Debatte

Marketing-Masche Pfandflasche: Warum der «Ronzheimer»-Fake hätte auffallen müssen

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Ein Influencer mit 80.000 Followern gab sich als armer Bürgergeldempfänger aus – dabei liegt der Widerspruch auf der Hand.

Vor etwa zwei Wochen strahlte der Sender Sat.1 erstmals seit fast zwei Jahren eine neue Folge seiner Reportage-Reihe «Ronzheimer» aus. Gelohnt hat sich die Rückkehr aus Quotensicht in jedem Fall, denn mit 8,3 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe konnte die Sendung einen Bestwert aufstellen. Geholfen hat dabei wohl auch eine kontroverse Thematik (Bürgergeldempfänger) und die Berücksichtigung eines vermeintlichen Sozialschmarotzers, der mit seinen provokanten Äußerungen zu seiner laissez-fairen Arbeitsverweigerung auf Steuerzahler-Kosten sicher für ordentlich Gesprächsstoff sorgen würde.

Sollte dies der Plan der Produktionsfirma gewesen sein, dann ging er wohl tatsächlich auf – jedoch nur kurzzeitig. Denn anschließend passierte etwas, das den neugewonnenen Quotenerfolg nicht nur wieder mit dem Allerwertesten einriss, sondern darüber hinaus der journalistischen Reputation eine empfindliche Delle zufügte. Wenige Tage später musste man nämlich nicht nur die entsprechende Passage des angeblichen Schmarotzers und Anti-Arbeit-Aktivisten offline nehmen, sondern sich auch öffentlich eingestehen, dass man seiner Verblendung, seinem konstruierten Image auf den Leim ging – er hatte Dokumente gefälscht, um als Bürgergeldempfänger zu erscheinen.

Ja, Ronzheimer saß einer Marketing-Strategie auf, mit der der TikToker Yannis B. seine Social-Media-Kanäle bestückt und aller Wahrscheinlichkeit nach auch monetarisiert. Denn der (scheinbar arbeitslose) junge Mann ist Influencer mit gut 80.000 Followern – ein Widerspruch in sich, der den Journalisten eigentlich hätte früh auffallen sollen.

Warum der Widerspruch offensichtlich, oder zumindest wahrscheinlich ist, offenbart ein logischer Gedankengang unserer Zeit: Viele Influencer und Influencerinnen nutzen ihre Reichweite, um sich und ihre Kanäle als Werbefläche zu vermarkten. Oder andersherum: Viele erkennen Social-Media als potenzielle Werbefläche und werden Influencer, um Geld zu verdienen. Die entscheidende Schlussfolgerung, die daraus resultiert, haben Ronzheimer, «Hallo Deutschland», «Brisant» und Co. offensichtlich verpennt: Influencer sein in 2026 ist ein Job, ist Arbeit, oder zumindest Erwerbstätigkeit.

Schon eine grobe Recherche reicht aus, um festzustellen, dass aus Influencer-Kanälen und Social-Media-'Content' inzwischen ein riesiger (teils unübersichtlicher und intransparenter) Geschäftszweig erwachsen ist, ja vielmehr eine ganze (Marketing-)Branche mit nahezu 100 Agenturen und Managements allein in Deutschland. Sie alle vertreten Content-Creator, Influencerinnen und sonstige Social-Media-Akteure ab einer gewissen Reichweite. Ihr Ziel: Wachstum und Sichtbarkeit für Product-Placements.

Eine Agentur etwa gibt auf ihrer Website an, den perfekten Match zwischen Marke und Creator:innen zu finden. Eine andere verspricht: „Wir verpacken Unternehmenswerte in 9:16 Storytelling“, „Wir leiten aus Daten Strategien ab“, „Wir erkennen Trends und erstellen Content, der aus Produkten „Love Brands“ macht“. Ein Mitbewerber will „mit kreativen Konzepten, präzisem Storytelling und hochwertigen Produktionen“ dafür sorgen, dass deine Marke im Gedächtnis bleibt, Vertrauen aufbaut und messbar mehr Kunden gewinnt“. Jedes Video werde so entwickelt, „dass sie deine Zielgruppe erreicht, berührt und zum Handeln bewegt“. Etwas krawalliger Formuliert es die Konkurrenz: „Wir zerfetzen Algorithmen, zünden Interaktionen an und bauen aus Fans eine treue Gefolgschaft […] Kein bloßes Posten, sondern echtes Brand-Building on Steroids. Wir sprengen den Feed, pushen Engagement...“

Tatsächlich stammt das letzte Zitat genau von der Agentur, der der angebliche Ronzheimer-Arbeitslose Yannis B. auf Instagram folgt – und nicht unerheblich: Die ihm ebenfalls folgt. Zwar ist dies kein eindeutiger Beweis dafür, dass das Unternehmen Yannis B. vermarktet, allerdings zeigt die gängige Praxis, wonach Influencer ihren Managements folgen und umgekehrt Managements ihren Influencern, dass der Rückschluss oft valide ist. Auch die Tatsache, dass die Agentur wie Yannis B. im Raum Hannover sitzt und nur ausgewählten Leuten folgt, legt eine gewisse Verbindung nahe – eine dezidierte Aufführung der Creator existiert in diesem Falle leider nicht.

