Die Kino-Kritiker

«Jersey Boys»

von

Clint Eastwood bringt die Karriere der Band auf die Leinwand, die den frühen 60er-Sound erfand.

Hinter den Kulissen

  • Regie: Clint Eastwood
  • Produktion: Clint Eastwood, Graham King und Robert Lorenz
  • Drehbuch: Marshall Brickman und Rick Elice (basierend auf dem Bühnenstück von Marshall Brickman und Rick Elice)
  • Kamera: Tom Stern
  • Schnitt: Joel Cox und Gary D. Roach
Die Musiktruppe The Four Seasons genießt vielleicht nicht den langanhaltenden Ruhm der Beatles, dennoch kennt wohl jeder mehrerer ihrer Songs. Evergreens wie „Big Girls Don't Cry“, „Candy Girl“, „Don't Think Twice“ oder „Can't Take My Eyes Off You“, der große Solohit des Frontsängers Frankie Valli, füllen ungebrochen das Programm von Retro-Stationen und werden von Film- und Serienschaffenden liebend gerne zur Untermalung ihrer Geschichten verwendet. Der turbulente Karriereverlauf der Band inspirierte 2005 außerdem das Broadwaymusical «Jersey Boys», das vier Tony Awards einsackte.

Nun bringt der alte Haudegen Clint Eastwood die Materie auf die große Leinwand, ändert dabei allerdings die grundlegende Mechanik des Bühnenstücks. Statt eines waschechten Musicals, das mehr als zwei Dutzend Gesangs- und Tanzeinlagen umfasst, präsentiert der Oscar-prämierte Regisseur seinem Publikum ein weitestgehend konventionelles Musikerdrama. Gesungen wird in dieser Künstlerbiographie nur im Ton- oder Fernsehstudio sowie bei Auftritten in zunehmend größeren Etablissements. Vereinzelte Anleihen an den Stil der Regielegende Martin Scorsese helfen, der mehr als zweistündige Zeitreise in die 50er- und 60er-Jahre dennoch einen reizvollen Schwung zu verleihen. Doch zwischen den Scorsese-Versatzstücken und den selten erklingenden Songklassikern gerät die Verneigung vor den Four Seasons gelegentlich ins Stolpern.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang im Jahre 1951. Der im nicht sehr wohlhabenden Belleville, New Jersey lebende Gelegenheitsganove Tommy DeVito (Vincent Piazza) träumt von einer Karriere als Musiker. Mit seinem Bruder und seinem Kumpel Nick Massi (Michael Lomenda) tritt DeVito auch unregelmäßig in Clubs auf, doch erst als er den in der Nachbarschaft sehr beliebten, eine Engelsstimme aufweisenden Frankie (John Lloyd Young) überredet, ebenfalls auf die Bühne zu treten, erhält die Kombo größere Aufmerksamkeit. Einige Zeit später erfährt Tommy von seinem Weggefährten Joe Pesci (Joey Russo), dass sich neuerdings auch ein vielversprechender Songschreiber namens Bob Gaudio (Erich Bergen) in der Nachbarschaft befindet. Tommy, Frankie und Nick gehen auf den schüchternen Lulatsch zu und schlagen eine Zusammenarbeit vor, auf die er eingeht. Zwar gibt es nicht zu verachtende Anlaufschwierigkeiten, doch 1962 kommt es endlich zum nationalen Durchbruch der Band. Ein langer Aufstieg folgt – und mit ihm kommt es zu Reibereien hinter den Kulissen …

Das Drehbuch von Marshall Brickman und Rick Elice halst sich allerhand auf: Im ersten Akt versucht sich «Jersey Boys» als Kleinkriminellendrama, das die bescheidenen Anfänge der Band beleuchtet. In diesem Part des Films übernimmt Tommy DeVito die Protagonistenrolle, und dank Vincent Piazzas rauem Charme und seiner augenzwinkernden Erzählerkommentare (die stark an Martin Scorseses «Goodfellas» erinnern) versprüht dieses erste Kapitel trotz seines kargen Looks ein reizvolles Flair. Sobald die Four Seasons Jersey verlassen, gerät die Erzählung aber vorläufig ins Trudeln: Eastwood reiht die frühen Stationen der Gruppe unspektakulär aneinander, dennoch räumt er ihnen ausreichend Zeit ein, um die Underdog-Stimmung des ersten Akts in Vergessenheit geraten zu lassen. Die Erzählerkommentare setzen vorerst aus und allein ein paar sketchartige Szenen über frühe Geistesblitze der Musiktruppe sorgen für eine Prise Humor. Erst, wenn sich die Four Seasons sich auseinanderleben und die Erzählerpflichten immer dem Bandmitglied zukommen, das gerade hinter den Kulissen den Ton angibt, findet der Film eine neue, prägnante Identität und wird zu einem Lehrstück über die Schattenseiten des Ruhms.

Die vier Hauptdarsteller liefern sich im finalen Part dieses Künstlerdramas sehenswerte Auseinandersetzungen, ob verbal oder non-verbal, und die harmonischen Musikszenen bieten einen ansprechenden Kontrast zu den zahlreichen Konflikten innerhalb der Band. Trotzdem lässt es sich nicht verhehlen, dass «Jersey Boys» erst auf der Zielgeraden seinen zentralen Figuren runde Charakterisierungen gönnt – und so wird das letzte Aufeinandertreffen der Four Seasons zum klaren Höhepunkt eines zwar ambitionierten, aber auch zeitweise orientierungslosen Films.

Dank der gelungenen Einarbeitung der Four-Seasons-Evergreens und der hervorragenden Dynamik der Hauptdarsteller ist «Jersey Boys» für Liebhaber der Band und Freunde von cineastischen Musikerbiographien durchaus einen Blick wert. Die überraschend blassen Nebendarsteller (darunter auch der zumeist geniale Christopher Walken) und das keinen wahren Schwerpunkt setzende Drehbuch verhindern jedoch, dass diese recht beliebige Eastwood-Regiearbeit über das obere Mittelmaß hinausschreitet. Vielleicht hätte Eastwood doch ein Musical drehen und den gesamten Film im Stil des vitalen Abspanns inszenieren sollen …

«Jersey Boys» ist ab sofort in zahlreichen deutschen Kinos zu sehen.

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