Die Kritiker

Lug, Trug und Mut im alten Hollywood: «The Last Tycoon»

von

«Der große Gatsby»-Autor F. Scott Fitzgerald erschuf mit seinem letzten Roman die Geschichte eines aufreibenden Machtkampfes im Hollywood der 30er-Jahre. Taugt dies zu einer ansprechenden Amazon-Serie?

Cast & Crew

  • Regie: Billy Ray
  • Drehbuch: Billy Ray, basierend auf dem Roman von F. Scott Fitzgerald
  • Darsteller: Matt Bomer, Kelsey Grammer, Lily Collins, Dominique McElligott, Enzo Cilenti, Koen De Bouw, Mark O’Brien, Rosemarie DeWitt, Jessica De Gouw
  • Musik: Mychael Danna
  • Kamera: Daniel Moder
  • Schnitt: Christopher Gay
  • Produktionsdesign: Patrizia von Brandenstein
  • Szenenbild und Setdekoration: Christa Munro, Maria Nay
  • Produktionsfirmen: Amazon Studios, TriStar Television, City Entertainment, KippSter Entertainment, Sony Pictures Television
Der legendäre Schriftsteller F. Scott Fitzgerald verarbeitete in seinem Schlüsselroman «The Last Tycoon» seine Beobachtungen über die Mechanismen, die Hollywood am Laufen halten. Zwar konnte Fitzgerald, der 1940 verstorben ist, dieses Werk nie vollenden, dennoch ging es in die US-amerikanische Kultur ein und wurde bereits mehrfach adaptiert. Die jüngste Adaption stammt von Autor und Regisseur Billy Ray (Drehbuch zu «Captain Phillips») und wurde zunächst für HBO entwickelt. Der Bezahlsender lehnte das Projekt letztlich allerdings ab, woraufhin Amazon eingesprungen ist und die Serien-Interpretation im Rahmen seiner jüngsten Pilot-Season zur Bewertung freigibt. Mut macht dies nicht gerade, gehört zu den vergangenen Amazon-Piloten doch unter anderem die eigentlich für ABC gedachte Serie «Point of Honor», die fast schon deprimierend mies daherkam.

Glücklicherweise ist «The Last Tycoon» allerdings weit von der mageren Qualität der Bürgerkriegs-Peinlichkeit entfernt – jedoch bietet die Pilotfolge noch so viel Luft nach oben, dass unklar ist, ob weitere Folgen dem Stoff endlich gerecht werden könnten.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Monroe Stahr (Matt Bomer), eine Art Wunderkind des Hollywood-Studiosystems: Gerade einmal Anfang 30, ist Monroe die kreative Hoffnung der Produktionsschmiede Brady-American. Als rechte Hand des Studiobosses Pat Brady (Kelsey Grammer) bügelt Monroe sämtliche Probleme aus, die sich bei laufenden und auch bei geplanten Produktionen ergeben. Außerdem arbeitet er hart daran, ein Biopic über seine Frau zu verwirklichen, die vor zwei Jahren bei einem Brand gestorben ist. Doch Monroe gerät studiointern unter Beschuss, da kommende Filme zwecks Importmöglichkeiten nach Europa an die Sensibilitäten des Naziregimes angepasst werden sollen – und da hat ein optimistischer Film über eine Frau, die mit einem jüdischen Gatten zu Ruhm und Glück gelangt, nichts zu suchen. Statt klein bei zu geben, heckt Monroe gemeinsam mit Bradys Tochter Cecelia (Lily Collins) einen Plan aus: Sie wollen einen Film verwirklichen, der den Nazis den satirischen Spiegel vorhält. Wenn sie den Vertrieb verweigern, gestehen sie der Welt gegenüber ihre Taten ein, wenn sie ihn veröffentlichen, könnte er die Öffentlichkeit endlich stärker gegen sie aufwiegeln …

Zusätzlich zum zentralen Plot stützt die Pilotfolgen auf weiteren Handlungssträngen und Thematiken, darunter weitere, kleinere Machtkämpfe innerhalb Brady-American, die Diskrepanz zwischen Studioimage und intriganten Machenschaften hinter den Kulissen sowie das soziale Klima in den 30ern: Monroe und gleichgesinnte Kollegen mögen sich mit Blick auf das hasserfüllte Naziregime als aufgeschlossen betrachten, dennoch messen auch sie mit zweierlei Maß, wandeln unbeirrt durch eine Gesellschaft voller Alltagssexismus und Alltagsrassismus.

