Serientäter

«Harry Hole»: Der Serienkiller ist nur der Anfang

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Ein Serienkiller treibt in Oslo sein Unwesen und der einzige Polizist, der tatsächlich schon einmal mit einem Serienkiller zu tun hatte, ist ein Alkoholiker mit selbstzerstörerischen Tendenzen. Parallel dazu rüsten die eher überschaubar organisierten Banden der Stadt plötzlich auf, als gäbe es neuerdings Waffen im Sonderangebot. Und zumindest eine Spur dieses Aufrüstens führt in die Reihen der Polizei.

«Harry Hole»

SHOWRUNNER: Jo Nesbø. REGIE: Øystein Karlsen, Anna Zackrisson. DREHBUCH: Jo Nesbø. KAMERA: Pål Ulvik Rokseth. MUSIK: Ginge Anvik. PRODUKTION: Working Title Television, Universal International Studios. BESETZUNG: Tobias Santelmann (Harry Hole), Joel Kinnaman (Tom Waaler), Pia Tjelta (Rakel Fauke), Ingrid Bolsø Berdal (Beate Lønn), Kelly Gale (Ellen Gjelten), Anders Baasmo (Bjarne Møller), Peter Stormare (Hans Christian Dreut), Ellen Helinder (Alice), Simon J. Berger (Lennart), Teodor Forchtner (Oleg)
Jo Nesbø ist wahrlich ein Star der internationalen Thriller-Szene. Seine Harry-Hole-Romane haben sich weltweit millionenfach verkauft. Der erste Versuch, diese Welt fürs Kino aufzubereiten, endete 2017 jedoch eher ernüchternd: «Der Schneemann» blieb trotz prominenter Besetzung und großen Erwartungen deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Ein Grund, der in einschlägigen Foren kolportiert wird, soll der sein, dass ein beträchtlicher Teil des ursprünglichen Drehbuchs gar nicht verfilmt worden ist. Demnach wäre «Der Schneemann» nur ein Fragment des tatsächlichen Werkes. Ein Blick auf den nunmehr zweiten Anlauf, die erfolgreiche Romanserie zu adaptieren, lässt dieses Gerücht durchaus nachvollziehbar erscheinen, denn was Jo Nesbøs «Harry Hole» in neun Episoden abliefert, die allesamt jeweils über 50 Minuten Spielzeit mitbringen, ist tatsächlich die Verfilmung eines einzigen Romans. «Harry Hole» ist kein Best-of. Die gesamte Story des Neunteilers basiert (fast) ausschließlich auf dem Roman „Das fünfte Zeichen“. Das ist der fünfte Roman der Reihe. Nicht der erste. Warum das?

Kurz vorangestellt: In den ersten Romanen ist Harry Hole noch ein Suchender, eine Figur im Aufbau, deren Konturen sich erst nach und nach schärfen. Erst ab der Mitte der Reihe steht da jener kaputte, brillante Ermittler, den man heute mit der Figur verbindet. Genau hier setzt die Serie an – und findet einen bemerkenswert eleganten Weg, diese vorausgegangene Entwicklung erzählerisch zu verdichten, ohne sie schlicht nachzuerzählen. Statt Chronologie gibt es Konzentration. Darüber hinaus stellt einen zentralen Handlungsstrang der ersten Romane Holes Rivalität gegenüber seinem Kollegen Waaler dar. Dieser wird in gewisser Weise für den Medienwechsel ebenfalls kompensiert und in Gänze in diese Serie übertragen; außerdem wird ein weiterer Handlungsstrang bezogen auf Holes Kollegin Ellen Gjelten in die Handlung der Story integriert, der ursprünglich in einem früheren Roman stattfindet.

Der Showrunner


Hat sich Netflix also hemmungslos an den Romanen vergangen und einfach mal zusammengewürfelt, was ihrer Ansicht nach zusammenpasst? Mitnichten, denn das ist der Clou von «Harry Hole»: Im Vorspann der Serie steht nicht einfach Jo Nesbø, weil dieser sich gut verkauft. Der norwegische Bestsellerautor ist als Showrunner für die Handlung selbst verantwortlich. Das bedeutet, dass auch der Einstieg in die Serie auf seinen Ideen beruht: ein Einstieg, den es in den Romanen so nicht gibt, der aber quasi dazu kreiert wurde, um Hole als den kaputten Typen zu zeigen, der er ist – und gegen den er immer wieder erfolglos ankämpft.

Handlung


Bei einem Banküberfall in Oslo wird eine Kassiererin kaltblütig erschossen. Der Bankräuber hat seinen Überfall offenbar minutiös geplant, denn er entkommt der Polizei ohne größeren Aufwand. Harry Hole ist zufällig in der Nähe des Überfalls und nimmt mit einem jungen Kollegen die Verfolgung auf. Das Problem: Harry ist betrunken. Und so kommt es zu einem folgenschweren Unfall, bei dem sein junger Kollege stirbt, während Harry mit nur leichten Blessuren davonkommt. Um einen Skandal zu vermeiden, wird sein getöteter Kollege auf den Fahrersitz gesetzt. Auf diese Weise wird aus dem Vorfall ein tragischer Unfall, bei dem ein Polizeibeamter sein Leben verloren hat. Weitere Ermittlungen finden nicht statt.

Fünf Jahre später. Wir erleben Harry als einen Mann, der sein Leben irgendwie (und irgendwie passt, denn Harry strauchelt ganz offensichtlich – und er wird ins Straucheln geraten, der Spoiler darf sein) in den Griff bekommen hat. Er ist seit über zwei Jahren trocken, er hat eine Freundin und ganz langsam findet er einen Draht zu ihrem Sohn, einem eher schüchternen Jungen. Harry versucht ihm keinen Vaterersatz vorzugaukeln, er ist einfach ehrlich. Er erzählt von seinen eigenen Ängsten, die er in seinem Alter hatte; er macht ihm Mut, etwas aus sich herauszukommen. Mitten in dieser Phase seines Lebens wird Harry mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Bei einer Razzia wurde eine Waffe sichergestellt, die offenbar von den gleichen Schmugglern ins Land gebracht wurde wie jene, mit der vor fünf Jahren die Bankangestellte ermordet worden ist. Es gibt Spuren, die Harry und seine Kollegen aufnehmen. Spuren, die in die Unterwelt führen, wo sich offenbar unterschiedliche Parteien mit den Waffen eindecken. Die Ermittlungen verlaufen routiniert, sie bekommen allerdings einen unerwarteten Schub durch eine neue Kollegin in der Forensik.

Beate Lønn, eine Schwedin, ist ein Super Recognizer. Super Recogniser verfügen über die Fähigkeit, Gesichter außergewöhnlich gut wiedererkennen zu können – auch nach Jahren, auf schlechten Bildern oder in vollkommen veränderten Kontexten. Diese Fähigkeit kurbelt die Ermittlungen an, die den Verdacht offenbaren, dass ein Polizist in den Fall verwickelt sein könnte. Die Ermittlungen finden einen ersten, tragischen Höhepunkt in einer Hütte vor der Stadt. In diese Geschehnisse ist nicht nur Holes schwedischer Kollege Tom Waaler verwickelt, sie führen auch dazu, dass Harry wieder zur Flasche greift …

Jeder weitere Satz wäre ein Spoiler epischen Ausmaßes, nur so viel: Der eigentliche Kriminalfall, der dem Roman seinen Titel gab, beginnt mit der zweiten Episode und dem Fund einer Frauenleiche in ihrer Dusche. Hole ist, wie wir erfahren, der einzige Ermittler, der tatsächlich schon einmal mit einem Serienkiller zu tun hatte und der schnell erkennt, dass am Tatort etwas inszeniert wurde. Dieser Mord ist kein Femizid, keine Beziehungstat oder Ähnliches. Der Mörder hat die Frau erschossen. Er hat ihr einen Finger abgeschnitten (als Trophäe?), er hat sie in eine Dusche gelegt, das Wasser angestellt und wollte, dass der Tatort genau so vorgefunden wird. Holes Verdacht erhärtet sich mit dem Verschwinden einer Schauspielerin am helllichten Tag. Beide Fälle haben auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten. Bis ein abgetrennter Finger im Briefkasten des Polizeipräsidenten landet und klar ist: In Oslo geht ein Serienkiller um.

Wir haben also einen Serienkiller. Da sind die Waffen, die in Oslo auftauchen. Holes Kollege Waaler treibt seine eigenen Spielchen, die sich jenseits der Legalität bewegen. Der Mord an der Bankangestellten hängt auch noch wie ein Damoklesschwert über der Geschichte. Und da ist Hole, der bald mit den Schatten seiner Vergangenheit konfrontiert wird.

Kaputte Typen


Steht in der ersten Episode noch ganz die Figur des Harry Hole im Fokus des Geschehens, die von dem Deutsch-Norweger Tobias Santelmann dargestellt wird, entwickelt sich die Figur des Tom Waaler spätestens mit Beginn der zweiten Episode zur zweiten Hauptfigur der Serie. Wir, die Zuschauerinnen und Zuschauer, wissen: Dieser Mann hat Dreck am Stecken. Sehr viel Dreck. Und dieser Waaler wird nicht nur mit der Leitung der Ermittlungen betraut, in denen Holes Fachwissen eine wichtige Rolle spielt (ja, Waaler leitet die Ermittlungen, Hole ist ihm unterstellt): Dieser Waaler hat auch noch, wie sich zeigen wird, eine eigene Rechnung mit Hole offen. In dieser Konstellation entfaltet die Serie ihre eigentliche erzählerische Wucht: Sie transformiert von einem Nordic Noir zu einem düsteren Psychogramm zweier Gestrauchelter. Auf der einen Seite steht Harry Hole, ein personifizierter Trümmerhaufen von einem Mann. Harry ist nicht einfach nur ein Alkoholiker; er ist ein Ästhet der Selbstzerfleischung. Sein Dasein scheint an die Bedingung geknüpft zu sein, dass er sich permanent selbst zerlegen muss, um überhaupt noch einen Funken Realität zu spüren. Er ist ein Mann, der mit der schlichten Banalität des Lebens, mit dem Glück einer funktionierenden Beziehung oder dem Frieden der Nüchternheit schlichtweg nicht kompatibel ist. Für Harry ist Existenz gleichbedeutend mit Schmerz; er braucht die Agonie, die Scham des Morgens nach dem Exzess, um sich seiner selbst sicher zu sein. Wo andere Menschen nach Heilung streben, sucht Harry instinktiv nach der nächsten Klinge, an der er seine Seele wetzen kann. Und der Deutsch-Norweger Tobias Santelmann ist in dieser Rolle großartig.

Dem gegenüber steht Waaler, dargestellt von Joel Kinnaman, der unter anderem in den «Suicide Squad»-Filmen mitgewirkt hat und 2014 die Hauptrolle im unterschätzten «RoboCop»-Remake darstellte. Und hier gelingt der Inszenierung ihr brillantester Kniff: Waaler ist kein simpler Antagonist, er ist Holes dunkles Spiegelbild, verzerrt durch das Prisma einer soziopathischen Persönlichkeit. Die Parallelen in ihrer Intensität und ihrer Besessenheit sind unübersehbar, doch während Harrys Dämonen ihn dazu treiben, sich selbst zu vernichten, kanalisiert Waaler seine Finsternis nach außen. Wo Harry in der Selbstzerstörung versinkt, wählt Waaler die Zerstörung der Anderen. Er agiert als Raubtier in Uniform, das seine Gewaltbereitschaft hinter einer Fassade aus Disziplin und polizeilicher Autorität verbirgt.

