Hingeschaut

Günther Jauch und der Einser-Abiturient

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Neben großen Gästen wie Westerwelle begrüßte Jauch auch einen jungen Chemiker. Quotenmeter.de sah den Jahresrückblick.

Vorweg gesagt: Am bewährten Konzept hat RTL mit seinem klassischen Jahresrückblick «Menschen, Bilder, Emotionen», der sinnigerweise diesmal mit der Jahreszahl 2010 am Anfang betitelt wurde, nicht geschraubt. Wie immer begrüßte Moderator Günther Jauch seine Gäste und das Publikum aus dem gewohnt stimmigen Studio, das wie in den vergangenen Jahren in den jeweiligen Gesprächen die richtige Atmosphäre bot und generell etwas freundlicher gestaltet war als das – dafür imposantere – «Kerner»-Studio am Donnerstag. Wie immer begrüßte Jauch zahlreiche Gäste und leitete die jeweiligen Themen in mehr oder weniger kurzen Einspielern ein. Mit einer Sendezeit von über drei Stunden brutto wird dies wohl auch der kompletteste Jahresrückblick sein, den die Fernsehzuschauer sehen können – die meisten wichtigen Themen, für die man sich jeweils circa fünf bis fünfzehn Minuten Zeit nahm, wurden im Laufe des Abends behandelt.

Gerade bei den größeren, politischen Schwerpunkten zeigten sich Schwächen der Show: Die Talks mit Guido Westerwelle und Thilo Sarrazin waren belang- und aussagelos, die vertretenen Thesen schon allseits bekannt. Aber wie hätte es bei diesen Gästen anders sein sollen? Auch die Loveparade-Berichterstattung konnte nicht gegen Kerners «Jahresrückblick» punkten, weil dieser den Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller höchstpersönlich im Studio durchaus kritisch befragte.

Aber wie in jedem Jahresrückblick setzte RTL neben den großen Ereignissen auch auf die kleinen Geschichten, die bewegenden und interessanten Einzelschicksale abseits der medialen Berichterstattung: Beispielsweise begrüßte Jauch im Studio einen jungen Musterstudenten, der schon mit 14 Jahren ein Abitur mit der Note von 1,1 hinlegte und nun studiert – in der Show wirkte der Gast nicht, wie gern vermutet wird, streberhaft oder borniert, sondern höchst sympathisch und erwachsen. Seine chemikalische Showeinlage, in der er sekundenschnell eine glasklare Flüssigkeit in ein dunkles Cola-Gemisch verwandeln konnte, sorgte für begeisterten Applaus und erstaunte Gesichter. Dies war das vielleicht gelungenste Element der gesamten Show – es sind eben die neuen, kleinen Geschichten, die einen Jahresrückblick interessant und abwechslungsreich machen können.

Und auch in eigener Sache machte die RTL-Show wieder einmal Werbung: Beispielsweise wagte Günther Jauch einen Rückblick auf das TV-Sozial-Projekt «Rachs Restaurantschule», in dem zwölf Verlierern der Gesellschaft eine neue Chance gegeben wurde – durch den eigenen Aufbau und Betrieb eines Restaurants. Im Studio gestand der verantwortliche Sternekoch Christian Rach dann allerdings, dass dieses gefeierte Projekt (unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet) nur teilweise funktioniert hat: Nach neun von zwölf Kandidaten, die in der Sendung einen Vertrag zur Weiterbeschäftigung bekommen hatten, musste Rach nach dem Ende der Formats noch weitere entlassen – ohne die genaue Zahl derer nennen zu wollen, die überhaupt noch von der gesamten Show übrig geblieben sind. Weiterhin wurden auch «Wer wird Millionär», das «Supertalent» mit Studiogast Sylvie van der Vaart sowie Daniela Katzenberger, der neue Star des RTL-Schwestersenders VOX, thematisiert. Mitunter wirkte der Jahresrückblick also sehr selbstreferentiell – was für viele Zuschauer sicherlich kein negativer Aspekt gewesen sein muss.

Immerhin scheute sich Jauch aber auch nicht davor, das wohl erschütterndste deutsche Thema des Jahres 2010 anzusprechen: den Missbrauchs-Skandal in deutschen Kirchen und seine jahrzehntelange Vertuschung. Leider vermochte es der Jahresrückblick nicht, einen wirklich kritischen Blick auf diese empörenden Ereignisse zu gewähren – eher im Gegenteil. Denn mit Bischof Dr. Stephan Ackermann, dem Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, bot man einem Gesprächspartner im Studio eine Plattform, der kritische Fragen gewohnt abstrakt und euphemistisch beantwortete. Hier hat ein außenstehender, objektiver Experte – zumindest als zusätzlicher Gast – wirklich gefehlt. Wenigstens widmete sich der RTL-Rückblick diesem Thema aber ausführlich; anders als der Kollege Kerner am vergangenen Donnerstag mit nur einem kurzen Einspieler, was aber wohl auch dessen kürzerer Sendezeit geschuldet war.

Eher langweilig gestalteten sich dann große gesellschaftliche Themen dieses Jahres, die durch eine exzessive Medienberichterstattung eigentlich schon alle erwähnenswerten Geschichten erzählt hatten: Die Rettung der chilenischen Bergarbeiter war ideales Boulevard-Thema und wie geschaffen für Rückblicke. Schon Harald Schmidt wettete am Donnerstag in seiner Late Night, dass wohl jede 2010-Show mindestens einen Minenarbeiter live im Studio begrüßen würde – auch bei Jauch war dies natürlich der Fall. Ebenso hatte das in den Medien breit ausgeschlachtete Thema „Stuttgart 21“ bei Jauch eher wenig Neues zu bieten: Er hatte einen Gegner des Bahnprojekts zu Gast, der besonders schwer bei den Demonstrationen von der Polizei verletzt wurde.

Unverständlich dagegen ist, dass das Öl-Unglück der ausgelaufenen Bohrplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko nur marginal für wenige Sekunden in einem Einspieler besprochen wurde. Eine der größten von Menschen verursachten Umweltkatastrophen in der Geschichte darf nicht einfach so übergangen werden, nur weil sie keine Unterhaltung oder Emotionen bietet. Die Ölpest, die in diesem Jahr unglaublich viele Tierleben gekostet hat und in den kommenden Jahren noch kosten wird, ist ein zentrales, aufrüttelndes Thema. Doch RTL wird wohl genauso wie alle anderen Jahresrückblicke das Thema übergehen und ausblenden. Dies bleibt das einzige wirklich große Ärgernis an diesem Show-Abend, durch welchem Günther Jauch wie immer souverän geführt hat. Und auch mit den Quoten kann RTL zufrieden sein, denn nach dem Allzeit-Tief im vergangenen Jahr schauten wieder ein paar hunderttausend mehr Menschen zu. Knappes Fazit: Im Kölner Westen nichts Neues. Und dies bedeutet für gewöhnlich eine unterhaltsame, boulevardeske und in Teilen zu selbstreferentielle Show ohne große Überraschungen und im Rahmen der Erwartungen. Auf ein Wiedersehen 2011, Herr Jauch!

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