Hingeschaut

Ein Kriegsexperiment ohne Krieg

von

Mit «Plötzlich Krieg?» zeigt ZDFneo erneut ein spannendes Sozialexperiment. Der „Krieg“ ist dabei aber höchstens eine Rivalität.

Team

  • Moderation: Jochen Schropp
  • Experimentleiter: Christopher Lesko
  • Produktion: Doclights im Auftrag von ZDFneo
  • Regie: Joe Kann, Alexander Brasack
Es herrscht Krieg. Barbarische Gewalt, Bomben fliegen, Menschen müssen ihr Leben lassen. Das ist leider eine Realität, mit der Millionen Menschen weltweit noch immer zurechtkommen müssen. Wie einfach ein Krieg tatsächlich entstehen kann, versucht ZDFneo auch deshalb in seiner als „Social Factual“ bezeichneten Sendung «Plötzlich Krieg?» deutlich zu machen.

Mit ähnlichen Sendungskonzepten hat sich der Spartenkanal des ZDF bereits versucht, jüngst beispielsweise mit «Der Rassist in uns», das aufzeigte, wie einfach Rassenhass geschürt werden kann. Natürlich ist nicht jeder gleich anfällig und viele erkennen auch das böse Spiel, so damals das Fazit. Doch eine negative Gruppendynamik kann eben doch leichter entstehen als das viele glauben mögen. Zur aktuellen Kriegssimulation sei diesbezüglich schon vorab gesagt: Auch hier spielt die Gruppendynamik eine bedeutende Rolle. Ob die Schlussfolgerungen wirklich so stark sind, wie der Titel es vermuten lassen würde, ist dabei eine andere Frage.

Basis des Sozialexperiments «Plötzlich Krieg?» ist das 1954 entwickelte Robbers-Cave-Experiment, in dem zunächst Rivalität zwischen zwei Gruppen geschaffen und anschließend wieder aufgelöst werden sollte.

Die Phasen des Experiments


Ähnlich ist naheliegenderweise auch das Vorgehen der öffentlich-rechtlichen Produktion: Zwei Gruppen (Team Blau und Team Rot) ziehen zunächst in getrennte Räumlichkeiten ohne großen Luxus ein. Von der Existenz der jeweils anderen Teilnehmer wissen sie nichts. In dieser Phase des Experiments fühlt sich der Zuschauer auch eher an «Big Brother» erinnert: Kleinere Konflikte und Diskussionen finden statt, die Bettenverteilung ist zu klären; das Übliche eben. Aus Sicht des Experimentleiters Christopher Lesko geht es in dieser Phase vor allem darum, dass ein Gemeinschaftsgefühl innerhalb der beiden Teams entsteht. Interessant scheint die Situation zu diesem Zeitpunkt nur zu werden, weil der Zuschauer von einem Maulwurf in der Versuchsanordnung erfährt. Jedes der sechsköpfigen Teams nämlich hat einen Teilnehmer, der versucht die Situation anzustacheln und später auch seine Teammitglieder gegen den vermeintlichen Gegner aufzuhetzen.

Die allerdings müssen freilich erst einmal kennen gelernt werden: Auf dem Rückweg von einem Spiel, das die Teilnehmer absolvieren müssen, entdecken sie – gesteuert durch die Versuchsleitung – die Räumlichkeiten des jeweils anderen Teams. Um die Stimmung ein wenig anzuregen, wird zudem dafür gesorgt, dass Team Rot bei den ersten beiden Spielen quasi keine Siegchance hat. Eventuelle Gewinne gehen somit beinahe automatisch an die anderen Teilnehmer. Denn tatsächlich, so Versuchsleiter Lesko, braucht es nur den Angriff auf Ressourcen und den Angriff auf Werte, um einen Krieg loszutreten. Insofern sind die Bewohner in dieser Phase des Experiments dem, was die Sendung als „Krieg“ bezeichnet schon sehr nahe.

Was in der Versuchsanordnung folgt ist schließlich noch das Zusammenführen, die Vereinigung. Diese ist das Kernelement der ursprünglichen Forschung; bei «Plötzlich Krieg?» hingegen ist sie wohl ein Stück weniger wichtig, aber sicher nicht irrelevant. In dieser letzten Phase findet zudem ein Coaching mit Versuchsleiter Lesko statt.

