Kino

Die Gewerkschaften haben gesprochen!

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Einige der wichtigsten Oscar-Kategorien sind schon längst entschieden. Weshalb der Stummfilm «The Artist» und der schräge Animationsfilm «Rango» sichere Sieger sind ...

Die 84. Verleihung der Academy Awards findet zwar erst am 26. Februar statt, aber die Gewinner in einigen der wichtigsten Kategorien stehen praktisch schon fest. Wer am Oscar-Abend Spannung sucht, sollte sich lieber auf kleinere Sparten wie den Preis für das beste Szenenbild freuen. Denn ob der viel thematisierte Stummfilm «The Artist» mit dem begehrten Goldjungen ausgezeichnet wird, lässt sich mit einer ebenso großen Gewissheit vorhersagen, wie die Gewinner in den Kategorien für den besten Animationsfilm und die beste Regie. Die Gewerkschaften haben bereits gesprochen, ebenso, wie der größte Verband in der Trickfilmindustrie. Um also zu wissen, wer in wenigen Wochen den Oscar gewinnt, muss man nicht weissagen können. Sondern bloß einen Blick ins Buch der Kinogeschichte werfen:

Bester Animationsfilm


Am 4. Februar wurde zum 39. Mal der Annie Award verliehen, die berühmteste Auszeichnung in der Animationsfilmbranche. In den vergangenen Jahren fing sich dieser Branchenpreis zahlreiche Schelten von Filmjournalisten und Mitgliedern der Trickindustrie ein. Allein die Diskussionen über die 36. Verleihung der Annies könnten schwere Bücher füllen. Damals gewann der DreamWorks-Trickfilm «Kung Fu Panda» in einem wahren Erdrutschsieg elf Auszeichnungen, während der von Kinokritikern und Cineasten gepriesene Pixar-Film «WALL•E» nicht einen einzigen Annie abstauben konnte. Kurz darauf kamen erste Stimmen zu Tage, darunter von einigen Trickfilmhistorikern und einem Journalisten der New York Times, dass DreamWorks-Animation-Boss Jeffey Katzenberg die gesamte Veranstaltung geschmiert habe. Infolge dessen, und aufgrund weiterer Unstimmigkeiten mit der hinter den Annies stehenden Organisation, zog der Disney-Konzern bei der 38. Verleihung jegliche Unterstützung dieses Branchenpreises zurück.

Mittlerweile haben sich die Wogen wieder geglättet. Und dennoch hatte der Disney-Konzern dieses Jahr eine äußerst schlechte Position bei den Annies: Die einzige Kinoproduktion aus dem Hause Disney, die dieses Jahr prämiert wurde, ist «Winnie Puuh», der für das beste Storyboarding herausgestellt wurde. «Kung Fu Panda 2» wurde für die beste Regie und das beste Produktionsdesign ausgezeichnet.

Der große Kino-Abräumer war allerdings der Kritikerliebling «Rango», dem gleich vier Preise vergönnt wurden: Bestes Drehbuch, bester Schnitt, bestes Figurendesign sowie bester Kino-Trickfilm. Ist «Fluch der Karibik»-Regisseur Gore Verbinski mit seinem ersten Schritt in die Trickfilmwelt nun also auf dem besten Wege, ein Oscar-Gewinner zu werden? Die Antwort ist ein klares „Ja!“

Seit es die Oscar-Kategorie für den besten abendfüllenden Animationsfilm gibt, gewann in 70 Prozent der Fälle auch der Sieger der Hauptauszeichnung bei den Annie Awards, wobei zwei der Ausrutscher in dieser Statistik im Zusammenhang mit den DreamWorks-Betrugsvorwürfen stehen. Fans des schrägen Animationswesterns können also beruhigt der Oscar-Verleihung entgegenstehen, zumal der schärfste Konkurrent von «Rango», der Golden-Globe-Gewinner «Die Abenteuer von Tim und Struppi», nicht einmal nominiert wurde.

Beste Regie


Die Directors Guild of America wurde 1936 gegründet und ehrt seit 1948 alljährlich herausragende Regiearbeiten in Film und Fernsehen. Der DGA Award für die beste Kinoregie stellt seither einen nahezu perfekten Messgrad für die Academy Awards dar: In der über sechzigjährigen Geschichte des Gewerkschaftspreises wurde bloß sechs Mal nicht der DGA-Gewinner, sondern jemand anderes mit dem Oscar für die beste Regie ausgezeichnet. Diese Deckungsgleichheit lässt sich dadurch erklären, dass eine überwiegende Mehrheit der von Martha Coolidge, Curtis Hanson und Edward Zwick geleiteten, 367 Personen umfassenden „Directors Branch“ der Academy auch Mitglied in der aktuell 14.500 Regisseure umfassenden Gewerkschaft ist.