Weitere Indizen, die dafür sprechen, dass sich Yannis B. als Influencer unternehmerisch organisiert hat, oder er als solcher unternehmerisch verschaltet wurde, zeigen sich auf seinem Instagram-Kanal. So folgt er neben der eben erwähnten Agentur aktuell noch zwei weiteren – eine davon hat sich explizit auf junge Talente spezialisiert, worunter man ihn theoretisch auch fassen könnte. Zu erwähnen ist hier wieder: Auch umgekehrt folgen die beiden Unternehmen Yannis B.

Darüber hinaus folgt der Influencer einigen Freelancern wie Photo- und Videographern aus dem Brand-Content-Bereich sowie freien Kameramännern. Sie wiederum geben auf ihren jeweiligen Kanälen an, Influencern zu helfen, besseren Content zu kreieren. Die einzelnen Gewerke folgen teilweise auch Agenturen, weshalb nicht immer klar ist, ob sie nun vom Influencer selbst aquiriert oder vom Management vermittelt wurden.

Die Vermutung einer konkreten Zusammenarbeit nährt in diesem Fall wieder der gemeinsame Standort Hannover. Doch nicht nur das: Erstmals lässt sich hier ein belegbarer Zusammenhang ausmachen: Ein Branding-Fotograf ist der Urheber mehrerer Instagram-Bilder von Yannis B. - eines davon zeigt ihn in Designerkleidung und auffällig sichtbarem Rewe-Beutel im Schnee – erstellt bereits 2021. Die Grundrahmung für dieses Arm-aber-sexy-Narrativ des Vintage-Supermarkt-Gammlers wurde also augenscheinlich bereits vor vier Jahren auf den Weg gebracht, und nicht erst 2025, wie Yannis B. in einem kürzlich erschienenen Interview weismacht.

Um einen Zufall handeln wird es sich dabei wohl kaum, eher lässt sich ein doppeltes Placement vermuten, das Yannis B. zugleich als stylischen Discounter-Streuner schon vor etlichen Jahren etabliert – ein nützlicher Klischee-Bruch, der seine Social-Media-Persona auch in der Folgezeit narratologisiert. Ein Placement erscheint auch deshalb logisch, weil mehrere auffällige Kleidungs-Labels Yannis B. auf Instagram folgen. Weitere Kooperationspartner werden üblicher Weise von den Agenturen ins Spiel gebracht, die sich auf ihren Websites häufig mit einem ganzen Marken-Pool brüsten (Teil davon eben auch Supermärkte wie Rewe, Edeka, Lidl und Aldi sowie Automarken wie Mercedes und VW.)

Doch der fragliche Protagonist bedient neben der Produkteinbindung noch ein weiteres wichtiges Element eines professionellen Influencers. Schon zu Beginn seiner TikTok-Aktivität 2022 positioniert er ein Love-Interest (Elisa), um die sich eine Liebesgeschichte spinnt, die sich in kurzen Videos entwickelt – Storytelling nennt sich das, was der Marketing-Profi predigt. Er, der scheinbar arme Plattenbau-Schlucker mit spärlich eingerichteter Wohnung, entwickelt einen Crush auf seine attraktive Nachbarin auf der Etage unter ihm.

Im weiteren Verlauf der ersten TikTok-Kurzvideos greift eine Stalking-Geschichte Raum, in der Yannis seinem Schwarm nachstellt, ihm sogar bis nach Edeka, dm, Ikea, Sie wissen schon folgt. Aber auch eine Geschichte, in der er Produkte von Hunkemöller, Lindt, Milka und na, Sie wissen schon verschenkt. Es ist eine rührselig und verklärt destruktive Erzählung zugleich, die in ihrer klischeehaften Dramaturgie eine emotionale Schnittstelle für Teens aufmacht. Aber auch einen Raum für lebendige Verwendung von (Love-)Brands, deren Einwebung im zunächst noch nebulös tastenden Realitätsbezug alltäglich wirkt.

Zu dem Zeitpunkt, an dem überzeichnete Albernheiten des Laien-Spiels immer offenkundiger werden, die Zweifelhaftigkeit der Observierung immer unangenehmer wird (Verstecken von Kamera in Nachbarswohnung) und der ein oder andere TikTok-User Elisa endlich als befreundeten Influencer-Kanal identifiziert hat, stand man mit den beiden schon in der Obstabteilung vom Edeka und vorm Kajal-Regal im dm – die Marken sind mehr oder weniger unbewusst ins Bewusstsein gerückt.

