Hingeschaut

«Bachelor in Paradise»: Profilneurose vor malerischer Kulisse

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Lust auf intellektuellen Elendstourismus mit vielen jungen, gut aussehenden und aufmerksamkeitshungrigen Menschen? Dann war man am Mittwochabend exzellent bei der neuen RTL-Show aufgehoben. Und bei Lichte betrachtet dürfte der Rest ohnehin einen großen Bogen um dieses Trash-Feuerwerk der besonders aufdringlichen Art und Weise gemacht haben.

Gerade einmal zwei Tage ist es her, dass RTL mit «Jenke macht Mut» eine zweistündige Reportage auf Sendung schickte, welche die vielleicht letzten verbliebenen Tabus für abendliche Privatsender-Unterhaltung einfach mal überwunden hat und mit Komplexität und bitterböser Aufrichtigkeit begeisterte. Größer könnte der Kontrast zu dem, was die Kölner am Mittwochabend in «Bachelor in Paradise» über den Äther gehen ließ, wohl kaum sein, denn an dieser Show ist nichts fordernd, nichts und niemand authentisch und nichts auch nur in Ansätzen daran interessiert, dem Zuschauer positive Unterhaltung darzubieten. All das war aber von vornherein auch nicht zu erwarten, könnte man nun richtigerweise einwenden - doch selbst unter Berücksichtigung der Erwartungshaltung bei einem Format, dessen Titel aus dem Wort "Bachelor(ette)" besteht, ließ sich die Show erschreckend gewöhnlich und verbraucht an.

Schon das Grundkonzept liest sich wahlweise wie ein Best-of oder eben ein lauer Aufguss von «Der Bachelor» und dessen bereits vorhandenem Aufguss «Die Bachelorette»: Ehemalige Kandidaten der beiden Formate treten noch einmal auf, weil sie im Zuge ihrer ersten Partizipation weder die große Liebe noch ausreichende mediale Aufmerksamkeit und finanzielle Unabhängigkeit erlangt haben, um von weiteren "Hier bin ich, da ist die Kamera - zu sagen habe ich nichts, aber ich rede"-Auftritten abzusehen. Insgesamt 14 Singles hoffen auf das "Perfect Match" und die begehrte Rose eines Vertreters des anderen Geschlechts, welche die Fortführung des TV-Engagements um eine weitere Woche sichert - wobei sich in jeder Woche Männlein und Weiblein als Rosenverteiler abwechseln. Hier liegt auch der wesentliche Unterschied zu den beiden vorhandenen Formaten des Franchises: Ein zentraler Protagonist fehlt, stattdessen gibt es mit Florian Ambrosius einen unscheinbaren, netten Moderator.


Braucht es noch mehr von dieser Parallelgesellschaft made by Privatfernsehen?


Und ansonsten bekommt man halt das geboten, was man erwarten kann, wenn man eine Auswahl der "bekanntesten" Kandidaten in ein thailändisches Resort verfrachtet und sie in freier Wildbahn filmt: Sehr, sehr zahlreiche Verbalimpulse mit sehr, sehr überschaubarem Gehalt und sehr, sehr emsiges Streben nach Aufmerksamkeit. Denn natürlich geht es wie immer nicht darum, irgendwas mit Liebe zu finden, sondern einzig und alleine um Publicity und vielleicht noch um einen von RTL gestellten Urlaub an einem Ort, an dem man sonst vermutlich nur Zaungast wäre. Das ist rein rational für die Fraktion "mit dem Können hab ichs nicht so, aber ich bin sehr gerne" nachvollziehbar, aber für einen Großteil der potenziellen Zuschauer eben auch reichlich anstrengend, wenn man einem weitgehend gleichgeschalteten Haufen junger Profilneurotiker dabei zuzusehen hat, wie sie einander anzicken und anflirten, um am Ende bloß nicht allzu häufig dem gnadenlosen Cutter von Warner Bros. zum Opfer zu fallen.

Es ist eine Parallelgesellschaft, die man dort zu sehen bekommt, eine Art TV-Züchtung, die bestehende gesellschaftliche Klischee-Bilder so überkandidelt auf die Spitze treibt, dass man sie fast nur ironisch schauen kann. Das ist nichts Neues und viele dieser Menschen sind sich sehr wohl bewusst, dass sie mit der Vertragsunterschrift für die Show im Grunde eine Laiendarsteller-Rolle bekleiden und vieles sein dürfen, aber nicht sie selbst. Wer ein südländisches Äußeres hat, ist eben der eitle, primitiv anbaggernde Casanova-Imitator für ganz Arme, wer pralle Brüste hat, muss das schlicht gestrickte, willige Luder verkörpern und wer weder von Mutter Natur noch von Vater Schönheitschirurg mit besonderen optischen Gaben gesegnet wurden, muss halt den einen oder anderen pseudo-tiefgründigen Satz (gerne mit Wortschatz- oder Grammatikfehler) vor sich hin plappern und irgendwas mit inneren Werten einwerfen - bevor der nächste Schnitt zum Pool kommt und wieder Sixpacks, Brüste und leere Gesichter gezeigt werden.

