Die Kritiker

«Tatort – KI»: Die gute, böse Künstliche Intelligenz

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Gut besetzt und humorvoll, ohne albern zu werden: Im «Tatort»-München geht es dezent futuristisch zu.

Cast und Crew

  • Regie: Sebastian Marka
  • Darsteller: Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, Dirk Borchardt, Lisa Martinek, Janina Fautz, Katharina Stark, Florian Panzner, Thorsten Merten, Ferdinand Hofer, Stefan Betz, Michael Stange, Robert Joseph Bartl
  • Drehbuch: Stefan Holtz, Florian Iwersen
  • Kamera: Willy Dettmeyer
  • Schnitt: Sebastian Marka
  • Musik: Thomas Mehlhorn
  • Produktionsfirma: Bavaria Fiction
Es passiert alle paar Monate wieder: Der «Tatort» lässt die übliche Mördersuche von der öffentlich-rechtlichen Stange hinter sich und stürzt sich volles Rohr in die Auseinandersetzung mit modernen Technologien. Und wann immer es dazu kommt, spaltet dies die Gemüter. Die Stuttgarter Stanley-Kubrick-Hommage «HAL» etwa wurde gleichermaßen als meisterlicher «Tatort» über das Darknet gefeiert wie als hohle, in Klischees ertrinkende Lachnummer abgestraft. Ganz so weit auseinandergehende Extreme wird der Münchener «Tatort» mit dem Titel «KI» voraussichtlich nicht provozieren. Denn der Fall, durch den sich die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) teils mit fragenden Blicken, teils mit staubig-schnippischen Kommentaren schlagen, ist (je nach Blickwinkel) zugänglicher respektive weniger prätentiös geraten: Keine ausschweifenden Kubrick-Imitationen, keine herben tonalen Sprünge, keine affektierten Experimente. Das ist entweder im Vergleich zu «HAL» feige oder aber die fähigere Umsetzung eines weniger krampfhaft-verkopften Drehbuchs.

Losgetreten wird der Neunzigminüter durch das abrupte Verschwinden der 14-jährigen Melanie Degner (Katharina Stark). Als die Ermittler den Laptop der Vermissten nach Hinweisen durchsuchen, beginnt ein Programm auf ihm mit den Kommissaren zu reden – deutlich smarter und menschenähnlicher, als von Siri, Cortana und Co. gewohnt. Also packen Batic und Leitmayr das Gerät ein und gehen dem Ursprung der künstlichen Intelligenz nach, die sich Maria nennt. Es stellt sich heraus, dass sie Teil eines EU-Forschungsprojekts ist, das gehackt und auf unerklärliche Weise auf Melanies Computer kopiert wurde …

Positiv festzuhalten ist, dass dieser «Tatort» nicht den einfachen Weg geht und die Kommissare wie zwei Dorftrottel durch einen High-Tech-Fall stolpern lässt. Wie das Skript ihren Blick auf Technologie und ihr Vorwissen skizziert, ist glaubhaft: Sobald die Verantwortlichen hinter Maria in Fachvokabular verfallen, schauen Batic und Leitmayr genervt oder fragend aus der Wäsche, dennoch können sie mit einem Laptop umgehen und beschreien nicht bei jedem technischen Fortschritt, von dem die Rede ist, sogleich den Untergang der Welt. Sie bewegen sich zwischen gesunder Grundskepsis und Offenheit – und kommentieren diesen High-Tech-«Tatort» mit einigen treffsicheren, lustigen Sprüchen. "Das wird nichts mehr mit Maria und der ungehackten Empängnis", ein sarkastischer Kommentar Batics an Leitmayr, er solle die KI über ihre Rechte belehren und ähnliche Gags lockern den Neunzigminüter auf und bringen eine glaubwürdige, lebendige Note in die Dynamik zwischen den Ermittlern und der digitalen Welt.

