Hingeschaut

Sonnenkönigin Heidi Klum ist aus der Zeit gefallen

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14 weibliche Models stellten sich in diesem Jahr dem Umstyling – und neu: auch 17 männliche Kandidaten. Warum die Neuerung keinen Unterschied macht und welcher Faktor viel entscheidender ist.

Am vergangenen Donnerstag war es soweit. ProSieben sendete die sechste Folge der nunmehr 19. Staffel der Casting-/Reality-Show «Germany’s Next Topmodel», wobei es sich nicht um eine beliebige Ausgabe handelte, sondern um die berühmt-berüchtigte Umstyling-Folge. Von den unzähligen Models der ersten Wochen, die in nicht enden wollenden drei Casting-Folgen gesucht wurden, waren noch 14 weibliche Kandidatinnen übrig. Neu in diesem Jahr ist, dass erstmals auch Männer sich bei der als Model-Wettbewerb getarnten TV-Produktion bewerben durften. In Woche sechs waren es stolze 17 Männer-Models.

Es ist nur logisch, dass ProSieben diese Konzeptanpassung im Vorfeld der Staffel fast schon als richtungsweisend, gar epochal bewarb. Die Wahrheit: Es änderte sich nahezu nichts. Hier und da versuchte man die ein oder andere romantische Spannung zu inszenieren, doch der Geschlechterkampf spielte in den bisherigen 11 Stunden und rund 46 Minuten Netto-Sendezeit eine minimalistische Rolle. Das Umstyling verdeutlichte dies umso mehr. Von den 14 weiblichen Models erhielten zehn ein Make-over, aber nur drei der 17 Männer-Models wurden mit neuen Looks versehen. Während die Frauen das Prozedere inzwischen mehr oder weniger gelassen hinnehmen – aller Provokationen von Heidi Klum zum Trotz –, war das Naserümpfen der anderen deutlich vernehmbarer. Ob das nun ein Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung ist, sollen anderen beurteilen, Klum wählte in Armin und den Zwillingen Julian und Luka auch die wohl beiden eitelsten und selbstverliebtesten Kandidaten aus. Julian brannte wegen des literweise eingesetzten Bleichmittels schnell der Kopf. Armin, der seine Haare als bestes Feature ansieht, wollte selbiges nur ungern hergeben.

Die Methode Klum ist aus der Zeit gefallen
Vor allem bei Armin hat die Klum’sche TV-Methode erfolgreich funktioniert. Diesen Job übernahm aber nicht das Supermodel mit Wohnsitz in den USA selbst, sondern überließ das provokante Spiel – ob bewusst oder nicht – der 35-jährigen Kandidatin Stella, die der Bergisch-Gladbacherin durchaus auch optisch ähnelt. Sie lachte stets hämisch, wenn der Friseur weitere Locken von Armin prachtvoller Mähne abschnitt, sodass er mit den Nerven rang. Jüngere Kandidatinnen konzentrierten sich indes in den Green-Screen-Sequenzen eher auf sich selbst. Trans*Frau Nuri beispielsweise wünschte sich, keine zu kurzen Haare zu bekommen, um nicht ihre Weiblichkeit zu verlieren. Die Methode Klum hingegen ist völlig aus der Zeit gefallen, woran Heidi Klum ironischerweise selbst einen Beitrag leistete.

Schließlich pocht die seit einigen Jahren einzige Jurorin des Formats vehement auf den Diversity-Faktor. Kürte man vor einigen Jahren die erste transsexuelle Kandidatin zu «Germany’s Next Topmodel», waren es zuletzt auch ältere sowie Plus-size-Kandidatinnen, die der Sendung ihren Stempel aufdrücken durften. Nun holt sie sich eben Unterstützung vom anderen Geschlecht. Die Sendung hat sich spürbar weiterentwickelt, weniger lästiger Zickenkrieg, stattdessen ein harmonischeres Miteinander. Ganz ohne geht es natürlich nicht, sodass die Oberfränkin Xenia am vergangenen Donnerstag wohl die meisten Tränen vergoss, obwohl 23-Jährige gar kein Umstyling erhielt. Es stellt sich unweigerlich Mal wieder die Frage, warum die Produktion unbedingt eine augenscheinlich psychisch instabile junge Frau vor die Kamera zerren muss.

