Serientäter

«The Beauty»: Zu schön um wahr zu sein

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Es ist an der Zeit, eine Serie zu lobpreisen, die in deutschen Landen viel zu wenig Aufmerksamkeit erfahren hat. Eine Serie, die zwischen Cronenberg’schem Körpertransformationsfetischismus und messerscharfer Gesellschaftsanalyse pendelt und dabei Ideen auffährt, die selbst in den von «Sharknado» gestählten Produktionsräumen von The Asylum anerkennendes Nicken auslösen würden.

The Beauty

Ot.: «The Beauty»
Showrunner: Ryan Murphy, Matthew Hodgson
Besetzung: Evan Peters, Rebecca Hall, Ashton Kutcher, Anthony Ramos, Jeremy Pope, Isabella Rossellini
11 Episoden zwischen 24 und 52 min
«The Beauty» ist Trash. «The Beauty» ist High Concept. «The Beauty» ist überdreht, grotesk, brutal. Die Serie bewegt sich mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit zwischen gesellschaftlicher Satire, Body-Horror und einem Erzählwillen, der sich selten um Konventionen schert. Immer dann, wenn man meint, das Konzept verstanden zu haben, geschieht ein Perspektivwechsel. Kurz gesagt: «The Beauty» ist das, was passieren kann, wenn Produzenten den Machern einen ordentlichen Haufen Geld in die Hand drücken und sagen: Macht einfach. Zieht das Ding durch. Und genau das tun sie mit einer Konsequenz, die daran erinnert, was das Goldene Serienzeitalter sein kann, wenn eine Geschichte erzählt wird, die Handlung statt Haltung zelebriert und keine Angst vor den eigenen (durchgedrehten) Ideen hat.

Um was geht es? Nun, die Serie beginnt mit einem Knall. Da ist diese Modenschau in Paris. Ein Top-Event, zu dem definitiv nicht die Einkäufer von Kik oder Primark geladen sind. Das hier ist die Stadt der Mode. Und die Models, die hier laufen, sind nicht einfach hübsche Frauen und Männer. Sie sind die Frauen und Männer, die attraktive Menschen gerne wären – und der Rest sowieso. Doch diese Modenschau verläuft etwas anders. Eines der weiblichen Models wirkt unkonzentriert. Sie schwitzt. Sie braucht Wasser. Viel Wasser. Sie stürmt von der Bühne. Und wird gewalttätig. Ohne Grund beginnt sie, auf Menschen einzuschlagen. Selbst gestandene Security-Männer bekommen sie nicht zu fassen. Sie stürmt auf die Straße, stiehlt ein Motorrad, rast durch die Stadt, liefert sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei – und explodiert. Ihr Körper platzt, Gedärme fliegen umher, der Anblick ist – nicht schön.

Auftritt Cooper Madsen und Jordan Bennett. Die beiden FBI-Agenten haben eine Affäre. Cooper empfindet für Jordan Liebe. Jordan jedoch lässt Gefühle nicht an sich heran. Ja, sie haben Sex und ja, sie mag Cooper. Doch einen Menschen emotional an sich zu binden, das kann Jordan nicht. Trotz – oder vielleicht gerade wegen dieses seltsamen Verhältnisses, das die beiden pflegen – sind sie ein gutes Team. Sie sind Ermittler in Randbereichen, sie agieren außerhalb der USA, sind entsprechend sprachgewandt und gut vernetzt. Und nicht jede nationale Polizeibehörde ist begeistert, wenn Amerikaner in ihrem Zuständigkeitsbereich herumschnüffeln.

Allerdings gibt es im Fall des toten Models eine amerikanische Komponente: Die Frau war Amerikanerin. Doch etwas ist seltsam. Sie war noch nicht lange ein professionelles Model. Sie kam quasi aus dem Nichts. Eine Unbekannte, die vor etwas über einem Jahr entdeckt wurde und eine Karriere im Überschall hinlegte. Was sicher ungewöhnlich sein mag, aber an sich noch nicht seltsam. Seltsam sind vielmehr ältere Fotos von ihr aus der Zeit, in der sie noch eine „normale“ Amerikanerin war. Wobei der Begriff „normal“ in diesem Fall ihr Aussehen betrifft. Die Frau auf den Fotos ist eine ganz normale Frau ohne besondere Merkmale; vor allem ist sie eine ganz andere Person als die, die in Paris gestorben ist. Die DNA-Tests aber beweisen: Es ist die gleiche Person. DNA lügt nicht. Sicher, Schönheitsoperationen können Wunder bewirken, aber diese Transformation geht über alles hinaus, was chirurgische Eingriffe bewirken können. Sie ist größer, schlanker, ihr gesamter Körper ist ein anderer. Bis auf die DNA. Die ist identisch.

Es ist müßig zu erwähnen, dass es nicht bei dem einzigen Fall dieser Art bleibt. Was sie allesamt gemeinsam haben? Die Menschen, die sterben, sind schön. Wunderschön? Das kommt sicher auf den Blick des Betrachters an, aber sie entsprechen dem Perfektionsdenken unserer Zeit. In ihrer körperlichen Erscheinung entsprechen sie Menschen zwischen Mitte bis Ende 20; die Frauen könnten allesamt direkt TikTok-Schönheitsvideos entsprungen sein, die Männer sind muskulös, aber keine Muskelprotze. Vielmehr gut trainierte, athletische Erscheinungen. Und in jedem Fall zeigen frühere Fotos der Verstorbenen ganz andere Menschen, die mit diesen Erscheinungen nur eines gemeinsam haben: die DNA.

Per Spritze zum perfekten Körper


«The Beauty» hat kein Interesse daran, seine Zuschauerschaft auf die Folter zu spannen mit der Frage: Wie kommt es zu solchen Veränderungen? Mit der Einführung des Milliardärs Byron Frost ist klar, was hier geschieht. Byron Frost ist einer der reichsten Männer der Welt und er ist, vorsichtig ausgedrückt, skrupellos. Mord ist für ihn Teil seines Geschäfts, denn ein Mann wie er steht nicht einfach nur über den Gesetzen. Byron Frost ist so reich, er steht über den Gesetzen der Natur. Das, was in Paris und anderen Orten geschieht, geht auf seine Arbeiten zurück. Das zu verraten ist kein Spoiler, das wird kurz nach Byrons erstem Auftritt auch schon offenbart. Byron Frost hält sich vielmehr einen Nobelpreisträger (die Formulierung trifft ihre Beziehung recht passend), der das Altern besiegt hat. Seine Forschungen schreiben jene Körperzellen um, die das Altern auslösen um. Eigentlich könnte „The Beauty“, so nennt Byron das Medikament, das die Transformation bewirkt, einen echten Segen für die Menschheit darstellen, denn am Anfang der Arbeiten standen Ideen wie die, den Krebs zu besiegen und den menschlichen Körper resistent zu machen. Aber, wir erinnern uns an Viagra: Viagra startete als Herzmedikament, berühmt wurde es jedoch wegen eines überraschenden Nebeneffektes. Statt nur eine Krankheit zu besiegen, lässt sich das Erscheinungsbild eines Menschen verändern. Du bist fett? „The Beauty“ verpasst dir ein Sixpack. Schlaffe Haut, wie sie nach einer gewaltigen Diät zurückbleibt? „The Beauty“ strafft die Haut ohne Riemen zu hinterlassen. Du bist über 70? „The Beauty“ macht dich wieder jung. Vielleicht wirst du keine 25, aber der Unterschied zu deinem biologischen Alter beträgt immer noch Jahrzehnte. Gut, „The Beauty“ hat ein paar seltsame Nebenwirkungen. Ein sehr dunkelhäutiger Mann wird vielleicht hellhäutiger, ein weißer Mann wird dunkler. Doch dies sind leichte Abweichungen. Was „The Beauty“ nicht kann: ein Wunschaussehen liefern. Der Mensch, der das Mittel gespritzt bekommt, erlebt Schmerzen, die Haut transformiert und um den Körper legt sich ein schleimiger Kokon. Erwacht der Mensch, ist es wie ein Schlüpfen aus einem Überraschungsei. Niemand kann sagen, wie der Mensch danach aussieht. Nur eines ist sicher: Er ist schön.

