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«The Voice» in Gefahr: Auch die beste Show kann zur Ramschware werden

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Das Original blickt auf die mit Abstand schwächste Staffelbilanz überhaupt zurück, dem Senior-Ableger ging schnell die Puste aus und bald kehren die zuletzt schwächelnden Kids zurück: Der Vorzeige-Show der ProSiebenSat.1-Gruppe droht sieben Jahre nach ihrer Erstausstrahlung die Entzauberung. Warum sich das Franchise zuletzt zu sehr im eigenen Erfolg gesuhlt hat, sich mit dem peinlichen Senior-Finale wahrlich keinen Gefallen getan hat und zur Gewohnheit verkommen ist.

«The Voice»-Staffelranking

  1. S1: 4,22 Mio.
  2. S2: 4,12 Mio.
  3. S7: 3,70 Mio.
  4. S3: 3,67 Mio.
  5. S4: 3,59 Mio.
  6. S6: 3,58 Mio.
  7. S5: 3,30 Mio.
  8. S8: 2,94 Mio.
Durchschnittliche Gesamt-Reichweiten aller 16 bzw. 17 Folgen jeder Staffel.
Für die Macher von «The Voice of Germany» waren die vergangenen beiden Staffeln eine echte Achterbahnfahrt durch die Höhen und Tiefen der Quotenmessung: War man 2017 noch auf eine durchschnittliche Zuschauerzahl von etwa 3,7 Millionen und damit auf den stärksten Wert seit fünf Jahren gelangt, erreichte man diesmal im Mittel nicht einmal mehr drei Millionen Menschen - was ebenso wie die damit verbundenen 9,9 Prozent Gesamt- sowie 16,6 Prozent Zielgruppen-Marktanteil die mit Abstand schwächsten Zahlen in der Geschichte der Sendung waren. Insbesondere die Finalphase lief eingedenk der hohen Ansprüche an sich selbst desolat, drei der vier Sing-offs und Liveshows kamen nicht einmal mehr auf zwölf Prozent des jungen Publikums, was zugleich drei historischen Allzeit-Tiefs entsprach.

Es hätte also in der sonst so ruhmreichen Formatsgeschichte kaum einen schlechteren Zeitpunkt geben können, um den neuen Senior-Ableger auszutesten. Dass er mit über drei Millionen Zuschauern (und über 13 Prozent Zielgruppen-Marktanteil) trotzdem sehr gut startete, anschließend aber erheblich absackte, sollte Hoffnungsschimmer und Warnschuss zugleich für ProSiebenSat.1 sein: Ganz offensichtlich hat sich die Marke einen Vertrauensvorschuss erarbeitet, den sie derzeit aber zu verspielen droht. Woran krankt «The Voice» aktuell und wie kann es zur Genesung kommen?


Drei Shows sind mindestens eine zu viel


So vorhersehbar die Intensivmelkung der Quotenkuh nach der Hit-Staffel 2017, so überschaubar erstaunlich auch der Aderlass 2018 - und die hier formulierte mediale Bitte um Augenmaß. Ganz offensichtlich war der Speichelfluss der Programmverantwortlichen nach noch mehr Top-Stimmen nicht zu bremsen, was angesichts der gigantischen Nachfrage im Vorjahr legitim und nachvollziehbar, wenngleich zum Scheitern verurteilt war. Insbesondere die Entscheidung, das brandneue Senior-Spinoff unmittelbar nach dem Finale der Hauptstaffel auszustrahlen, muss im Nachhinein als Fehlplanung bezeichnet werden - immerhin stellte sich schon inmitten der 17 "normalen" Folgen ein in dieser Drastik nie zuvor da gewesenes Abnutzungsempfinden beim Publikum ein.

Das wiederum gefährdet den Kids-Ableger, der in den vergangenen Jahren stets im Februar startete und unabhängig vom Hauptformat ohnehin kontinuierlich leicht an Zugkraft einbüßte: Nach grandiosen 19,6 Prozent für die erste Staffel war man im sechsten Anlauf bei durchschnittlich nur noch 11,5 Prozent angelangt - immer noch starke Werte für Sat.1, aber wahrlich keine glanzvollen mehr. Und hier liegt die Crux für die Programmverantwortlichen: Spart man an «The Voice» und seinen Ablegern, mag man den Glanz der Marke aufrecht erhalten, muss aber gucken, wie man mit seinem ansonsten meist völlig belanglosen Sonntagsprogramm über die Runden kommt. Kurzfristig erscheint es da sinnvoller, Stimme um Stimme rauszuhauen, bis man sich in die rote Zone hineingesungen hat. Neue Shows ausprobieren? Nach einigen desolaten Versuchen vor einigen Jahren hält man beim Bällchensender von dieser Möglichkeit ganz offensichtlich wenig.

