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«Terrace House»: Der Netflix-Hit, den keiner kennt

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Stell dir vor, du wirst in eine WG mit fünf Gleichaltrigen geschmissen und dein Leben wird gefilmt. Das Netflix-Format «Terrace House» ist so puristisch wie spannend, und es erfindet gleichzeitig das Reality-Genre neu. Ein Bericht eines Reality-Verweigerers.

Überblick

  • japanische Realityserie ("structured reality")
  • 2012-2014: 8 Staffeln exklusiv im japanischen TV: «Boys & Girls Next Door»
  • 2015-2016: 2 Staffeln (46 Folgen) im japanischen TV und bei Netflix: «Boys & Girls in the City»
  • ab November 2016: neue Staffel im japanischen TV und bei Netflix: «Aloha State»
«Terrace House» ist eine Show über sechs Männer und Frauen, die zusammenleben, und wir beobachten ihren Umgang.

Wir stellen nur ein schönes Zuhause und ein Auto.

Es gibt keinerlei Skript.


Mit diesen Worten leitet Netflix jede Folge von «Terrace House – Boys & Girls in the City» ein. Es braucht nicht mehr als drei Sätze, um das Konzept dieser Reality-Show zu erklären. So einfach, wie es klingt, so tiefgründig und interessant ist das Ergebnis, das wir auf dem Bildschirm beobachten können. Auf den ersten Blick ist «Terrace House» ein etwas langweiligeres «Big Brother». In Wahrheit ist es die Reality, von der man nicht geglaubt hätte, dass man sie noch einmal findet im skript-verseuchten Genre: ohne Skandale, ohne Challenges, ohne Schauspielerei, ohne Selbstironie, ohne Semi-Promis. Stattdessen mit Authentizität.

Zum ersten Mal hatte ich von der Show auf amerikanischen Websites gehört, die das puristische Konzept und das Suchtpotenzial hervorhoben. Der Such-Algorithmus von Netflix hatte mir das Format schon vorher einmal vorgeschlagen, interessiert war ich aber erst, nachdem ich mehr darüber gelesen hatte. Denn eigentlich würde ich mich zu den klassischen Verweigerern der TV-Reality zählen: Die Richtung, die das Genre im letzten Jahrzehnt eingeschlagen hat, gefiel mir immer weniger. Zu skandalträchtig, zu plump polarisierend hat man die Shows gestaltet. Am besten ist diese Entwicklung an «Big Brother» nachvollziehbar, dem Format, das die Reality-Geschichte neu geschrieben hat. Ich war großer Fan der ersten Staffel damals bei RTL II, als die Kameras einfach nur beobachteten, wie sich fremde Menschen aufeinander einlassen. Der Mikrokosmos, der sich in diesem Sozial-Experiment entfaltete, war faszinierend. Aber leider ist für meinen Geschmack diese Authentizität, die «Big Brother» früher ausstrahlte, in den folgenden Staffeln verloren gegangen. Bei anderen Reality-Formaten habe ich sie ohnehin nie gefunden.

«Terrace House» war dahingehend eine Offenbarung – nach mehr als einem Jahrzehnt habe ich das Genre wieder für mich entdeckt. Oder anders gesagt: Ich habe erkannt, wie viel Potenzial in der Reality wirklich steckt. «Terrace House» ist ein japanisches Format und wird in westlichen Netflix-Regionen untertitelt gezeigt. Im Heimatland strahlt Fuji Television es seit 2012 aus, dort gelangte es schnell zu großer Popularität. 2015 kaufte Netflix sich in die Produktion ein, um auf dem japanischen Markt mit lokalen Formaten zu punkten. Die erste Netflix-Staffel wurde so erfolgreich, dass sie verlängert wurde. Und nochmal verlängert. Und nochmal. Aus 18 Folgen wurden am Ende 46. Jede Folge erzählt die Geschehnisse aus einer ganzen Woche im «Terrace House».



«Terrace House» bei Netflix: Die Reality neu denken


Und was sind diese Geschehnisse? Nun, die teilweise fast schon banalen Geschichten des Alltags junger Menschen; das macht die Show so gewöhnlich wie gleichzeitig skurril. Drei Männer und drei Frauen, immer im Alter zwischen 18 und 29 Jahren, ziehen in das luxuriöse Loft in Tokio. Diese twenty-somethings organisieren ihren Alltag in dieser Fernseh-WG, die nicht als «Big Brother»-Haus verstanden werden darf: Während sie zusammen wohnen, gehen sie weiter ihrer normalen Arbeit, ihrem Studium nach, verlassen das Haus jederzeit. Sie gehen gemeinsam einkaufen, laden sich gegenseitig zu Dates ein, machen Ausflüge. Auch diese werden von einem Filmteam begleitet. Das Ziel der Bewohner? Eine neue Erfahrung zu machen und ein Abenteuer zu erleben, neue Leute kennenzulernen, oder vielleicht die große Liebe. Preisgelder und Zuschauer-Abstimmungen gibt es nicht. Jemand verlässt das Haus nur, wenn er es selber will: weil er neue Ziele im Auge hat.

