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Disney verschiebt 3.000 Comics in den Giftschrank

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Die betroffenen Inhalte werden von Disney als Verstoß gegen die Prinzipien der Diversität und Inklusion gewertet und entsprechen demnach nicht länger den Werten des Unternehmens. Bei der Ankündigung hat Disney allerdings eine bemerkenswerte Unvorsichtigkeit an den Tag gelegt.

Die Comic-Welt von Disney ist äußerst beachtlich. Die Walt Disney-Gruppe, die im vergangenen Jahr das 100. Jubiläum feierte, hat seit den 1930 Jahren etwa 130.000 verschiedene Comic-Geschichten produziert. Im Februar 2023 veröffentlichte Comiczeichner Don Rosa, der in diesem Segment eine Koryphäe ist, nicht etwa eine Liebesbotschaft an die Menschen hinter Micky Maus, sondern einen Facebook-Post mit seiner Überraschung. Die Valentinstag-Nachricht teilte mit, dass Disney als fortlaufende Diversität und Inklusion ihren Bestand der Comic-Geschichten aktualisieren wolle. Demnach werden zahlreiche Geschichten weder nachgedruckt noch Teil zukünftiger Geschichten sein.

Für Rosa dürfte das zunächst nur ein emotionaler Schmerz gewesen sein, schließlich hat Disney ein nicht wirklich marktübliches System geschaffen. Während Filmautoren, Schauspieler und Trickfilmzeichner, gut organisiert sind, ist dies bei freiberuflichen Autoren, Comiczeichnern und Geschichtenerzählern nicht der Fall. Für Disney ist das Geschäft mit den Comics weniger lukrativ, nur noch etwa 0,05 Prozent des Gesamtumsatzes werden mit Hilfe des Micky-Maus-Magazins, dem Lustigen Taschenbuch und anderen papierhaltigen Angeboten erwirtschaftet. In Europa hat man Micky Maus, Goofy und Donald an Verlage lizenziert, in Deutschland ist der Egmont-Ehapa-Verlag zuständig, in Italien beispielsweise Panini. Doch zu Egmonts Geschäftsbereichen gehört auch die Produktionsfirma Nordisk Film und der norwegische Fernsehsender TV2.

Für die Verlage ist das Geschäft mit den Disney-Comics zum Teil noch lukrativ, denn die Autoren und Zeichner sind bis heute nicht organisiert. Das hat den Vorteil, dass jeder Verlag, die von ihm beauftragten Comic-Strips in ein weltweites Archiv gibt, aus diesem Grundstock sich alle anderen Disney-Lizenzgeber bedienen können. Für die Produzenten der Comic-Hefte kann das durchaus lukrativ sein, auch wenn Disney einige Inhalte nicht mehr verbreitet haben möchte. Etwa 3.000 dieser Geschichten werden aus Gründen der Vielfalt und Inklusion nicht mehr gedruckt.

Der aus Leipzig stammende Comic-Experte Stefan Pannor beschäftigte sich mit diesem Problem. Einerseits ist Diversität für Disney wichtig, auf der anderen Seite stellte der Leipziger fest, dass die Überarbeitung des Comic-Archives für Disney durchaus überambitioniert sei. Schließlich werden zahlreiche Geschichten nicht mehr gedruckt, da sie nicht mehr den Zeitgeist entsprechen. Pannor untersuchte dieses Vorgehen von Disney und wollte seine Ergebnisse in einem Sachbuch schildern, jedoch sprangen - nach seiner Aussage - alle Verlage ab. Deshalb wurden die erste drei von fünf Kapitel im „Comic! Jahrbuch 2024“ veröffentlicht.

Auch Pannor bemängelt, dass Autoren kaum Mitspracherecht bei den aktuellen Wiederveröffentlichung haben. Im Fall des Autors Don Rosa könne er nicht mitbestimmen, wenn ein Verlag die Silbermünzen von Dagobert in Goldmünzen einfärbt. In einer französischen Version einer Geschichte wurden „ein Regenbogen so koloriert, dass seine Farben nicht mehr parallel zum Regenbogen verlaufen, sondern in einem rechten Winkel“. Neben den optischen Veränderungen dürfen die Verlage auch noch die Sprechblasen verändern, schließlich ist das Deutsche in der Regel ein Drittel länger. Gleichzeitig dürfen französische Verlage die Original-Sprechblasen verkleinern, sodass das Bild neu in Szene gesetzt wird.

Selbst bei Figur haben die Erfinder wie Rosa kaum Mitspracherecht. So stellt Pannor fest, dass schon immer bei Disney recht frei übersetzt werde. Redewendungen stammen nicht von den ursprünglichen Autoren, sondern kamen ins Deutsche unter anderem von der Mickey-Maus-Chefredakteurin Erika Fuchs, die Gedichte und Zitate in die Geschichten einfließen ließ. Als die französischen Comics von Rosa den Verlag wechselten, hat der Comiczeichner eine Person engagiert, die die Übersetzungen ans Deutsche anpasste. Wie Rosa bei Facebook schrieb, „dienen seine Dialoge nicht ausschließlich Humor.

