dieses Films verstehen zu können.

Gleichzeitig wird an diesen Sequenzen ein grundsätzliches Problem dieser Produktion deutlich, das über die Frage hinausgeht, wie weit das Drehbuch die Hintergründe auszuschmücken bereit ist: Dieser Film kann sich nie wirklich entscheiden, wie konsequent er in den „Insider-Modus“ schalten will. Beate Baumann etwa ist eine der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Persönlichkeit, dem Konsens der Hauptstadtpresse nach genießen ihre Einschätzungen und Lagebewertungen bei der Bundeskanzlerin jedoch seit Jahr und Tag besonderes Gewicht: ein Umstand, den der Film (richtigerweise) kommentarlos als gegeben vorstellt. Ansonsten jedoch nutzt das Drehbuch viele Möglichkeiten, um allzu bemüht Offensichtliches einzuführen: insbesondere in den Szenen zwischen Bundeskanzlerin Merkel und ihrem Ehemann, deren Dialogpassagen sichtlich eher für ein imaginiertes Publikum gesprochen werden denn als handlungsimmanentes Vorantreiben des dramaturgischen Konflikts.

Mit Wertungen hält sich «Die Getriebenen» derweil nicht zurück: Markus Söder wird als widerwärtiger Karrierist geführt, dessen erste Reaktion auf die Nachricht von mehreren Dutzend toten Flüchtlingen in einem Lastwagen im Burgenland als schneidige Neubewertung der Machtlage ausfällt; Unmenschlichkeiten, in denen ihm sein Spin-Doctor Michael Backhaus (der sich in seiner Biographie spätestens während seiner Zeit bei der „Bild“ jede Menge Schamlosigkeit antrainiert hat) in nichts nachsteht. Währenddessen wird Horst Seehofer als alter kranker Mann gezeigt, der sich (das ist tatsächlich überliefert) als telefonisch nicht erreichbar gab, als es eng wurde, um sich Legitimation für seine Quertreiberei zu verschaffen. Angela Merkel sieht man – entgegen allen Klischees – hingegen selten beim Lavieren. Sie ist, zumindest in der Flüchtlingskrise, entscheidungsfreudig, standhaft, mit klaren Überzeugungen und unverrückbarer Haltung. Zuschauer mit gegenteiligen Auffassungen über die handelnden Personen mögen Oeller und Alexander hier tendenziöse Töne unterstellen. Bei nüchterner Betrachtung hingegen finden sich viele Anhaltspunkte, die diese Darstellung stützen.

Kein Wunder, dass der kathartischste Moment dieses Films eine Szene ist, in der Merkel Tacheles redet, in einem Telefongespräch mit Seehofer Anfang September, und ihm dabei die Alternative zu ihrer Entscheidung vorhält: Die Welt hätte zugesehen, wie deutsche Grenzschutzbeamte auf wehrlose Flüchtlinge einprügeln, um sie von deutschem Boden fernzuhalten, und Viktor Orbán hätte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, in diesem Szenario den ersten Vergleich zur Nazizeit zu stellen. Der Film-Seehofer kann darauf keine ernsthaften Widerworte mehr ins Feld führen.

Das Erste zeigt «Die Getriebenen» am Mittwoch, den 15. April um 20.15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/117506
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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Princeps
15.04.2020 00:06 Uhr 1
Danke für diese Rezension, unterschreibe ich. Und auch für diesen Satz: „Bei nüchterner Betrachtung hingegen finden sich viele Anhaltspunkte, die diese Darstellung stützen.“



Trotz weniger Schwächen ein unerwartet guter Film mit vielen (zum Teil handwerklich mutigen) Stärken, der auf mehr als einer Ebene unterhält.

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