Interview

Matthias Tiefenbacher: ‚Empathie ist der Schlüssel‘

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Regisseur Matthias Tiefenbacher erzählt im «Irland-Krimi» von Gewalt, Trauma und psychologischer Zerrissenheit und erklärt, warum echte Spannung nicht aus Action, sondern aus menschlicher Nähe entsteht.

Herr Tiefenbacher, lassen Sie uns über «Der Irland-Krimi» sprechen. „Die Tote am Fluss“ beginnt mit einem Femizid, der die Hauptfigur auch persönlich trifft. Wie sind Sie als Regisseur an diese emotionale Nähe herangegangen?
Natürlich mit Vorsicht und großem Respekt. In beiden Filmen begegnen wir ja Männern, deren fragile Identität in Gewalt umschlägt. Das Erzählen solcher Seelentraumata, gerade bei kriminellen Tätern, kann nur mit einem empathischen Blick gelingen; wenn ich auch zugeben muss, dass mir das persönlich im Fall der Femizid-Geschichte besonders schwerfällt. Die Gewalt gegen eine Frau „nur weil sie eine Frau ist“, ist wegen ihrer bizarren und scheinbar willkürlichen „Grundlosigkeit“ besonders schwer auszuhalten. Der dramaturgische Kunstgriff, die Fallgeschichte möglichst nah an die persönliche Welt von Cathrin Blake zu rücken, führt dazu, dass unsere Hauptfigur sowohl empathisch, als Mensch, als auch in ihrem Beruf als Psychologin heftig auf die Probe gestellt wird. Eine große Herausforderung für ihre Seele: dass es ihre Freundin ist, die diesem schrecklichen Mord zum Opfer fällt, bringt Cathrin genau an den Ort der Zerrissenheit, den sinnlose Femizide wie dieser in uns allen anrichten. Ich hoffe, dass sich ihr Mut und ihre Beharrlichkeit verstehen zu wollen, für uns alle vermittelt: weil dieses Verständnis das Einzige ist, was wir der scheinbaren Willkürlichkeit und Irrationalität solcher Verbrechen und Tragödien entgegensetzen können.

«Der Irland-Krimi» verbindet klassische Krimispannung mit psychologischer Tiefe. Wie finden Sie die Balance zwischen Ermittlungsarbeit und Figurenstudie?
Figuren werden für uns als Publikum interessant, wenn sie Fehler machen. Perfekt zu sein, und immer alles richtig zu machen, fühlt sich irgendwie nicht wirklich „menschlich“ an. Zum*r Helden*in einer Geschichte wird eine Figur dadurch, dass sie die Herausforderungen und Prüfungen auf dem Weg überwindet. Deswegen ist es nötig die Wendepunkte einer Figur möglichst klar zu erzählen. Der Moment, der für die Figur den Scheideweg markiert: einfach aufgeben, und den Dingen ihren Lauf zu lassen oder den Mut fassen, und nötigenfalls gegen den Strom schwimmen! Sich selbst treu bleiben! Und die Kraft dafür aufzubringen. Humor hilft auch eine Menge. Nicht alles kann gelingen. Die Identifikation mit den Charakteren, den Figuren der Geschichte, geht nur über den emphatischen Blick der Erzählung. Damit das Publikum die Chance hat sich darin wieder zu finden, dass die Geschichten wirklich etwas mit ihrem Leben zu tun haben. So ist das mit jedem Drama. Im Whodunit ist das nur insoweit anders, als das Metronom der Erzählung das Raten nach dem Täter ist.

Deswegen lässt der Krimi oft nicht so viel Zeit für den Blick hinter die Kulissen der Figuren, ihre Geheimnisse und Nöte als Menschen. Das Ratespiel steht oft im Vordergrund. Die Geschichten im «Irland-Krimi» kreisen anders um seelische Abgründe und die katastrophalen Folgen dieser seelischen Nöte. Die meisten, wenn nicht alle dieser Nöte, rühren aus Verletzungen in unserer Kindheit her. Wir waren alle Kinder und kennen das alles mehr oder weniger aus unserem eigenen Leben. Wir sind da sozusagen alle Experten. Daran knüpft ein Format wie der Irland Krimi mit einer Psychologin als Hauptfigur an, indem es für unser aller Drama, das des „gekränkten Kindes“ einen emphatischen Raum schafft.

