Die Kino-Kritiker

«The Woman in the Window»: Auf Hitchcocks Spuren

von   |  1 Kommentar

Der neue Spielfilm von Joe Wright ist bei Netflix zu Hause. Taugt der neue Streifen etwas?

Allein der Titel «The Woman in the Window» verrät schon, worauf Joe Wright mit seinem neuen Film hinauswill. Der Regisseur, der sich vor allem mit Historiendramen wie «Stolz & Leidenschaft» (2005) oder «Abbitte» (2007) bekanntmachte, hat sich diesmal dem Psychothriller verschrieben und wandelt ganz offensichtlich und unverschämt auf Hitchcocks Spuren. «Das Fenster zum Hof» (1954) ist dabei der eindeutigste Verweis.

Wright bezieht sich aber ebenso auf andere Hitchcock-Klassiker wie «Eine Dame verschwindet» (1938), «Vertigo» (1958) oder «Psycho» (1960). Was für Hitchcock-Fans ein Vergnügen sein könnte, diesen diversen Anspielungen nachgehen zu wollen, entwickelt sich jedoch zur Farce. Denn was «The Woman in the Window» fehlt, ist ein Spannungsbogen - und das obwohl als Vorlage der gleichnamige Roman von A. J. Finn hergehalten hat, der sich 2018 in den USA zum Bestseller mauserte. Mit großen Stars verfilmt, sollte der fertige Film ursprünglich ins Kino kommen. Beim Testpublikum fiel er vorher jedoch durch und auch eine Neubearbeitung konnte nicht überzeugen. Wohin damit? Natürlich zu Netflix, wo sich gerade eine Art Müllhalde für gescheiterte und abgelehnte Filme zu bilden scheint.

Agrophobie, Antidepressiva und Alkohol
Seit Jahren hat Kinderpsychologin Dr. Anna Fox (Amy Adams) nicht mehr ihr großes Haus in Manhattan verlassen. Sie leidet an Agrophobie, nimmt Antidepressiva und trinkt zu viel Alkohol. Denn sie hat ein furchtbares Erlebnis mit scheinbar unüberwindbaren Schuldgefühlen zu verarbeiten. Wenn sie nicht im Internet surft, spioniert sie am Fenster ihre Nachbarschaft aus. Mit Alistar Russell (Gary Oldman), seiner Frau Jane (Julianne Moore) und ihrem gemeinsamen Sohn Ethan (Fred Hechinger) zieht Gegenüber eine scheinbar gutsituierte Familie ein.

Anna beobachtet jedoch eines nachts, wie die Ehefrau aufgebracht auf der Straße steht. Am nächsten Tag ist sie spurlos verschwunden und Alistar Russell und sein Sohn sitzen mit einer für Anna fremden Frau am Esstisch der gegenüberliegenden Wohnung. Anna glaubt an ein Gewaltverbrechen und alarmiert die Polizei. Doch als ihr niemand glaubt und Alistar sie als verrückte Psychopathin beleidigt und Drohungen ausspricht, geht Anna selbst auf Spurensuche und bringt sich damit in höchste Lebensgefahr.

Ein Krimi außer Kontrolle
Wer sich mit Krimis auskennt, wird wissen, dass der offensichtlichste Tatverdächtige dann wohl doch nicht der Mörder sein kann. Aber gab es überhaupt einen Mord oder hat sich die psychisch erkrankte Einzelgängerin die verschwundene Frau nur eingebildet oder gar ausgedacht, um etwas Aufmerksamkeit zu erhaschen? Mit dieser Frage soll der Zuschauer am längsten auf die Folter gespannt werden. Was aber kaum gelingt, weil man nie den geringsten Zweifel entwickelt, dass die Protagonistin eventuell falsch liegen könnte. Wie sich dann alles erzählerisch weiterentwickelt, ist schließlich so krude und unübersichtlich, dass einem irgendwann egal wird, wie das Ganze enden wird. Der Überraschungseffekt kommt dann auch aus heiterem Himmel und ist nicht mehr wirklich nachvollziehbar.

Eine Enttäuschung für alle, die doch so gern miträtseln. Ein Krimi, der außer Kontrolle gerät und sich nur noch in einer Anhäufung von Klischees verliert. Dass sich der Showdown nachts im Regen und bei Gewitter abspielt, sagt einiges. Man hätte sich mehr von der inneren Zerrissenheit dieser Frau am Fenster gewünscht, die sich eigentlich ihren eigenen Dämonen stellen müsste, sich stattdessen aber den Umweg einer anderen vermeintlichen Gräueltat Heilung sucht.

Die Überforderung des Regisseurs
Bedauerlich, dass Joe Wright sich hier an ein Genre gewagt hat, dass er anscheinend nicht beherrscht. Seine Stärke besteht wohl weiterhin in der Aufarbeitung von historischen Stoffen, was er zuletzt mit «Die dunkelste Stunde» über den britischen Premierminister Winston Churchill während des Zweiten Weltkriegs wieder mal grandios beweisen konnte. Gary Oldman bekam für seine Churchill-Verwandlung sogar den Oscar und sollte Wright wohl auch bei «The Woman in the Window» Glück bringen. Allerdings neigt Oldman diesmal zum Overacting, und man spürt die ganze Zeit, dass ihm die Rolle des aufgebrachten Nachbarn nicht wirklich Spaß bereitet hat. Amy Adams hingegen versucht ihr Bestes, um als psychisch labile Ex-Kinderpsychologin überzeugen zu können. Eine echte Sympathiefigur wird aus ihr aber auch nicht, weil man nie weiß, ob man diese Anna innerlich nun bemitleiden oder ihr Mut zusprechen soll. Irgendwann ist einem aber auch das egal.

Fazit: Man denkt als erstes an Hitchcocks Meisterwerk «Das Fenster zum Hof» (1954). Davon ist «The Woman in the Window» jedoch meilenweit entfernt. Eine Ansammlung von Klischees, aber keine Spannung.

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Ja-Sager
08.06.2021 01:58 Uhr 1
Unter "Agrophobie" leidet die Hauptdarstellerin ganz sicher nicht...



Wie wär's stattdessen mit "Agoraphobie"? ;)

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