Nun ist es selbstredend schwer zu sagen, wie repräsentativ eine Gruppe von insgesamt 12 Personen (abzüglich der Maulwürfe beider Gruppen bleiben noch 10 Personen) für die Gesamtbevölkerung sein kann. Produktionsseitig wird zumindest aber versichert, dass darauf geachtet wurde, einen Querschnitt durch das Land zu bekommen. In jedem Fall ist es durchaus bemerkenswert, wie schnell sich exemplarisch betrachtet Teilnehmer aus Team Blau zu dem Schlachtruf „Team Rot ist tot“ hinreißen lassen oder Symbole der anderen Gruppe mit Füßen treten. Ob solcherlei Rufe nun ernsthaftes kriegerisches Potenzial bergen, ist zweifelsohne nicht geklärt. Dass tatsächlich aufeinander geschossen wird, dürfte aber sowieso niemand ernsthaft erwartet haben. Dennoch sind die Aussagen mindestens seltsam. Fast wünscht man sich als Zuschauer dann, dass die Produktionsfirma zu Gunsten einer spannenderen Inszenierung an solchen Stellen nachgeholfen hat – dann müsste wenigstens nicht das menschliche Verhalten gerechtfertigt werden.

Von Moderationen, Versuchsleitungen und Gebbrabel


Moderiert wird die ganze Chose von Jochen Schropp, der in den Spielen als eine Art Glied zwischen den Teams dient – wobei er nicht vermittelnd wirkt oder wirken soll – und zugleich die Fragen an Experimentleiter Lesko stellt. Dieser wiederum soll hintergründige Erläuterungen liefern. Die Dialoge zwischen Schropp und Lesko wandeln allerdings zwischen interessanten psychologischen Einblicken und beinahe belanglosem Gebrabbel, beispielsweise wenn Lesko erklärt, dass sich die Bettenverteilung schon noch ändert, sobald ein Teilnehmer schnarcht. Auch bei Schropp sitzt nicht jede Moderation. Wenn er erklärt, dass die Teams ihre Spiele auf dem Fernsehfriedhof austragen, auf den er aber selbstverständlich nicht gehört, ist das nicht nur sinnbefreit sondern auch eher unlustig.

Gipfeln soll das Experiment in einem Spiel, das auf den Namen „Das Gemetzel“ getauft wurde. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine vereinfachte Variante von Football – inklusive der entsprechenden Schutzkleidung. Die hier entstehende Aggression soll den Höhepunkt der Sendung darstellen. Viel aufgebrachter als auf einem echten Sportplatz wirkt die Stimmung allerdings gar nicht. Ja, sie ist aufgeheizt und man ist Böse aufeinander. Aber reicht das schon, um von Krieg zu reden? Christopher Lesko spricht zumindest von einem Erfolg mit dem Experiment, wobei der Begriff an dieser Stelle wohl relativ zu betrachten ist.

Das aber ist nun einmal, was bei Experimenten passieren kann: Dass die Aussagen so stark sind wie gewünscht, kann im Vorhinein nicht gesagt werden. Das mindert nicht das Interesse an der Sendung. Zu loben ist primär auch das Konzept, mit dem ZDFneo nach «Der Rassist in uns» wieder überzeugt. Das Gute: Es gäbe noch viele Experimente ähnlicher Art, einige sind vermutlich sogar noch besser geeignet als die vermeintliche Kriegssimulation. Themen wie Konditionierung oder Priming sind sicher ebenso von hoher Relevanz.

Die mit dem Titel der Sendung «Plötzlich Krieg?» gestellte Frage jedenfalls kann definitiv nicht mit einem klaren „Ja“ beantwortet werden. Wohl in diesem Wissen haben die Verantwortlichen überhaupt das Fragezeichen mit hinein genommen. Aber «Plötzlich Rivalen» wäre halt auch bei Leibe nicht so catchy gewesen…

«Plötzlich Krieg?» ist am Dienstag, 27. Oktober und Mittwoch, 28.Oktober jeweils um 21.45 Uhr bei ZDFneo zu sehen.

Hinweis: Diese Rezension beruht auf einem 60 Minuten langen Zusammenschnitt und nicht auf der circa 3 Stunden langen Originalsendung.

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