Mit Cathrin Blake steht eine Kriminalpsychologin im Zentrum. Inwiefern verändert diese Perspektive die Art, wie Sie Geschichten erzählen und inszenieren?
Eine empathisch agierende Psychologin wie Cathrin Blake als Hauptfigur in der Welt eines Whodunnit ist überaus faszinierend. Man kann ja lange darüber mutmaßen, woher die nicht zu stillende Liebe des deutschen Zuschauers für das Genre Krimi wohl herrühren mag. Letztendlich ist der Kern auch jeder guten Kriminalgeschichte ein Drama. Meistens in der Form einer Tragödie. Über die Empathie der Psychologin kann man diesem Drama sehr viel näherkommen, als sonst im Whodunnit. Der Blick der Hauptfigur aufs Geschehen ist sozusagen Programm. Ich finde, diesen „empathischen“ Blick heutzutage kostbarer denn je. Die eigentlichen Rätsel jeden Krimis liegen ja sowieso immer hinter dem bloßen „guessing“ nach dem Täter! Immer geht es um das Unglück von uns Menschen. Und das Nachdenken darüber, was uns vielleicht gerettet hätte?

Im Film spielen Themen wie Stalking, toxische Beziehungen und Gewalt gegen Frauen eine zentrale Rolle. Wie wichtig war es Ihnen, diese Aspekte realistisch und sensibel darzustellen?
Immer mal wieder, wenn für das öffentlich-rechtliche Fernsehen um die sachgerechte Verteilung der immer knapperen Mittel gerungen wird, wird das fiktionale Fernsehen als bloße „Unterhaltung“ abqualifiziert. Vielleicht ein bisschen vorschnell und unangemessen. Die Menschenbilder, die wir mit den Figuren in den Geschichten die wir erzählen, vermitteln, haben über die vordergründig didaktisch-moralische Funktion hinaus Bedeutung. Hier geht es nicht um Schwarz-Weiß, sondern um die Vielschichtigkeit, Komplexität, und zunehmende Unübersichtlichkeit in der Gesellschaft, in der wir leben. Kennen wir uns da noch aus? Fiktionale Geschichten versuchen genau darauf Antworten zu finden. Sie sind immer exemplarisch, beispielhaft, manchmal vielleicht sogar beispielgebend. Die Art und Weise wie wir, als Geschichtenerzähler, unsere Figuren mit ihren Konflikten ringen lassen, trägt hier eine große Verantwortung. Genauigkeit ist gefragt, Realismus und Ehrlichkeit den Figuren gegenüber … Ja wir wollen unterhalten. Aber eben dadurch, dass wir wirklich etwas erzählen! Und die Gelegenheiten für Geschichten, denen wir gemeinsam zuhören, werden in der Vereinzelung von Social Media ja eher spärlicher. Insoweit: Unsere Verantwortung als Geschichtenerzähler wächst! Davon bin ich überzeugt.

Die irische Küstenlandschaft ist ein prägendes Element der Reihe. Welche Rolle spielt das Setting für die Atmosphäre und die Dramaturgie Ihrer Inszenierung?
Die Heldin, ihr Wetter und ihre Landschaft … fast ein Klischee, so scheint es, aber jedenfalls weit mehr als bloß eine pittoreske Bühne … Irland ist für uns hier in D-A-CH ganz offenbar ein ganz spezieller Phantasieraum. Das geht weit über die Leere des grauen irischen Himmels und die verzauberte Verlorenheit seiner Landschaften hinaus. 78 Einwohner pro qkm im Schnitt in der irischen Weite, gegenüber 234 per qkm in Deutschlands Gedrängel, markiert da nur einen „oberflächlichen“ Aspekt. Eine Begegnung mit einem anderen Menschen, das leuchtet sofort ein, bedeutet offenbar mehr! Die Blicke werden genauer. Um die Offenheit der irischen Seele für das Geschichtenerzählen zu erleben, für Mythen und Monster, die Poesie, das Fabulieren, ihre Neugier für andere Menschen und die ganze grandios-tragische „Menschenkomödie“, muss man nicht Beckett, Joyce, Shaw und Heany lesen, sondern einfach nur einen Spaziergang über den Markt in Galway oder am Strand von Dalkey machen. Und Beckett und Co sind außerdem natürlich staunenswerte Bürgen dieser keltisch-verzweifelten Lust am Erzählen. Was Irland angeht, kann die Antwort also nur heißen: Im besten Fall erweist sich die Geschichte der Landschaft als würdig!

In „Du gehörst mir“ rückt ein Geiseldrama in den Mittelpunkt. Was reizt Sie an diesem sehr konzentrierten, fast kammerspielartigen Szenario?
Zunächst einmal kein Vertun: das scheinbare Kammerspiel ist tatsächlich ein sehr aufwendiger Film! Viel aufwendiger, als ein Fernsehspiel heutzutage normalerweise zu sein wagt. Oder wagen kann. Wenn man auf das Budget schaut … Logistisch gesehen sind „Geiselnahmen“ erzählerische Zumutungen für jede Produktion. Mehr als sonst wird der Film zur Herausforderung eines 5000-Teile-Puzzles, das wie bei „Täglich grüßt das Murmeltier“ mit Regelmäßigkeit immer dann vom Tisch fällt, wenn man praktisch alle Steine zusammenhat … einfach zu viele Details. Einheit von Ort und Zeit. Notwendigerweise immer das gleiche Wetter! Spielt ja alles sozusagen am Stück. Wird aber gedreht über vier oder fünf Wochen. Am Anfang noch im Schnee und am Ende schon im Frühling. Muss aber immer so aussehen, als sei das alles nur ein Tag. Das ganze Ensemble immer da. Kosten, Kalamitäten, Krisen. Kein Ausweg nirgends.

Ansonsten, wenn man die Herausforderung annimmt, ein faszinierender „Spaß“. Eine „Arche Noah im Sturm“-Situation: Das schwächste Glied bestimmt, was passiert. Alle Figuren unrettbar aufeinander bezogen. Eigentlich ein großes erzählerisches Gleichnis für uns alle. „All the world ´s a stage!“ Aber, wie gesagt: eben auch ein teuflisch-vertracktes Puzzle! Jeder Spaß hat eben seinen Preis! :-)

Der zweite Film lebt stark von Dialogen und psychologischen Verhandlungen. Wie inszeniert man Spannung, wenn Action in den Hintergrund tritt?
Spannung entsteht beim Geschichtenerzählen immer aus der Identifikation mit den Charakteren der Figuren der Handlung. Nur wenn uns deren Nöte unausweichlich und nachvollziehbar erscheinen, sind wir bereit, der Geschichte zu folgen. Dafür braucht es keine Action. Und die Spannung entsteht dann ja im besten Fall daraus, dass wir anfangen um das Wohl und Wehe der Figuren der Geschichte zu bangen. Als seien es unsere Freunde, deren Wohlergehen uns am Herzen liegt. Oder unsere Feinde, denen wir nur wünschen, dass Ihnen möglichst bald das Handwerk gelegt wird.

Der Kampf von Cathrin und McCurren ist so spannend, weil wir schnell verstehen, dass vom Ausgang dieser Auseinandersetzung menschlicher Eitelkeit vs the greater good letztendlich Menschenleben abhängen. Die Eitelkeit des Profis McCurren und sein Narzissmus bedroht das Leben der Geiseln in der Hand eines neurotischen Narzissten! Letztendlich weiß ja jede*r, wie eine Geiselnahme am Ende ausgeht. Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Es ist faszinierend: ein Spiel, dessen Ausgang so gewiss scheint wie bei einer Geiselnahme, so zu inszenieren, dass der Zuschauer diesen möglichen Ausgang unterwegs möglichst vergisst!

Mit Désirée Nosbusch arbeiten Sie mit einer sehr präsenten Hauptdarstellerin. Wie haben Sie gemeinsam die Figur der Cathrin Blake weiterentwickelt?
So eine Zusammenarbeit geht nur mit großem gegenseitigem Vertrauen! Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit. Aber wie auch sonst: dass wir einander vertrauen können, muss sich eben immer neu erweisen! Gerade dann, wenn es mal eng und holprig wird. Gemeinsam Geschichten zu erzählen ist immer ein Wagnis. Wie zusammen Musik machen. Das will auch nur gelingen, wenn man miteinander schwingt und wirklich „musiziert“. Bei all dem logistischen Aufwand und den Menschen, die nötig sind beim Film, gilt das umso mehr. Auf jeden, der da mittut, kommt es an, damit die „Glocke“ am Ende auch klingt! Da ist es ein Glücksfall, wenn man beim „Musizieren“ so eine starke, innerlich unabhängige, und nur der Sache und der Erzählung verpflichtete Person und Schauspielerin wie Désirée Nosbusch als Gegenüber hat. Ihr Humor und ihre menschliche Klugheit tun ein Übriges. Dass wir bis heute tatsächlich mit so vielen gemeinsamen Filmen durch Irland gewandert sind, ist auch Ausdruck dieses Glücks. Meine Zeit in Irland mit dem «Irland-Krimi» ist auch deswegen eine wiederkehrende große Freude.

Beide Filme zeigen Täter, die keine klassischen „Monster“ sind, sondern komplexe Persönlichkeiten. War es Ihnen wichtig, auch ihre Perspektive nachvollziehbar zu machen?
Die Frage habe ich in den anderen Antworten, so scheint mir, schon mitbeantwortet. Jedenfalls soweit es hier überhaupt eine Antwort geben mag. Ich versuche mir mit dem Erzählen, die Welt – soweit ich sie nicht verstehe – begreiflich zu machen. Das, so scheint mir, ist das eigentliche Privileg meines Berufes. Das einen für jede Entbehrung unterwegs entschädigen mag. Gelingt manchmal besser, manchmal schlechter. Wie auch sonst im Leben.

Der Wechsel zwischen emotionalem Drama und Krimi-Elementen ist anspruchsvoll. Gibt es für Sie klare Regeln, wann welcher Ton dominieren sollte?
Nein. Klare Regeln gibt es ja nie im Film :-) Leider … Eine fällt mir ein, doch: Bitte, nicht langweilen!

Die Reihe hat mittlerweile eine lange Laufzeit. Wie gelingt es, visuell und erzählerisch immer wieder neue Akzente zu setzen?
What´s not on the page, is not on the stage! Das ist die einfache Antwort. Nur was im Drehbuch steht, spielt auch eine Rolle. ;-) Die Bilder kommen also mit der jeweiligen Geschichte, und dennoch ist da das Wunder der Umsetzung. Film ist ja zum Glück nicht bloß literarisch, sondern irgendwie immer, zumindest dem Anspruch nach, eine Art Gesamtkunstwerk, das sehr suggestiv sein kann. Neue Akzente entstehen aus den für die Geschichte angemessenen Situationen und Bildern. Und die sind immer ein Versuch, diese konkrete Geschichte, auch durch die Art und Auswahl der visuellen Mittel und Bilder, jeweils möglichst groß zu machen!

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Der Irland-Krimi» ist am Donnerstag, 9. April 2026, um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen. Der Film ist seit 6. April in der ARD Mediathek verfügbar. Nächste Woche kommen neue Filme.

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