«Terrace House» ist so spannend, weil wir einer Soap in the making zusehen können, aber keiner gescripteten, sondern einer größtenteils authentischen: Wer gerät aneinander, wer schwärmt für wen, wie übersteht man die stressigen letzten Tage des Studiums? Die Show ist kaum mit einem Format im westlichen Fernsehen zu vergleichen, noch nicht mal mit «Big Brother», da letzteres aufgrund anderer Regeln andere Gruppendynamik und Performance-Druck hervorruft. Am ehesten könnte man die Sendung noch mit «The Real World» vergleichen, einem MTV-Format aus den frühen 90ern und einer der ersten Realitys überhaupt im TV. Auch hier gilt das Konzept: Ein paar junge Leute werden zusammen in eine WG geworfen, dann hält man die Kameras drauf. Seinen besonderen Reiz erhält «Terrace House» aber durch das Kennenlernen einer fremden Kultur, der japanischen: Als westlicher Zuschauer ist man oftmals gleichzeitig fasziniert und verwundert, wie anders dort doch gestritten, geliebt, gesprochen wird, wie anders Menschen sich begegnen und Konflikte lösen, wie anders dort der Alltag organisiert wird.

Zu «Terrace House» gehört auch ein Panel aus Comedians und Schauspielern, die außerhalb des Hauses die jeweilige Folge mit ansehen – also die Zuschauerrolle einnehmen – und die Geschehnisse immer wieder kommentieren. Auch hier muss ich als Reality-geplagter westlicher Fernsehkonsument umdenken: Zunächst sind diese Panel-Diskussionen befremdlich, bald lerne ich sie zu lieben. Die Kommentare sind witzig und ernst, und vor allem erkenntnisreich, weil sie über Küchenpsychologie hinausgehen. Handlungen, Konflikte, Probleme, Liebesanbahnungen im Haus werden von den Promis gedeutet und analysiert, in den Kontext gesetzt. Langweilige Showpassagen werden durchbrochen. So schafft man oft einen dramaturgischen Spannungsbogen, weil man die nächste Szene mit den Bewohnern manchmal kaum noch erwarten kann. Teils wachsen mir die Teilnehmer ans Herz, und es ist traurig, wenn sich jemand entschließt, das «Terrace House» zu verlassen. Gleichzeitig ist diese Fluktuation – wie in einer echten WG – ein wichtiger Aspekt, warum es nie langweilig wird: Mit einem neuen Bewohner ergeben sich neue Gruppendynamiken. Wie werden die bisherigen WG-Mitglieder den Frischling aufnehmen, wie wird er sich integrieren? Bis zum Ende der 46 Folgen in «Terrace House» ist der Cast mehrmals durchgewechselt.

Für mich als eigentlichem Reality-Verweigerer ist das Format der lebende Beweis dafür, wie anders das Genre doch auch sein kann. Freunde der westlichen Reality-Vertreter werden daher gerade mit «Terrace House» vielleicht nicht viel anfangen können. Wer das Genre aber sonst links liegen lässt und darüber hinaus bereit ist, sich auf Neues einzulassen, könnte hier ein Kleinod des Netflix-Kosmos entdecken.

Eine neue Staffel ist bereits angekündigt, sie spielt nicht mehr in Japan, sondern auf Hawaii. Ein Zeichen für die Internationalisierung des Franchises? Erstmals wird die nächste Staffel im Westen wöchentlich mit einer neuen Folge gezeigt, ab 1. November. Bisher veröffentlichte man so nur im Heimatland, hiesige Fans bekamen die gesamte Staffel bisher erst im Nachhinein auf einen Schlag serviert – also nachdem im Haus schon alles gelaufen ist.

Und wenn man noch weiter denkt? Westliche Versionen von «Terrace House» könnten als Nischenprodukt durchaus funktionieren, steht das Format doch genau für das, was Netflix ohnehin auszeichnet: disruptiv die Gewohnheiten des Fernsehgeschäfts außer Kraft zu setzen. Mit altbekannten TV-Regeln zu brechen. Und hohe Qualität zu liefern, die süchtig macht. «Terrace House» steht für all das.

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