Die Kino-Kritiker

«Sing»

von

Wer im Fernsehen nicht genug Castingshow-Futter erhält, bekommt im Kino mit «Sing» nun auch eine animierte Castingshow mit Tieren präsentiert.

Filmfacts «Sing»

  • Regie: Garth Jennings
  • Produktion: Chris Meledandri, Janet Healy
  • Deutsche Stimmen: Daniel Hartwich, Klaas Heufer-Umlauf, Alexandra Maria Lara, Olli Schulz, Katharina Thalbach, Stefanie Kloß, Iris Berben
  • Drehbuch: Garth Jennings
  • Musik: Joby Talbot
  • Schnitt: Gregory Perler
  • Laufzeit: 108 Minuten
  • FSK: ohne Altersbeschränkung
Castingshows sind aus dem Fernsehen kaum noch wegzudenken und holen mitunter noch immer beachtliche Quoten – wie etwa im Falle von «The Voice». Der große Casting-Boom liegt allerdings längst hinter uns. Genregiganten werden eingestellt, Nachschub ist rar gesät und floppt zumeist, wenn sich denn mal ein Fernsehsender an frischen Talentsuchen probiert. Selbst alteingesessene Castings wie «Deutschland sucht den Superstar» sind hinsichtlich der Reichweite nur noch ein Schatten dessen, welch Massenphänomen sie einst darstellten. In eben diesem Entertainmentklima eine computeranimierte Komödie über singende, tierische Castingshowteilnehmer zu verwirklichen, zeugt von einem Ohr, das sich nur partiell am Puls der Zeit befindet.

Für einen zeitlosen Charakter reicht es im Falle von «Sing» aber ebenso wenig. Denn die Produktion aus dem Hause Illumination Entertainment (Heimat der «Minions») verlässt sich weitestgehend auf modernen Pop – wobei die über 65 Songs umfassende Musikauswahl durch Evergreens wie „Fly Me to the Moon“ oder Klassiker wie „Venus“ zumindest nicht ausschließlich den jüngsten Chartkrachern hinterherrennt. Liebhaber des Pop quer durch mehrere Jahrzehnte werden an diesem etwa 75 Millionen Dollar teuren Animationsfilm also zumindest ihre akustische Freude haben. Wer jedoch auf denkwürdige Figuren, eine faszinierende Filmwelt, umwerfende Brüllergags oder eine bewegende Geschichte wartet, wartet hier vergeblich.

Es ist eine Castingshow. Mehr nicht.


Der in die Welt des Musiktheaters vernarrte Koala Buster Moon (im Original: Matthew McConaughey / in der dt. Fassung: Daniel Hartwich) steht kurz vor dem Ruin. Um dennoch seine geliebte Schaustätte, die er von seinem Vater vererbt bekam, zu retten, ruft er zu einer Castingshow auf – die soll den Saal wieder füllen! Als Gewinn winken seine verbliebenen finanziellen Rücklagen von 1.000 Dollar, durch ein Versehen versprechen seine Werbeflyer allerdings 100.000 Dollar – und schon versammeln sich sämtliche Tiere in Geldnot, mit Selbstdarstellungsdrang und dem großen Traum von der Gesangskarriere in Busters Theater …

Es ist eine flache, simple Story-Grundidee, die Autor und Regisseur Garth Jennings («Per Anhalter durch die Galaxis») hier erschafft – und daraufhin ungenutzt liegen lässt. Das Missverständnis bezüglich des Preisgeldes? Nichts weiter als ein winziger, dramaturgischer Schluckauf. Der Umstand, dass der vermeintliche Musiktheater-Genießer Buster so tief sinkt, eine Pop-Castingshow auf die Beine zu stellen und dabei dem Rockröhre-Stachelschwein Ashley (Scarlett Johansson / Stefanie Kloß) Ratschläge für ein glatteres Image gibt? Der wird weder vertieft, noch kess persifliert. Das groß aufgezogene Casting? Führt nirgendwohin. Das Aufeinanderprallen der verschiedenen Motivationen des Teilnehmerfelds? Nicht sonderlich von Belang.

