Die Kino-Kritiker

«The Black Phone - Sprich nie mit Fremden» – Der neue King der Horrorkunst?

von

Regisseur Scott Derrickson verfilmte die Geschichte von Stephen Kings Sohn Joseph Hillström King. Dieses Mal dreht sich alles um mysteriöse Anrufe.

Der King des Horrors hieß bisher tatsächlich King, Stephen King. Seine Romane von «Carrie» über «Shining» bis «Es», um nur einige zu nennen, wurden alle bereits mehrmals verfilmt. Aber der King hat sein Talent weitervererbt, an seinen Sohn Joe Hill. 1972 als Joseph Hillström King geboren, hielt er seine wahre Identität lange geheim. Ab 1997 schrieb er unter dem Pseudonym Joe Hill seine ersten Kurzgeschichten. Auch der neue Horror-Schocker «The Black Phone - Sprich nie mit Fremden» basiert auf eine seiner Kurzgeschichten und zeigt, wie sehr er doch von seinem Vater inspiriert wurde. Wie bei King beginnt auch bei Hill das Grauen in einer amerikanischen Kleinstadt schleichend aus dem Alltäglichen heraus und wird vor allem von Kindern erlebt, Ähnlichkeiten zu «Es» sind nicht von der Hand zu weisen. Kein Clown, aber ein maskierter Mann, der nicht mit roten, sondern mit schwarzen Ballons die Gegend abklappert, um Kinder zu kidnappen, symbolisiert das Böse. Und hinter der Kamera stand ein Mann, der das Horror-Genre in den letzten Jahren mit Filmen wie «Sinister» (2012) oder «Erlöse uns von dem Bösen» (2014) bereicherte, bevor er mit «Doctor Strange» (2016) einen Abstecher in Marvels Filmwelt wagte: Regisseur Scott Derrickson.

Anrufe aus dem Jenseits
1978 verschwinden in einem Kaff in Colorado immer wieder Kinder. Es fehlt jede Spur, die Polizei tappt im Dunkeln. Die Geschwister Gwen (Madeleine McGraw) und Finney (Mason Thames) plagen jedoch ganz andere Sorgen. Nach dem Tod ihrer Mutter ist ihr Vater schwerer Alkoholiker geworden, der seine Kinder schlägt. Nachdem von Finney mehrere Schulkameraden bereits entführt wurden, erwischt es eines Nachmittags auch ihn. Verschleppt von einem fremden Mann (Ethan Hawke) erwacht er in einem schalldichten Keller. Sein Entführer lässt sich nur hin und wieder blicken, immer verborgen hinter einer teuflischen Maske beginnt er mit dem 13-Jährigen ein perfides Spiel. Derweil wird Finneys Schwester Gwen von düsteren Visionen heimgesucht, die sie als Hinweise zum Versteck ihres entführten Bruders deutet. Aber auch im Keller passiert Unheimliches. An der Wand hängt ein totgelegtes Telefon, dennoch beginnt es zu klingeln. Als Finney rangeht, vernimmt er die Stimmen jener Jungen, die vor ihm im Keller eingesperrt waren und umgebracht wurden. Als Geister wollen Finney helfen, sich aus der Misere zu retten und Rache an ihren Mörder zu verüben.

Ein atmosphärischer Horrortrip
Dass die Geschichte von «The Black Phone» Ende der Siebziger angesiedelt ist, hat mit dem persönlichen Hintergrund von Scott Derrickson zu tun, der 1978 etwa in dem Alter des Protagonisten war und selbst viel Gewalt in seinem Umfeld erlebt hat. Auch Finney ist ein Junge, der in der Schule gemoppt wird und zu Hause ebenso wenig zum Lachen hat. Die Verrohung und Lieblosigkeit, die viele Kinder nicht selten erleben müssen, ist der eigentliche Terror. In «The Black Phone» verdichtet sich das Böse in der Gestalt des sogenannten ‚Grabber‘ (Greifer), wie er von der Polizei genannt wird. Im Grunde genommen ist er die Fortführung des ständig alkoholisierten Vaters und der fiesen Jungs in der Schule, die sich nur stark fühlen, wenn sie Schwächere unterdrücken. Sollte sie das Böse ganz ergreifen, könnten auch sie den letzten Funken Menschlichkeit verlieren wie der von Ethan Hawke genial beängstigend gespielte ‚Grabber‘ werden. Insofern ist vor allem die psychologische Ebene dieses Films am spannendsten, und Derrickson versteht es sehr gut, die dunkle Bedrohung aus Sicht Heranwachsender atmosphärisch dicht an die Zuschauenden heranzutragen. Das wirkt unangenehm, sogar unheimlich, und versetzt so manchen gewiss wieder zurück in die Zeit, als man selbst noch hilflos den hässlichen Seiten des Lebens gegenüberstand.



Die Welt des Unerklärlichen
Mit diesem tiefgreifenden Unterbau geht die Story dann in parapsychologische Sphären, in die Welt des Unerklärlichen, wo ein abgeschaltetes Telefon klingelt und sogar zu wabern beginnt als würde es leben, oder wo ein kleines gottesfürchtiges Mädchen im Schlaf von hellseherischen Alpträumen gedrückt wird. Das wirkt zwar meist doch einfach mal so drauf gesetzt, um einem noch mehr das Fürchten beizubringen, beeinträchtigt aber zum Glück nicht die gespenstische Wirkung und erspart uns im Großen und Ganzen allzu widerliche Splatter-Szenen. Die sind eher selten, weil die stimmungsvollen Gruselmomente eben doch viel effektvoller sind als blutverschmierte Brutalitäten. Was Derrickson allerdings besonders gut gelingt, ist die Reaktivierung der Endsiebziger mit alten Karosserien, unmöglichen Klamotten und abgerockten Kulissen: zurück in eine Zeit, in der an ein mobiles Smartphone noch nicht mal zu denken war und Telefone, die an Wänden verankert sind, in jeden amerikanischen Haushalt gehörten. Allein das ist für manche eine gespenstische Vorstellung.

Fazit: Nach einer Kurzgeschichte von Joe Hill ist ein ungewöhnlicher Schocker entstanden. Statt mit Genre-Regeln zu spielen, die meist nur noch selten überraschen, entwickelt sich hier ein unheimlicher Plot, aus dem sich die Spannung mit einigen wirklich gelungenen Schreckmomente nährt.

The Black Phone ist im Kino zu sehen.

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