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Bully macht Quatsch: Warum Bullys neue Serie keine Sitcom ist

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Die Premiere von «Bully macht Buddy» bot zwar gute Ansätze, beging aber gleichzeitig einige zentrale Fehler. Unsere Analyse.

«Bully macht Buddy»

  • 6 Folgen
  • Darsteller: Michael Bully Herbig, Rick Kavanian, Sandra Koltai, Gisa Flake
  • Gäste: Sarah Connor, Sasha, Wigald Boning, Elyas M’Barek, Steven Gätjen, Boss Hoss u.a.
  • Produktion: Constantin Entertainment
  • Die Serie wurde vom 13. September bis 17.Oktober 2013 im Studio 9 der Bavaria Filmstudios in München/ Geiselgasteig vor jeweils 180 Zuschauern aufgezeichnet.
Im Kern ist die neue Comedyserie «Bully macht Buddy», die am Montagabend ihre Premiere bei ProSieben feierte, lediglich eine große Werbeaktion für den neuen Kinofilm des Filmemachers und Schauspielers Michael Herbig. Doch dieser nahm sich für seine Promotionsmaßnahme mehr vor, denn er wollte zugleich eine deutsche Sitcom nach amerikanischem Vorbild schaffen. Aus diesem Grund wurden die Produktionsbedingungen der typischen dortigen Vertreter übernommen und die Handlungen vor einem Live-Publikum aufgezeichnet. Um in der einheimischen Fernsehgeschichte vergleichbare Formate, die auf ein großes Zuschauerinteresse stießen, abzählen zu können, braucht es nicht einmal alle Finger an einer Hand und mit der ZDF-Reihe «Lukas» liegt der letzte Vertreter bereits zwölf Jahre zurück. Herbig hat sich damit ein ambitioniertes Ziel vorgenommen.

Die Story der ersten Ausgabe wird durch einen Einspielfilm als eine Art Prolog bereits vorweggenommen: Weil der Filmregisseur Bully zu sehr mit seinem nächsten Projekt beschäftigt ist, verlässt ihn seine Freundin Nina und zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus. Stattdessen quartiert sich bei ihm die vulgäre und übergewichtige Schwester Aida von Bullys bestem Freund Rick ein. Das führt zu einigen Missverständnissen, welche die Beziehung zwischen Bully und Nina noch komplizierter machen. Bei einer versuchten Aussprache wird er jedoch von der Sängerin Sarah Connor abgelenkt, die er für den Soundtrack seines neuen Films verpflichten will, sodass die Versöhnung schlussendlich ausbleibt.

Das Ergebnis ist an vielen Stellen bemüht und lahm, an manchen amüsant und zum Teil sogar sehr witzig. Damit schließt sich «Bully macht Buddy» fast nahtlos an Herbigs legendäre «Bullyparade» an, bei der es sich mit der Trefferquote der Sketche ähnlich verhielt. Positiv hervorzuheben ist hierbei der selbstironische Auftritt von Sarah Connor, die vielen Filmanspielungen und zum Teil gekonnten Wortspiele. Darüber hinaus ist die Schauspielerin Gisa Flake besonders zu loben, welche die unweibliche Schwester Aida derart uneitel verkörpert, dass sie allen anderen die Show stiehlt. Obwohl die Serie also gute Ansätze bietet, kann sie insgesamt nicht vollständig überzeugen, vor allem weil zu keiner Zeit ein richtiges Sitcom-Feeling aufkommt.

Der amerikanische Sitcom-Experte Jürgen Wolff, der auch für viele deutsche Produktionen tätig war, hat Ende der 1990er Jahre einen Ratgeber für Comedy-Autoren herausgegeben und beschreibt darin ausführlich die Zutaten für eine erfolgreiche Sitcom. So sind für ihn die Figuren der Schlüssel zum Erfolg. Er schreibt: „Die wirklich guten Serien vermitteln uns das Gefühl, wir hätten neue Freunde gewonnen, die wir Woche für Woche in unsere Wohnung einladen.“ Sicherlich ist es nach der Ausstrahlung von nur einer Folge noch zu früh, um endgültig beurteilen zu können, ob dies bei Bully gelingen wird, doch sehr wahrscheinlich ist es bisher nicht.

Um dies zu erreichen, ist es laut Wolff äußerst wichtig, wie die Figuren gezeichnet sind und dass diese Eigenschaften klar hervortreten. Dazu nennt er einige zentrale Fragen, die es bei ihrer Konzeption zu beantworten gibt: „Was will die Figur in ihrem Leben erreichen? Wie ist ihre Beziehung zu anderen Charakteren? Wie verhält sie sich in Konfliktsituationen? Wie ist ihre Backstory?“ Sicherlich ist es nahezu unmöglich, all diese Fragen bereits in der Auftaktepisode abzuklären, doch müssen wenigstens Ansätze dafür enthalten sein.