«Sing» stellt schlussendlich bloß ein plotarmes Musikfest dar; eine Geschichte darüber, dass eine Truppe unterschiedlicher anthropomorpher Tiere eine Show auf die Bühne bringt. Anders als etwa die psychedelische Lateinamerika-Party «Drei Caballeros» versprüht der neuste, innerhalb von rund zwei Jahren entstandene Streich der «Pets»-Macher jedoch kein losgelöstes, anarchisches Partyfeeling. Mit angezogener Handbremse inszeniert (die einzige verwegene Idee, ein tintenfischbetriebener Leuchtscreen, wird nur für wenige Augenblicke genutzt) und von Plotkonventionen runtergezogen, ist «Sing» nicht etwa eine leidenschaftliche Sause zu Ehren der Popmusik, sondern nur das Animationsfilmpendant zu einer öffentlich-rechtlichen Samstagabend-Fete. Es ist so manch nette Melodie dabei, aber alles in allem recht piefig. Da reicht auch eine laute Rampenlichtsau, äh, ein lauter Rampenlichteber im engen Body nicht, um daran etwas zu ändern.

Der Beschallungsfernsehen-Ansatz: „Passabel“ ist gut genug


Im Gegensatz zu solch einem „Lasst uns eine Show veranstalten“-Genuss wie «Die Muppets» mit Jason Segel und Amy Adams mangelt es «Sing» zudem am nötigen Funken geistreichen Humors, um auch ohne ernstzunehmenden Plot zu fungieren. Der angesichts lebloser 08/15-Hintergründe und steifer Designs animationstechnisch klar hinter den «Minions»-Abenteuern (geschweige denn dem tierischen Schmelztiegel «Zoomania») zurückbleibende Digitaltrickfilm zieht einige Schmunzler aus Bild-Ton-Scheren während des frühen Castingprozesses. Manche kleine visuelle Idee und eine Handvoll lockerer Sprüche wissen ebenfalls, «Sing» davon abzuhalten, als vollkommen witzlos dazustehen. Ein Gagfeuerwerk sieht aber ganz anders aus, der gesunde Wahn des ähnlich gestrickten «Die Muppets» bleibt etwa völlig aus, ebenso wie pfiffige oder durch und durch lustige Neuarrangements der dargebotenen Lieder – nur Taylor Swifts „Shake It Off“ wird ganz neu interpretiert.

Kein erwähnenswerter Plot. Keine Krachergags. Keine Partystimmung: Somit ist «Sing» nicht mehr als ein akustischer Promitreff, begleitet von Chartstürmersongs. Dass in der deutschen Fassung jemand wie Klaas Heufer-Umlauf hörbaren Spaß dran hat, eine abgehobene, dauergenervte Maus zu sprechen oder Olli Schulz ein naiv-liebenswertes Loserschaf gibt, während im Original etwa Reese Witherspoon als gefrustete Schweinedame und Taron Egerton als sanfter Gorilla punkten, gibt der Chris-Meledandri-Produktion vielleicht etwas Reiz. Andererseits reicht dieser Reiz allein wahrlich nicht für einen abendfüllenden Film aus, zumal in der deutschen Fassung Daniel Hartwich schwer damit kämpft, der von ihm gesprochenen Hauptrolle glaubwürdige Gefühle abzuringen.

Da der Alibiplot wenigstens recht schnörkellos vorangetrieben wird und die Musikauswahl Schwung hat, wird «Sing» dank seiner annehmbaren Gagdichte zumindest all jene nicht enttäuschen, die nach den Trailern Lust auf eine animierte Tier-Castingshow bekommen haben. Ein guter Film sieht aber anders aus und hat mehr zu erzählen – oder mehr, verrücktere Gründe, weshalb er nichts zu erzählen hat.

Fazit: Popmusik-Fans, die amüsante Tiere singen sehen wollen, bekommen bei «Sing», was die Trailer versprechen und werden für etwas mehr als 100 Minuten annehmbar beschallt. Kurz darauf ist quasi alles wieder vergessen – wie bei vielen echten Castingshows also. Bleibende Erinnerungen und beseelte Unterhaltung müssen sich Filmfreunde woanders besorgen.

«Sing» ist ab dem 8. Dezember in vielen deutschen Kinos zu sehen – in 2D und 3D.

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