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Nicht die Talkshow ist pervers, sondern die pseudojournalistische Einstellung, die sie auslebt

von   |  9 Kommentare

Die Forderung nach einer einjährigen Talkshowpause im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird immer größer. Dabei würde die zu wenig bewegen. Was es braucht, ist eine generelle Neuausrichtung der Themensuche.

Bei Facebook und Twitter taucht nicht nur die Forderung, einfach mal ein Jahr lang die öffentlich-rechtlichen Talkshows verstummen zu lassen, immer häufiger auf. Vom öffentlichen Politdiskurs frustrierte, junge Erwachsene kramen mit steigendem Wachstum zudem eine journalistische Grundlektion hervor, die sie (oder Bekannte eines Bekannten einer Verwandten) im Studium hatten – und die sie in vielen Publikationen heutzutage vermissen würden. Es gibt viele Abwandlungen dieser grundlegenden Lektion, doch im Groben verlaufen sie alle so: "Journalismus bedeutet: Wenn ein Mensch sagt, dass es draußen regnet, und die andere Person sagt, dass es draußen trocken sei, dann ist es nicht dein Job, beide zu zitieren. Dein Job ist es, vor die Tür zu gehen und nachzuschauen, wer richtig liegt."

Eben diese simple Regel haben nicht nur die Julian Reichelts dieser Bundesrepublik verlernt, sondern auch die Redaktionen hinter den öffentlich-rechtlichen Talkshows. Zugegeben: Das Genre der Talkshow diktiert vor, dass bei «Anne Will», «hart aber fair», «maybrit illner» und «Maischberger» Diskussionen geführt werden. Das liegt in der Natur der Talkshow, doch das muss nicht bedeuten, dass dieses Sendungskonzept von vornherein unjournalistisch sein muss. Allerdings ist es zu einem hoch unjournalistischem Genre verkommen, das sich aber mit der Autorität der «Tagesschau» verkauft. Und darin liegt das grundlegende, massive Problem, das bei vielen politisch aufgeweckten Fernsehenden zur scheinbar unüberwindbaren Talkshowunlust geführt hat.

Öffentlich-rechtliche, meinungsbildende Politsendungen, die nicht aus dem Fenster starren


Denn bei «Anne Will», «hart aber fair», «maybrit illner» und «Maischberger» wird oftmals etwas zu Tode diskutiert, das sich einfach nachschlagen ließe. Und das ist unfassbar nachlässig, wenn nicht sogar gefährlich. Wenn es draußen regnet, in einer Talkshow aber sowohl eine Person zu Wort kommt, die von dieser Überzeugung ist, als auch jemand, der das Gegenteil behauptet, führt das zu folgendem: Es wird Menschen geben, die an der Glotze hängen, hören, dass wer im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sagt, dass der Regenbericht eine Lüge ist, und diesen Gedanken übernehmen. Der Mann klingt überzeugend, diese Person, die von Regen labert, wirkt sowieso arrogant, was kann die schon?

Und schon haben die Talkshows in ihrem Wahn, "beide Seiten zu Wort kommen lassen zu müssen", einen widerlegbaren Fehlglauben propagiert. Bloß, dass die Talkshows heiklere Themen anfassen als den jüngsten Wetterbericht. Wenn bei «Anne Will» das Thema "Die Bremer Asyl-Affäre - Systemfehler oder Einzelfall?" (27. Mai 2018) lautet, dann wird über eine Frage schwadroniert, der sich eigentlich ein Rechercheteam annehmen müsste, um daraufhin einen Artikel oder TV-Beitrag mit der Antwort zu präsentieren. Stattdessen geben Will und ihre Redaktion so einmal mehr den Rechten eine Plattform, wodurch sie Ängste über die angeblich so bösen, schmarotzenden Immigranten schüren können. So muss Monate später die 'taz' mit den Fakten ankommen und aufdröseln, dass der vermeintliche Skandal ein statistisch lachhafter Schluckauf war. Schlägt halt nur kleinere Wellen als ein öffentlich-rechtlicher Polittalk.

