Interview

‚Einfache Rollen gewinnen. Held, Bösewicht.‘

von

In «This is America: Free Luigi» untersucht Khesrau Behroz einen Fall zwischen Mord, Medienhype und gesellschaftlicher Projektionsfläche – und stellt die Frage, warum einfache Antworten heute so verlockend sind.

Herr Behroz, Ihr neuer Podcast erzählt die Geschichte eines mutmaßlichen Mörders, der zum gefeierten Helden wurde. Was hat Sie an diesem Fall besonders fasziniert?
Der Arbeitstitel ist „Tod eines Geschäftsführers“ gewesen. Denn ich musste ziemlich früh an Tod eines Handlungsreisenden von Arthur Miller denken. Diese Idee vom amerikanischen Versprechen und dem Moment, in dem es kippt. Ich beschäftige mich viel mit den USA, aber dieser Fall war eine Gelegenheit, noch genauer hinzuschauen: Was passiert da gerade gesellschaftlich? Was verschiebt sich? Und warum werden aus einzelnen Taten plötzlich größere Erzählungen?

Luigi Mangione polarisiert extrem – für die einen ist er Täter, für andere eine Symbolfigur. Wie gehen Sie erzählerisch mit dieser Ambivalenz um?
Wir lassen sie stehen. Uns interessieren genau diese Zwischenräume. Wenn sofort klar ist, wer gut und wer böse ist, ist es meistens nicht wirklich interessant.

Der Podcast stellt die Frage, wie sich moralische Kategorien wie „gut“ und „böse“ verschieben. Haben Sie während der Recherche selbst Momente erlebt, in denen Ihr eigenes Urteil ins Wanken geriet?
Was auffällt, ist vor allem, wie schnell sich Dinge zuspitzen. Also wie wenig Raum dazwischen bleibt. Ich stand vor dem Gericht in New York und habe mit Leuten gesprochen, die sehr ruhig und sehr überzeugt sagen: Dieser Mann gehört hier gar nicht hin. Das fand ich erstmal bemerkenswert.

Mein eigenes Urteil hat sich weniger verschoben. Aber man trifft Menschen, die einen kurz rausbringen. Ich habe zum Beispiel mit einem Juror gesprochen, der bis heute von einem Freispruch überzeugt ist, obwohl die Tat von genau dem Mann verübt wurde, den er freigesprochen hat. Das bleibt hängen.

Ein zentrales Thema ist die enorme mediale Aufladung des Falls. Wann kippt Berichterstattung Ihrer Meinung nach in Hype oder sogar Mythologisierung?
In dem Moment, in dem sich die Geschichte besser erzählt als sie belegbar ist. Und wenn gleichzeitig ein Bedürfnis da ist nach einfachen Antworten. Dann wird aus einer Tat schnell etwas Symbolisches. Und das verselbstständigt sich dann ziemlich schnell.

Social Media spielt eine große Rolle bei der Heroisierung von Figuren. Welche Dynamiken haben Sie dabei besonders beobachtet?
Social Media mag keine Grauzonen. Einfache Rollen gewinnen. Held, Bösewicht. Dazwischen ist wenig Platz. Wenn dann noch Memes, Lieder, ja, in diesem Fall sogar Musicals, dazukommen, entsteht sehr schnell eine Identifikationsfigur.

Dass sich Menschen Tattoos stechen lassen oder Merchandise entsteht, zeigt eine extreme Form der Identifikation. Wie erklären Sie sich diese emotionale Bindung?
Weil es irgendwann gar nicht mehr um die Person geht. Sondern um das, was man in sie reinlegt. Frust, Ungerechtigkeit, vielleicht auch so ein diffuses Gefühl von: Es müsste sich mal etwas ändern. Und dann wird diese Figur zur Projektionsfläche. Der Rest ergibt sich fast von selbst.

Der Podcast beleuchtet auch strukturelle Probleme im US-Gesundheitssystem. Inwiefern ist der Fall Mangione ohne diesen Kontext überhaupt zu verstehen?
Es gab eigentlich kaum ein Gespräch ohne dieses Thema. Viele haben eigene Erfahrungen, oft ziemlich existenzielle. Und dieses Gefühl, dass etwas grundsätzlich schiefläuft, ist wichtig, um zu verstehen, warum jemand wie Mangione für manche überhaupt anschlussfähig wird.

Sie reisen für den Podcast durch verschiedene Städte der USA. Wie stark unterscheiden sich die Perspektiven auf den Fall regional?
Weniger, als man vielleicht denkt. Es gibt eher zwei Grundhaltungen, die sich überall wiederfinden: Die einen sagen, das war absolut falsch, Mord ist niemals akzeptabel; die anderen sehen darin eine Form von Widerstand. Aber ob San Francisco, Philadelphia, New York oder Texas: Beide Perspektiven existieren nebeneinander.

True Crime boomt seit Jahren. Was wollten Sie mit «This is America» anders machen als klassische Formate des Genres?
Uns hat die Tat selbst weniger interessiert – die ist ja ziemlich gut dokumentiert. Spannender ist das, was danach passiert: Wie entsteht so ein Hype? Warum hält er sich? Und was sagt das über die Gesellschaft aus, in der er entsteht?

Sie haben bereits Podcasts wie «Cui Bono» oder «Judging Amanda Knox» gemacht. Was unterscheidet dieses Projekt inhaltlich und erzählerisch von Ihren bisherigen Arbeiten?
Vielleicht, dass wir hier stärker in Echtzeit beobachten. Also nicht rückblickend rekonstruieren, sondern dabei zusehen, wie sich eine Geschichte gerade erst formt. Das macht es ein bisschen unordentlicher.

Wie schwierig ist es, bei einem so emotional aufgeladenen Thema journalistische Distanz zu wahren?
Distanz heißt ja genau hinschauen. Nicht: nichts fühlen.


Der Podcast basiert auch auf Aussagen von Insidern und Whistleblowern. Wie gehen Sie mit der Verantwortung um, solche Quellen einzuordnen und zu schützen?
Viele der Menschen, mit denen wir gesprochen haben, sind bereits öffentlich aufgetreten. Trotzdem gilt: Aussagen müssen überprüft werden. Wir schauen uns Belege an, führen mehrere Gespräche, versuchen, Aussagen einzuordnen. Und im Zweifel lieber eine Unsicherheit stehen lassen, als sie wegzuerzählen.

Was sagt dieser Fall aus Ihrer Sicht über den aktuellen Zustand der amerikanischen Gesellschaft aus?
Dass da gerade ziemlich viel unter Spannung steht. Ungleichheit, Misstrauen, Wut – das ist alles nicht neu, aber es verdichtet sich. Und man schaut natürlich auch von außen drauf und fragt sich: Wie weit sind wir eigentlich davon entfernt?

Was ist Ihr Resümee nach dem Fall?
Dass es selten nur um diesen einen Fall geht. Sondern darum, was wir darin sehen wollen. Und manchmal auch darum, was wir lieber nicht sehen würden.

Vielen Dank für das Gespräch!

«THIS IS AMERICA: FREE LUIGI» – ab 30. April 2026 überall, wo es Podcasts gibt. Neue Episoden gibt es immer donnerstags, alle fünf Episoden sofort ab Start in der ARD Sounds App.

Kurz-URL: qmde.de/171249
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