Allein der Zweikampf der beiden Männer gäbe Stoff für eine Serie. Aber da ist dann eben auch noch die Serienkillergeschichte. Und die Geschichte mit den Waffen. Das alles könnte überladen wirken: Dass das nicht der Fall ist, ist auf das Erzähltempo zurückzuführen, das dem zweier sich aufeinanderzubewegender Kontinentalplatten entspricht. Was normalerweise den Todesstoß jeden Serienprojektes darstellt (abgesehen von den Horrorserien Mike Flanagans, die ganz ähnlich funktionieren), ist die große Stärke der Serie: ihre Langsamkeit, die uns als Zuschauer regelrecht verschlingt. Während sich andere Produktionen in hektischen Schnitten und künstlichen Cliffhangern verlieren, vertraut diese Adaption ganz auf die Gravitation ihrer Charaktere.



Britische Vorbilder


«Harry Hole» atmet den Geist der erzählerischen Geduld, den man vor allem aus hochwertigen britischen Produktionen kennt, die ihren Figuren den nötigen Raum zur Entfaltung lassen, anstatt sie durch den Plot zu peitschen. Den Grundstein für dieses introspektive, langsame Erzählen legte in den 90er-Jahren «Für alle Fälle Fitz» (engl. «Cracker»), die vom Zuschauer verlangte, einem brillanten, aber zutiefst fehlerbehafteten Psychologen dabei zuzusehen, wie er sich zwischen zwei Zigarettenpausen und einer Wette am Spieltisch in die Abgründe der menschlichen Seele vorarbeitete. Fitz war eine Figur fernab jeden Pathos. Die Serie machte nie einen Hehl daraus, dass es nur eine Verkettung glücklicher Umstände war, die seine Brillanz in den Dienst der Polizei stellte, während in seinem Inneren ein Psychopath existierte, den er permanent bändigen musste.

Oder da wäre «Broadchurch», wo die Ermittlung fast schon zur Nebensache gerät, während die Serie die Trauer und das Misstrauen einer ganzen Gemeinde in quälender Langsamkeit seziert. Die frühen «Luther»-Filme lassen sich ebenso in diese Kategorie einreihen wie «Line of Duty», eine Serie, die ihre Spannung nicht aus Verfolgungsjagden, sondern aus endlos scheinenden, hochkonzentrierten Verhörszenen zieht, in denen jedes Wort eine tektonische Verschiebung bedeuten kann. So findet «Harry Hole» seine Vorbilder im britischen Serienfernsehen und nicht zwingend im Nordic Noir, was die Serie zu einer bewussten Abkehr von der oft unterkühlten Distanz klassischer skandinavischer Krimis macht. Stattdessen setzt sie auf eine emotionale Wucht, die fast schon wehtut. «Harry Hole» ist in dieser Adaption kein distanzierter Held des Nordens, sondern ein zutiefst menschliches Wrack in einem hochverdichteten Charakterdrama. Die Langsamkeit der Geschichte ist kein Mangel an Dynamik, sondern ein enormer Gewinn an Tiefe. Wer bereit ist, tief in das Morastige und Kaputte einzutauchen, wird mit einem der intensivsten Serienerlebnisse belohnt, die das Genre seit Jahren zu bieten hat.

Anmerkungen!


1. Zartbesaitete sollten gewarnt sein, vieles von dem, was die Serie an grafischer Gewalt bietet, wäre vor wenigen Jahren noch durch jede FSK-Prüfung gerauscht.
2. Die letzte Episode hat eine Post-Credit-Sequenz!
3. Bei Erfolg wird die Serie fortgesetzt, für diese Fortsetzung wird in dieser ersten Staffel bereits das Fundament gelegt.
4. Dass Schweden im norwegischen Polizeidienst agieren, ist keine Fantasie des Autoren, um dem schwedischen Film- und Serien-Star Joel Kinnaman die zweite Hauptrolle zu ebnen. Es spiegelt eine reale Besonderheit wider: Norwegen ist eines der wenigen Länder, in denen der Polizeidienst nicht zwingend an die Staatsbürgerschaft gekoppelt ist.

Seit 26. März bei Netflix.

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