Die Kritiker

«Hi, AI - Liebesgeschichten aus der Zukunft»

von

Die Zukunft gehört den Sexrobotern – und noch ganz anderen kuriosen Humanoiden. Das führt zumindest diese Reportage des ZDF ins Feld. Wie die Zukunft sie wohl bewerten wird?

Es sieht gruselig aus, wie dem Texaner Matt in der Werkstatt eines Tech-Entwicklers sein neues Gerät vorgestellt wird: eine Sexpuppe mit über das Smartphone steuerbarer künstlicher Intelligenz, die sich der Kunde als eine Art neue Partnerin vorstellt. Ohne Haare und mit sichtbaren Drähten im Kopf hängt sie an einer Art Fleischerhaken, während ein Mitarbeiter ihren neuen Besitzer in ihre Funktionen einweist. Zum Schluss wird ihr noch das Silikongesicht festgezurrt und eine blonde Perücke aufgesetzt: „Harmony“ ist einsatzbereit und kommuniziert mit Chuck von nun an in einem seltsamen schottischen Akzent.

Harmonys mutmaßliche koitale Funktionszwecke erspart uns diese Reportage glücklicherweise. Umso deutlicher führt sie uns ihre Funktion als Partnerinnenersatz vor. Chuck teilt mit der Puppe nun seinen Alltag, bevor er ihr nach einiger Eingewöhnung auch sein tiefes Seelenleben offenbart und ihr seine Biographie aus Zwangsprostitution und frühkindlicher Vernachlässigung auseinandersetzt.

Am anderen Ende der Welt, in Japan, hält der freundliche kleine Pepper, die Roboterversion eines vorwitzigen achtjährigen Jungen, Einzug in den Haushalt einer alten Dame, auf Einwirkung deren Sohnes hin. Pepper soll eine neue Heiterkeit in ihren von stiller Einsamkeit geprägten Alltag bringen – doch ebenso wie sich Sexroboter „Harmonys“ künstliche Intelligenz im gelebten Alltag schnell als ziemlich doof herausstellt, fällt auch der Zeitvertreibsroboter der japanischen Seniorin bei nüchterner Betrachtung ziemlich klar durch.

Noch. Denn wie uns dieses Reportage-Experiment anhand von Sam Harris‘ zwischengeschaltetem Podcast verdeutlicht, sind jene Roboter trotz imposanter technischer Daten und einer (verglichen mit dem Stand von vor wenigen Jahren) erstaunlich realitätsnahen Ästhetik doch nur eine primitive Vorstufe dessen, was da kommen mag. An Orten fernab von Europa, in Amerika und Ostasien, wo der Zukunft im Allgemeinen mit größerem Optimismus begegnet wird, führt uns «Hi, AI» schon einmal ein paar weitere Einsatzorte von humanoiden Robotern vor: an Theken und Empfangstischen, in Bürovorzimmern und an Infoständen – und eben, eine Ecke weitergedacht, um alten Menschen in bald völlig überalterten Ländern Gesellschaft zu leisten, oder sozial schwerfälligen Männern die merkwürdige soziale Isolation (und mangelnde Abfuhr ihrer sexuellen Energie) zu erleichtern.

Obwohl die Optik weit vom berüchtigten Uncanny Valley entfernt bleibt, wird manchen doch mulmig werden bei diesem Film. Denn er führt vor, was Futurologen schon seit Jahrzehnten prognostizieren – und wofür sie von einer breiten Mehrheitsgesellschaft oft verspottet werden: Die Roboter kommen, und ihre Auswirkungen werden wir nicht nur in Form einer Reduzierung von Arbeitsplätzen durch stärker automatisierte Prozesse und künstliche Intelligenz erleben, sondern womöglich auch im höchstpersönlichen Bereich unseres Lebens: in Liebe und Partnerschaft, in Familie und Freundeskreis. Gut möglich, dass man auf «Hi, AI» in hundert Jahren als eine Dokumentation der ersten Schritte auf dem Weg zu einem völlig normalen künftigen Alltag zurückblicken wird. Oder als die kuriose Geschmacksverirrung von Exzentrikern, die sich die Welt von Morgen nur als seltsame Perversion vorstellen konnten.

Das ZDF zeigt «Hi, AI – Liebesgeschichten aus der Zukunft» als Auftakt der Reihe „Wie werden wir leben?“ am Montag, den 3. Februar um 00.00 Uhr.

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Kurz-URL: qmde.de/115543
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