Noch unverhohlener in seinem die politische Stimmung in Deutschland verpestenden Sensationalismus ist «hart aber fair» mit Ausgaben wie "Flüchtlinge und Kriminalität – Die Diskussion" (4. Juni 2018). Ein Thema, bei dem es nach dem journalistischen Grundsatz eigentlich nichts zu diskutieren geben dürfte: Die AfD und weite Teile der CSU behaupten, durch Flüchtlinge steige die Kriminalität in der Bundesrepublik, zahlreiche andere Politiker sagen das Gegenteil – und ein Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik würde aus einem spekulativen Talkshowthema eine «Tagesschau»-Meldung machen: Wir leben in Deutschland so sicher wie seit 1992 nicht mehr, und die Zuwandererkriminalität sank 2017 deutlich stärker als die Kriminalität Deutscher. «maybrit illner» versuchte es kurz zuvor, am 31. Mai 2018, sogar mit der Suggestivfrage "Chaos beim Asyl – warum hat der Staat versagt?". Ungeheuerlich …

Die Beispiele ließen sich schier endlos fortsetzen. Am 11. Oktober 2017 verstieß «Maischberger» sogar nahezu wortwörtlich gegen das obige Lehrbeispiel und fragte allen ernstes: "Xavier und die Wetterextreme: Kippt unser Klima?" Wie zahllose Studien der vergangenen Jahrzehnte belegen, lautet die Antwort: Ja! Ja, unser Klima wandelt sich drastisch, und daher sollten wir aufhören, uns zu fragen, ob wir uns den Klimawandel vielleicht doch nur einbilden, und lieber über Lösungen diskutieren.

Frag nicht, ob es gerade regnet; frag, was wir morgen vorhaben, sollte es regnen


Genau dort findet sich die Antwort auf die große Talkshowproblematik Deutschlands: Die Polittalkshows müssen weg von Debatten über Dinge, die sich mit einem (sprichwörtlichen) Schritt vor die Tür beantworten ließen. Wollen Talkshowredaktionen die berechtigte Kritik an ihrer Themenwahl abschütteln und nicht weiter gegen das "Regenprinzip" verstoßen, müssen sie sich von ihrer getarnten Krawalligkeit lösen und Themen anpacken, deren genüsslich ignorierte Antwort nicht vor der Tür liegt. Statt zu debattieren, ob es gerade regnet oder nicht, muss der Austausch über weniger greifbare Fragen gesucht werden. Das mag auf dem ersten Blick weniger Aufmerksamkeit erhaschen und fordert, will man es richtig umsetzen, mehr redaktionelle Vorbereitungszeit. Doch es würde dem Genre der Talkshow endlich (wieder) eine Daseinsberechtigung verleihen.

Das ewig Konträre einer Talkshow ist lachhaft. Lädt man eine Partei ein, die die Wahrheit ausspricht und eine, die sie verleugnet, und klopft sich dann auf die Schulter, brav Pluralismus betrieben zu haben, ist das Unfug. Sinnvollen Pluralismus erreicht man im politischen Diskurs nur selten dadurch, dass man die eingeladenen Diskutanten fragt, was sie denken, wie die Gegenwart aussieht, und sich derweil die Recherchearbeit über den realen Zustand erspart. Man muss in solch einem Forum wie einer Talkshow den Gästen Fragen stellen, die sich nicht mit Wissen oder Wahrheitsverdreherei beantworten lassen, sondern bloß mit Einschätzungen und Lösungsansätzen. Und die Aufgabe der Redaktion sollte es sein, diesen Einschätzungen durch vorab recherchierte Fakten in Kontext zu setzen.

Statt zu fragen "Akte Özil – Gibt es Rassismus in Deutschland?" (Antwort: "Ja, oder wollen wir uns ernsthaft einreden, dies sei das Paradies auf Erden?"), sollte die Frage lauten: "Wie verringern wir den Rassismus in Deutschland?" Keine Talkshow sollte zum Thema haben "Mietpreise, Maklerstress, Migration – Wird Wohnraum etwa teurer?" (Antwort: "Ja, und zieh nicht schon wieder die Migranten in deine Quotengeilheit rein, verdammt!"), viel mehr sollte der Aufhänger sein: "Wie wird der Wohnraum wieder bezahlbarer?" Keine Talkshowmoderatorin und kein Talkshowmoderator sollte die Frage stellen: "Netter Flirt oder doch Belästigung – Haben wir ein Sexismusproblem?" ("Ja, haben wir!"). Und ebenso wenig darf gefragt werden, ob der Klimawandel existiert. Er existiert, und je eher wir uns das eingestehen, desto schneller können wir nach Lösungen suchen, die großflächig umsetzbar sind. Auch im Fernsehen. Denn eine Talkshow sollte dazu da sein, über Auswege zu diskutieren!