Ein so reichhaltiger, fiktionaler, aber plausibler Blick hinter die Kulissen Hollywoods scheint wie für eine serielle Erzählung geschaffen. Doch obwohl Matt Bomer («Magic Mike XXL») in seinem ihm perfekt sitzenden Anzug und mit Schmalzlocke aussieht, als hätte seine Figur Monroe wenige Jahrzehnte später Don Draper zu seinem Look inspirieren können, ist «The Last Tycoon» in seiner Pilotfolge noch kein „«Mad Men» im Hollywood der 30er“. Dies ist hauptsächlich dem Dialogbuch verschuldet, dass diverse hölzerne und aufgesetzte Wortwechsel umfasst. Ein Gespräch zwischen Grammer (der einen sehr lustlosen Eindruck erweckt) und Collins (engagiert und ideal besetzt) könnte kaum noch offensichtlicher Exposition abliefern, würde es die Floskel: „Also, wie du ja schon weißt …“ beinhalten.

Auch Bomer kommt nicht umher, jegliche Subtilität seiner Charakterisierung einmal gen Kamera zu flüstern: „So werden Filme gemacht, und sie sind alles, was ich habe. Ich spüre sonst nichts“, merkt der Mime an, als Monroe über die Schattenseiten seiner Arbeit spricht. Der Beau beweist in dieser Pilotfolge zwar, dass er eben doch auch etwas auf dem Kasten hat und müht sich redselig ab, seinem strebsamen Protagonisten eine plausible Schroffheit mitzugeben – doch bei solchen Textzeilen kann auch Bomers Darbietung nur wenig erreichen.

Dessen ungeachtet ist es Billy Ray in seiner Adaption der Fitzgerald-Vorlage gelungen, runde Figuren zu erschaffen, die eine gute Basis für eine sehenswerte Serie darstellen. Monroe ist im Gegensatz zu vergleichbaren Serienhelden in seinem Berufsbild sehr idealistisch, gewinnt seine dunkle Seite primär dadurch, wie kompromisslos er in seinen hehren Zielen ist. Auch die weiteren Entscheidungsträger bei Brady-American sind keine Abziehbilder, ihr Willen, den Wünschen der Nazis nachzugeben, wird etwa nicht als fataler Gehorsam skizziert, sondern als naives Wirtschaftsdenken.

Während Ray die Pilotfolge sehr schwerfällig strukturiert, überzeugt er auf der inszenatorischen Seite: Die Kostüme sind prachtvoll, die Kulissen und Sets angemessen detailfreudig und die Kameraarbeit bringt den Schwung und die Dynamik mit, die dem Skript fehlen. Da Amazon jedoch schon bei anderen Formaten nach der Pilotfolge bezüglich des Produktionsaufwands auf die Bremse gedrückt hat, bleibt die Frage offen: Sollte man sich eine ganze «The Last Tycoon»-Serie wünschen und hoffen, dass weitere Episoden das gebotene Potential mit gleichbleibend guter Ästhetik umsetzen? Oder ist «The Last Tycoon» eine Enttäuschung, die darauf wartet, sich an ihr Publikum heranzuschleichen?

Fazit: «The Last Tycoon» sieht gut aus, kitzelt eine sehenswerte Performance aus Matt Bomer heraus und bietet enormes Potential – ist in der Pilotfolge aber zäh, überfrachtet und hat sehr hölzerne Dialoge, die es zu erdulden gibt.

«The Last Tycoon» ist ab sofort bei Amazon verfügbar.

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