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Steven Gätjen: 'Wenn eine Sendung schlecht ist, ist immer der Moderator schuld'

von   |  2 Kommentare

Moderator und Kinofan Steven Gätjen spricht mit Quotenmeter.de über seine Herangehensweise an Filmkritik, seinen Umgang mit Kritik an ihm und die Lektionen aus seinem Quotenmisserfolg «I can do that!».

Zur Person: Steven Gätjen

Steven Gätjen ist in den USA geboren. Als er sich noch im Vorschulalter befindet, zieht die Familie zurück in die alte Heimat Hamburg. Nach einem Radio-Volontariat absolviert Gätjen die „Hollywood Filmschool“ in San Francisco. Die TV-Karriere beginnt bei MTV in London. Für Kino-Magazine führte der Filmliebhaber bereits über 1.000 Interviews – auch bei den Oscars für ProSieben und für die «Disney Filmparade». 2011 fing Gätjens Zeit bei «Schlag den Raab» und zahlreichen «TV total»-Events an. Aktuell ist er Event-Moderator, ZDF-Showallzweckwaffe und führt durch die «Disney Magic Moments» im Disney Channel.
Von Kinoliebhaber zu Kinoliebhaber: Ich find’s ja schön, dass es nun mit «Gätjens großes Kino» wieder ein echtes Kinomagazin auf einem der Vollprogramme gibt. Aber … einmal im Monat ist schon was wenig, oder?
(schmunzelt) Ja, darüber müssen wir eigentlich nicht reden. Natürlich wünsche ich mir eine wöchentliche Sendung. Man muss sich nur einmal anschauen, was im Kino alles passiert, wie viele Filme pro Woche starten und wie sich die ganze Filmwelt derzeit wandelt. Material genug hätten wir also. Auf der anderen Seite darf man nicht vergessen: Es ist ja schon ein Ding, dass es im ZDF ein neues Kinomagazin gibt. Da darf ich nun nicht gierig werden und sagen: „Einmal die Woche oder gar nicht.“ Man muss kleinen Schrittes größer werden.

Ich mutmaße, dass das Format aus Ihrer Initiative heraus entstanden ist?
Ja, ich kämpfe seit Jahren immer dafür, dass es ein Kinomagazin im Fernsehen gibt. Das habe ich bei Tele 5, das habe ich bei ProSieben, das habe ich, seit ich beim ZDF bin … Ich finde es so schade, dass im Fernsehen das Thema Kino so stiefmütterlich behandelt wird. Umso froher bin ich, dass ich das endlich durchgeboxt habe. Es stand anfangs so stillschweigend im Raum, dass es mal dazu kommen wird, denn beim ZDF wissen die ja um meine Passion fürs Kino. Letztlich wurde dann daraus ein Running Gag: Wann immer ich mit meinem Ansprechpartner beim ZDF telefoniert habe, habe ich gefragt: „Wann startet eigentlich das Kinomagazin?“ Vielleicht war es diese Penetranz, die letztlich dazu geführt hat, dass ich die Sendung bekommen habe. (lacht)

Kino ist ein sehr glamouröser Themenbereich, dem ich mich liebend gern widme – und vielleicht strahlt diese Zuneigung ja ab? Wenn ich fürs Kinomagazin mit großen Stars rede, sind sie vielleicht eher gewillt, auch bei einer Unterhaltungsshow vorbeizukommen? Der Zuspruch in der Kinobranche war jedenfalls sehr groß – die meinten, dass sei geil, dass es wieder sowas gibt. Und ich werde alles dransetzen, dass es die Sendung noch lange gibt.
Steven Gätjen
Aber nicht falsch verstehen: Beim Sender hat man sich nicht genötigt gefühlt, eine Kinosendung zu starten, denn schlussendlich ist das weiterhin ein wichtiges Thema, das viele Menschen bewegt. Zudem ist es ein sehr glamouröser Themenbereich, dem ich mich liebend gern widme – und vielleicht strahlt diese Zuneigung ja ab? Wenn ich fürs Kinomagazin mit großen Stars rede, sind sie vielleicht eher gewillt, auch bei einer Unterhaltungsshow vorbeizukommen? Der Zuspruch in der Kinobranche war jedenfalls sehr groß – die meinten, dass sei geil, dass es wieder sowas gibt. Und ich werde alles dransetzen, dass es die Sendung noch lange gibt.

Haben Sie sich vorab Gedanken gemacht: „Okay, das aus den «Steven liebt Kino»-Jahren übernehme ich, jenes sollte sich ändern?“
Generell gesprochen soll «Gätjens großes Kino» ähnlich ausfallen, jedenfalls insofern, als dass ich meine Begeisterung für Film und Kino transportieren möchte. Wichtig ist mir aber auch, dass sich jede Ausgabe von der vorherigen unterscheidet. Wir orientieren uns in der Aufmachung daran, welche Produktionen wir besprechen und wir werden den roten Faden zwischen den Filmvorstellungen immer neu entwerfen. Allen Beteiligten war es wichtig, nicht aus einem Studio heraus zu arbeiten, sondern immer woanders zu sein. Bei «Steven liebt Kino» haben wir mal einen eigenen Western gedreht und den statt einer Moderation zwischen den Segmenten rund um aktuelle Filme eingesetzt. Sowas macht immer riesigen Bock, und das soll es auch bei «Gätjens großes Kino» geben. Wir müssen auf langer Sicht noch schauen, welche weiteren Möglichkeiten wir erhalten. Die ersten Reaktionen der Verleiher auf das Konzept waren ja, wie gesagt, schon einmal positiv, da wird sich nun zeigen, welche Türen sich uns durch die ersten Ausgaben öffnen, wie sehr wir hinter die Kulissen dürfen oder was wir alles an Sets machen können. Gerne darf das alles noch größer und intensiver werden. Da bekommen wir viel Unterstützung durchs ZDF.

Mir ist klar, dass ich niemanden, der seit fünf oder zehn oder gar zwanzig Jahren nicht mehr ins Kino geht, davon überzeugen kann, dass Kino sehr wohl das Beste auf der Welt ist. Aber ich kann mich als Touristenführer anbieten und erklären: Schau her, das Kino ist wie ein Portal zu ganz vielen anderen Welten, und da ist für jeden was dabei. Hinter dieser Tür: Wahnsinnig viele Explosionen! Hinter dieser Tür: Berührende Schicksale! Hinter dieser Tür: Unfassbar gute CG-Welten.
Steven Gätjen
Unterm Strich: Was ist das Ziel der Sendung «Gätjens großes Kino»?
Wir wollen unsere Liebe zu jedem Genre nach außen tragen. Denn es ist doch wunderschön, welche Vielfalt das Kino zu bieten hat. So sind ja Blockbuster bei einigen verpönt, dabei gibt es großartige Blockbuster. Ebenso, wie es tolle Independent-Filme gibt. Gleichermaßen gibt es auch richtige Schrottfilme in beiden Sparten. Und das nicht nur in Hollywood! Gleiches gilt für französisches Kino, deutsche Filme … Wir versuchen, eine große Bandbreite an Genres und Budgetklassen abzudecken und die Leute wenigstens für diese Art von Filmen zu begeistern. Was aber nicht heißt, dass wir jeden einzelnen Film, der in der Sendung vorkommt, über den grünen Klee loben! Natürlich kann man auch mal sagen: Hier ist die Bildsprache unausgereift, da kann ich das Handeln der Figuren nicht nachvollziehen … Wir wollen konstruktiv kritisieren, was es zu bemängeln gibt!

Wichtig ist mir, dass trotzdem die Leidenschaft zum Medium Film nicht verloren geht. Und mir ist klar, dass ich niemanden, der seit fünf oder zehn oder gar zwanzig Jahren nicht mehr ins Kino geht, davon überzeugen kann, dass Kino sehr wohl das Beste auf der Welt ist. Aber ich kann mich als Touristenführer anbieten und erklären: Schau her, das Kino ist wie ein Portal zu ganz vielen anderen Welten, und da ist für jeden was dabei. Hinter dieser Tür: Wahnsinnig viele Explosionen! Hinter dieser Tür: Berührende Schicksale! Hinter dieser Tür: Unfassbar gute CG-Welten.

Wo kommt Ihrer Meinung nach dieses binäre Denken beim Publikum her, dass Sie eben angesprochen haben? Action gegen Drama, Hollywood-Kino gegen den deutschen Film, Kunst gegen Kommerz … Entsteht dieses Schubladendenken von alleine, ist eventuell doch der Filmjournalismus daran Schuld, dass viele Kinogänger jeweils nur eine bestimmte Kost annehmen?
Das ist ein spannendes und wichtiges, aber kniffliges Thema … Ich glaube, das ist gerade für das deutsche Publikum eine Sache des grundlegenden Prinzips. Wir halten uns ja weiter für das Land der Dichter und Denker, und da liegt es nahe, als Reaktion darauf das Thema Unterhaltung zu verachten. Entertainment ist immer eine niedere Art des Fernsehens als Infotainment, und Infotainment ist eine niedere Art des Fernsehens als reine Informationssendungen. Dieses Denken zieht sich dann durch alle Medien und reicht vom „normalen“ bis zum Fachpublikum. Von dieser Haltung habe ich keine gute Meinung. Dieses Genörgel geht mir einfach auf die Nerven!

Wenn ich «Armageddon» gucke oder demnächst «Rogue One», dann sage ich doch nicht: „Noch umständlicher kann man einen Asteroiden ja nicht zerlegen! Lärm im Weltall gibt es nicht! Solche Raumschiffe könnten gar nicht abheben, geschweige denn so schnell fliegen! Lichtschwerter, was für’n Schwachsinn!“ Wer diese Art Film aus Prinzip nicht mag, der muss sich das gar nicht erst angucken. Man muss ja keineswegs jeden Film gut finden. Es gibt so viele Filme, mit denen ich nicht zufrieden bin! Das aber nicht aufgrund von solch kleinkariertem Genörgel. Und ich verstehe nicht, weshalb das vor allem beim Film so ist. Musikkritiker ticken etwa nicht so. Da schreibt keiner, dass ihm das Konzert „Hollywood in Vienna“ mit Alexandre Desplat nicht gefallen hat, weil die Musik von einem Orchester gespielt wurde. Da scheint man der Vielfalt gegenüber aufgeschlossener zu sein. Ein gutes philharmonisches Konzert hat da genauso Chancen wie eine Rocktruppe, ein guter Rapper oder eine Heavy-Metal-Kombo.
Wenn nicht gerade sowas wie «Toni Erdmann» oder «Victoria» auftaucht, also Filme, die bei Preisverleihungen gut ankommen und auch gute Besucherzahlen schreiben, dann gibt der Filmpreis oftmals keinem normalen Kinogänger einen Grund, ihn zu verfolgen. Wie aber wollen die Filmemacher und Cineasten die Leute auf gute, kleine, sperrige Filme hinweisen, wenn nicht durch solche Awards?
Steven Gätjen

Vielleicht trägt tatsächlich der deutsche Feuilleton einen kleinen Teil der Schuld, weil er manchmal Filme intellektualisiert, bei denen sich das nicht anbietet. Dennoch ist er sehr wichtig, dass er existiert, weil er auch genauer bei Filmen hinschaut, bei denen es ergiebig ist, einen intensiveren inhaltlichen Diskurs zu führen. Schade ist da eher die Struktur der deutschen Filmförderung sowie manchmal die Haltung der Deutschen Filmakademie, die oftmals Publikumsfavoriten völlig ignoriert.
Wenn nicht gerade sowas wie «Toni Erdmann» oder «Victoria» auftaucht, also Filme, die bei Preisverleihungen gut ankommen und auch gute Besucherzahlen schreiben, dann gibt der Filmpreis oftmals keinem normalen Kinogänger einen Grund, ihn zu verfolgen. Wie aber wollen die Filmemacher und Cineasten die Leute auf gute, kleine, sperrige Filme hinweisen, wenn nicht durch solche Awards? Und zu guter Letzt dürfen wir alle folgendes nicht vergessen, wann immer wir versucht sind, zwischen großem und kleinem Kino scharf zu trennen oder zwischen Kommerz und Anspruch: Leute wie Christopher Nolan oder Tom Tykwer haben mit kleinen unabhängigen Produktionen angefangen und machen nun große, teure Filme. Jemand wie David Fincher, der so hoch für seinen Anspruch gelobt wird, hat mit Werbung angefangen und dann erstmal eine Fortsetzung gedreht. Es gibt diese Ebenen, den 250-Millionen-Dollar-Film und den 50.000-Euro-Film, und es ist schön, dass es sie gibt, aber die Grenzen sind durchlässig, und das ist ebenfalls eine Bereicherung für das Medium! Es ist ganz, ganz wichtig, immer daran zu denken, dass das Eine das Andere befruchtet.

