Leider neigen viele Schauspieler und Schauspielerinnen dazu, eine Vorstellung von sich zu entwerfen, der sie dann auch folgen. Irgendwann glauben sie sich diese Selbstinszenierung und ziehen die ein Leben lang durch. Die unnahbar Schöne, der harte Mann, der coole Typ, Sie gefallen sich so. Dabei wäre es viel interessanter das ehrliche, eigene Ich zu entdecken und ein unbeeinflusster Mensch zu bleiben. Natürlich identifiziere ich mich mit einer Rolle, aber ich lasse mich nicht von ihr übernehmen.
Sie beschreiben sehr ehrlich Ihre Unsicherheiten als junger Schauspielschüler in München. Im Fernsehen sieht man später oft nur die fertige, souveräne Figur. Wie groß ist die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und innerer Realität eines Schauspielers?
Wenn man seinen Beruf ernst nimmt, muss ich diese Figur, die ich spiele erstmal für mich öffnen. Welche Haltung hat sie zu Politik, Gesellschaft, Kultur, Religion? Wo liegen ihre Abgründe? Wie bewegt sie sich, wie spricht sie? Wo finde ich das Versagen dieser fiktiven Person? Ich bin heute noch unsicher, wenn ich an eine neue Figur herangehe. Beim Spazierengehen spreche ich dann manchmal mit meiner Rolle, versuche herauszufinden, wer das ist. Bei mir ist es ein längerer Prozess. Aber wenn ich dann tief genug eingedrungen bin in den Menschen, den ich darstelle, dann kann ich ihn auch sicher und souverän zeigen. Bei Castings bin ich nie gut. Du bekommst einen Text und sollst dann etwas spielen. Funktioniert bei mir nicht.
In Ihrer Autobiografie betonen Sie, dass Sie kein „auf ein Podest hochgeschöntes Leben“ erzählen wollten. Glauben Sie, dass heutige Serienfiguren oft zu glatt, zu perfekt geschrieben sind – und dadurch an Glaubwürdigkeit verlieren?
In manchen Serien werden Schemata festgelegt und denen hat man zu entsprechen. Da gibt es den unverbesserlichen Bösen, die ständig Beleidigte, die immer wieder neu Verliebte, den ratlosen, liebevollen Trottel. Das bleibt oft für Jahre so. Ich habe in meiner Rolle als Apotheker zum Beispiel angekreidet, dass er – angefangen bei der Kleidung bis zu seiner Unfähigkeit sich dauerhaft zu binden – keine Veränderung erfährt. Das hat mich sehr gestört. Denn man entwickelt sich doch als Mensch. Außerdem sehen wir in Serien heute ständig Anwälte, Architekten, Ärzte, Kunsthistoriker usw. Bäcker, Metzger, Handwerker, die werden alle nicht erzählt – bestenfalls als kurze Randfiguren. Da ist vieles sehr verlogen.
Sie schildern sehr eindrücklich, wie stark Herkunft, katholische Prägung und Kindheit Ihr Weltbild beeinflusst haben. Spielt diese biografische Verwurzelung auch bei der Auswahl Ihrer Rollen eine Rolle?
Eher nicht. Für mich ist es interessanter Figuren zu spielen, die ich nicht kenne, mir erst erarbeiten muss. Ich habe in diversen Rollen bereits meinen Vater umgebracht, einen Rivalen zusammengeschlagen, mich in meine Halbschwester verliebt, hilflos einer Vergewaltigung zugesehen. Ich habe Förster gespielt, Nazischergen, Gangster, Skilehrer. Es ist spannend für mich Rollenprofile auszufüllen, die mit mir wenig oder nichts zu tun haben. Eine Rolle, die Gott oder den Glauben an ihn in den Dreck zieht, würde ich nicht spielen. Es sei denn, dass über diese negative Haltung Glaube transportiert wird, Gott näher gebracht wird. Also eine Spiegelung stattfindet.
Gerade im bayerischen Fernsehen – etwa bei «Dahoam is dahoam» – geht es oft um Heimat, Tradition und Identität. Wie realistisch bildet das Fernsehen ländliches Leben heute noch ab?