Dann können sich die politinteressierten Fernsehenden ein Bild davon machen, von welchen Seiten aus die in ihren Augen sinnigsten Lösungsvorschläge kommen – im Idealfall abgeglichen durch die Kommentare der Talkshowschaffenden, die parallel zur Diskussion Faktencheck betreiben. Das sollte ja wohl durch die Bank weg möglich sein – einer mehrfach prämierten, fähigen Journalistin wie Anne Will würde das definitiv besser zu Gesicht stehen als der irrgeführte Meinungspluralismus, den sie regelmäßig über den Äther schickt. «hart aber fair» wiederum tut bereits so, als sei dies das Konzept der Sendung, allerdings sind die vermeintlichen Fakteneinspieler klar als stur vorbereitete, zur Eskalation der Diskussion gedachte, höchst selektive Streitelemente zu erkennen. Es ist Dunja Hayali, die mit ihrer gleichnamigen ZDF-Talkshow am ehesten den richtigen Weg geht, flankiert sie doch Talkthemen mit investigativen Beiträgen. Das sollte sich die Talkshowrepublik zum Vorbild nehmen – und weiter ausbauen.

Die Rückkehr-Termine der Talkshows

  • «Anne Will»: Sonntag, 19. August, 21.45 Uhr (Das Erste)
  • «maybrit illner»: Donnerstag, 23. August, 22.15 Uhr (ZDF)
  • «hart aber fair»: Montag, 27. August, 21 Uhr (Das Erste)
  • «Maischberger»: Unbekannt (Das Erste)
Zweifelsohne: Es erfordert Mühe und Kosten, eine bestens vorbereitete Redaktion bereitzustellen, die sich einschaltet, wenn die Diskutierenden in ihren Erläuterungen, wie sie bestehende Probleme lösen würden, aus Versehen oder bewusst Zahlen verdrehen. Aber das sollte es uns und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk wert sein. Denn je eher Talkshows aufhören, Brandherde entstehen und eskalieren zu lassen, und je eher sie dazu dienen, Probleme anzupacken – umso früher können wir aufhören, uns über Talkshows Sorgen zu machen. Dann hätten wir vielleicht auch wieder Zeit und Energie, selber mal nachzugucken, wie das Wetter da draußen eigentlich ist.

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Nr27
12.08.2018 15:01 Uhr 1
Da kann ich größtenteils nur zustimmen, wobei ich den Hang zu Gästen mit Extrempositionen für den größten Fehler halte. Die ergiebigsten Talkshow-Runden (bzw. die einzigen, die überhaupt ergiebig sind) sind meiner Erfahrung nach die, in denen nicht um Aufmerksamkeit heischende Gäste konstruktiv über ein Thema diskutieren, zu dem sie KEINE Extremmeinung haben. Da das wohl nicht für die besten Quoten sorgt, findet man solche Runden leider fast nie bei den großen Talkshows - die es sehr offensichtlich auf Krawall anlegen und die dafür bestens geeigneten üblichen Verdächtigen (Reichelt, Wagenknecht, alle von der AfD, die meisten von der CSU) gefühlt im Zweiwochentakt einladen -, sondern z.B. bei der "phoenix Runde" oder auch den gelegentlichen Talks bei Arte oder 3sat mit entsprechend wenigen Zuschauern.

Und das wird sich so schnell auch nicht ändern ...
Familie Tschiep
12.08.2018 16:42 Uhr 2
Am schlimmsten ist Hart, aber fair, es liegt wahrscheinlich auch Frank Plasberg. Fast schon beängstigend ist, dass die Reaktion den Framing-Vorwurf nicht verstanden hat. Wird Zeit, dass er seinen Job verliert. Wer so wenig Verantwortungsbewusstsein hat, darf nicht Talkmaster in einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk bekommen. Er kann dann dieses Jahresquiz machen.

Von Anne Will würde ich mir wünschen, dass sie auch mal Themen anpackt, die sie nicht so talkshowgeeignet aber relevant hält. Vielleicht gibt es dafür Interesse. Man muss es wenigstens mal ausprobieren.

