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Der ganz große Fußball-Hype: Wie liefen die vergangenen WMs und EMs?

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Täglich überbieten sich ARD und ZDF förmlich mit neuen Top-Reichweiten im Rahmen der Fußball-Europameisterschaft. Aber wie liefen eigentlich die Turniere der vergangenen Jahre? Ein Rückblick.

Zahlen und Fakten der Turniere

  • EM 08: in Österreich & Schweiz / Sieger Spanien, Deutschland Zweiter / 31 Spiele (6 von Deutschland) -> Top-Quote: 29,54 Mio.
  • WM 10: in Südafrika / Sieger Spanien, Deutschland Dritter / 64 Spiele (7 von Deutschland) -> Top-Quote: 31,10 Mio.
  • EM 12: in Polen & Ukraine / Sieger Spanien, Deutschland Dritter bzw. Vierter / 31 Spiele (5 von Deutschland) -> Top-Quote: 27,98 Mio.
  • WM 14: in Brasilien / Sieger Deutschland (gegen Argentinien) / 64 Spiele (7 von Deutschland) -> Top-Quote: 34,65 Mio.
Es ist ein Bild, das sich alle zwei Jahre in den Sommermonaten wiederholt: Ganz Deutschland befindet sich für einige Wochen in einer Welle der Fußball-Euphorie, auf den Straßen, der Arbeit, in den Schulen und insbesondere im Fernsehen scheint es kaum ein anderes Thema zu geben als das runde Leder und seitdem das Schwenken der schwarz-rot-goldenen Fahne nicht mehr kollektive Erinnerungen an eine Phase des in völlige Perversion umgeschlagenen Nationalismus weckt, sind auch derartige Formen des ausgelebten Fantums wieder in Mode. Während in der alltäglichen Quoten-Berichterstattung vor allem die neuesten Rekord-Reichweiten im Mittelpunkt stehen und der Blick zurück oftmals nicht länger als bis zum Eröffnungsspiel der Franzosen am 10. Juni reicht, befassen wir uns hier einmal mit den größten Quotenhits der vergangenen vier Großturniere - also den Europameisterschaften 2008 und 2012 sowie den Weltmeisterschaften 2010 und 2014. Wann gab die Publikumsresonanz ARD und ZDF Anlass zur größten Ekstase, welche Spiele liefen auch ohne deutsche Beteiligung richtig stark - und welche vielleicht auch ein wenig enttäuschend?


Die Giganten: Keiner schlägt Deutschlands WM-Sieg


Mit weitem Abstand an der Spitze des Rankings steht wenig überraschend das Finalspiel 2014, in dem die deutsche Nationalelf nach Verlängerung Argentinien mit 1:0 niederrang und damit erstmals nach 1990 wieder einen WM-Titel bejubeln durfte. Unschlagbare 34,65 Millionen Fernsehende bedeuteten hier einen neuen Allzeit-Rekord seit Beginn der Quotenmessung, bei den 14- bis 49-Jährigen wurden 15,02 Millionen Fernsehende erzielt - was unglaublichen 90,1 Prozent Marktanteil entsprach. Beim Gesamtpublikum erreichte hingegen nicht das Endspiel den höchsten Marktanteil, sondern das in gänzlich anderer Hinsicht geschichtsträchtige 7:1 gegen Gastgeber Brasilien: Es wurden 87,8 Prozent bei durchschnittlich 32,57 Millionen Fußball-Begeisterten verzeichnet, was immerhin der zweithöchsten Zuschauerzahl entsprach. Über 30 Millionen Menschen verbuchte ansonsten nur noch das verlorene Halbfinal-Spiel der deutschen gegen Spanien im Jahr 2010, wo eine durchschnittliche Sehbeteiligung von 31,10 Millionen ausgewiesen wurden.

Nicht viel weiter nach hinten muss man blicken, wenn man das erfolgreichste EM-Spiel ausmachen möchte: Die Halbfinal-Partie gegen die Türkei kam im Jahr 2008 auf 29,54 Millionen Fernsehende und liegt im Gesamt-Ranking auf Position vier, auf Rang sieben folgt das Vorrundenspiel gegen Österreich, das gut eine Woche zuvor immerhin schon auf 28,04 Millionen zu verweisen hatte. Einzig die Europameisterschaft 2012 ist lediglich ein einziges Mal in den Top Ten der im deutschen Fernsehen erfolgreichsten Partien zu finden: Beim bitteren Halbfinalspiel gegen Italien litten 27,98 Millionen Menschen vor den heimischen Fernsehgeräten mit.


Geht die "Mannschaft" auch mit Flop-Quoten?


Im Rahmen der Großturniere von Flops oder wirklichen Enttäuschungen zu sprechen, bedarf schon einer sehr freien Intepretation dieser Termini: Lediglich sechs der 25 EM- und WM-Spiele wurden von weniger als 25 Millionen Menschen verfolgt, fünf davon waren Vorrunden-Partien - und dann war da noch das sportlich nur noch mäßig relevante Spiel um Platz 3 bei der WM 2010 gegen Uruguay, das mit 9,27 Millionen den Tiefstwert bei den 14- bis 49-Jährigen markierte. Insgesamt am schwächsten frequentiert war hingegen die Vorrunden-Partie gegen Serbien im selben Jahr, die jedoch auch unter der unglücklichen Rahmenbedingung stattfand, an einem Freitag um 13:30 Uhr ihr Publikum finden zu müssen. Aufgetrieben wurden immerhin noch 22,01 Millionen, was großartigen 84,8 Prozent aller bzw. 87,2 Prozent der jüngeren Zuschauer entsprach. So gesehen waren die 22,33 Millionen, die zwei Jahre später mit dem Vorrunden-Kick gegen Portugal verzeichnet wurden, in Anbetracht der Ausgangssituation eigentlich eine deutlich größere Enttäuschung, ging das Spiel doch am Samstag um 20:45 Uhr über die Bühne. Dementsprechend schwache 69,3 und 74,2 Prozent waren die Folge. Weniger als zwei Drittel aller Konsumenten war hingegen mit Spielen von Jogis Jungs nicht zu machen.


Die deutsche Elf: Ein immer größerer Hitgarant?


Generell lässt sich keine eindeutige Entwicklung der Einschaltquoten bei Partien mit deutscher Beteiligung nach oben oder unten ausmachen: Sie lagen von 2008 bis 2012 bei allen drei Großturnieren im Schnitt bei 26,28 bis 26,48 Millionen Zuschauern, was bei derart hohen Reichweiten einer Differenz von noch nicht einmal einem Prozent entspricht - bei den jungen Zuschauern sah es mit 11,47 bis 11,60 Millionen im Mittel sehr ähnlich aus. Die Werte allerdings nur auf Basis der Reichweiten zu vergleichen, würde deshalb etwas zu kurz greifen, weil bei der WM 2010 gleich drei der sieben deutschen Spiele bereits um 13:30 Uhr oder 16 Uhr angepfiffen wurden, also zu Zeiten, in denen der TV-Konsum hierzulande eher gering ist. Deshalb fielen die Marktanteile mit im Schnitt 82,3 Prozent des Gesamtpublikums und 84,9 Prozent der Jüngeren hier auch deutlich höher aus als im Rahmen der beiden Europameisterschaften, die "nur" Mittelwerte zwischen 74,6 und 80,0 Prozent vorzuweisen hatten.

Und dann war da noch die jüngste Weltmeisterschaft 2014, die nicht nur das reichweitenstärkste Spiel überhaupt vorzuweisen hatte, sondern auch in der Breite zu überzeugen wusste: Mit Ausnahme des zweiten Gruppenspiels gegen Ghana, das mit 24,54 Millionen ein wenig abfiel, kamen sämtliche sechs Partien auf mindestens 26,25 Millionen Fernsehende - was in den Jahren zuvor eher zwei bis vier Spielen gelang. Die Folge waren nahezu überirdisch gute 28,55 Millionen Zuschauer, davon waren 12,05 Millionen der Altersgruppe zwischen 14 und 49 Jahren zuzuordnen. Auch die Marktanteile stellten angesichts von 83,8 bzw. 87,3 Prozent noch einmal die Top-Werte aus der vergangenen WM in den Schatten.


Es muss nicht immer Deutschland sein!?


Generell gilt im Kontext derartiger Großturniere, dass auch sportlich und nominell eher mäßig attraktive Partien das Potenzial zu überaus hohen Einschaltquoten zu besitzen. Und doch besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen den Zahlen der Partien mit und ohne deutscher Beteiligung. In den vergangenen acht Jahren war einzig das WM-Finalspiel 2010 zwischen den Niederlanden und Spanien in der Lage, mit 25,11 Millionen Zuschauern und tollen Marktanteilen von rund 70 Prozent auf ähnlichem Niveau zu rangieren wie zumindest die schwächeren Auftritte der Deutschen. Das EM-Finale 2012 zwischen Spanien und Italien gelangte immerhin noch auf 20,31 Millionen und etwa 55 Prozent in beiden Zuschauergruppen, ansonsten wurde die 20-Millionen-Marke nie erklommen - was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass Jogi Löw mit seinem Team 2008 und 2014 selbst den Einzug ins traditionell besonders zugkräftige Finale schaffte.

Noch soeben unter den 20 reichweitenstärksten Spielen ohne Deutschland befindet sich die Vorrunden-Partie Italien gegen Paraguay, die 2010 eines der Spiele war, die RTL als dritter Free-TV-Partner der Weltmeisterschaft ausstrahlen durfte. Mit 13,41 Millionen liest sich die Zuschauerzahl zwar im Vergleich zu den ganz hohen Sensationsquoten fast schon putzig, doch 42,6 Prozent des Gesamtpublikums sowie 48,3 Prozent der werberelevanten Zielgruppe erzielen die Kölner auch nicht mal eben so aus dem Stegreif - übrigens noch nicht einmal bei den zweifellos sehr erfolgreichen Übertragungen der EM-Qualifikationen, deren stärkste Partie im Schnitt 12,66 Millionen Menschen erreichte. Und da waren sehr wohl die deutschen Fußballer involviert.

Doch zurück zu den WMs und EMs: Hier lässt sich in etwa sagen, dass die Turnier-"Elite", also die jeweils vier stärksten Partien der gesamten vier Wochen ohne Schwarz-Rot-Gold auf durchschnittlich etwa 17 bis 18 Millionen Bundesbürger gelangen. Oder mit anderen Worten gesagt: Die absoluten Top-Spiele liegen noch immer um rund zehn Millionen Zuschauer unterhalb der Reichweiten, die eine gewöhnliche Deutschland-Partie erzielt. Fast alle der herausragend quotenstarken Spiele finden erst in der K.O.-Runde statt, zuvor gingen seit 2008 nie mehr als 15,87 Millionen Fische ins Netz.


Die Eröffnungsspiele: Gar nicht mal so spektakulär


Überraschend moderat lesen sich derweil die Zahlen, die im Zuge der Eröffnungsspiele in den vergangenen Jahren mehrheitlich erreicht wurden: Die Auftaktpartien der Schweizer (2008) und der Polen (2012) kamen nur auf rund zehn Millionen Zuschauer, den ersten Auftritt der Südafrikaner gegen Mexiko wollten 2010 sogar nur 8,68 Millionen Menschen sehen - allerdings auch zu recht früher Stunde um bereits 16 Uhr deutscher Zeit. Die Marktanteile bis 2012 bezifferten sich im ganz netten Bereich zwischen 46,6 und 57,7 Prozent. Erst der Premierenauftritt der hoch gehandelten (und letztlich tief gefallenen) Brasilianer wusste sich mit 15,87 Millionen Menschen und fast 65 Prozent in beiden Konsumentengruppen so wirklich in Szene zu setzen. Selbstredend unerreicht blieben die weit über 22 Millionen Menschen, die bei der Heim-WM 2006 das erste Spiel gegen Costa Rica verfolgten.


Fazit


Alles in allem weisen die analysierten Daten nicht auf eine kontinuierliche Steigerung der Attraktivität der großen Turniere hin: Zwar hoben sich die Zahlen der WM 2014 gerade im Kontext der deutschen Nationalmannschaft doch noch ein gutes Stück von den zuvor verbuchten Werten ab, eine Gesamtentwicklung ergibt sich daraus allerdings noch nicht. An der Spitze allerdings wurde der vorherige Allzeit-Bestwert von 29,66 Millionen für das tragisch verlaufene Halbfinal-Spiel 2006 gegen Italien gleich dreifach überboten: Mit den Halbfinal-Partien der WMs 2010 und 2014 sowie mit dem legendären Finalsieg gegen die Argentinier. Scheidet die deutsche Mannschaft hingegen früh aus, ist es mit der Glückseligkeit schnell vorbei bei ARD und ZDF: Dann nämlich ist es schon ein absoluter Glücksfall, wenn eine Partie überhaupt mal mehr als 20 Millionen Menschen vor die Fernsehgeräte lockt. Gewiss: Fernab von König Fußball wäre wohl jede Sportart, jede Show, jeder Film und jede Serie heilfroh, würde sie auch nur annähernd in solche Bereiche vorstoßen. Doch wenn man schon nur alle zwei Jahre mal in solche Sphären emporsteigt, verlässt man sie nur ungerne. Auch in der Chefetage der öffentlich-rechtlichen Sender dürfte also während der deutschen Partie eine berufsbezogene Form des Daumendrückens stattfinden.

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