Umso mehr sticht eine Szene heraus, in der die Autoren Stefan Holtz und Florian Iwersen andeuten, dass die beiden Kommissare nicht wissen, was ein USB-Stick ist. Angesichts dessen, wie sie den restlichen Fall über gezeichnet werden, ist das inkonsequent – aber es bleibt nur bei diesem einen, kleinen Patzer. Die kleinen Gags über Marias frühen, wackligen Gehversuche, wenn sie frisch installiert Fragen beantworten soll, machen das aber wieder wett. Der Gag, dass Siri und Co. zuweilen meilenweit am Gewollten vorbei segelt, mag alt sein, aber er zündet einfach noch immer.

Nach anfänglichen Scherzen schöpfen Holtz und Iwersen aus dem thematischen Potential ihres Konzepts und bauen so sukzessive Spannung auf: Was, wenn eine Künstliche Intelligenz in einem Vermisstenfall helfen könnte, aber so sehr darauf programmiert wurde, menschliche Züge anzunehmen, dass die Vorteile der Maschine (keine Gedächtnislücken, keine Bestechlichkeit) dadurch aufgewogen werden, dass sich die KI der Aussage verweigert? Holtz und Iwersen nähern sich in ihrem Neunzigminüter durch Verhöre und Smalltalk mit Maria mehrmals dem Sujet des Turing-Tests, der zu Filmbeginn auch nochmal kurz erläutert wird: Es geht darum, dass sich ein Mensch beim Gespräch mit einer Maschine davon überzeugen lässt, dass sie ebenfalls ein Mensch ist.

«KI» schwingt dabei, entgegen der öffentlich-rechtlichen Krimigewohnheit, nicht unentwegt die dystopische, technophobe Keule, sondern lässt das Publikum an den Vorteilen und der Faszination weit entwickelter Künstlicher Intelligenzen teilhaben. Elementar trägt dazu Janina Fautz bei. Die Ausnahmeschauspielerin, die allein in den vergangenen Monaten schon in «1000 Arten, Regen zu beschreiben», «Meine teuflisch gute Freundin» und dem «Tatort – Sonnenwende» begeisterte, spielt hier eine ansteckend-begeisterungsfähige Programmiererin.

Fautz verleiht ihrer Rolle ein großes Ego und einen noch größerem Entdeckerdrang, wodurch sie teils Vordenkerin, teils verrückte Wissenschaftlerin 2.0 ist. Mit rotzig-angepisstem Humorverständnis einerseits und ungekünstelter, geradliniger Emotionalität in zwischenmenschlichen Augenblicken sowie in Unterhaltungen mit Maria ist Fautz' Anna eine facettenreiche Figur, die den «Tatort» auch in Momenten bereichert, in denen schlagartig Anspannung forciert wird. Denn über die Dauer von 90 Minuten muss schlussendlich der Suspense wegen auch Technikskepsis Raum erhalten – und diese Übergänge sind hier doch leicht bemüht.

Zum Ausgleich muss man jedoch festhalten, wie effizient und stylisch Sebastian Marka («Tatort – Meta») diesen Fall in Szene setzt: Keine Schwafelei, keine langgezogene, visuelle Erläuterungen. Marka übermittelt handlungsrelevante Informationen oft non-verbal und in wenigen, punktgenau inszenierten Einstellungen. Dadurch, dass Marka auch innerhalb einer Szene zuweilen kleine Zeitsprünge macht, und diese intuitiv verständlich macht, packt er viel Material in die Standard-«Tatort»-Laufzeit, ohne zu hetzen. Der Stil ist kühl und modern, passend zum Thema – und das, ohne auf die üblichen, düsteren Farbfilter zu setzen. Stattdessen werden einige Szenen in sattem Rot oder kräftigem Blau gezeigt, die Innenausstattung der Rechenzentrale wiederum erfindet zwar nicht das Rad neu, ist aber ausdrucksstark und stylisch. Selbiges gilt für die kühle, unaufdringliche Hintergrundmusik, die Erinnerungen an starke Sci-Fi-Filme aus jüngerer Vergangenheit weckt.

«Tatort – KI» ist am Sonntag, den 21. Oktober 2018, ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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