Nach dem Umstyling ist vor der Klum’schen Willkür
Nach dem rund zweistündigen Umstyling stand in der Folge noch eine Catwalk-Prüfung an, bei der die Kandidatinnen in opulenten Kleidern und hohen Schuhen und die Kandidaten in Anzügen und flachen Budapestern eine Treppe mit extrabreiter Stufentiefe runter- und wieder hochgehen mussten. Als Gastjurorin lud sich Klum das Laufstegmodel Jourdan Dunn ein. Während man in den ersten Wochen bei den Gastjuroren nicht müde wurde zu erwähnen, dass Redseven Entertainment in diesem Jahr explizit darauf achtet, dass die Experten sich sowohl im Umgang mit Frauen- sowie Männer-Models auskennen, verzichtete man darauf diesmal komplett. Die Beiden lästerten während der Walks, konstruktive Kritik gab es selten. Durch die Gastjuroren wahrt Klum den Anschein, dass sie über Wohl und Wehe nicht allein entscheide, doch die Realität sieht anders aus. Dominik, der wie sein bester Freund Armin ebenfalls auf Frauenschau ist, legte auch für ein ungeübtes Augen einen schwachen Walk hin, sah nach Klums Empfinden aber zu gut aus, weswegen er eine Runde weiterkam. Die Hoffnung auf „Romantik“ lebt.

Die Klum’sche Willkür zieht sich als Motiv durch die bisherige Staffel. In den offenen Castings in Berlin, die auf drei (!) Folgen gezogen wurden, wurden zahllose Models ausgesucht, mit der aus Staffel 18 bekannten Tracy Baumgarten stand plötzlich aber noch eine weitere Kandidatin im Raum, die ohne Casting-Teilnahme mit nach Teneriffa flog. Dort einmal die Koffer ausgepackt, musste sie aber sehr schnell wieder die Rückreise antreten.

Generell ergeben einige Kniffe der Produktion wenig Sinn. Das Feld ist so prall gefüllt, dass es selbst nach einem halben Tag Sendezeit noch immer schwerfällt, jede und jeden Einzelnen im Kopf zu behalten. Manche Ausstiege, wie der freiwillige Abbruch von Vivien Walkemeyer, wurden erst gar nicht gezeigt. Auch Pitzi Müllers Regelverstöße, die zu ihrer Disqualifikation führten, wurden nicht thematisiert. Ein äußerst unprofessionelles Licht warf aber das Ende der Umstyling-Folge auf die Macher. Während die Prüfung in der Dämmerung stattfand, dauerte die Entscheidungsfindung vor dem fulminant erleuchteten Auditorio de Tenerife bis zur abendlichen Dunkelheit. Die Gebäudestrahler störten laut Angaben der Produktion die Flugsicherheit, weshalb diese die Polizei verständigte. Die Behörden drohten mit einem Drehabbruch, weswegen die weiblichen Models nicht wie ihre Pendants in kleineren Gruppen ihr Feedback erhielten, sondern gerafft vor allen anderen. Da Feedback bei dieser ProSieben-Castingshow ohnehin nur zweitranging ist, kann man an dieser Stelle auch ruhig sparen. Man entschied sich jedenfalls gegen einen Nachdreh.

«Germany’s Next Topmodel» ist nach 19 Staffeln in die Jahre gekommen, was Heidi Klum mit zahlreichen Neuerungen zu kaschieren versucht. Die Hinzunahme männlicher Models erweist sich bislang als Mogelpackung, denn im Vergleich zu früheren Staffeln erkennt man zwar durchaus eine Weiterentwicklung, die sich aber vor allem in der Herangehensweise der jüngeren Generationen ausdrückt. Die ProSieben-Sendung selbst besticht durch Langatmigkeit und Austauschbarkeit – ob mit oder ohne Männer.

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