Die bisherigen sechs Ausnahmen sind übrigens folgende: Anthony Harvey wurde für das historische Drama «Der Löwe im Winter» von der Regiegewerkschaft als bester Regisseur des Jahres 1968 prämiert, der Oscar ging jedoch an Carol Reed für das Musical «Oliver». Auch Francis Ford Coppola zog gegen ein Musical den Kürzeren: Fand die Gewerkschaft seine Regiearbeit für «Der Pate» besser, war es «Cabaret»-Regisseur Bob Fosse, der im selben Jahr mit einem Oscar nach Hause ging. DGA-Gewinner Steven Spielberg wurde für «Die Farbe Lila» nicht einmal für den Oscar nominiert (es gewann Sydney Pollack für «Jenseits von Afrika»), ebenso wie Ron Howard, der mit «Apollo 13» seine Gewerkschaftskollegen überzeugte, und letztlich dennoch auf keinen Oscar hoffen durfte. Dieser ging an Mel Gibson, dessen «Braveheart» auch als bester Film prämiert wurde. 2000 zeichnete die DGA Ang Lee («Tiger and Dragon») aus, der sich beim Oscar aber nicht gegen Steven Soderbergh («Traffic») durchsetzen konnte. Rob Marshall, zu guter Letzt, konnte vom Oscar-Durchmarsch seines Musicals «Chicago» nicht profitieren und verlor im Oscar-Rennen gegen «Der Pianist»-Regisseur Roman Polanski.

Michel Hazanavicius mag sich zwar bei den Golden Globes nicht gegen den größeren Namen Martin Scorseses durchgesetzt haben, aber er gewann vor wenigen Tagen den Preis der Directors Guild of America. Und somit ist dem Mann hinter dem modernen Stummfilm «The Artist» der Sprung vom französischen Ulkfilmer ins elitäre Pantheon der Oscar-prämierten Regisseure nahezu garantiert.

Bester Film


Das Gewerkschafts-Äquivalent zum Oscar für den besten Film ist der Producers Guild Award. Mit dieser Auszeichnung würdigen die Mitglieder der US-amerikanischen Filmproduzentengewerkschaft Jahr für Jahr diejenigen unter ihnen, die herausragende Filme verwirklicht haben. Obwohl die Gewerkschaft schon in den Fünfzigern gegründet wurde, ehrt sie erst seit 1990 die Köpfe hinter den besten Filmen des Jahres. Im Hinblick auf die Academy Awards, muss man jedoch einen bedeutsamen Unterschied beachten: In den Oscar-Kategorien nomineren üblicherweise die Mitglieder einer spezifischen Gruppe die Oscar-Kandidaten. Darsteller nomineren die besten Darsteller, ausgewählte Kostümbildner die besten Kostüme, und so weiter. Die Gewinner-Wahl, auch die für den besten Film, wird hingegen bei den Oscars nicht allein von den Produzenten getätigt, sondern von der gesamten Academy (selbst wenn manche Kategorien gewisse Einschränkungen gelten). Da die Schauspieler-Branche der Academy mit über 1.100 aktiven Mitgliedern die größte Stütze hinter den Oscars ist, erklärt sich auch die Oscar-Vorliebe für Filme, die große darstellerische Leistungen ins Zentrum stellen. Schauspieler beäugen halt eher große Leistungen ihrer Kollegen, während thematisch getragene Filme oder das Actiongenre schlechtere Chancen auf die größte Oscar-Würdigung haben.

Die Diskrepanz zwischen dem Produzenten- und dem Academy-Geschmack wurde 1999 mit einem lehrbuchtauglichen Fall vorgeführt: «Der Soldat James Ryan» erhielt den PGA Award und wurde von vielen Branchenkennern als sicherer Oscar-Gewinner eingeschätzt. Der Goldjunge ging aber an «Shakespeare in Love», der nicht nur mit zahlreichen namenhaften Schauspielern gespickt ist, sondern auch seinem gesamten Ensemble Gelegenheit bietet, groß aufzuspielen. Zudem ist es ein Film über die Schreib- und Schauspielkunst, weshalb diese Komödie rückblickend vielleicht nicht unbedingt die weiseste, aber durchaus die einleuchtendste Oscar-Wahl war. Wohl ähnlich dürfte der Fall gelegen haben, als «Moulin Rouge!» von der Produzentengewerkschaft prämiert wurde, bei den Academy Awards allerdings «A Beautiful Mind» vorne lag.

Dennoch gewann bislang fünfzehn Mal der PGA-Gewinner auch den Oscar für den besten Film, unterschiedlich entschieden wurde nur in bisher sieben Fällen. Hollywoods Filmemacher haben also letztlich noch immer einen vergleichbaren Filmgeschmack. Dieses Jahr entschieden sich die gewerkschaftlich organisierten Produzenten Hollywoods für «The Artist». Statistisch betrachtet stehen die Chancen für einen Oscar-Sieg in der Kategorie für den besten Film also bei zirka 68 Prozent. Das ist keine ganz so sichere Sache, wie sein Regie-Oscar, aber des Weiteren steht ja zu bedenken, dass «The Artist» eine unabhängig finanzierte, französische Produktion ist. Es floss kein amerikanisches Geld in diesen Film, und dennoch kürte ihn die US-Produzentengewerkschaft als beste Produktion des Jahres. Was sollte da einem Oscar-Sieg noch im Wege stehen?

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