«Dahoam is Dahoam» ist ein Ausnahmeformat. Dort wird gezeigt, wie vor allem ländliches Zusammenleben auch heute noch gepflegt wird. Man geht eben noch aufs Dorffest, zum Schuhplattler-Training. Dadurch, dass jeder jeden kennt, ist man letztlich auf die Gemeinschaft noch angewiesen. Man hilft einander, ist für den anderen da. Die Vogelstraße in Forchheim, in der ich aufgewachsen bin, war auch ein Mikrokosmos, der funktioniert hat. Da gab es einen Schlosser, einen Schreiner, einen Friseur, unsere Metzgerei. Daneben eine Bäckerei, gegenüber einen Bauern und einen Gemischtwarenladen und es gab das „Achhörnla“ (Eichhörnchen), eine Wirtschaft, in der man sich am Stammtisch austauschen konnte. Man brauchte die Straße nicht zu verlassen und bekam alles. Sogar ein Bader war vorhanden für „kleinere Operationen“. Natürlich setzt einen diese Enge auch unter Druck, weil man letztendlich unter ständiger Beobachtung steht.
Sie haben in einer Zeit angefangen, als Fernsehen noch ein stark gemeinschaftliches Erlebnis war. Wie erleben Sie den Wandel hin zu Streaming, Mediatheken und fragmentierter Mediennutzung?
Heute entdeckt einer eine Serie für sich und guckt dann am Wochenende 36 Folgen, bis es ihn langweilt. Ich bedaure diese Entwicklung. Früher fand man sich als Familie vor dem Fernseher ein, weil um 20.15 eine Serie, ein Krimi begann. Wohlgemerkt 1 Folge, auf die nächste musste man eine Woche warten. Das schuf Spannung oder Suspense, wie es heute heißt. Andererseits haben wir jetzt vielfältigere Möglichkeiten. Zum einen haben wir Zugang zu den unterschiedlichsten Informations- und Nachrichtenquellen, zum anderen sehen wir indische, spanische, italienische, baskische und türkische Serien im Original mit Untertiteln. Großartig. Es kommt eben immer darauf an, wie man Social Media Plattformen nutzt. Macht es mich abhängig oder entscheide ich, wie ich damit umgehe?
Im Buch beschreiben Sie die Faszination, Menschen genau zu beobachten – Bewegungen, Körpersprache, Details. Ist diese Beobachtungsgabe für Sie der Schlüssel zu glaubwürdiger Figurenarbeit?
Bewegung und Haltung eines Menschen verraten mehr über ihn, als er ahnt. Bin ich ein freier Mensch mit weiten, gelassenen Bewegungen und offener Körpersprache? Oder verschließe ich mich - verschränkte Arme, geneigter Kopf, unsicherer Blick, Beine überschlagen. Unser Inneres Erleben drückt sich zu einem großen Teil in Äußerlichkeiten aus. Für mich war das schon als Schauspielschüler spannend. In meinem Beruf gehört es unbedingt dazu, Menschen zu beobachten, um herauszufinden, was da stattfindet. Als ich am Residenztheater in München spielte, wollte ein großer Kollege unbedingt seine „Spielschuhe“ (spanische Stiefel) zu den Proben tragen, weil er dadurch leichter seine Einstellung zu der Figur finden konnte. Louis de Funès hat einmal gesagt, er habe die meisten seiner Figuren mit den Bewegungen eines Huhns gespielt. Abgehackt, ruckartig, verwirrter Blick. Das war lustig. Es ist nicht so, dass man von Außen an eine Rolle herangeht, sondern natürlich von Innen. Aber die Psyche zeigt sich in vielen Kleinigkeiten eben auch im Äußeren.
Sie schreiben über Ihre jugendliche Wut und Jähzorn-Phasen. Würden Sie sagen, dass gerade diese „unbequemen“ Seiten helfen, komplexere Figuren zu spielen – statt nur Sympathieträger?
Selbstverständlich weiß ich durch die unangenehmen Phasen meines Lebens, wie ich so jemanden darstellen kann. Aber es ist nicht notwendig eine bestimmte Situation gelebt zu haben, um sie ausdrücken zu können. Um es ad absurdum zu führen: ich muss keinen Mord begangen haben, um einen Mörder zu spielen. Deswegen bin ich ja Schauspieler. Die ernst zunehmende Schauspielerei ist ein Beruf, durch den ich jederzeit unterschiedlichste Facetten abrufen kann. Es wäre absurd vier Wochen unter einer Brücke zu leben, um einen Penner spielen zu können. Jedenfalls für mich.
Serienfiguren werden heute oft über viele Staffeln hinweg erzählt. Wie verändert das das Schauspiel im Vergleich zu früheren Einzelproduktionen oder Theaterarbeit?
