Hintergrund

Steven Moffat: Der Mastermind hinter «Sherlock»

von   |  1 Kommentar

Nach «Sherlock» keine Serie mehr zu gucken? Vielleicht wäre ein weiteres Format von Steven Moffat genau das Richtige. Der schottische TV-Macher steckt hinter vielen Erfolgsproduktionen – und kann viel mehr als nur Crime.

Jeder Autor schreibt über die Dinge, die er persönlich durchgemacht hat [...]. Ich weiß nicht, ob das eine wichtige Faustregel ist – aber du solltest die Story erzählen, die dich am meisten antreibt.
Das „goldene Zeitalter des Fernsehens“, es wird gern ausgerufen. Freilich nicht, weil die generelle Qualität des Fernsehens so stark zugenommen hätte. Sondern weil viele tolle Serien erleben dürfen, komplex erzählte Dramen und Charakterstudien. Eigentlich ist es also das „goldene Zeitalter der Serie“. Einer der Köpfe, die für diese Epoche verantwortlich sind, ist Steven Moffat. Ihn kennt man in Deutschland vor allem als Macher der britischen Serie «Sherlock», sein großes Meisterwerk ist aber die Arbeit am Serienklassiker «Doctor Who», den er in die Moderne geführt hat. Moffat ist ein Nerd, wie er im Buche steht: Seit der Kindheit ist er Fan von «Doctor Who», dieser eigenwilligen Geschichte über Zeitreisen und ständige Kämpfe gegen alte Rivalen. Moffats Name steht dafür, was dieses Zeitalter auch ist: Das „Zeitalter der Geeks und Nerds“.

Die Geschichte von Steven Moffat kann ohne «Doctor Who» nicht erzählt werden. Ab 1963 wurde sie bis zum Ende der 80er Jahre gezeigt und entwickelte dort Kultstatus im britischen Fernsehen. Viele heutige Fernsehproduzenten nennen «Doctor Who» als wesentlichen Einfluss auf ihre Arbeit und ihre Berufung. Für Steven Moffat sollte es allerdings lange dauern, bis er mit der Neuauflage des Formats seinen größten künstlerischen Traum verwirklichen sollte. In den 1980er Jahren begann er mit dem Drehbuchschreiben, zunächst parallel zu seiner Arbeit als Lehrer in einer high school. Auch aus dortigen Erlebnissen speiste sich seine Idee für «Press Gang», eine TV-Serie über die Macher einer Schülerzeitung.

1989 startete das Format auf ITV unter großem Applaus. Kritiker überschlugen sich mit Lob für das Format, das im Kinderprogramm des Senders lief. Allerdings ließ Moffat schon dort sein großes Können als Multitalent aufblitzen: «Press Gang» schaffte spielerisch Übergänge zwischen Komik und Dramatik, zwischen leichten Themen und schweren. Themen wie Kindesmissbrauch oder Waffenregulation wurden zur Sprache gebracht. Mancher britische Kritiker bezeichnete «Press Gang» damals gar als „vielleicht beste Serie der Welt“. Wie viele spätere Moffat-Formate erreichte «Press Gang» mit seinen fünf Staffeln schnell Kultstatus.

In den 90er Jahren blieb Moffat dem Comedy-Genre treu, beispielsweise mit der Beziehungs-Serie «Joking Apart». Sie lief bei der BBC von 1993 bis 1995 und gilt als Vorläufer des späteren «Coupling», ebenfalls einer Romantic Comedy von ihm. Bereits in den frühen Formaten fiel auf, dass Moffat nicht davor zurückscheute, auch im Mainstream-Fernsehen zu experimentieren: Wie bereits in «Press Gang» erzählte er in «Joking Apart» teilweise non-linear und schob Finalszenen an den Anfang oder umgekehrt. Das sei dann „wie eine romantic comedy, aber rückwärts erzählt, weil sie mit einem unzufriedenen Pärchen endet“, sagte Moffat einmal. Eine weitere Sitcom, wieder im Schulumfeld, wurde 1997 mit «Chalk» gezeigt. Sie wurde von Kritikern allerdings weniger gefeiert, weil sie große stilistische Ähnlichkeiten zur britischen Kult-Comedy «Fawlty Towers» aufwies – nach nur einer Staffel war daher Schluss.