Die wahrscheinlichste Lösung dieses Problems: Einmal kurz das Publikum blitzdingsen, «The Voice Senior» als die nächste unglaubliche Erfolgsgeschichte wegkomplimentieren und in Zukunft schlichtweg nicht noch einmal zeigen. Dass man den zweiten Ableger ohnehin nur auf Sparflamme und mit wenig Passion produzierte, verdeutlichte Sat.1 den Zuschauern und Künstler im Rahmen der Finalshow auf beinahe schon dreiste Art und Weise, indem man die Verkündung des Siegers in einem kleinen, tristen Kabuff ohne Beteiligung von Lena Gercke und der Coaches durchführte, was anschließend relativ platt und floskelhaft mit "produktionstechnischen Gründen" abgetan wurde. Eine rasche Einstellung des nicht wirklich geliebten neuen Stiefkindes dürfte weiteren Shitstorms vorbeugen, den Verschleiß der Marke ein wenig verlangsamen und den Overkill zumindest reduzieren - auf eine ebenso aufwandsarme wie gesichtswahrende Art und Weise wäre damit also Zeit gewonnen, über weitere Entschlackungsmaßnahmen werden künftige Quoten befinden.

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Die Coaches sind beliebig geworden


Ein Lob vorweg: Im Gegensatz zu «DSDS», das seine konzeptionelle Abkehr von der zumindest vorgeblichen Musikbezogenheit in den vergangenen Jahren auch durch seine Jury-Besetzung verdeutlicht hat, kann man «The Voice» wahrlich nicht vorhalten, schlechte (oder gar keine) Musiker als Coaches zu besetzen. Doch vor allem in der jüngeren Vergangenheit kam es zu gleich mehreren Doppel-Besetzungen von Coaches bei der Hauptshow und beim Kids-Ableger, was man nicht zwangsläufig defizitorientiert diskutieren muss. Doch spätestens mit der Besetzung der Senior-Coaches, die ausschließlich aus bekannten Namen aus dem «The Voice»-Universum bestanden (Mark Forster, Sasha, Yvonne Catterfeld und The BossHoss), dürfte der Bogen überspannt sein. Beispielhaft lässt sich das an Forster und Catterfeld festmachen, die schon die vergangenen beiden Durchläufe der Hauptshow bestritten hatten: In Jahr eins sorgte Catterfelds vermeintliche Dominanz gegenüber Forster beim Kampf um die besten Talente noch für viele Lacher und zahlreiche komische Momente, im zweiten Anlauf wirkten die Wortgefechte schon zunehmend bemüht und als beim Senior-Ableger nun abermals in dieselbe Kerbe geschlagen wurde, beschwerten sich Fans (zurecht) über die Abnutzungserscheinungen dieses Clinches.

Zudem fällt es den Ablegern angesichts der zunehmenden Einfalt auf den Coach-Sesseln immer schwerer, ein eigenes Profil aufzubauen. Als «The Voice Kids» 2013 startete, hatte es mit Lena, Tim Bendzko und Henning Wehland drei frische Gesichter zu bieten, die unabhängig vom Hauptformat ihre ganz eigene Dynamik entfalten konnten. Und Staffel sieben? Da feiert Stefanie Kloß ihr Debüt bei den Kleinen, The BossHoss nehmen auch diesen Ableger noch mit, Lena kehrt nach einer zweijährigen Auszeit zurück und Mark Forster nimmt seit Jahren ohnehin alles mit, wo «The Voice» draufsteht. Rein nominell keine schlechte Auswahl, aber allesamt Leute, bei denen man ahnt, wie sie sich innerhalb der Show verhalten werden, weil man ihre Gesichter (nicht nur) innerhalb des Franchise eher zu häufig als zu selten schon gesehen hat.

Weshalb hat man den Senior-Ableger nicht mit mindestens einem bekannten Musiker aus dem deutschsprachigen Raum besetzt, der selbst schon etwas älter ist? Wieso müssen die Jungs von The BossHoss auch noch zu den Kids hinzustoßen? Warum kann man Mark Forster nicht auch einmal eine Pause verschreiben? Und wie kann man ernsthaft auf die Idee kommen, eine Final-Entscheidung komplett ohne Coach-Beteiligung durchzuführen, ohne dass sich beim Rezipienten der Eindruck festsetzt, das Schicksal ihrer Talente sei ihnen weitgehend egal, so lange die Gage stimmt und für die eigene Platte geworben werden kann. Diese und weitere Fragen sollte man sich stellen, möchte man die Spinoffs künftig (wieder) etwas eigenständiger gestalten. Dazu kann auch, wenngleich nicht ausschließlich, eine abwechslungsreichere Besetzung der Coaches beitragen.


Die Zeit der Star-Versprechen ist vorbei - die der Standard-Superlative auch


Gar nicht mal so auffällig und öffentlichkeitswirksam hat sich in der Historie dieser Sendung wie auch beim großen RTL-Konkurrenten eine Verschiebung des Star-Narrativs vollzogen: Nur noch selten ist bei den beiden größten Musik-Castings die Rede davon, dass die erfolgreiche Teilnahme an dem jeweiligen Format eine Star-Garantie impliziert. Das ist mit klarem Menschenverstand betrachtet nur logisch, wenn man die umfangreiche Siegerliste der Sendungen der überschaubaren Riege von Musikern gegenüberstellt, die danach wirklich groß im Musik-Business Fuß fassten - der erfolgreichste «The Voice»-Act ist mit Max Giesinger zudem einer, der einst gar nicht gewonnen hatte, sondern erst in der Versenkung verschwand, bis seine eigentliche Karriere vor einigen Jahren mit "80 Millionen" begann. Ebenso logisch wäre es auch, endlich einmal mit der Litanei aufzuhören, in nahezu jeder Folge jeder Staffel die immer gleichen "noch nie war die Konkurrenz so stark"- und "wir haben die stärksten Talents, die je das Licht der Welt erblickt haben"-Superlative aus der Phrasenkiste zu holen. Bisher hat man die Coaches aber noch nicht von der Verpflichtung entbunden, sich diesbezüglich ständig selbst wiederholen zu müssen.

Halb so wild, das kann man doch einfach überhören? Völlig richtig, aber es ist ein weiteres Sinnbild des gefühlten Stillstands des Formats bei gleichzeitiger Omnipräsenz. Denn ähnlich wie die Hauptshow waren auch die beiden Ableger konzipiert und bei jeder "Besser denn je!"- und "Team XYZ wird die Konkurrenz diesmal vernichten!"-Ansage verlieren sie mehr an Wert und verkommen zu leeren Worthülsen. Der Frische der Show würde ein verbales Abrüstungsabkommen also sicherlich gut tun, wie ihr auch leichte Modifikationen am Konzept helfen könnten, denn...


Nach den Blinds ist meist die Luft raus


Quotenverluste zwischen Blinds und Liveshows

  1. S8: 40%
  2. S2 & 4: 32%
  3. S3, 5, 6 & 7: 26-28%
  4. S1: 24%
Durchschnittlicher Marktanteilsverlust (14-49 Jahre) der jeweiligen Liveshows einer Staffel gegenüber den Blind Auditions.
Das Problem, dass «The Voice» im Anschluss an die Blind Auditions ähnlich wie auch «DSDS» nach den Castings deutlich an Zugkraft einbüßt, ist nicht neu und erstreckt sich über die gesamten acht Staffeln. Mit einem Rückgang von knapp 20 Prozent Zielgruppen-Marktanteil in der ersten Staffelhälfte auf nur noch gut elf Prozent an deren Ende fiel der Aderlass 2018 jedoch besonders dramatisch aus (siehe auch Infobox). Das lässt sich nun in viele Richtungen interpretieren, unter anderem dahingehend, dass die Dreiteilung in Battles, Sing-Offs und zwei Liveshows drei Jahre nach ihrer Erstverwendung ihren Reiz verloren hat. Denn während die Blind Auditions als ikonisches Meisterwerk komplett für sich stehen und in den vergangenen Jahren zurecht kaum angerührt wurden, ist John de Mol bei der Kreation des Formats anschließend die Genialität abhanden gekommen. Heißt: Man muss jedes Jahr neu darum kämpfen, dass der Sendung nach dem Selbstläufer nicht die Puste ausgeht. Und da ist man zuletzt im Zuge des starken Vorjahres-Resultats ein wenig zu faul oder ängstlich gewesen, hat zu wenig Gehirnschmalz und Begeisterung investiert - und zuletzt einen weitgehend egalen Endspurt hingelegt, der keinerlei Überraschungsfaktor mehr beinhaltete.

Da ist es sicherlich nicht dienlich, wenn man als Fan weiß, dass der Finalsieg im Grunde erst einmal gar keine unmittelbar evidenten Folgen für den eigenen Favoriten hat. Seit 2017 präsentiert der Sieger innerhalb der Show nämlich keinen eigenen Song mehr, sodass der große Chart-Buzz nach dem Finale ausbleibt. Insbesondere künstlerisch muss das kein Nachteil sein, da man somit die Zahl der Verlegenheits-Konsensnummern ohne eigene Note verringert und nach der Show in Ruhe an der Musik arbeiten kann, hinter der auch der Sieger-Act stehen kann. Für die Dramaturgie des Finals ist es aber sicher kein Gewinn, wenn der Zuschauer am Ende dieser langen Fernsehreise das Gefühl hat, vor einem großen Fragezeichen zu stehen. «DSDS» hat dieses Dilemma mit dem schnöden Mammon zu lösen versucht, «The Voice» nicht, weshalb es auch hintenraus keinerlei Aufschwung mehr gab.

Möglichkeiten, die 2019er-Staffel wieder etwas interessanter zu gestalten als die vergangene, gibt es fernab der Overkill-, Coach- und Superlative-Frage durchaus einige: Beispielsweise könnte man den Kampf der Coaches untereinander wiederbeleben, der durch die paritätische Teilnahme von je einem Künstler aller Teams vor einigen Jahren quasi komplett zum Erliegen gekommen ist. Man könnte das Element Eigenständigkeit der Künstler innerhalb der Show betonen, indem man sie nicht nur bereits vorhandene Titel runtersingen lässt, sondern ihnen mehr Freiräume lässt, punktuell auch ihre eigene Musik darzubieten. In beiderlei Hinsicht war die Show vor einigen Jahren schon einmal weiter und spannender. Und das eine oder andere unverbrauchte konzeptionelle Element sollte auch Verwendung finden. Dann wird man sich keine allzu große Sorgen machen müssen, dass die Formkurve wieder so deutlich nach unten zeigt wie zuletzt. Feuert man dagegen erneut nur auf Sparflamme oder speist man Musiker wie Fans mit weiteren lustlos runterproduzierten Garagen-Finals ab, droht das Feuer zu erlischen und mit «The Voice» die wohl letzte verbliebene große Abendshow der Sendersendergruppe ins Mittelmaß zu rutschen.

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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
medical_fan
09.01.2019 21:40 Uhr 1
The Voice ist genauso schlimm wie DSDS. Zumal nur TVOG Fans wissen, wer gewonnen hat und die anderen nicht, was in den Anfangsjahren von DSDS vorhanden war, hier aber komplett fehlte und immer noch fehlt.
CaptainCharisma
10.01.2019 15:20 Uhr 2
Obs nun schlimmer ist, weiß ich nicht. Suspekt kommt es mir dennoch vor. Habe nur wenige Folgen mit halben Auge geschaut und da wirkten die Juroren schon arg gescriptet. Der Kandidat stand noch gar nicht auf der Bühne, da lag die Nena schon mit verheulten Augen auf dem Boden und wird von ihren unmenschlichen Emotion übermannt. Und sollte Nena mal gerade nicht an ihren Tränen ertrinken, springen männliche Juroren herum, spielen Luftgitarre und schreien "So voll Rock "n' Roll und voll CRAZY so hier und so". Zwischendurch wird wieder geheult, weil als so voll emotional und touching ist. Dahingehend wirkt das Format schon brutal konstruiert und krampfhaft auf hip und emotional geprügelt.

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