Meinen „gewaltigsten“ Drehtag hatte ich in «Dahoam is Dahoam». Ich musste an diesem Tag siebzehn Szenen spielen, die auf 42 Textseiten niedergeschrieben waren. Nach Drehschluss ging ich zu meinem damaligen Produzenten und habe ihm gesagt, dass ich so etwas nie wieder machen würde, eher kündige ich. Es kam dann auch nie wieder vor. Für ein Theaterstück hatte man früher zwischen vier und sechs Wochen Probenzeit. Für ein Fernsehspiel im Studio mit zwei Aufzeichnungstagen vier Wochen. Da konnte man natürlich sehr exakt und tiefergehend arbeiten. Ich bedauere meine jungen Kollegen, die heute oft nur Text abliefern müssen, um das immense Drehpensum zu schaffen. Die Qualität des Gezeigten leidet dadurch natürlich enorm. Ich habe vor kurzem einen Tatort abgedreht, bei dem so exakt wie früher gearbeitet wurde. Es war eben Zeit da für die eigentliche Arbeit. Toll!
Ihre Biografie zeigt viele Brüche – familiär, beruflich, emotional. Warum tun sich deutsche Serien Ihrer Meinung nach manchmal schwer damit, echte Brüche radikal zu erzählen?
Das hat mit Fantasie zu tun und mit Angst. Wenn mal etwas gut läuft, dann wagt es niemand, daran etwas zu verändern. Denn die Quote könnte ja 0,2 Prozent nach unten gehen. Die Quote bestimmt alles. Aber die Quote sagt letztendlich nicht viel aus. Wenn sie «Schuld und Sühne» von Fjodor Dostojewsky in einer fantastischen Inszenierung um 0.05 senden, wird die Einschaltquote logischerweise niedrig sein. Leider heißt es dann aber nur, Literaturverfilmungen will niemand sehen. Über dieses System lässt sich die Medienlandschaft natürlich vollständig manipulieren. Echte Brüche radikal zu erzählen, wie es in Ihrer Frage heißt, könnte den Zuschauer ja überfordern. Deswegen lässt man es lieber. Ich glaube allerdings, dass die Fernsehmacher an verantwortlicher Stelle den Zuschauer unterschätzen.
Sie sprechen im Buch von „Mehrmenschwerdung“. Kann Fernsehen – jenseits von Unterhaltung – tatsächlich zu so einer „Mehrmenschwerdung“ beitragen?
Als ich «Die große Stille», eine Dokumentation über ein Schweigekloster der Karthäuser, zum ersten Mal sah, war ich schwer beeindruckt. Wenn sich das Fernsehen solcher Formate annimmt, die ein Fenster zu unserer Seele öffnen können, dann kann Fernsehen etwas in uns bewirken. Viele Sender bringen Sendungen, die sich mit Religion, Meditation, Gebet beschäftigen. Ich bin überzeugt, dass so etwas Anstöße geben kann für das eigene Leben. Aber die echte „Menschwerdung“ können wir nur mit uns, in uns vollziehen. Das Fernsehen brauchen wir dazu nicht. Auch keine Drogen, Kerzen, Weihrauch oder spirituelles Beieinandersitzen. Da ist Gott und hier sind wir. Wenn er uns die Hand reicht, bedarf es keiner Äußerlichkeiten. Die Begegnung mit Gott ist eine intime und nicht medienträchtige Angelegenheit. Dennoch begrüße ich es, wenn das Fernsehen versucht in diversen Formaten Gott zu vermitteln.
Wenn Sie heute auf die deutsche Serienlandschaft blicken: Wo sehen Sie authentische Figuren – und wo würden Sie sich mehr Mut, mehr Wahrhaftigkeit wünschen?
Ich kann das nicht im Einzelnen benennen, das wäre zu vielschichtig. Aber ich bin froh, dass es Regisseure, Produzenten, Redaktionen und letztendlich Autoren gibt, die nicht mutlos werden und immer wieder echte authentische Figuren beschreiben. Meine Frau und ich sitzen manchmal vor dem Bildschirm und sind begeistert, wenn da ein Mensch sein Leben zeigt - ehrlich und unverstellt. Das kann natürlich nur passieren, wenn die Geschichten stimmig sind und die Autoren in sich hineinhorchen. Denn, um es mit Billy Wilder zu sagen: Drei Dinge braucht ein guter Film: ein gutes Drehbuch …. Ein gutes Drehbuch …. Und ein gutes Drehbuch.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
“Drehbuch meines Lebens“ kann bei Amazon bestellt werden.







RTL abwartend, Produzent pessimistisch: Zukunft von «Cobra 11» sehr ungewiss
Programm-Marken: ZDF-«Frühling» blüht auf, «Promis unter Palmen» wieder heiterer

Senior Video Producer/ 1st TV Operator (m/w/d)
1. Aufnahmeleitung im Bereich Reality (m/w/d)
Initiativbewerbungen (m/w/d)




Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel