Die Kino-Kritiker

«Gemma Bovery»

von

Für einen Bäcker aus der Normandie wird Fiktion zur Wirklichkeit: Im Nachbarhaus zieht eine Frau ein, die seinem Lieblingsbuch entsprungen scheint. Daraus entsteht eine originelle Komödie mit einer wundervollen Gemma Arterton.

Hinter den Kulissen

  • Regie: Anne Fontaine
  • Produktion: Philippe Carcassonne und Faye Ward
  • Drehbuch: Pascal Bonitzer und Anne Fontaine
  • Basierend auf der gleichnamigen Graphic Novel von Posy Simmonds
  • Musik: Bruno Coulais
  • Kamera: Christophe Beaucarne
  • Schnitt: Annette Dutertre
Es ist ein Déjà-vu für Freunde der unaufdringlich-charmanten Komödie: Wie bereits vor vier Jahren übernimmt die britische Schauspielerin Gemma Arterton («Prince of Persia – Der Sand der Zeit») die Hauptrolle in der Adaption einer Graphic Novel aus der Feder von Posy Simmonds. Wie schon «Immer Drama um Tamara» versprüht «Gemma Bovery» das Flair einer pittoresken ländlichen Region. Und erneut verdreht die von Arterton mit Hingabe verkörperte Protagonistin allen Männern den Kopf – was ebenso komische wie tragische Konsequenzen nach sich zieht. Hier aber enden die Parallelen zwischen Stephen Frears hochbritischem Geheimtipp und Anne Fontaines berückend französisch gearteten Erzählung. Daher ist «Gemma Bovery» nicht bloß ein willkommenes Déjà-vu, sondern zugleich eine nette, frische Brise in der Grauzone zwischen zugänglicher Unterhaltung und intellektuellem Filmspaß.

Obwohl Gemma Arterton die Titelfigur verkörpert, erzählt die «Tage am Strand»-Regisseurin Fontaine diese entzückende Geschichte aus der Perspektive des literaturversessenen Bäckers Martin Joubert (Fabrice Luchini). Dieser traut seinen Ohren und Augen nicht, als er seine neuen Nachbarn kennenlernt: Charlie (Jason Flemyng) und Gemma Bovery, ein junges Ehepaar aus England, das ein neues Leben anfangen will und sich daher in der Normandie niederlässt. Martin kann nicht anders, als dabei an sein Lieblingsbuch denken: Gustave Flauberts Meilenstein „Madame Bovary“ über die liebreizende, wenngleich von ihrem Leben gelangweilte Ehebrecherin Emma Bovary. Martins Gattin Valérie (Isabelle Candelier) tut dies als albernen kleinen Zufall ab, aber der belesene, nachdenkliche Bäcker glaubt, immer mehr Gemeinsamkeiten zwischen der fiktiven Emma und der in all ihrer Schönheit neben ihm lebenden Gemma zu entdecken.

Dies bringt Martin ins Grübeln – wie soll er nun bloß reagieren? Er könnte hoffen, dass seine Nachbarin genauso wie Emma Bovary eine untreue Ader hat – schließlich ist er wie betört von ihr. Andererseits liebt Martin seine Frau, zudem ist ihm Gemma zu sympathisch, als dass er ihr ein ähnliches Schicksal wie der bedeutenden literarischen Figur gönnen könne. Dennoch lässt ihn der Reiz der Ähnlichkeit von Kunst und Realität einfach nicht los …

Anne Fontaine und ihr Schreibpartner Pascal Bonitzer formen aus Posy Simmonds Comicvorlage eine ebenso geistreiche wie pointierte Komödie, die für Kenner des literarischen Kulturguts „Madame Bovary“ ebenso gut funktioniert wie für jene, die bislang keine Berührung mit dem Gesellschaftsroman hatten. Dem Zuschauer ohne Vorwissen geben Fontaine und Bonitzer peu à peu Indizien über die Handlung des prägenden Werks, so dass sich die Beweggründe für Martins Freuden und Sorgen wie ein kleines Rätsel durch «Gemma Bovery» ziehen. Dem literaturaffinen Kinogänger geht dieses Minimysterium selbstredend abhanden, dafür erschließen sich ihm zusätzliche Dialogwitze und weitere Aspekte der Motivation Martins.

Ganz gleich, wie groß die Literaturkenntnisse des Zuschauers sein mögen: Der schelmische Bäcker Martin ist ein überspitzter Archetyp und da diese Komödie aus seiner Sicht erzählt wird, ist der gesamte Film mit dezenten Skurrilitäten durchsetzt. Fabrice Luchini balanciert dies wundervoll mit einer bodenständigen Grundeinstellung aus, gleichzeitig verleiht er dem Erzähler, der in vollem Maße die Vorzüge der Normandie genießt, einen ansprechende intellektuelle Aufgewecktheit. Während die weiteren männlichen Akteure in «Gemma Bovery» nicht an Luchini heranreichen, muss sich die französische Kinoikone seiner britischen Kollegin Gemma Arterton klar geschlagen geben.

Es ist bereits bemerkenswert, wie es ihr selbst nach einer Vielzahl an Filmen verschiedenster Genres weiterhin gelingt, die unverbrauchte Ausstrahlung einer Neuentdeckung vorzuweisen. Darüber hinaus skizziert Gemma Arterton die Titelfigur, scheinbar völlig mühelos, als unbeschwerte junge Frau, die sich ihrer Attraktivität vollauf bewusst ist, ohne dadurch ihre unschuldige Aura zu verlieren. Zudem meistert die 28-Jährige den Balanceakt, ihre Rolle zwar intelligent anzulegen, sie dennoch aufgrund mangelnder Lebenserfahrung sehr fehlbar zu machen. Die Inszenierung Fontaines trägt ihr Scherflein dazu bei: Wann immer Arterton das Bild betritt, wird sie mit solch verzaubertem Blick eingefangen, dass es schwer fällt, ihrer Rolle etwaige Fehltritte übelzunehmen. Kameramann Christophe Beaucarne unterstützt diese Wirkung, indem er die Szenerie in warmes, schmeichelnd-malerisches Licht taucht und ihr so eine große Sinnlichkeit verleiht – nie war Brotbacken verführerischer! Für die nötige Verankerung dieser in Cinemascope-Ausmaßen daherkommenden Bilder sorgt derweil der wohl bedachte Einsatz von Handkameras, der Martins naiv gemeintes Stalking gewitzt unterstreicht.

Der Film versäumt zwar nach seiner finalen Pointe den idealen Ausstieg und Martins Einflussnehmen auf Gemmas Lebensentscheidungen hätte vielleicht etwas strikter ausgearbeitet werden können, dennoch ist «Gemma Bovery» für jeden Literaturfreund (und alle, die es werden wollen) ein kleines Stück Leinwandzauber.

Fazit: Anne Fontaine vereint französisches Flair mit dezenter Satire – und Gemma Arterton ist schlicht hinreißend!

«Gemma Bovery» ist ab dem 18. September 2014 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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