Interview

Max Uthoff: ‚Wir wollten etwas mit unserer eigenen Handschrift machen‘

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Seit 2014 steht Max Uthoff gemeinsam mit seinem Team für politische Satire im ZDF. Zum 100. Jubiläum von «Die Anstalt» spricht er über den Wandel der Medienlandschaft und warum ihm gesellschaftliche Debatten wichtiger sind als Einschaltquoten.

Herr Uthoff, 100 Folgen «Die Anstalt» sind im deutschen Fernsehen eine Seltenheit. Hätten Sie beim Start 2014 gedacht, dass das Format einmal eine solche Wegstrecke zurücklegen würde?
Wir dachten eher daran, dass es bei einer Folge bleiben würde. Wenn uns damals jemand gesagt hätte, es werden mal hundert, hätten wir ihn zum Arzt geschickt.

«Die Anstalt» trat die Nachfolge von «Neues aus der Anstalt» an. Wie groß war damals der Respekt vor einem Format, das durch Urban Priol und Georg Schramm bereits Kultstatus erreicht hatte?
Die Fußstapfen waren so groß, dass wir die Ränder nicht gesehen haben. Wir hatten uns auch auf ein Scheitern vorbereitet und wollten vor allem etwas mit unserer Handschrift machen. Den Respekt haben wir den Altvorderen ja in der ersten Sendung mit schlechten Parodien von ihnen gezollt.

Gab es in den ersten Jahren Momente, in denen Sie das Gefühl hatten, ständig mit dem Vorgängerformat verglichen zu werden?
Nein. Natürlich gab und gibt es noch Kommentare von Zuschauern, die sich Priol und Schramm zurückwünschen. Aber da wir vieles ganz anders gemacht haben, bot sich der Vergleich auch nicht wirklich an.

Die Sendung hat sich über die Jahre immer wieder verändert. Welche Entwicklung macht Sie heute besonders stolz, wenn Sie auf die ersten Ausgaben zurückblicken?
Was mich nachhaltig freut, ist, dass wir es geschafft haben, über 100 Sendungen nicht berechenbar zu sein. Zumindest in der Darstellung, die politische Ausrichtung dürfte klar geworden sein. Uns ist es wichtig, dass die Zuschauer wissen, sie werden intelligent unterhalten, aber nicht wissen, was sie erwartet.

Während der Corona-Pandemie mussten auch Sie neue Wege gehen und teilweise ohne Publikum oder mit besonderen Produktionsbedingungen arbeiten. Wie schwierig waren diese Remote- und Ausnahme-Ausgaben für eine Sendung, die eigentlich von der direkten Reaktion des Publikums lebt?
Tatsächlich war das eine große Umstellung. Kabarett lebt naturgemäß sehr von den Reaktionen des Publikums. Es war fremd, aber wir haben es mal als Herausforderung genommen und versucht, neue Dinge zu probieren.

Haben die Pandemie-Folgen rückblickend vielleicht sogar neue kreative Möglichkeiten eröffnet, die Sie sonst nie ausprobiert hätten?
Ja, das hat dazu geführt, dass wir uns jetzt auch ein, zwei Abbrüche während der Aufzeichnungen erlauben, um ein anderes Setting aufzubauen oder in neue Rollen zu schlüpfen. Als wir noch live ausgestrahlt haben, blieben uns immer nur wenige Minuten dafür.

«Die Anstalt» wirkt oft so, als würde sie aktuelle politische Entwicklungen in Rekordzeit auf die Bühne bringen. Wie entsteht eigentlich eine Ausgabe – von der ersten Themenidee über die Recherche bis hin zur fertigen Sendung, und wie viel wird dabei in den letzten Tagen vor der Aufzeichnung noch umgeschrieben?
Ehrlicherweise sind wir nicht so tagesaktuell, wie es manchmal scheint. Wir hatten uns von Anfang an vorgenommen, monothematisch zu arbeiten, also ein Thema in den Vordergrund zu stellen und von mehreren Seiten zu betrachten. Diese Themen stehen normalerweise schon früher fest, damit wir auch früh in die Recherche gehen können. Nur ab und an drängen sich aktuelle Themen aktuell in die Sendung, weil sie, wie zum Beispiel der Iran-Krieg, zu wichtig sind, um unbesprochen zu bleiben. Grundsätzlich steht das Thema vier Wochen vorher fest und dann arbeiten wir uns ein. Wir lesen viel, unsere großartigen Rechercheurinnen Ingrid Knorr und Kathrin Hartmann (früher noch Anne Zetsche) beliefern uns mit dem, was wirklich relevant ist, wir führen zu jedem Thema Expert*innen-Gespräche und so langsam schält sich heraus, wo beim jeweiligen Thema der Hase im Pfeffer liegt. Dann denken wir uns Szenen, Figuren, Sketche aus und verteilen dann auf die Autor*innen (unter anderem Cornelius W.M. Oettle, Doris Müller) und dann sitzen Maike Kühl, Claus von Wagner und Head- Autor Dietrich Krauss und ich in der letzten Woche jeden Tag in der Schreibstube, stopfen uns mit Süßigkeiten voll und hoffen auf Einfälle.

