Die Kritiker

«Ein Schnupfen hätte auch gereicht», und ein weniger bemühter Film sowieso

von

RTL zeigt am Karfreitag die fiktionale Aufarbeitung von Gaby Kösters realem Schicksal. Das Ergebnis ist ein Film, der das Herz am rechten Fleck hat, aber entgegen sein eigenes Wohl zu viel will.

Cast und Crew

  • Regie: Christine Hartmann
  • Darsteller: Anna Schudt, Jasmin Schwiers, Oliver Wnuk, Swetlana Schönfeld, Moritz Bäckerling, Christoph Grunert, Stephan Grossmann, Michael Schenk
  • Drehbuch: Gerd Lurz; nach der gleichnamigen Vorlage von Gaby Köster und Till Hoheneder
  • Kamera: Stephan Schuh
  • Schnitt: Cosima Schnell
  • Musik: Nick Glowna, Ludwig Eckmann
  • Produktionsfirma: Zeitsprung Pictures
Anfang 2008 verschwand Schauspielerin und Komikerin Gaby Köster urplötzlich von der medialen Oberfläche. Die unter anderem mit dem Bambi, dem Goldenen Löwen und dem Deutschen Fernsehpreis prämierte Kölnerin brach ihre Stand-up-Tournee ab, offizielle Mitteilungen gab ihr Management nicht raus. Die Boulevardmedien mutmaßten munter. Manche berichteten, dass Köster verstorben sei. So schlimm war es um sie jedoch nicht bestellt. Schlimm genug hat das Schicksal mit der «Ritas Welt»-Kassiererin mit Kodderschnauze trotzdem mitgespielt: Sie erlitt einen schweren Schlaganfall. «Ein Schnupfen hätte auch gereicht», urteilte Köster in ihrer typischen Art drei Jahre später – nachdem ihr Management die Nachrichtensperre lüftete und sie bei «stern TV» ihren ersten öffentlichen Auftritt nach dem Schlaganfall absolvierte.

Die mit eben diesem Galgenhumor-Spruch betitelten Memoiren Kösters, die sie gemeinsam mit Till Hoheneder verfasste, finden nun, rund sechs Jahre nach ihrer Rückkehr in die Medien, ihren Weg in die RTL-Primetime. Und zwar in Form einer leicht fiktionalisierten Tragikomödie – nicht unähnlich Hape Kerkelings «Ich bin dann mal weg». Mit dem Kinohit hat die «Ein Schnupfen hätte auch gereicht»-Filmversion gemein, dass zwar ein paar prominente Gesichter mitspielen, nicht aber die Person, auf deren Erfahrungen das Werk beruht. Verständlich – hat der Schlaganfall Köster doch körperlich schwer mitgenommen. In der Hauptrolle agiert stattdessen die Dortmunder «Tatort»-Ermittlerin Anna Schudt.

Schudts Verwandlung ist eine beachtliche, wenngleich keine dermaßen einnehmende wie sie Devid Striesow in der Hape-Kerkeling-Verfilmung absolviert. Striesow ließ vor der Kamera nur wenige, markante Kerkeling-Gesten einfließen und machte sich die Rolle zu eigen. Gewiss war es auch hilfreich, dass sich «Ich bin dann mal weg»-Regisseurin Julia von Heinz traute, den realen Kerkeling für die Filmdauer auszublenden. Christine Hartmann hingegen gestattet es dem «Ein Schnupfen hätte auch gereicht»-Publikum nicht, sich für 90 Minuten voll auf die fiktionalisierte Köster einzulassen – und eröffnet den Film erstmal mit einem Rückblick auf Kösters mediale Blütezeit. Klar, dass da Kösters markantes Organ erstmal nachhallt und es Schudt erschwert, diesem akustischen Echo zu entfliehen.

Sowohl den aus dem Off eingesprochenen Kommentaren als auch den ersten Filmminuten, in denen Köster in voller Vitalität auftritt, ist Schudts Anstrengung anzumerken, Köster möglichst 1:1 zu imitieren. Während ihr Kölsch überzeugt, hemmt es sie in ihrem Spiel, Kösters verraucht-dunkle Stimmfarbe und das gelegentliche Kieksen nachzuahmen. So makaber es anmuten mag: Schudts Performance läuft erst dann zu Hochtouren auf, wenn «Ein Schnupfen hätte auch gereicht» den Punkt erreicht, ab dem es darum geht, wie sich die aus dem Koma erwachte Köster mit dem Schicksalsschlag arrangiert.