«Sherlock»: Ein Hit mit Vorlaufzeit


Mit seiner nächsten Serie «Coupling» (Foto) blieb Steven Moffat autobiographisch. Während er in seiner ersten RomCom-Serie «Joking Apart» die Beziehung mit und Scheidung von seiner ersten Frau verarbeitete, ließ er sich bei «Coupling» von der Ehe mit seiner zweiten Frau inspirieren. Die Show über junge, gutaussehende Freunde um die 30 und ihre Erlebnisse in der Dating-Szene und in (kurzlebigen) Beziehungen traf den Zeitgeist – ähnlich wie «Friends» zu der Zeit in den USA. Mit «Coupling» wurde Moffat auch international bekannter, die Serie lief beispielsweise auch in Deutschland bei ProSieben. Nach dem Ende von «Coupling» 2004 folgte der Schwenk ins Drama-Genre: Die Miniserie «Jekyll» war eine moderne Adaption des Jekyll-and-Hyde-Mythos und hatte positive Kritiken.

Stilistische und narrative Ähnlichkeiten zu «Sherlock» – ebenfalls einer modernen Interpretation einer klassischen Geschichte – sind unverkennbar. Wie beim Meisterdetektiv fügte Moffat der Story seine eigenen Ideen und Elemente hinzu, verfrachtet sie in die Gegenwart. Ebenfalls spielt die persönliche Charakterentwicklung und die private Geschichte der Hauptfigur eine große Rolle. Dieses Konzept wendete er ab 2010 auch bei «Sherlock» an, Moffats größten internationalem Erfolg. Gemeinsam mit Co-Autor Mark Gattis schlug die erste Staffel ein wie eine Bombe. Auch in Deutschland saßen Millionen Menschen gebannt vor den Fernsehern und lachten über den großartig subtilen Humor der Serie. Für viele Zuschauer war das Format eine Offenbarung – für Kenner von Moffats Serien nur die logische Folge einer langen, erfolgreichen Entwicklung.

Und dann eben: «Doctor Who». Schon in den 90ern entwickelte er Drehbücher, Ende des Jahrzehnts wurde seine erste Folge gezeigt, eine Parodie-Episode, die zeigte, wie viel Expertise, Wissen und Beobachtungsgabe in diesem langjährigen Fan steckt. Es folgten weitere Skripte in den 2000ern, dann schließlich die große Aufgabe: Nach seinen Erfolgen um die zahlreichen anspruchsvollen Comedys und zuletzt um «Jekyll» wurde er von der BBC zum neuen ausführenden Produzenten von «Doctor Who» gemacht. Im Witz sagte er damals, seine ganze Karriere sei bisher ein „geheimer Plan gewesen, um genau diesen Job zu bekommen“. Überspitzt formuliert, steckt aber auch ein bisschen Wahrheit in dieser Aussage. Unter seiner kreativen Führung erlebte «Doctor Who» eine neue Ära mit starken Stilwechseln, wie immer in Serien von Moffat: mal humoristisch-albern, mal ernst und episch. Hier konnte er sich – auch dank des Fantasy-Stoffs – kreativ völlig austoben. Dementsprechend ambivalent sehen Fans der Serie seine Ära. Eines aber betont Moffat immer wieder: Nach der erfolgreichen Zeit um die kreativen Köpfe David Tennant und Catherine Tate ging es bei «Doctor Who» damals darum, das Schiff auf Kurs zu halten. Oder um es mit seinen Worten zu sagen: "Jeder hatte die Show verlassen. Es war, als müssten wir die Party aufrecht erhalten, nachdem alle einen Selbstmordpakt beschlossen hatten."

In diesem Jahr übergibt er seine Verantwortung als Produzent an einen Nachfolger. Was Steven Moffat zukünftig macht? Doch noch eine neue Staffel von «Sherlock»? Wird es eine ganz neue Serienidee? Unkonventionell wird es auf jeden Fall. Und sehenswert sowieso.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Lumpenheinz
14.06.2017 16:09 Uhr 1
Also ich finde ja, dass Doctor Who ca. ab der 4. Staffel spätestens aber ab der 5. Staffel gnadenlos abbaut. Weil nicht mehr die (meist dem Budget geschuldete) subtilere narrative gepaart mit dem verschrobenen Humor im Vordergrund stand, sondern möglichst absonderliche Handlungswirrungen und Merkwürdigkeiten des Doktors. Ich denke, dass Moffat die Limitierung einer Realserie benötigt, um nicht wie bei Doctor Who übers Ziel hinaus zu schießen.

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