Deutsche Comic-Fans kennen „Onkel Dagobert – Sein Leben, seine Milliarden“, das zwischen 1991 und 1993 erschien. Ursprünglich wurden zwölf Geschichten verfasst, die sich wie eine Graphic Novel zu einem Gesamtbuch mit einem Umfang von fast 500 Seiten zusammenfassen lässt. Es entstanden später noch Zusatzkapitel sowie Epilog und Prolog. Viele Jahre war die Erzählung, die auch den Tod von Dagobert Duck erhielt, lieferbar. Doch inzwischen hat Disney auf die Bremse gedrückt, der Epilog sowie das elfte Kapitel darf nicht mehr herausgegeben werden. Die zurückgenommene Erzählung ist im Grunde für Disney unwichtig, zerreißt aber ein Gesamtwerk über die reichste Ente der Welt. In Finnland sollte über einen Zeitraum von zwölf Monaten die zwölfteilige Reihe erschien, ehe der Verlag die Reißleine zieht. Das elfte Band enthält nicht den beschlagnahmten Band.

Das elfte Kapitel von "Onkel Dagobert – Sein Leben, seine Milliarden" trägt den Titel "Der Herr der Mississippi" (im Original: "The Empire-Builder from Calisota"). Dieses Kapitel beschreibt, wie der junge Dagobert Duck in den Vereinigten Staaten Fuß fasst und im Mississippi-Dampfergeschäft tätig wird, was ein wichtiger Teil seines frühen Erfolgs und seines Vermögensaufbaus ist. In der Geschichte trifft Dagobert auf historische Figuren wie den Steamboat-Kapitän Mike Fink und den Räuber Jesse James.

Die Erzählung "The Flying Farm Hand" von Don Rosa wird ebenfalls seitens des Unternehmens Disney nicht mehr publiziert. Die Geschichte handelt von Donald Duck, der den Versuch unternimmt, auf einem Bauernhof zu arbeiten, wobei er auf verschiedene mechanische Hilfsmittel zurückgreift. Die Erfindungen und Missgeschicke von Donald werden von Don Rosa in einer humorvollen und chaotischen Art und Weise dargestellt, die den typischen Stil des Autors widerspiegelt. Der Grund für die Nicht-Veröffentlichung liegt in der potenziellen rassistischen Konnotation einiger Elemente der Geschichte. Insbesondere die Darstellung von Charakteren und Situationen könnte als stereotyp und kulturell inkompetent wahrgenommen werden.

Die von Carl Barks verfasste Geschichte "Dumbos große Nummer" (im Original: "The Big Top") fällt der Firmen-Zensur zum Opfer. Die Geschichte handelt von dem kleinen Elefanten Dumbo, der durch den gleichnamigen Disney-Film Bekanntheit erlangte und seinem Freund, der Maus Timothy, die gemeinsam in einem Zirkus arbeiten. Die Handlung kreist um die Herausforderungen und Abenteuer, die Dumbo und Timothy erleben, während sie den Versuch unternehmen, eine eindrucksvolle Zirkusnummer zu präsentieren. Die Erzählung beinhaltet sowohl humorvolle als auch dramatische Szenen, welche die Herausforderungen und den Druck veranschaulichen, denen Zirkuskünstler ausgesetzt sind, um das Publikum zu begeistern.

"Voodoo Hoodoo" aus dem Jahr 1949 landete ebenfalls im Giftschrank. Donald Duck erhält Besuch von einem afrikanischen Hexendoktor namens Foola Zoola, dessen Motive und Absichten zunächst im Dunkeln bleiben. Der Versuch des afrikanischen Hexendoktors Foola Zoola, einen Voodoo-Fluch auf Dagobert Duck zu legen, wird durch eine Verwechslung vereitelt, bei der der Hexendoktor Donald anstatt seines reichen Onkels meint. Die Handlung der Erzählung folgt den Abenteuern, die Donald erlebt, während er versucht, den Fluch wieder loszuwerden und die Verwirrung zu klären.

Barks distanziert sich – in ähnlicher Weise wie bereits Rosa – von jeglicher Form der Rassendiskriminierung. Die Erzählung ist geprägt durch typische Elemente des Zeichner-Stils, darunter humorvolle Verwechslungen, Abenteuer und eine Prise Gefahr. Die Handlung konfrontiert Donald mit Herausforderungen und erfordert gleichzeitig, die Eigenheiten und Gefahren der Voodoo-Magie zu überwinden.

Wie mehrere Beispiele aus der Welt der Disney-Comics demonstrieren, sind nicht alle Geschichten wirklich gut gealtert. Die Einrichtung eines Giftschranks, um die Werke zu verstecken, ist allerdings auch keine optimale Lösung. Gerade in der Filmindustrie, der Walt Disney ebenfalls angehört, versucht man, mit Texttafeln und Erklärvideos, den damaligen Vorurteilen gegenüber Kulturen Respekt zu zollen und das damalige Werk in einen zeitgenössischen kontextuellen Rahmen zu setzen.

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