Die erst verwirrte, dann resignierende und gelegentlich wütende, und letztlich die sich wacker ins Leben zurück kämpfende Köster ist ruhiger – und zugleich emotionaler, da sie ihre Gefühle ohne den Showfaktor herausträgt. Und somit kann Schudt in diesen Passagen eine runde, intensive Darbietung ablegen, statt sich im bloßen Mimikry zu üben.

Das Festhalten an der realen Köster hemmt den RTL-Eventfilm bedauerlicherweise nicht nur in dieser Hinsicht. Die wiederholten Archivaufnahmen von Köster-Auftritten auf ihrem Heimatsender RTL geben der Produktion mehrmals einen bitteren Nachgeschmack der Selbstbeweihräucherung mit. So wird ein Motivationstief Kösters in der Reha-Phase durch eine Montage von RTL-Ausschnitten in Zeitlupe und Weichzeichneroptik unterbrochen – unterlegt durch einen mit Pathos getränkten Off-Kommentar. Unterboten wird dies noch von den abschließenden Minuten des Films, die Schudts Darbietung und den persönlichen Konflikt der Film-Köster beiseite schieben, um stattdessen in realen Schnipseln das RTL-Comeback der Entertainerin Köster zu zelebrieren – begleitet von der Powerballade "Rise Like A Phoenix".

Durch solche Sequenzen sowie durch die emotional aufgekratzte Weise, mit welcher der Subplot über die Eheprobleme von Kösters Krankenschwester Jacky abgehandelt wird, wird das Gesamtbild der Zeitsprung-Pictures-Produktion arg getrübt. Denn wenn der Neunzigminüter funktioniert, dann aber so richtig. So gelingt es Drehbuchautor Gerd Lurz und Regisseurin Julia von Heinz, aus Köster auch ohne Promibonus eine Identifikationsfigur zu machen: Beiläufig wird erklärt, dass Köster aufgrund des frühen Todes ihres Vaters einst überstürzt ins Arbeitsleben geschubst wurde – und diesen Drang, zu liefern und den Lieben ein gutes Leben zu ermöglichen, lassen sie sowie Schudt wiederholt aufglühen. Und während der Reha-Phase schreckt «Ein Schnupfen hätte auch gereicht» nicht zurück, die Protagonistin als unbequeme sowie launische Patientin zu zeigen, wodurch das Leid Kösters auch deutlich effektiver skizziert wird als durch die eingestreuten Traumsequenzen.

Während Hella von Sinnen als "Wir bringen deine Lebensfreude zurück, koste es, was es wolle"-Kommando für wenige Augenblicke die Show stiehlt, bleibt das restliche Ensemble zumeist unauffällig. Auch Jasmin Schwiers als Physiotherapeutin Jacky hätte wohl davon profitiert, wäre das Material rund um Köster herum nicht so überdehnt – denn was das angeht, ist der Film paradox: Einerseits wird an der realen Köster geklammert, andererseits gibt es eine mittelgroße Handvoll an Szenen, die sich nicht um sie und ihr Schicksal drehen und so dramaturgischen Leerlauf darstellen – dabei hätten die stimmigen Szenen, wie sich das Zusammenspiel zwischen Köster und Umfeld wandelt, doch gereicht. Daher flüstert es dem kritischen Betrachter schon gelegentlich entgegen: "Das ist doch nur da, weil die Verantwortlichen es sich nicht zugetraut haben, sonst auch Zuschauer anzusprechen, die keine Köster-Fans sind." Ein Trugschluss.

Fazit: Schudts Spiel als mit sich und ihrem Körper kämpfende Gaby Köster lässt das Herz dieser Tragikomödie pochen, dennoch ist dieser gut gemeinte Versuch, einem RTL-Star einen rührenden RTL-Eventfilm zu verleihen, zuweilen arg bemüht.

«Ein Schnupfen hätte auch gereicht» ist am 14. April 2017 um 20.15 Uhr bei RTL zu sehen.

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