Kleine Problemchen


Allerdings gibt es da ein Problem. „The Beauty“ befindet sich noch in der letzten Testphase. Bald soll das Mittel auf den Markt kommen. Kontrolliert verabreicht wirkt es hervorragend – und für einen Konzern, der damit sehr viel Geld verdienen möchte, hat das Ganze einen zusätzlichen Vorteil: Die Wirkung hält nicht ewig. Es braucht Auffrischungen, Booster. Auch diese funktionieren zuverlässig. Der Traum eines langen Lebens – vielleicht nicht ewig, aber sehr lang – in einem perfekten, krankheitsfreien Körper scheint plötzlich in greifbare Nähe zu rücken. Aber ...

Offenbar hat sich in dem Labor, in dem das Mittel entwickelt wurde, jemand gedacht: Warum nicht selbst ausprobieren, was man da geschaffen hat? Diese Person injizierte sich das Mittel … allerdings mit einer Version, die in vielerlei Hinsicht noch nicht vollständig ausgereift war. Dadurch ist ein Problem entstanden: In dieser frühen Variante verhält sich „The Beauty“ wie ein Virus. Und es ist übertragbar. Der Übertragungsweg ist ebenso simpel wie heikel: Geschlechtsverkehr. Wer ungeschützten Sex mit einer infizierten Person hat, wird ebenfalls infiziert – und verwandelt sich kurze Zeit später in eine makellose Version seiner selbst. Der Körper verjüngt sich, Krankheiten verschwinden, die äußere Erscheinung entspricht plötzlich dem gängigen Schönheitsideal. Man könnte sagen: Es gibt unangenehmere Schicksale.

Leider beginnt nach etwa zwölf bis achtzehn Monaten eine Mutationsphase. Was diese Mutation anrichtet, zeigt bereits der Prolog der Serie. Und es ist alles andere als harmlos. Byron sieht sich deshalb gezwungen, einen Killer um die Welt zu schicken, um die Spur der Infektionen zu verfolgen und die Betroffenen zu beseitigen, möglichst bevor die Mutation einsetzt. Obwohl der Killer eine der zentralen Figuren ist, hat diese Figur keinen eigentlichen Namen; in der Originalfassung wird sie schlicht „The Assassin“ genannt. Auch der Killer ist mit „The Beauty“ behandelt worden – allerdings mit einer stabileren Variante des Stoffes.

Wenn man die Handlung so zusammenfasst, muss man zugeben: Das klingt zunächst einmal … bizarr. Freundlich formuliert. Menschen, die sich in Supermodels verwandeln und später explodieren. Sex als Übertragungsweg für ewige Jugend. Und dann sind da noch die Verpuppungen. Solche Ideen kennt man eigentlich eher aus jenen Horrorfilmen, die Charles Band in den USA bis heute mit seiner Firma Full Moon produziert: kleine, oft erstaunlich einfallsreiche Produktionen, die sich um Konventionen wenig scheren und ihre Geschichten einfach durchziehen, ohne sich allzu lange mit der Frage aufzuhalten, ob das alles logisch ist. Dass Band hier erwähnt wird, hat seinen Grund. Seine Filme sehen oft besser aus, als ihr Ruf vermuten lässt, und gelegentlich steckt unter der Oberfläche mehr, als man erwartet. Immerhin hat er mit Stuart Gordon einen Regisseur fürs Kino entdeckt, dessen Arbeiten wie «Re-Animator» oder «From Beyond» bei aller Absurdität deutlich mehr transportieren als Sex, Gewalt und gute Laune.

Auf der anderen Seite ist das Thema Bodytransformation eines, das sich durch das Werk von David Cronenberg zieht, einem Regisseur, der heute gemeinhin als großer Filmemacher gilt und der Mainstream und Arthouse erstaunlich mühelos miteinander verbunden hat. Dabei wird gern vergessen, dass Cronenberg selbst aus einem Milieu stammt, in dem das Wilde, das Exploitative und das Provokante ganz selbstverständlich zum Handwerkszeug gehörten. Filme wie «Shivers», «Rabid» oder später «Die Fliege» sind schließlich nichts anderes als radikale Gedankenspiele darüber, was mit dem menschlichen Körper geschieht, wenn Technik, Krankheit oder Begehren beginnen, ihn zu verändern.