Was ist für Sie das wichtigste Kriterium, ob Sie ein Film abholt oder nicht?
Entscheidend sind die Figuren – das ist eine Sache, die Genregrenzen übersteigt. Ein Actionheld kann dich fesseln, eine Dramafigur kann dich mit ihrem Schicksal packen, auch in einer Doku können dich Persönlichkeiten faszinieren. Wichtig dabei ist, dass man in der Betrachtung des Films nicht sein Ziel aus den Augen verliert. Mein Paradebeispiel dafür ist eine Filmkritik aus dem 'Hamburger Abendblatt' vor einigen Jahren, in der ein älterer Kollege einen Kinderfilm komplett verrissen hat, und meinte: „Ja, voll doof, ist was für Kinder.“ Junge, du kannst in deinem fortgeschrittenen Alter nicht mit deiner alltäglichen Sichtweise auf einen Kinderfilm gucken und ihn verreißen, weil er Kinder anspricht!

Mein Bruder und ich haben ja ein Kinderbuch gemacht und waren damit auf Lesetour – wer das einmal gemacht hat, wird verstehen, was für ein gutes, grundehrliches Publikum Kinder sind. Die gehen auf dich zu und sagen dir ohne Scham, was ihnen gefällt und was nicht.
Steven Gätjen
Ich ärgere mich mehr über Kollegen, die selbst schlechten Kinderfilmen einen Freifahrtschein geben, mit der Begründung: „Ist ja eh nur für Kinder, und, joah, der Film ist bunt genug, er wird sie schon beschäftigen!“ Auch Kinder haben eine sinnige Charakterskizzierung und eine gute Dramaturgie verdient.
Das stimmt, voll und ganz. Das Argument „Ist ja nur für Kinder, denen kannst du alles vorsetzen“ ist genauso schlimm wie „Ist für Kinder, also ist es schlecht.“ Dass du Kindern alles vorsetzen kannst, und sie es abfeiern werden, ist ein großer Trugschluss. Gerade Kinder sind gnadenlose Kritiker und sie bemerken es sofort, wenn du ihnen sonst was auftischst. Mein Bruder und ich haben ja ein Kinderbuch gemacht und waren damit auf Lesetour – wer das einmal gemacht hat, wird verstehen, was für ein gutes, grundehrliches Publikum Kinder sind. Die gehen auf dich zu und sagen dir ohne Scham, was ihnen gefällt und was nicht. Daher ist es große Kunst, gute Kinderfilme zu machen, insbesondere, wenn du dann zudem noch die Eltern ansprechen möchtest, die mit ins Kino gehen.

Auf der nächsten Seite: Steven Gätjen darüber, wie er mit Kritik an ihm umgeht, ob die ZDF-Zuschauer gnädiger sind als die von ProSieben und über seine bisherigen Quoten im Zweiten.

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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
martina.kröger
18.10.2016 21:34 Uhr 1
Ich persönlich bin sehr gespannt auf die neue Sendung von Steven. Erinnert mich ein bischen an " 4 gegen Willi".

War aber auch ein aufschlußreiches Interview, mit klaren Antworten.
Familie Tschiep
19.10.2016 01:05 Uhr 2
Nur von Namen her erinnert das an 4 gegen Willie. Ich kann mich an keine 4 gegen Willie-Folge erinnern, aber nach Fernsehrückblicke zu urteilen, ging es darum, Gameshows zu verulken, das sehe ich bei der Gätjen nicht.



Man würde es sich zu einfach machen, wenn man alle Schuld auf den Moderator ablädt. Er ist zwar das Gesicht der Sendung, aber nur ein Teil des Teams. Ein mieses Konzept kann selbst der beste Moderator nicht verkaufen und ein gutes Konzept kann auch ein durchschnittlicher Moderator nicht versauen, deswegen hat auch SDR trotzdem noch mit Gätjen funktioniert. Gätjen ist für mich ein durchschnittlicher Moderator, der wirklich auf gute Konzepte angewiesen ist, die ihn tragen, das waren alle Showversuche nicht, vielleicht ist ein Kinomagazin etwas für ihn, was länger trägt.



Und ich bin mir sicher, Lernkurven hat man auch bei erfolgreichen Formaten. Die erste Folge ist meist nie die beste, es braucht etwas, was die die Zuschauer darüber hinweg sehen lässt.

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