Generell wünsche ich mir mehr Mut zu statistischen Themen, auch wenn sie kompliziert sind. Beim Klimawandel bitte keine Diskussion, ob er menschengemacht ist, das ist längst geklärt und sehr überzeugend, wenn, dann nur mit Experten wie die Schellnhuber, der das auch gut erklären. Ja, dann muss man sich mal Zeit lassen, denn das ist kompliziert, das kann man nicht in 30-Sekundenhäppchen unterbringen, aber es ist so wichtig, dass man dafür eine ganze Sendung reservieren sollte. Herr Schellnhuber erklärt den menschengemachten Klimawandel, meinetwegen auch der Herr Plöger.

Und das Thema des Herbstes könnte der Trumpcrash, die Eurokrise, der Klimawandel und das Erstarken der Grünen sein.
Milli09
12.08.2018 19:04 Uhr 3
Was für ein schrecklicher Artikel. Aber ich weiß, für Sidney Schering und Co. sind Themen wie Migration und Flüchtlingskrise ganz schlimm, weil das linke Herz nicht so recht weiß, wie man damit umgehen soll. Einerseits den Armen helfen wollen, die keine Arbeit haben, oder Wohnung finden, andererseits Millionen Flüchtlinge ins Land lassen, die das Sozialsystem noch weiter belasten und für die Armen dieses Landes noch mehr Konkurrenz auf den Arbeits-und Wohnungsmarkt bedeuten.
Einerseits für Toleranz, Gleichberechtigung und Homoehe kämpfen, andererseits den intoleranten, frauenfeindlichen, antisemitischen und homophoben Islam hofieren.
Da möchte man sich natürlich auch noch ungern in Talkshows mit solchen Themen auseinandersetzen.
Vielleicht sollten sie nicht nur auf der Wetter-App nachgucken, ob es regnet, sondern wirklich mal rausgehen und nachgucken, wie das Wetter in Deutschland so ist.
Ist ja schön, dass die Kriminalstatistik sinkt, blöd nur, dass beispielsweise die Anzahl an Sexualverbrechen sprunghaft angestiegen ist. #Faktencheck
P-Joker
12.08.2018 19:44 Uhr 4
Ein sehr guter Artikel! Alles in allem ist das hier auch, ohne den Namen der Sendung zu nennen, eine Werbung für die "Phoenix Runde"! Doch dazu später.

Zunächst zu den besprochenen Sendungen:
Die Talk Shows von Maybrit Illner & Co. machen leider oft den Eindruck einer Podiumsdiskussion von Wahlkämpfern!
Jeder präsentiert seine Parteiinternen Vorstellungen und meint grundsätzlich damit recht zu haben!
Am schlimmsten ist es dann, wenn übereinander hergefallen wird ("... lassen sich mich mal ausreden" und anderer Quark)!
"Neutrale" Personen kommen oft gar nicht zu Wort oder passen sich oft dem Niveau an.
Zum Teil wird das Ganze noch aufgeheizt durch den teilweise seltsamen Publikumsapplaus!
Denn nicht selten kommt es vor dass Leute für eine Aussage klatschen, für die Gegenrede aber genauso ...

Zur Phoenx Runde:
Hier wird weitgehend auf bekannte Politiker verzichtet. Vielmehr sitzen hier meist neutrale, seriöse Journalisten (kein Schmierfink a la Reichelt), und diverse Experten.
Das sind oft Leute, von denen man vielleicht noch selten etwas gehört hat.
Aber sie haben eine Blick auf die Dinge ohne parteipolitischen Hintergrund.
Das sie zwischendurch auch mal ihre persönliche Meinung äußer ist dabei völlig legitim.
Außerdem positiv: Das Ganze findet ohne nervtötendes Publikum aus!
Neo
12.08.2018 22:42 Uhr 5
Der Unterschied ist da eben aber, und deshalb hinkt der Artikel von Beginn bis zum Schluss, dass das wirklich journalistisch-analytische Formate sind. Die Talks dienen doch nicht der Zielfindung, sondern eher, um Positionen und Meinungen auszutauschen bzw. diese einfach klarer herauszustellen. Der Moderator moderiert das verrückterweise nur und schaut, dass einige Themen abgehandelt werden, stellt ab und an mal eine Frage, die dann wieder zur Diskussion und diese dann zum Bezug von klaren Positionen führt. Anders ist das in Einzeltalks oder eben in kleineren (etwa 1:1) "Runden", wie man es manchmal beispielsweise bei Unter den Linden hat. Ob man die Fragen da nun so überspitzt formulieren muss, ist eine andere Sache. Tja, und die einzelnen Gruppen wollen sich eben auch vertreten wissen, weshalb da auch manchmal extremere Leute sitzen. Auch darüber kann man natürlich diskutieren.
Faktencheck gleich auf die Ohren wäre natürlich schön, aber oftmals ist es nicht so simpel und Bedarf einigen Ausführungen*. Da kann man eben nicht mal kurz vor die Tür gehen und gucken, obs regnet. Da hats dann mal fünf Minuten zuvor getröpfelt oder es hagelt oder der Wind dreht eben in verschiedene Richtungen. Da muss man schon was länger draussen bleiben. 8)
Und das traurige an HaF ist: Der Faktencheck ist wirklich super, aber wer klickt den schon im Internet nach der Sendung an? Die Kritik an dem Format kann man teilen. Romantisiere ich da etwas oder war die Zeit beim WDR einfach wirklich viel besser? Ich entsinne mich, dass das einst mein Lieblingspolit-Talk war. :?