Genau dies gelingt den Autoren von «Bully macht Buddy» noch nicht. Die Protagonisten wirken konturlos und blass, weil ihnen eindeutige Ziele und Haltungen fehlen. Beispielsweise bleibt es unklar, ob Bully seine Freundin oder seinen Film bevorzugt, denn einerseits verhindert er die Trennung kaum, versucht sie andererseits aber zu retten, lässt sich dabei jedoch wieder ablenken. Genauso diffus ist sein Verhalten in Konfliktsituationen. Mal handelt er emotionslos, dann wieder unterwürfig bzw. kleinlaut und in der Auseinandersetzung mit Aida sogar fies und herzlos. Diese Unentschlossenheit betrifft nicht nur Bullys Figur, sondern setzt sich über die restlichen Rollen fort. Insbesondere bei Aida bleibt es offen, ob sie eine witzige oder eine tragische Figur ist, ob die Zuschauer sie auslachen oder bemitleiden sollen.

All dem könnte man entgegnen, dass die Charaktere bei der Beachtung dieser Vorgaben äußerst vorhersehbar und hochgradig stereotyp werden, aber genau darin liegt laut Wolff das Geheimnis von Sitcoms. Die beliebtesten Comedyserien würden von einfachen und unkomplexen Figuren handeln, deren Komik dadurch entstünde, dass sie in Situationen geraten, mit denen sie nicht umgehen können, gerade weil sie so festgefahren sind und nicht aus ihrer Haut können. Die Handelnden im neuen Konzept reihen sich noch nicht in diese Linie ein. Zwar sind die Ansätze vorhanden, aber noch nicht konsequent zu Ende geführt.

Bezüglich der erzählten Geschichte missachtet das neue Format ebenso eine zentrale Bedingung für Sitcoms, nämlich einen klassischen, dreiaktigen Aufbau der Episoden. Diesen beschreibt Jürgen Wolff folgendermaßen: „Gute Geschichten haben immer einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. [...] Sie versuchen also, Ihre Figur in eine schwierige Situation zu bringen, oder stellen ihr ein klar definiertes Ziel vor Augen. Dann zeigen Sie, wie Ihre Figur mit der Situation hadert, beziehungsweise alles daransetzt, ihr Ziel zu erreichen. Und schließlich lösen Sie die Geschichte auf, indem Sie zeigen, ob die Figur einen Ausweg aus der Situation gefunden oder ihr Ziel erreicht hat.“

Am Ende der ersten Folge von «Bully macht Buddy» wohnt Ricks ungebetene Schwester noch immer bei ihm, ist die Trennung von seiner Freundin nicht überwunden und selbst bei seinen Filmvorbereitungen ist er nicht vorangekommen. Kurz, die Folge bot überhaupt keine Auflösung an, sondern brach bereits im zweiten Akt ab.

Hier schält sich letztlich heraus, was die große Schwäche der Produktion ist. Sie ist nämlich gar keine Sitcom, sondern eher ein 20-minütiger Sketch, denn diese gipfeln und enden gewöhnlich ebenso im größtmöglichen Chaos. Auch die Figuren passen in ihrer lieblosen Ungeformtheit und bloßen Reduzierung auf Funktionen eher zu gespielten Witzen als zu Sitcoms. So erklärt sich auch das mitunter mangelhafte Timing der Handlung, das fehlende Tempo bei den zu langen Szenen und sogar die unnötigen Ankündigungen eines Handlungsortswechsels durch einen Offsprecher samt Texteinblendungen. Diese inhaltliche und konzeptionelle Nähe zu Sketchen ist nicht verwunderlich, schließlich haben die Macher der Show mit «Bullyparade», «Bully & Rick» und anderen Formaten ihre Wurzeln in diesem Genre, die offenbar nicht so leicht abzulegen sind. Dieser Ansatz ist nicht grundsätzlich verwerflich, funktioniert nur eben als Sitcom nicht.

Für eine Sitcom müssen Figuren anders konzipiert und Plots anders strukturiert werden. Das ist dann auch die Begründung, wieso die Serie trotz guter Ansätze nicht richtig zündet. Schade, das Potential wäre sicherlich vorhanden gewesen. Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen in den kommenden fünf Ausgaben an diesen Schwächen gearbeitet haben, denn in der deutschen Fernsehlandschaft ist ein einheimischer Vertreter dieser Art längst überfällig.

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