Die Kino-Kritiker

«The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit»

von

Ein Historiendrama, das seinen Titel von einem kontroversen Meilenstein übernimmt, und selber in eine Kontroverse schlitterte.

Filmfacts «The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit»

  • Regie und Drehbuch: Nate Parker
  • Produktion: Nate Parker, Kevin Turen, Jason Michael Berman, Aaron L. Gilbert, Preston Holmes
  • Story: Jean McGianni Celestin, Nate Parker
  • Darsteller: Nate Parker, Armie Hammer, Colman Domingo, Aja Naomi King, Jackie Earle Haley, Penelope Ann Miller, Gabrielle Union
  • Musik: Henry Jackman
  • Kamera: Elliot Davis
  • Schnitt: Steven Rosenblum
  • Laufzeit: 120 Minuten
  • FSK: ab 16 Jahren
Regisseur D. W. Griffith katapultierte das US-Kino mit «The Birth of a Nation» (respektive: «Die Geburt einer Nation») meilenweit nach vorne. Zumindest technisch. Der rund dreistündige Stummfilm stellte hinsichtlich seiner handwerklichen Ambition eine regelrechte Revolution dar – inhaltlich wiederum ist dieser filmische Meilenstein aufgrund seiner rassistischen Darstellung Schwarzer und der Glorifizierung des Ku-Klux-Klans ein überaus problematisches Werk.

Etwas mehr als 100 Jahre später nahm sich Nate Parker den Filmtitel, und stellte sich selber die immense Aufgabe, «The Birth of a Nation» neu zu prägen: Mit der fiktionalisierten Dramatisierung eines wenig beachteten historischen Ereignisses sollte im cineastischen Pantheon die Geburt der US-Nation, wie wir sie heute kennen, fortan nicht mehr durch die Ku-Klux-Klan-Gründung markiert werden. Sondern durch einen Sklavenaufstand, den der afro-amerikanischen Prediger Nat Turner anführte. Dieser hatte es nach Jahren, in denen er seine rhetorischen Talente nutzen musste, um andere Sklaven zu Gehorsamkeit zu überreden, über, als Bauernfigur im Schachspiel der Sklavenhalter zu dienen, und rief zur Revolution auf.

Parkers ambitioniertes Vorhaben wurde jedoch jäh dadurch gebremst, dass sein Langfilmregiedebüt durch eine Kontroverse überschattet wurde, so dass der Titel «The Birth of a Nation» bei vielen Filmkennern weiterhin primär negativ konnotiert ist. Denn nachdem Parkers Historiendrama auf dem Sundance Film Festival sehr warm empfangen wurde und er auch erste voreilige Oscar-Prognosen inspirierte, wurde in den US-Branchenmedien hochgekocht, dass der Regisseur, Autor, Produzent und Hauptdarsteller 1999 wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung vor Gericht stand. Als in den Monaten zwischen Sundance und dem regulären Kinostart der Hype um die Produktion im Filmjournalismus verstummte und letztlich keine nennenswerten Nominierungen oder gar Preise für «Birth of a Nation» heraussprangen, mutmaßten nicht wenige: Das Wiederhochkommen von Parkers Vergangenheit hat diesem Film das Genick gebrochen.

Nun lässt sich selbstredend keine allgemeingültige Diagnose abhalten. Gut möglich, dass sich manch interessiertes Gemüt tatsächlich durch die Kontroverse hat umstimmen lassen. Doch ganz nüchtern betrachtet muss festgehalten werden: Ganz egal, was Parker in seinen Collegejahren getan oder nicht getan hat – «Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit» ist schlichtweg kein Film, der großen Awardssegen verdient. Zwar hat Parkers Historiendrama vereinzelte, solide Momente, insgesamt ist es aber ein sehr unausgegorenes Unterfangen, so dass sich eher die Frage stellt, wie damals nur der Sundance-Hype zustande kam.

Der Großteil von «The Birth of a Nation» schildert in niederschmetternd-trockener Weise den Sklavereialltag. Während der von Nate Parker zwar glaubwürdig gespielte, doch nicht sonderlich denkwürdig verkörperte Nat Turner zu Beginn der Handlung ein vergleichsweise gutes Verhältnis zu seinem Master Samuel Turner (stark: Armie Hammer) hat, bemerkt der zum Prediger umerzogene Sklave auf seinen Reisen, wie tief die Abgründe der Sklaverei sein können. Als Regisseur zeichnet Parker die einzelnen Schattierungen mit großer Effizienz: Diverse Foltermethoden werden in kurzen, expliziten Details gezeigt, das Respektverhältnis zwischen Nat und Samuel dient als Gegengewicht, ohne je glorifiziert zu werden – stets bleibt unmissverständlich klar, dass auch Nat Turner für seinen Master nur eine Sache ist.

Im Laufe der zwei Filmstunden verliert der vom «Lone Ranger»-Hauptdarsteller Armie Hammer gespielte Sklavenhalter sukzessive an Anstand und Zurückhaltung: Der unter Geldnot leidende Samuel Turner gleitet in immer herrischeres Verhalten ab, was durch Hammers schleichend an Aggression gewinnende Performance die einnehmendste und furchterregendste Wandlung im Film darstellt. Wann aus Nat Turner, dem Ahnungslosen langsam Nat Turner, der Komplize der Sklavenhalter und letztlich Nat Turner, der Revolutionär wird, lässt sich indes schwerer bestimmen: Zwar gibt das Skript mehrere Motivationsgründe, jedoch ist sowohl das Drehbuch als auch Parkers Darstellung zu schwammig, um die zentrale Figur vollauf begreiflich zu machen.

Zwar fängt Parker die Phase, in der die Sklaven den Aufstand planen, in prägnanten Bildern ein und verleiht diesen Szenen eine zwar beklommene, jedoch auch treibende Stimmung, doch sobald die Revolte erstmal läuft, zeigt sich der Regisseur plötzlich deutlich gewaltscheuer als zuvor. Die austauschbare Filmmusik Henry Jackmans tut dem Geschehen ebenfalls keinen Gefallen, ganz davon zu schweigen, dass die wiederkehrenden, pathetisch-symbolischen Zwischenschnitte, die Parker den gesamten Film über einstreut, im Schlussakt Überhand nehmen. Doch es ist nicht so, als hätte Parker nur im letzten Drittel Probleme damit, seine Ambitionen mit seinem Handwerkskönnen in Einklang zu bringen – auch im Mittelteil gerät sein «Birth of a Nation» durch schlecht integrierte Symbolik und Gemeinplatz-Dialoge ins Mäandern.

Unterm Strich bleibt somit ein Drama, das dahinplätschert, wo es mitreißen müsste, und zum Aufstöhnen anregt, wo es spürbar angestrengt zum Nachdenken anregen möchte. Es wäre zu viel verlangt, ein visuell eindringliches und emotional aufwühlendes Werk wie «12 Years a Slave» zu erhoffen, doch da Parker auch merklich hinter seinen eigenen Bestrebungen zurück bleibt, stellt dieser Historienfilm nur für jene eine Sehempfehlung dar, die sich sehr für sein geschichtliches Thema interessieren.

«The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit» ist derzeit in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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