*Zu den eindeutigen Statistiken, die angeblich jegliche Fragestellungen überflüssig machen, weil diese quasi schon alles beantworten: Vieles wird statistisch eben nicht erfasst. Gerade wenn es eben aktuell um die Flüchtlingskrise geht**. Und da sehe ich dann schon Aufklärungs- und Diskussionsbedarf. Das Problem ist eben nur, dass man nicht offen diskutieren kann, weil man dann eben gleich ein Rassist ist. Und das trifft auch Leute, die da niemals in Verdacht standen (Lindner, Palmer, Habeck, Wagenknecht bspw.), auch wenn sie krude Aussagen treffen, aber sonst eben einige Wahrheiten aussprechen, die einfach auch Teile der Bevölkerung beschäftigen. Da freut sich natürlich das AfD Herz, wenn vieles wieder unter den Teppich gekehrt wird und die Bürger den Eindruck bekommen, dass man da etwas verschweigt.

**

Zu guter Letzt kommt natürlich noch die gefühlte Lage im Land hinzu und da sehe ich den Journalismus und die Realpolitik als viel größeres Problem, als eben ein paar Hansel in einer Talkshow.

Alles Dinge, die man garantiert so nicht in einer Talkshow lösen wird, aber meiner Auffassung nach eben das sind, was viele Leute beschäftigt, die Stimmung so extrem stark kippen lässt und den Frust, Hass und Neid fördert. Amen.

Ach, was könnte ich mir noch einen Wolf schreiben oder eher ein ganzes Rudel. Der Wolf ist ja schon da. Man bin ich gut drauf.
Familie Tschiep
12.08.2018 23:54 Uhr 6
So wirkungslos sind Talkshows nicht. Nein, sie bilden nicht nur ab, was die Leute denken, sondern bestimmen auch, was die Leute denken. Durch die Emotionalisierung und durch das Framing haben sie auch die Stimmung gekippt, besonders krass Hart aber fair.

Es kommt auch darauf an, wie man ein Thema behandelt. Mit Wortschöpfungen wie Asyltourismus bestimmt man auch das Denken, siehe die Arbeit von Elizabeth Wehling.

Und heute hätte man darauf verzichten sollen, dass Thomas Walde-Interview mit Gauland einfach streichen sollen. Kein Raum für Klimawandelleugner im deutschen Fernsehen. Walde hat ja nicht das Fachwissen, um Gauland fachlich in die Schranken zu weisen. Es gibt ein Recht auf eigene Meinung, aber kein Recht auf eigene Fakten. Klimawandel ist Fakt, keine Meinung.
Ein Journalist sollte auch im Thema so tief drinstecken, dass er fundiert widersprechen kann. Bitte kein Autoritätsbeweis, fast alle Wissenschaftler sagen es. Nein, darum sagen es viele Wissenschaftler. Für mich wäre das schon ein Grund für eine Kündigung von Walde. Er hat Propaganda Vorschub geleistet.
Die heute-Sendung war heute ganz schlimm, weil da auch falsche Tatsachenbehauptungen aufgestellt wurden. Solche Behauptung darf man nur ausstrahlen, wenn danach ein Erklärungsfilm läuft, der das einordnet, sonst widerspricht man seinen Bildungsauftrag.
Neo
13.08.2018 00:08 Uhr 7
Ja, dass die CSU mit der Wortwahl bewusst AfD Wähler abfischen bzw. ihre eigenen Leute bei der Stange halten will, ist so ziemlich jedem bewusst. Das kann kein Zufall sein, wenn Seehofer/Dobrindt/Söder und Konsorten im Jahr der Bayernwahl so reinhauen. Dafür braucht man aber keine Talkshows. Wüsste zumindest nicht, dass da die Wörter explizit geprägt worden wären.