Die Zuschauerzahlen von «Die Anstalt» sind nicht immer spektakulär. Trotzdem lösen einzelne Beiträge regelmäßig gesellschaftliche Debatten aus und verbreiten sich weit über die eigentliche Fernsehausstrahlung hinaus. Hat sich Erfolg für Sie dadurch neu definiert?
Letztlich ist der Sender sehr zufrieden, zu den Zuschauerzahlen der direkten Ausstrahlung gesellen sich ja noch die Zahlen der Mediathek-Abrufe, die bei uns erfreulich hoch sind, weil eben viele nicht mehr linear schauen. Aber ja, wenn es uns gelingt, Leute in die Diskussion zu bringen, ist mir das persönlich wichtiger als hohe Quoten.

Wenn Sie heute auf die Medienlandschaft blicken: Ist die eigentliche Reichweite einer Kabarettsendung inzwischen vielleicht größer als die klassische TV-Quote vermuten lässt?
Das hoffe ich. Manchmal wird einem die Reichweite auch erst klar, wenn Menschen uns nach Solo-Auftritten ansprechen und uns erzählen, wie wichtig ihnen die «Anstalt» ist, dass sie durch unsere Sendung politisiert wurden oder den vielen Lehrer*innen, die einzelne Folgen von uns als Einführung in ein Thema vor der Klasse zeigen.

Viele Ihrer Figuren sind beim Publikum besonders beliebt. Haben Sie selbst eine Lieblingsfigur, die Ihnen über die Jahre besonders ans Herz gewachsen ist – vielleicht Isaac Newton oder aktuell Friedrich Merz?
Oh, ich mag viele. Merz ist aufgrund des Stirnrunzelns ein wenig anstrengend. Neffton ist mir lieb geworden, aber auch den Rentner Paschulke oder den Altlinken mit langer Zottelmähne spiele ich mit großer Freude.

Wie entsteht überhaupt die Entscheidung, welche Figur in einer Sendung auftaucht und welche politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen sich für eine satirische Zuspitzung eignen?
Dafür gibt es keinen Plan. Gesucht und gefunden wird immer die Figur, mit der die Balance aus Information und Albernheit am leichtesten herzustellen ist. Verkörperungen des alltäglichen Wahnsinns, sozusagen. Und die Themen drängen sich auf und stellen sich an, eine lange Reihe, denn im Grunde sind die Missstände kaum zu vermeiden, wenn sich der Profitzwang erstmal ungestört niedergelassen hat.

Mit Maike Kühl hat sich das Ensemble in den vergangenen Jahren noch einmal verändert. Wie kam es dazu, sie dauerhaft stärker in die Sendung einzubinden?
Maike war schon früher Dauergast und als Claus sich wieder mehr auf die Bühne konzentrieren wollte, weil er schon zu lange nicht mehr Solo unterwegs war, haben wir uns auf die Suche nach einer Frau gemacht. Es war vermutlich die kürzeste Suche der Welt, weil Maike als beste politische Kabarettistin des Landes fast zwangsläufig in die «Anstalt» gehört.

Was macht Maike Kühl aus Ihrer Sicht zu einer so wichtigen Bereicherung für das heutige Gesicht der «Anstalt»?
Sie hat eine großartige Mischung aus politischer Klugheit, Spielfreude, Genauigkeit, Professionalität und überraschendem Witz, der manchmal aus Ecken kommt, in die wir anderen uns niemals trauen würden. Und ich bezweifle, dass Claus oder ich Alice Weidel oder Katherina Reiche annähernd dämonisch oder maskenhaft darstellen könnten.

Neben der «Anstalt»-Wiederholungen sind auch Ihre Soloprogramme regelmäßig bei 3sat zu sehen. Welche Bedeutung hat der Sender für Sie und für politisches Kabarett im deutschsprachigen Raum?
3sat ist einer der sicheren Häfen, die es für Satire hier im Land gibt. Welcher Sender sonst strahlt mal Solo-Programme von Kabarettist*innen aus oder zeigt, wie in der «Happy Hour» eine wunderbare Mischung aus neu und alt, Comedy und Kabarett? Und ja, gerade das Länder übergreifende von 3sat, das eben auch österreichischen oder schweizerischen Kolleg*innen mit den deutschen verbindet, macht 3sat so unverwechselbar.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Transparenzhinweis: Das Interview wurde vor der Debatte um Danger Dan geführt. «Die Anstalt» ist bereits seit Samstag in der ZDFmediathek und wird am Dienstag um 22.15 Uhr ausgestrahlt.

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