360 Grad

Ein letztes Mal

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Der 16. Deutsche Fernsehpreis wird der letzte in seiner aktuellen Form sein. Gestern wurden die Nominierungen bekannt. Sie sind weit weniger misslungen als letztes Jahr. Ein Kommentar.

Nach den Nominierungen vom letzten Jahr war ich auf alles gefasst. Dass die Jury diesmal vielleicht «Schwiegertochter gesucht» in der Kategorie „Beste Information“ oder «Die Autoeintreiber» als Beste Serie aufstellen könnte, zum Beispiel. Eine grausige Vorstellung, ich weiß. Aber auch nicht viel bescheuerter, als «Berlin – Tag & Nacht» als eine der besten Dokutainments zu rühmen. Eine Fachjury dieses Renommees, die es nicht gebacken kriegte, sauber zwischen Fiction und Dokumentation zu unterscheiden, hatte es bis dahin auch noch nicht gegeben.

Dieses Jahr hat es erfreulicherweise geklappt. Fiction-Formate wurden in den Fiction-Kategorien nominiert, Dokus als Dokus. Man muss einen Preis nur so lange abwirtschaften und die Erwartungen an ihn auf Null senken, um die Erfüllung der Minimalanforderungen als qualitativen Aufstieg bewertet zu bekommen. Das ist gelungen.

Und so kann man die letzte Nominierungsliste des Deutschen Fernsehpreises in der derzeitigen Form am besten mit zwei Worten beschreiben, die die Veranstaltung als solche und, wenn man ein bisschen zynisch sein will, das deutsche Fernsehen auch insgesamt ganz gut beschreiben könnten: weitgehend unspektakulär.

Als Beste Serie sind «Weissensee», «Danni Lowinski» und «Der letzte Bulle» nominiert. Das geht in Ordnung: «Weissensee» ist großartig, «Danni Lowinski» gut erzählt und toll gespielt, «Der letzte Bulle» in der letzten Saison zwar etwas abgetragen und klischeehaft, aber als Nominierung vertretbar. Andere hervorragende Serien wie den «Tatortreiniger» oder die beiden exzellenten Dortmunder «Tatorte» vermisst man hingegen. Und auch wenn man diese Entscheidung aufgrund der Nominierung des im direkten Vergleich schwächeren «Letzten Bullen» kritisieren kann – sie ist kein Sakrileg. Kein Vergleich zum letzten Jahr, wo man das grandiose «Verbrechen» zugunsten der doofen «Christine» und des Fleisch gewordenen Regelfernsehens «Hubert und Staller» überging.

Bei den Unterhaltungsshows sieht es ähnlich aus: «Circus Halligalli», «Sing meinen Song» und das Prominentenspecial von «Wer wird Millionär» waren gute Sendungen. Ebenso die Comedy-Formate «heute-show», «Was wäre wenn?» und Martina Hills «Knallerfrauen». Aber wo sind Friedrich Küppersbuschs herrlich komischer und relevanter (!) «Tagesschaum» oder Anke Engelkes wunderbare Kultur-Unterhaltungssendung «Anke hat Zeit»?

Die finden hier nicht statt. Zu sehr ist der Deutsche Fernsehpreis darauf ausgerichtet, das in der Breite konsumierte Regelfernsehen zur (manchmal unverdienten) Auszeichnung hochzujubeln, anstatt sich – an den Programmrändern wie im Kerngeschäft – das vielleicht weniger Bekannte, aber zweifellos qualitativ Hervorragende zu suchen. Letztes Jahr hatte man den Bogen mit einer völlig misslungenen Aufstellung im Serienbereich und der Nominierung einer schlecht geschriebenen und noch viel schlechter gespielten Scripted-Reality im Doku(!)-Segment völlig überspannt. 2014 eckt man mit zahlreichen Mainstream-Formaten sowie einiger wirklich hochwertiger Produktionen zwar deutlich weniger an. Trotzdem fallen immer noch zahlreiche herausragende Sendungen zugunsten eher massentauglicher, dabei aber weniger erstklassiger Formate unter den Tisch. Und genau das muss sich bei der Überarbeitung des Deutschen Fernsehpreises grundlegend ändern, wenn diese Auszeichnung auch qualitativ mal wieder etwas wert sein soll.

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