Und wirkungslos sind Talkshows natürlich nicht. In Zeiten der sozialen Medien hat sich die Quelle zur Meinungsbildung aber doch stark verschoben. Ich bezweifle ja, dass die, die so gefährlich für unsere Demokratie sind, die Talksshows auch ernsthaft konsumieren. Wenn dann als Schnipsel auf YT.
Die schwarz-weiß Berichterstattung und die Anwälte der Linken/Rechten/Flüchtlinge/Gutmenschen usw., die die Weisheit mit Löffeln gefressen haben und irgendjemanden kennen der irgendjemanden kennt oder selbst die Erfahrung gemacht haben oder eine Statistik woher auch immer zaubern oder einfach nur ideologisch versnobt sind, tragen ihr nötiges dazu bei.
Sid
13.08.2018 00:19 Uhr 8
@ Neo:

Vielen Dank, dass du, obwohl du findest, dass mein Beitrag hinkt, eine ebenso konstruktive wie ausführliche Antwort verfasst hast, statt schlicht den Hammer rauszuholen.

Ich habe nicht ganz den langen Atem, um ein Wolfsrudel herbeizuschreiben, verzeih mir das bitte. Aber ein paar Eckpunkte zu deinem Feedback:



Gerade das ist ja mein Punkt: Ich finde, dass Talks zielgerichteter aufgezogen werden sollten, denn darum geht es in der Politik ja (idealerweise). Was juckt es mich, ob der CSU-Politiker sagt, es gäbe keinen Klimawandel, und der Grünen-Politiker antwortet "Doch, den gibt es"? Ja, so können die Politiker auf Stimmenfang gehen, rein basierend auf dem Faktor "Der denkt über das Jetzt ja dasselbe wie ich!", aber es wäre doch viel schöner und ergiebiger, ginge der Politdiskurs wieder weg von "Der sagt so wie es ist! / Nein, DER sagt so, wie es ist!", und mehr in Richtung "DEN Lösungsansatz finde ich gut, den unterstütze ich mit meiner Stimme / NEIN, den Lösungsansatz ..."

Daher sollte das Talkthema nicht lauten "Gibt es den Klimawandel?", sondern "Wie gehen wir mit ihm um?" Dann kannst du da wen von der FDP hinsetzen, der zu große Gesetzeseingriffe in die Wirtschaft ablehnt, und diese Meinung begründet. Das ist ja genehm. So kann er seine Meinung mit wem von den Grünen, der für harte Sanktionen ist, austauschen und seine Sicht auch, je nach Talkformat, vielleicht auch in Ruhe ergründen. Das wäre vom Grundansatz her zielgerichteter als die Beispiele, die ich rausgesucht habe (wobei natürlich nicht immer solche Sackgassenthemen angepackt werden), und würde meinem Wunsch entsprechen. Aber es würde doch auch zugleich deiner Sicht entsprechen, dass Talkshows zum Meinungen konkretisieren/erläutern da sind, oder?

Ich zumindest finde, dass (überspitzt gesagt) "Der Klimawandel wurde von den linksgrün-versifften Medien erfunden, um mehr Filter zu verkaufen, MEINE MEINUNG"-Beiträge zum Thema Klimawandel wenig mit Meinungsbildung zu tun haben und seitens der Talkshowredaktionen alles, was sowas nahezu provoziert "Wir müssen ja BeIdE sEiTeN zu Wort kommen lassen"-Pseudoobjektivität darstellt.



Natürlich ist der Live-Faktencheck eine gewisse Herausforderung, aber ich habe ihn mir auch nicht als Dauerkommentar vorgestellt, in dem jedes Wort jedes Talkgastes auf die Goldwaage gelegt wird. Aber etwas mehr kritische Einordnung bei völligem Humbug darf schon gerne sein. Es mag ein sehr triviales Beispiel sein, aber bei den Movie Fights der Screenjunkies geht es in die Richtung, die mir vorschwebt. Wenn da Diskutant A sagt, der eben von Diskutant B gelobte Film hat ja noch nichtmal einen Oscar gewonnen, obwohl er sehr wohl einen Oscar gewann, wird die Fehlinformation von den Faktencheckern am Ende der Debatte als solche enthüllt. Und, gewiss, das ist ein sehr eindeutiger Fall, und noch dazu leicht nachzuschlagen - aber ich hoffe, dass mein Gedanke nun besser verständlich ist.