Genau in dieser Tradition lässt sich auch «The Beauty» lesen. Die Serie nimmt eine zunächst absurd klingende Prämisse und behandelt sie mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit. Hinter all den grotesken Einfällen steckt eine sehr konkrete Frage: Was passiert, wenn Schönheit zur Ware wird? Wenn Perfektion nicht mehr ein unerreichbares Ideal ist, sondern ein Produkt, das sich verbreitet wie eine Krankheit und das zugleich ein Konzern kontrolliert, der daran verdient?

«The Beauty» überrascht mit narrativen Wendungen. Während zu Beginn Action und Effekte im Vordergrund stehen, verschiebt sich der Tonfall mit der Zeit spürbar. Stehen in den ersten drei Episoden die Ermittler im Fokus, konzentriert sich die Serie ab der vierten Folge ganz auf Byron. Der wird von Ashton Kutcher verkörpert, einem Schauspieler, der, seien wir einmal ehrlich, auf der Liste von großen Charakterdarstellern nicht unbedingt einen Spitzenplatz belegt. Kutcher begann seine Karriere mit simplen Komödien, die vor 25 Jahren ganz anständig im Kino liefen und seinem Namen einen gewissen Marktwert verschafften. Als der Marktwert sank, auch weil er in ernsteren Rollen nicht unbedingt Kinosäle füllte, ergriff er nach dem spektakulären Rausschmiss von Charlie Sheen aus dessen Erfolgsserie «Two and a Half Men» die Chance, eine erfolgreiche Serie zu kapern. Zwar erreichte er nie die Popularität seines Vorgängers, aber in 84 Episoden dürfte er ordentlich verdient haben. Umso erstaunlicher ist seine Darstellung in dieser Serie. Kutcher ist ein Drecksack, ein Mörder, ein mieser Lump. Und er ist faszinierend. Mit jeder Pore führt er letztlich das Publikum vor, das ihn heimlich für das, was er ist, bewundert. Es ist nicht Byrons Reichtum, der Bewunderung hervorruft, es ist Byrons Art, über den Dingen zu stehen. Wie bereits erwähnt: Gesetze sind für ihn Serviervorschläge. Dieser Mann ist größer als alles, in allen Situationen. Er ist der Mensch, in dessen Nähe man nicht zu atmen wagt und dem man dennoch das Poesiebuch ehrfürchtig hinhält in der Hoffnung, ein Autogramm zu erhalten, womit das eigene Lebenswerk erledigt wäre.

Isabella Rossellini


Solch eine Figur aber, so unfassbar sie von Kutcher auch dargestellt wird, funktioniert nur mit einem entsprechenden Gegenpart: Isabella Rossellini. Die bald 74 Jahre alte Schauspielerin stellt Franny dar, Frosts Ehefrau, die sich in 80er-Jahre-Haute-Couture verliert und alle dreckigen Geheimnisse ihres Ehemannes kennt. Isabella Rossellini ist ein sensationelles Casting. Mit ihrer Hauptrolle in David Lynchs Kultfilm «Blue Velvet» avancierte die Tochter von Ingrid Bergman zum weiblichen Star des anspruchsvollen Hollywood-Lichtspiels, das sich eher im Arthouse- und weniger im Mainstreamkino verortet. Oder verortete, denn diese Art von Kino gibt es in den USA heute kaum noch. Jeder Regisseur, der sich als Filmkünstler betrachtete, wollte mit Rossellini arbeiten. In den letzten Jahren ist es still um sie geworden. Ein Grund dürfte sein, dass sich Isabella Rossellini dem Schönheitswahn Hollywoods verweigert hat. Sie ist älter geworden, sie trägt ihre Falten mit Stolz, wie auch das Gewicht, das sich im Laufe der Zeit um ihre Hüften gelegt hat – was sie zur perfekten Besetzung der Franny macht, der einen Figur, die nicht nur Byron die Stirn bietet, sondern sich konsequent dem Schönheitswahn entzieht. Ja, Franny mag einen seltsamen Fetisch für Kleider einer vergangenen Epoche hegen, der aber resultiert nicht aus einer Sehnsucht nach einer vergangenen Schönheit. Diese Kleidung steht für eine Zeit, in der sie glücklich war. Weil es das Leben mit ihr gut meinte, und zwar dezidiert auf einer emotionalen Ebene. Rossellini nimmt während ihrer Auftritte die Szenerie für sich ein, es ist sensationell.