Die Frage ist bei all dem aber eher, ob man davon nach «Bachelor(ette)», «Adam sucht Eva», «Love Island» und Konsorten wirklich noch eine Show braucht, die nach diesem erwartbaren Strickmuster verläuft und eher die Persiflage auf eine Dating-Show als eine eben solche ist. Fernab aller qualitativen Aspekte, über die man hier ohnehin nicht wirklich diskutieren muss, da die Sendung trashiges Voyeuristen-Fernsehen mit Dummfug-Garantie sein möchte und es eine (oft gar nicht mal so intellektuell schlichte) Fan-Gemeinde gibt, die so etwas wohldosiert sehr gerne genießt. Muss man nicht nachempfinden können, der Autor dieses Artikels kann es fernab des allerdings auch "intelligenteren Trash" darstellenden Dschungelcamps auch nicht wirklich, aber die Nachfrage ist da. Und gerade für Werbefinanzierte ist es legitim, sie zu stillen.



Fazit: Abgestandener Analogkäse für Fast-Food-Junkies


Was dem «Bachelor in Paradise» aber abgeht, ist ein wirklicher USP in seinem Segment. Die Protagonisten sind bekannt und bereits ein Stück weit "verbraucht" als Trash-Protagonisten, der Ablauf der Show ähnelt dem Original in vielen Aspekten doch sehr und die die ritualisierte Rosengewächs-Übergabe am Ende der Show besitzt eher den Thrill eines dreistündigen Aufenthalts im Wartezimmer beim Zahnarzt. Man wird schon wieder neue Fame-geile Machos und Luder dargeboten bekommen, die das ausgeschiedene Menschen-Imitat gleichwertig ersetzen, da kann man sich nach all den Jahren sicher sein. Wo «Team Ninja Warrior Germany» aktuell zeigt, dass zu viel des Guten nicht zwangsläufig wunderbar sein muss, hat dieses Format das Potenzial, unter Beweis zu stellen, dass eine Anhäufung von Trash auch nicht zwingend zu einer numerischen Blumenwiese bei der Quotenmessung geraten muss.

Doch so zahlreich die Kritikpunkte auch sein mögen, die man hier nennen kann, sollten fairerweise auch die wenigen Dinge Erwähnung finden, die zu loben sind: Die wieder einmal exzellente Schnittarbeit etwa, die dem sinnentleerten Gebrabbel zwar keine Substanz gibt, es aber zumindest abwechslungsreich und unterhaltsam erscheinen lässt - ein kleines Beileid an dieser Stelle an all die fleißigen Bienchen, die tage- und wochenlang all dem Analogkäse folgen und es für die Nachwelt festhalten müssen, um letztlich doch Großteile des gefilmten Materials wieder auszusortieren. Auch visuell macht das Resort in Thailand so Einiges her. Da kann man schon mal Urlaub machen, wenn diese seltsamen Gestalten da ihre 15 Minuten Aufmerksamkeit erhalten haben und irgendwer irgendwen für die Drei-Tage-Liebe gefunden hat.

Wie hat euch der Auftakt von «Bachelor in Paradise» gefallen?
Sehr gut, ich freue mich schon auf die weiteren Folgen.
52,6%
War in Ordnung, da kann man zumindest mal reinschauen.
19,6%
Ganz mies, das muss ich nicht noch einmal sehen.
12,4%
Habe es (noch) nicht gesehen.
15,5%


Und für Menschen - falls existent -, die nach einer «Bachelor(ette)»-Staffel tatsächlich wehmütig auf die unterhaltsamsten Gestalten zurückblicken, die in den Wochen zuvor ihre Nichtgedanken mit Fernsehdeutschland geteilt haben, kann die Show auch tatsächlich so eine Art Traum erfüllen. Unerschütterliche Ritter des Trashs, die nie zu viel bekommen können von den Abgründen des TVs, dürften sich hier also gut aufgehoben fühlen. Wer hingegen eher mal so unverbindlich zwischendurch nach einem harten Tag in diese Unterhaltungsformen reinschaut, um den Frontalcortex zu entlasten, dürfte in den kommenden Wochen noch unverbindlicher und sporadischer reinschauen, denn im Grunde gibt es hier wenig bis gar nichts zu sehen. Zumindest nichts, was man nicht schon das eine oder andere Mal an anderer Stelle gesehen hat.

RTL zeigt fünf weitere Folgen von «Bachelor in Paradise» immer mittwochs um 20:15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/100868
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