Bei der legendären "hart aber fair"-Geschlechterungleichheit-Diskussion hätten zB so einige Aussagen über den Gender Pay Gap direkt in der Sendung korrigiert werden können und meiner Meinung nach auch müssen. Stattdessen blieben die stehen und das Unterthema der Sendung wurde gewechselt. Es geht mir mehr um sowas als um ununterbrochene Belehrung.



Aber ich sage doch gar nicht, dass sämtliche Fragen bereits durch Statistiken beantwortet werden können. Ich sage, dass die Talkshows oft bereits beantwortete Fragen platttreten, und dabei Wahrheitsleugner einladen, einfach weil's einfacher ist (oder Quote bringt). Und ich sage, dass sie andere Male Themen diskutieren, deren Antwort sich kaum in einer Meinungsdebatte finden lassen. Daher nenne ich ja das Beispiel mit dem "Bremen-Skandal". Ein paar Zankäpfel können dir doch nicht live im Fernsehen beantworten, ob das ein Einzelfall oder ein flächendeckendes Problem war. Doch dadurch, dass es eine Sendung gab, in der Leute sagen durften, was sie denken, was vielleicht bei einer Untersuchung rauskommen könnte, ehe sie ihre bereits bestens bekannten Meinungen zum Thema Einwanderung einmal mehr dreschen durften, wurde unnötig Öl in eine Diskussion gegossen. Und Monate später wurde die Frage "Einzelfall oder Riesenproblem" in einem kaum beachteten Artikel beantwortet.

Nicht sehr hilfreich, um die kippende Meinung zu beruhigen - in der Hinsicht schaden Talkshows mehr als sie nützen, was wiederum eine Wechselwirkung auf die Realpolitik hat (denn viele Leute bilden sich politisch halt nur aus Talkshows, der BILD und vlt. noch der Frage "Was haben Mama und Papa früher immer gewählt?", je nach Persönlichkeitstyp). Und das lässt sich auch auf andere Themen ummünzen, da muss man nicht auf der Migrationsdebatte verharren - mit anderen Beispielen wird's dann direkt was gelassener, was vielleicht manchem Leser gefallen würde :lol: . Erinnerst du dich etwa an die Phase, zu der es alle paar Monate den nächsten großen Lebensmittelskandal gab, der in jeder Talkshow plattgeredet wurde und für ein paar Wochen das heiße Thema schlechthin war?

Schon damals war das teils sehr albern, wie damit umgegangen wurde. Heute würde aber garantiert eine Talkshow "BSE - Wer hat uns das eingebrockt?" als Leitfrage nehmen. Eine berechtigte Frage, und keine, die sich mit einem kurzen Blick aus dem Fenster beantwortet lässt. Also sollte man Experten rausschicken, da draußen an der frischen Luft rumforschen und dann machen die einen Magazinbeitrag über deren Erkenntnisse. Man setzt aber nicht einen Politiker vor die Kamera, damit der sagen kann "Die dreckigen Salatmampfer haben mir meinen Rindsbraten vergiftet", und genauso wenig setzt man einen anderen hin, der sagt "Mir egal, wer Schuld ist, Fleischessen ist Mord, ihr habt es verdient, nun kein Rind mehr essen zu können, ihr Schweine!" Und ich könnte mir vorstellen, dass man heutzutage auch einen BSE-Leugner einladen würde, der sagt, dass es die Krankheit überhaupt nicht gibt. Das ist doch gehaltslos.

So kann man das Thema BSE nicht in einer Talkshow aufzäumen, will man brauchbaren Inhalt liefern. Also muss man entweder ein talkshowgeeigneteres Thema finden oder einen anderen Ansatz zum Thema BSE. Und um diese Unterscheidung geht es mir in meinem Artikel grundsätzlich.

Nun ist es doch ein halbes Wolfsrudel geworden ... :lol:
Vittel
13.08.2018 23:23 Uhr 9
Schöner Artikel!

Ein Jahr Talkshowpause, oder auch zwei Jahre fände ich prima. Danach dann gerne wie im Artikel vorgeschlagen weiter machen. Man könnte ja erst mal mit einer Show wieder starten und erst wenn diese einigermaßen gut läuft, die anderen wieder hervor holen.

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