Selbst wenn sich nun einige Rezipienten von dem, was ihnen Yannis B. dort darbietet, abwenden, so konnten die Werbepartner ihre Sichtbarkeit dennoch für den Moment vollziehen. Und nur darum scheint es im Zeitalter kürzer werdender Aufmerksamkeitsintervalle zu gehen – überhaupt noch sichtbar zu sein.

Zudem deuten die Followerzahlen von Yannis B. darauf hin, dass seine Art mit Glaubwürdigkeits-Zweifeln umzugehen, durchaus verfangen hat. In einem Video von 2022 gibt er beispielsweise ungeniert zu Wort, dass natürlich alles nur Fake sei, schließlich wäre es schon ungeheuerlich, in jemandes Wohnung einzudringen. Kurz darauf scheint er just in dem Moment ertappt zu werden und duckt sich weg - eine selbstironische Ebene, die eine Identifikation mit ihm als sympathisch verpeilten Content-Creator potenziell offen lässt. Wenn sie denn wollen, können die User einfach ihr Framing anpassen und dem Szenario als trashige Comedy-Happen treu bleiben.

Und so war es Yannis B. über die letzten Jahre scheinbar möglich, die nächsten Stufen in der Influencer-Vermarktung zu zünden. Denn neben Placement und Storytelling wird als drittes von den Agenturen die Vernetzung durch Kollaborationen (Collabs) angeführt, um in der Reichweite weiter zu wachsen. Geblieben ist es daher nicht bei Elisa als Sparringspartnerin in den Videos (die inzwischen 145.000 Follower hat). Dazugekommen sind sporadisch Nicole (mittlerweile hohe Only-Fans-Reichweite), Marius (Agentur Creatorplace) sowie Jamoo, Delarue (beide Agentur Lyaison). Von Elisas Seite zum erweiterten Netzwerk gehört noch Konygebony (Combine/Tim Gabel). In einem Video taucht sogar kurz Leon Content auf, der später größere Bekanntheit durch Forthaus Rampensau erlangte.

Das Storytelling von Yannis hat sich im Laufe der Zeit übrigens erstreckt vom Zusammenkommen mit Elisa, über eine gemeinsame Reise nach Paris (Übernachtung im Novotel), dem Kauf des ersten Autos (VW) bis hin zum aktuellen Narrativ des zerstreut vagabundierenden Pfandflaschensammlers (Kong Strong Energy) mit intuitivem Style und Schlafzimmerblick.

Einen Nährboden erhält die emotionale Aufladung der damit verbundenen Love-Brands auch deshalb, weil trotz durchschimmernder Konstruiertheit und kalkulierter Drapierung der Marken eine unentschiedene Hintertür zur Realität offen bleibt. Denn trotz allem bleibt die Option denkbar, dass Yannis und Elisa doch auch in Wirklichkeit ein junges verliebtes Paar sind, oder zumindest enge Freunde in irgendeinem Kiez von Hannover. Offengelassen wird nämlich nicht nur der vollständige tatsächliche Hintergrund, sondern auch, wie groß oder klein die realen Schnittmengen sind.

Im Fazit ergibt sich eine durchaus komplexe Verschachtelung: Während einige den Influencer bewusst als Trash-Content snacken mögen, werden andere vielleicht eher von der körperlichen Attraktivität und expressiven Kleidung der beiden Haupt-Akteure angezogen. Bei Unentschiedenen wird eventuell ein Wechsel von Identifikation zu Sympathie stattgefunden haben, die sie in einer undefinierten Halb-Realität dranbleiben lässt. Aber da ist parallel noch die Zielgruppe, die den Marketing-Agenturen immer so wichtig zu betonen ist: In diesem Fall wohl junge, noch nicht so erfahrene Teenager. Sie nehmen den provokanten Verweigerer, der in seiner Verpeiltheit dennoch liebenswert scheint, unkritisch hin, weil sie sich in ihm selbst spiegeln wollen.

Es kann also mehrere Gründe dafür geben, der Darstellung von Yannis B. aufzusitzen. Auch Journalisten gehören dazu, die entweder nur ein/zwei Videos gucken, ohne den Gesamtkontext zu umreißen, oder solche, die bestimmte Passagen dankbar annehmen, weil sie eine kontroverse Stimme brauchen. Fest steht jedenfalls, dass man die diversen Productplacements, Cross-Promotions und PR-Vernetzungen des Influencers hätte registrieren können, die die Behauptung vom mittellosen Hartz IV-Empfänger unwahrscheinlicher machen.

Unklar bleibt, wie professionell/semiprofessionell die Aktivitäten des Influencers als Geschäftsmann sein mögen und wie hoch sein finanzieller Ertrag sein mag. Fest steht jedenfalls, das seine Placements bei teils hohen Klickzahlen vielfältig sind, und mit Autos, Urlaubsreisen und vor allem diversen markanten Kleidungsstücken/Trikots auch durchaus beachtlich im Wert. Von einem Rechercheteam wäre es zu erwarten gewesen, dies zumindest zu benennen...

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