Die Fernsehbranche empfing die Werbekunden zur großen Programmpräsentation am 2. Juli in Düsseldorf. Die ProSiebenSat.1-Gruppe präsentierte dort ihre neuesten Ideen, darunter eine Urlaubsshow mit Joachim Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf sowie eine neue Gerichtsshow mit Richter Alexander Hold, der im Urlaub und an Wochenenden neue Folgen aufzeichnen möchte.An diesem Tag war noch keine Rede von Sat.2, der neuen Marke der ProSiebenSat.1-Gruppe. Bereits seit Jahren sind die Reichweiten der Sendergruppe rückläufig, die Werbekunden bekommen aus Unterföhring nicht mehr das Volumen, das sie benötigen. Schon vor zwei oder drei Jahren blickte man deshalb auf die deutschen Versionen von Netflix, Prime Video und Disney+, die inzwischen ebenfalls Werbepausen anbieten.
Jetzt kündigte ProSiebenSat.1-Content-Chef Henrik Pabst im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ den Free-TV-Sender Sat.2 an – keine zwei Wochen nach der Programmpräsentation. Es ist sehr verwunderlich, dass man die große Bühne vor nicht einmal zwei Wochen nicht nutzte, um diesen vermeintlich großen Coup zu verkünden. Oder dies ist eine schnelle Antwort darauf, dass die Werbeindustrie mit dem Portfolio der Sendergruppe eben doch nicht zufrieden war? In diesem Jahr glaubt Henrik Pabst selbst nicht an ein Wachstum der zahlreichen Sender, weil Das Erste und das ZDF sowohl die Fußball-Weltmeisterschaft als auch die Olympischen Winterspiele im Programm haben. Keine Einsicht zeigte er im Gespräch, dass man Marken wie «Grey's Anatomy» von ProSieben zu sixx abschob, aber kaum Zuschauer mitnahm. Auch der Missmut der Zuschauer darüber, für aufgeblähte Fernsehshows in hochauflösender Qualität extra bezahlen zu müssen, scheint bislang in der Chefetage nicht angekommen zu sein.
Der neueste Coup, Sat.2, ist nicht die dümmste Idee, die man in den vergangenen Jahren bei ProSiebenSat.1 in Unterföhring hatte. Der Fernsehsender zielt nämlich ziemlich genau darauf ab, die Lücke des ARD-Senders One zu schließen, der zum Jahreswechsel eingestellt wird. Das Programm besteht am Vorabend hauptsächlich aus Soaps und Krimis. Der neue Inhalt des Senders? Ebenfalls Krimis, wenn auch aus Deutschland, und alte Soaps. Im kommenden Jahr versucht man offenbar, einen Teil der 1,5 Prozent Marktanteil von One zu Sat.2 mitzunehmen – «Verliebt in Berlin» statt «Sturm der Liebe».Dass man in Unterföhring mit «Verliebt in Berlin» arbeiten will, ist ebenfalls abenteuerlich. Die Serie wurde zuletzt bei der sixx-Ausstrahlung Anfang 2021 nach bereits 32 Folgen wieder aus dem Programm genommen, weil die Einschaltquoten zu niedrig waren. Immerhin erreichte die Serie vor fast zehn Jahren drei Durchläufe am Mittag bei Sat.1 Gold. Ottfried Fischer in «Der Bulle von Tölz» lief zuletzt am Pfingstmontag bei Sat.1 Gold, die Verantwortlichen der Unternehmensgruppe setzen die Sendung meist nur für Sonderprogrammierungen ein. 69 Folgen hat Sat.1 zwischen 1994 und 2008 produzieren lassen. Ebenfalls mit «Kommissar Rex» soll der neue Sender punkten, doch die Rückkehraktion bei Sat.1 lief deutlich schlechter als erwartet. Während der ORF mit der Serie riesige Erfolge feierte, blieben die Werte in Unterföhring überschaubar.
Henrik Pabst und sein Team sind für viele in der Vergangenheit stehen geblieben. Auf der einen Seite hat die ProSiebenSat.1-Gruppe mit Sat.1 Gold bereits einen Sender für ältere Zuschauer, der genau diese Krimis und Soaps ausstrahlen kann. Der Pay-TV-Sender Sat.1 emotions hat sogar tagsüber Soaps und Telenovelas im Angebot, in der Primetime wird das Programm häufig mit deutschen Krimis gefüllt. Auf der anderen Seite besitzt das Entertainment-Unternehmen immer noch sixx, das eigentlich für junge Frauen positioniert wurde. Doch diese Zielgruppe verabschiedet sich zunehmend vom linearen Fernsehen und zappt lieber durch die Streamingdienste.
Doch die Verlockung für Pabst und seine Vorstandskollegen ist einfach zu groß: ARD alpha, tagesschau24 und One werden zum Jahresende eingestellt. Vermutlich spekulieren die Programmplaner in Unterföhring darauf, den bisherigen One-Sendeplatz zu übernehmen. In den immer noch millionenfach verkauften Fernsehzeitschriften – rund zehn Millionen Exemplare – könnte der neue Free-TV-Sender den Platz von One bekommen. Bereits der Name ist eine Antwort auf den öffentlich-rechtlichen Sender. Deshalb startet man lieber einen weiteren linearen Fernsehsender, anstatt Sat.1 Gold strategisch neu auszurichten.
Manchmal entsteht der Eindruck, dass ProSiebenSat.1 lieber alte Konzepte wiederbelebt, als neue zu entwickeln. Würde die Sendergruppe heute Netflix übernehmen, käme vermutlich zuerst der DVD-Versand zurück. Dabei gibt es doch bereits Starlink zum günstigen Preis.







Sky zeigt «Crystal Lake» ab Oktober exklusiv in Großbritannien und Irland
Nitro holt «Peacemaker» ins Free-TV

Requisiteur (m/w/d)
Light Operator / Fachkraft für Veranstaltungstechnik (m/w/d) – Schwerpunkt Licht
Kreditoren-Buchhalter (m/w/d)




Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel