Hat «Supernatural» übernatürliche Kräfte?

Einst hatte «Supernatural»-Schöpfer Eric Kripke einen "5-Staffel-Plan" für seine Serie. Als es danach doch weiterging, ging der Erfinder von Bord - und es folgten lauere Jahre. Bis zuletzt...

Steckbrief

Dr. Vladislav Tinchev ist als Redakteur bei Quotenmeter zuständig für Rezensionen, Interviews und Schwerpunktthemen. Bis 2012 war er bei den Kollegen von Serienjunkies aktiv. Er arbeitet als Headwriter für die bulgarische Serie "Fourth Estate" (zweite Staffel), hat für ARD-Degeto die Krimi-Reihe «Branka Maric» entwickelt und unterrichtet an der Universität in Hamburg. Weitere Informationen gibt es auf seiner Homepage.
Dean Winchester (Jensen Ackles) sitzt am Tisch und blättert in einem Buch – in der Hand hält er eine Bierdose. Sein Bruder Sam (Jared Padalecki) betritt den Raum und während sie miteinander reden, wirft Dean einfach die Bierdose über seine Schulter, ohne hinzugucken. Sie landet direkt in Sams Hand...

Wenn jemand eine Beschreibung von «Supernatural» sucht, dann ist diese Szene aus der elften Staffel mit Abstand das Beste, was einem einfallen könnte. Es ist verrückt, dass die Serie ihr Debüt vor, sage und schreibe, zehn Jahren hatte und es immer noch schafft eine solide Zuschauerschaft vor den Bildschirm zu locken. Warum eigentlich? Wodurch? Woraus besteht die Chemie – die innerhalb der fiktionalen Welt der Serie und diejenige zwischen der Serie und ihren Fans?

Ein ausführlicher Versuch diese Fragen zu beantworten, würde den Rahmen des Artikels sprengen. Aus diesem Grund werde ich mich hauptsächlich einem kurzen Abriss der Serienentwicklung widmen wollen und der Suche nach Erklärungen für «Supernaturals» stabile Quoten und eine bis jetzt mehr als sehenswerte elfte Staffel. Der Anlass für diesen Artikel ist die Wiederaufnahme dieser elften Staffel in den USA.

Man könnte fast behaupten, «Supernatural» wäre auferstanden, nachdem in den Staffeln 6, 7 und 8 die Lage nicht so rosig schien. Vor allem nicht aus erzählerischer Hinsicht. Damit will ich nicht behaupten, dass in den drei erwähnten Staffeln «Supernatural» die Zuschauer komplett enttäuscht hätte. Aber irgendwie konnte die Serie ihre Magie nicht so richtig entfalten. „Es fehle an Richtung“, konnte man in Kritiken lesen.

Aber da muss ich die Macher in Schutz nehmen, denn es ist sehr schwer innerhalb einer fiktionalen Welt, deren Geschichte ein Ende haben sollte, einfach weiter zu machen und dieselbe Dynamik zu entwickeln. Im Normalfall wären die fortlaufende Handlung und die Figurengeschichten in «Supernatural» mit Staffel 5 beendet. «Supernaturals» „Normalfall“ hieß Erik Kripke. Seinen 5-Staffeln-Plan für «Supernatural» an dieser Stelle zu erwähnen, erscheint passend. Denn wie lange eine Serie laufen soll und wie das ursprüngliche Konzept des Schöpfers für die Geschichte war, sind Fragen, die die Serienlandschaft prägen, ganz egal ob wir uns über „zu viele“ Staffeln bei «Dexter» beschweren oder aber darüber freuen, dass AMC «Breaking Bads» Autoren erlaubt hat, trotz Erfolg, nach der fünften Staffel Schluss zu machen - so wie geplant...

Und Kripke mit seinen Winchester-Brüdern? Ursprünglich sollten sie nicht einmal so heißen, aber die Nachnamen wurden immer wieder geändert, bis man sich auf Winchester einigen konnte. Dasselbe gilt für das Pilot-Drehbuch. Dieses hat mehr Fassungen erlebt, als jeder Untote in der Serie... Aber eine Sache wusste Kripke – es sollen fünf Staffeln werden und dann ist die Geschichte auserzählt. Aus dramaturgischem Gesichtspunkt wurde die Handlung genauso gebaut, aber die soliden Zuschauerzahlen und der Hype um die Serie (FanFiction, Comic Con etc.) ließen die Senderverantwortlichen über weitere Entwicklungen nachdenken. Kripke blieb aber seiner ursprünglichen Vision treu und ging von Bord.

Er ließ die Serie in guten Händen, aber ganz egal wie gut diese waren, konnte man deutlich spüren, wie die Richtung für eine Weile verloren ging. Denn wie wir alle wissen, gibt es bei «Supernatural» einen fortlaufend erzählten Handlungsstrang in jeder Staffel. Die eigentliche Meisterleistung besteht bei solchen Formaten darin, die Balance zwischen den Fällen der Woche und der horizontalen Erzählung zu bewahren. Und spezifisch für «Supernatural» – es geht immer darum, die Balance innerhalb der Winchester-Beziehung zu managen! Es mag ja ein subjektiver Eindruck sein (eigentlich ist alles subjektiv!), aber jedes Mal, als Sam und Dean getrennt wurden, mit einem Fluch oder Ähnlichem belegt, einander retten oder finden mussten – aus welchem Grund auch immer – schienen die Zuschauer nicht so großen Gefallen daran zu finden. Wenn man den Comic Con-Äußerungen von Jensen und Jared Glauben schenken will, erging es den beiden Serien-Brüdern bei den Dreharbeiten ähnlich.

Zwischenzeitlich drohte man als Zuschauer die Übersicht zu verlieren bei der Menge an Engeln, Dämonen und anderen Figuren. Jeder schien eine eigene Agenda zu haben oder zu verfolgen und die Handlung verzettelte sich zeitweise.

Um den Bogen zu schließen: Wenn man einen dramaturgischen Setup für fünf Staffeln kreiert hat und diesen dann plötzlich erweitern muss, bedarf es Zeit, um die neuen Figurenkonstellationen zu etablieren und sich für und gegen Figuren und die damit verbundene Handlung zu entscheiden.

Diesbezüglich erinnert wiederum die elfte Staffel an frühere «Supernatural»-Staffeln – die Brüder sind zusammen und verfolgen ein gemeinsames Ziel. Nun ja – vielleicht der eine mehr als der andere. Natürlich hat man als «Supernatural»-Fan alles schon gesehen, aber hier bauen die Autoren eben auf diesem Wissen der Zuschauer. In der elften Staffel sind alle Fälle der Woche auf irgendeine Art und Weise mit früheren Erlebnissen aus der «Supernatural»-Mythologie verbunden. Dieses Vorgehen schafft Mehr-Genuss bei dem Zuschauer, der als «Supernatural»-Fan sich darüber erfreuen kann, die Referenzen entdeckt und wahrgenommen zu haben. Aber die elfte Staffel, genauso wie die Hälfte aller «Supernatural»-Staffeln schöpft ihre Kraft aus der Struktur. Ich würde an dieser Stelle (ganz frech) behaupten, dass es zwei Arten von «Supernatural»-Staffel-Strukturen gibt:

- bei der ersten überwiegen die Stand-Alone-Episoden und man kümmert sich um die horizontale Erzählung nur zum Auftakt der Staffel und dann in der Mitte und am Ende;

- bei der zweiten Variante sind es immer ein paar Episoden am Stück, die sich dem so genannten „Problem der Staffel“ widmen. Sogar in den Fall-der-Woche-Episoden wird der Zuschauer immer wieder daran erinnert.

Es wäre eine schwere Rechenaufgabe zu sagen, welche Variante wirklich erfolgreicher ist, aber die zweite bietet definitiv eine dichtere Erzählung, in der Deals, Machenschaften, Dreiecksbeziehungen, ständig wechselnde Allianzen, geschickt mit der Erwartungshaltung und dem Wissen der Zuschauer spielen.

Aus diesem Grund funktioniert die neue elfte Staffel so gut. Wir, Zuschauer, sitzen wieder auf dem Rücksitz des Impalas und die Winchester-Brüder vorn. Und wir wissen – auf dem Weg vor ihnen liegt eine beinah unmögliche Wahl – sie müssen zwischen zwei Übeln wählen. Aber ganz egal wie diese Wahl ausfällt, wir wissen ganz genau, was die Einsätze in dem Spiel sind. Und die Stand-Alone-Episoden dienen nicht nur dem „Aufatmen“ oder dem Spaß, sondern uns immer wieder den emotionalen Zustand von Sam und Dean zu zeigen und sich damit auseinanderzusetzen. Wie schon zum Anfang des Artikels erwähnt – die Spannung ergibt sich aus der Balance, aus der Vermischung des Schon-Gesehenen mit neuen Elementen. Man kann sagen, dass die Serie es geschafft hat, nach Staffel 5 doch noch die «Supernatural»-Mythologie auszubauen, zu ordnen und ihr eine neue Richtung zu geben. Und sie funktioniert einwandfrei. So kann die Serie sich auf ihre Zuschauer verlassen, wenn sie die (metaphorische) Bierdose über die Schulter wirft und weiß, dass die Zuschauer da sind, um sie zu fangen.

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