Hingeschaut

Angela Merkel bei «Anne Will»: Die Königin kämpft nicht

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Am Sonntagabend war Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Gast bei «Anne Will» zu einem Zweiergespräch. Eine routinierte Sendung in außergewöhnlichem Format.

Wenn morgen Vormittag in den Einschaltquotentabellen zu lesen ist, dass die Ausgabe von «Anne Will» von diesem Sonntag nur 16 Zuschauer hatte, könnte der einzige Gast der Sendung – Bundeskanzlerin Angela Merkel – vielleicht trotzdem zufrieden sein. Sofern es die 16 richtigen Zuschauer waren: die Ministerpräsidenten der Bundesländer.

Denn die Unabdingbarkeit der Zusammenarbeit von Bund und Ländern in Zeiten der pandemischen Ausnahmesituation war wohl das große Leitmotiv von Angela Merkels Interviewantworten im großen Zweiergespräch im Ersten am Sonntagabend. So sehr, dass man zwischendurch den Eindruck bekommen konnte, diese Sendung sei gar nicht primär als Wasserstandsmeldung zur aktuellen Pandemielage von der Regierungschefin des Landes gedacht, sondern als Appell an die Regierungschefs der Länder, jetzt endlich zu Potte zu kommen und die Öffnungsillusionen im Angesicht rasant steigender Infektionszahlen und hochkontagiöser Mutanten ad acta zu legen.

Wenn Angela Merkel (stets allein) am Sonntagabend gegenüber von Anne Will Platz nimmt, ist das eigentlich immer ein Alarmzeichen, dass etwas Gravierendes nicht mehr funktioniert im System Merkel, dem die meisten Politbeobachter ein Wegverwalten von Sachzwängen unterstellen, und eben kein politisches Gestalten der Zukunft des Landes. Man erinnere sich, wie Merkel auf einem der Höhepunkte der Flüchtlingskrise schon einmal zum Format «Anne Will» griff, um sowohl einem breiten Publikum ihre politischen Entscheidungen und die Sachzwangshintergründe zu erklären als auch um die im Gang befindliche Rebellion in- und außerhalb ihrer Partei einzudämmen.

Nun lassen sich viele der wichtigen Wegmarken von Angela Merkels politischer Karriere gut anhand im Gedächtnis gebliebener Äußerungen von ihr nacherzählen: „Ich will Deutschland dienen.“ „Wir schaffen das.“ „Folgen Sie denen nicht.“ „Sie kennen mich.“ „Es ist ernst, nehmen Sie es auch ernst.“ Die Botschaften sind klar, die Worte einfach, und das hat Sinn und Methode: Sie sind nur mit bösem Willen zu missverstehen, sie erreichen breite Bevölkerungsschichten und (der politische Teil): Sie setzen ein Narrativ. Und wahrscheinlich gehört mittlerweile auch ihre Bitte um Verzeihung zu Merkels Reihe an Sätzen, die ihre Kanzlerschaft prägnant illustrieren.

Warum kam die Bitte um Verzeihung bei einem „handwerklichen“ Fehler, begann Anne Will die Sendung gekonnt pointiert, und nicht bei einem der zahlreichen administrativen und politischen Fehler, die der Bundesregierung in den letzten Monaten unterlaufen sind – vom Impfdebakel über die Verzögerungen bei den Testungen bis hin zur chaotischen Kommunikation aus dem Kanzleramt und den Ministerien?

Merkel antwortete routiniert, und „routiniert“ ist vielleicht auch ein treffendes Fazit dieser Sendung, deren äußere Umstände aber seltsam nach Ausnahmezustand aussehen, wenn sonntagabends nur zwei Sessel auf Anne Wills Podium stehen und die übrigen Gäste ausgeladen werden. Dass sich amtierende Regierungschefs außerhalb von Wahlkampfzeiten nur ohne die Anwesenheit politischer oder fachlicher Gegner in Talk-Shows setzen, ist in den meisten großen Demokratien Usus und wohl der Strategie „Der König kämpft nicht“ zuzuschreiben – durch ein Hinabsteigen in die Niederungen des überspitzten, manchmal derben politischen Meinungsaustausches könne ein Regierungschef nur verlieren. Gerade auf eine Bundeskanzlerin wie Angela Merkel, deren Selbstverständnis im Amt eher der Bezeichnung überparteilich als parteipolitisch entspricht, wird das doppelt zutreffen.

Dass dieses Zweierformat zu einigen Längen führte, war abzusehen: Die lange Liste an defizitären Leistungen der Bundesregierung (und persönlicher Verfehlungen von Mandatsträgern der Unionsfraktion), die Will gegen Ende der Sendung hin geradezu als Litanei vortrug, ist schließlich weithin bekannt, und sie sind offensichtlich genug, dass ein politisches Schlachtross vom Kaliber einer Angela Merkel niemals versucht wäre, sie zu leugnen oder kleinzureden. So ging es in dieser Sendung auch eher um das Verständlichmachen und Erläutern kleinteiliger Maßnahmen als um große Schritte – was in Zeiten unübersichtlicher Entwicklungen auch seine Berechtigung haben dürfte: Wenn die Intensivstationen volllaufen, ist die falsche Zeit, um über abstrakte politische Konzepte und divergierende Visionen zu philosophieren. Es ist die Zeit der kompetenten politischen Handwerker.

Dass der Bundesregierung Merkel gerade diese routinierte, unaufgeregte Kompetenz als niemals störendes, sondern bestenfalls erleichterndes Hintergrundrauschen der Republik abhandenkam, galt es an diesem Abend zu widerlegen oder zumindest geradezurücken: am besten mit der routinierten, gewohnten Unaufgeregtheit, die Merkel zu ihrem Markenzeichen gemacht hat. Das gelang jedoch nur in der Form, leider nicht im Inhalt, was spätestens dann offenkundig wurde, als das Gespräch zum Thema Impfen vorrückte: Die eingeblendete Grafik, in der Israel, Chile, Großbritannien und die USA bei der Kennzahl der ersten verabreichten Dosen (die gemäß aktueller Studienlage schon bei einem Großteil der Patienten zu einem Schutz vor schweren Verläufen und Todesfällen führt) weit vorne lagen und sich Deutschland mit viel kleinerem Balken abgeschlagen hinter Ländern der Dritten Welt einreihte, sprach ein so klares Bild, dass jeder allzu deutliche Hinweis auf die tatsächlich funktionierenden Eindämmungs- und Bewältigungsmaßnahmen in Deutschland (und die gibt es unbestrittenermaßen) verpuffen musste.

Was als Fazit bleibt? Jetzt müssen die Bundesländer ran. Denn deutlich wie wenig sonst machte Angela Merkel, dass die Öffnungsversuche von Ministerpräsidenten wie Tobias Hans aus dem Saarland nicht haltbar sein werden. Hoffentlich waren in den Staatskanzleien am Sonntagabend die Fernseher an.

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