Wir tanzen!


Ohne zu viel vorwegzunehmen: Die Tatsache, dass ein Medikament das menschliche Äußere verändern kann, bleibt natürlich nicht ohne Folgen für eine Reihe von Figuren und stellt ganz nebenbei auch die Sehgewohnheiten des Publikums infrage. Nicht weniger ungewöhnlich sind die Ideen, mit denen die Macher arbeiten. Während die Dramaturgie anfangs noch vertrauten Mustern folgt, vielleicht, um die Zuschauerschaft nicht gleich vollständig zu überfordern, darf es zwischendurch auch einmal eine Tanznummer geben. Ja, wenn man reich ist, tanzt man offenbar auch mal durchs Leben. Man sieht es, staunt kurz und die Serie steuert bereits auf den nächsten Moment zu, mit dem man nicht gerechnet hat. Solche Einfälle näher zu beschreiben, ist allerdings schwierig, ohne im Spoilerbereich zu landen. Nur so viel: In vielen Momenten wirkt die Serie, als hätten die Autoren im Writer’s Room gesessen, ein Autor sagte „ich hätte da eine Idee“ und Chefautor Ryan Murphy antwortete: „Geil, das machen wir.“ Überhaupt Ryan Murphy. Murphy hat ein feines Gespür für Stoffe, die sich nicht so recht entscheiden wollen, ob sie Hochglanzdrama, Satire oder kalkulierter Exzess sein möchten – und genau daraus baut er dann Serien, die beim Publikum erstaunlich gut funktionieren. Seinen Durchbruch feierte er Anfang der 2000er Jahre mit «Nip/Tuck». Darin ging es bereits um das Thema Schönheit, allerdings noch in Form eines Dramas über zwei Schönheitschirurgen, die Brüder sind – und die sehr unterschiedlich ihren Beruf interpretieren. Was zunächst wie eine etwas schärfer gewürzte Ärzteserie aussah, entwickelte sich schnell zu etwas Größerem. Heute gilt «Nip/Tuck» oft als eine der frühen Serien des sogenannten Goldenen TV-Zeitalters. Murphy nahm eine auf den ersten Blick vertraute Fernsehformel und machte daraus ein großes, manchmal ziemlich böses Drama über Ehrgeiz, Moral, Eitelkeit und das Leben im Allgemeinen. Nebenbei zeigte die Serie auch, dass Fernsehen durchaus mehr sein kann als solide Unterhaltung. Murphy bewies damit früh, dass sich das vermeintlich Triviale und das große Drama gar nicht ausschließen, man muss nur wissen, wie man beides miteinander verbindet.

Dass Murphy keine Angst vor dem Mainstream hat, bewies er mit der Teenie-Musical-Serie «Glee», die ebenso aus seinem Ideenkosmos stammt wie das «9-1-1»-Franchise. Auf der anderen Seite brachte er die Anthologieserie zurück auf den Bildschirm mit den langlebigen Formaten «American Horror Story» und «American Crime Story». Viele seiner Produktionen verbindet eine auffällige Lust an Übertreibung: große Emotionen, visuelle Opulenz und Figuren, die selten im Mittelmaß unterwegs sind. Gleichzeitig versteht er es, Themen aus Gesellschaft, Popkultur und Politik in zugängliche Unterhaltungsformate zu übersetzen. Unterhaltung also, die sich ihrer eigenen Übertreibung durchaus bewusst ist. In dieses Umfeld fügt sich auch «The Beauty» ein: eine Serie, die eine groteske Idee ernst nimmt und sie mit jener Konsequenz durchspielt, für die Murphy seit Jahren bekannt ist. Und er hat keine Angst vor Brüchen.

Bruch um Bruch


«The Beauty» erscheint auf den ersten Blick voll solcher Brüche zu sein. Figuren tauchen auf, verändern ihre Gestalt, anfangs stehen inszenatorisch eher Action und Spannung im Fokus, später verschiebt sich der Ton stärker ins Dramatische. Und doch entsteht aus diesen Wechseln eine erstaunlich organische Erzählung, in der sich die unterschiedlichen Tonlagen nicht gegenseitig stören, sondern eher ergänzen. Was dabei ein wenig in den Hintergrund rückt, ist die ganz grundsätzliche Frage: Was bedeutet Schönheit eigentlich? Oh, die Serie thematisiert diese Frage immer wieder, so ist es nicht. Schließlich ist diese Frage schon im Titel (irgendwie) zu finden. Da ist etwa der junge Mann, stark übergewichtig, der bei seiner Mutter im Keller lebt und sein Leben hasst. Er infiziert sich mit „The Beauty“ und wird zum makellosen Playboy – und Ziehsohn des Assassins. Oder da gibt es Milliardäre, die mit dem Altern hadern und sich nur allzu gern noch einmal ein paar Jahrzehnte Jugend kaufen würden. Aber so wirklich tief geht die Serie dann doch lange Zeit nicht. Schönheit hat halt ihren Preis – diesen Gedanken etabliert sie sauber, und darauf baut sie ihre Handlung auf. Das Nachdenken reicht genau so weit, wie es braucht, um dem Geschehen auf dem Bildschirm ein solides Fundament zu geben. Bis «The Beauty» radikal ihre Perspektive ändert. Zu Beginn der Serie gibt es eine Geschichte über zwei Chemielaboranten, die zunächst recht losgelöst von der Haupthandlung erscheint und die Frage stellt, wie Aussehen Identität beeinflusst. Während sich diese Geschichte schließlich doch in das konkrete Geschehen einfügt, folgt kurz vor dem Ende der Serie ein zweiter Ausbruch aus der Haupthandlung, der diesmal auch für sich stehen bleibt. Was ist Schönheit? Diese Frage stellen sich zwei Schülerinnen einer Highschool. Beste Freundinnen. Normale Mädchen. Die glauben, nicht schön genug zu sein.

Aber warum?


Die Serie, die keine Angst vor dem großen Vorschlaghammer als narrativem Ideengeber hat, wenn es um die großen Fragen geht, greift in dieser Episode zum ganz feinen Skalpell und seziert diese Frage nicht nur so präzise, dass man sich wünschte, sie niemals gestellt zu haben. Die Macher ziehen für die Auflösung der Geschichte die Stahlkappenstiefel über und treten dem Betrachter mit einer Wucht in den Unterleib, dass der Schmerz weit über das Ende der Serie bestehen bleibt. Was sich als kluger Schachzug offenbart, da, ganz ehrlich, der Übergang zur zweiten Staffel etwas schwach ausfällt. Schwach im Sinne von na ja, man ahnte es. Das ist allerdings auch schon der einzige kleine Wermutstropfen in einer Serie, die ansonsten ihr eigenes Ding mit bewundernswerter Konsequenz durchzieht.



Nachtrag


Auch wenn die Serie wie ein Originalstoff von Ryan Murphy wirkt, basiert «The Beauty» streng genommen auf der gleichnamigen Comicreihe von Jeremy Haun und Jason A. Hurley (erschienen ab 2015 bei Image Comics). Die Vorlage unterscheidet sich jedoch in einem wesentlichen Punkt von der Serie: Während die Serie letztlich im Thrillermilieu verortet werden kann, setzt die Handlung des Comics an einem Punkt ein, an dem die Infektion bereits gesellschaftliche Realität ist. In der Welt von Haun und Hurley hat sich bereits die Hälfte der Bevölkerung bewusst infiziert, um dem Schönheitsideal zu entsprechen.

Ob die TV-Adaption nach dem massiven Cliffhanger des Finales weitergeführt wird, bleibt vorerst offen: Bei Redaktionsschluss hatte der produzierende Sender FX noch kein offizielles Go für eine zweite Staffel gegeben. Angesichts starker Quoten in den USA und Erfolges auf einer Reihe weiterer, wie man heute sagt, Märkten, gilt eine Fortsetzung in Branchenkreisen jedoch als relativ sicher.

«The Beauty» ist seit 4. März bei Disney+.

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