Die Kino-Kritiker

«Persischstunden»: Für ein paar wirre Worte mehr

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In dem deutschen Drama ist unter anderem Lars Eidinger zu sehen. Die Vorlage des Stoffes lieferte Wolfgang Kohlhaase («Sommer vorm Balkon»).

Einem Kind fällt es noch leicht, Wörter einer Fremdsprache aufzuschnappen, sich den Duktus anzueignen und einfach drauflos zu plappern. Für alle, die der Originalsprache nicht mächtig sind, klingt das fantasievolle Kauderwelsch dann sogar ganz echt. Schön reingelegt! Doch was einem Kind viel Spaß bedeutet, wird für einen KZ-Insassen im Zweiten Weltkrieg zu einer Überlebensstrategie, die aus dem Ruder gerät und letztendlich den Tod bedeuten könnte. Kein Geringerer als Wolfgang Kohlhaase («Sommer vorm Balkon»), einer der besten Drehbuchautoren unseres Landes, lieferte mit seiner Kurzgeschichte «Erfindung einer Sprache» die Vorlage für einen spannungsreiches Kammerspiel mit zwei hervorragenden Darstellern, die sich als Kontrahenten gegenüberstehen. 2020 liegt das Ende der Nazi-Diktatur 75 Jahre zurück, insofern ist «Persischstunden» der richtige Kinostoff, um uns nicht vergessen zu lassen, welche Gräueltaten damals begangen wurden.

Eine Lüge, die über Leben und Tod entscheidet
Als der jüdische Belgier Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) 1942 in Frankreich von der SS geschnappt und ins Konzentrationslager verfrachtet wird, kann das nur den Tod für ihn bedeuten. Doch der Gefangene hat zufälligerweise ein persisches Buch in seiner Jackentasche und kommt auf die geniale Idee, sich als Perser auszugeben, der völlig unschuldig in diese Situation geraten ist. Doch so einfach lässt man Gilles nicht gehen, schon gar nicht der Lagerkommandant Klaus Koch (Lars Eidinger), der als Zivilist tatsächlich Koch ist und davon träumt, nach dem Krieg ein Restaurant in Teheran zu eröffnen.

Gilles kommt ihm gerade recht, damit dieser ihm die Sprache Farsi beibringt. Dabei beherrscht der Belgier selbst kein einziges Wort, aber er hat Fantasie genug, sich darauf einzulassen und sich in der Übersetzung die Wörter selber auszudenken. Obwohl Kochs Vorgesetzte zweifeln, ob Gilles tatsächlich derjenige ist, für den er sich ausgibt, hält dieser weiterhin an ihn fest. Für den Hauptsturmführer ist es undenkbar, dass es ein in seinen Augen niedriger Mensch überhaupt nur wagen könnte, ihn hinters Licht zu führen. Gleichzeitig macht er Gilles ziemlich deutlich, dass er ihn höchstpersönlich umbringen würde, falls er sein Vertrauen missbrauchen würde. Doch es gibt es kein zurück, der Gefangene ist in nun zusätzlich einem perfiden Spiel gefangen, bei dem es um Leben und Tod geht.

Das Aufkeimen von Angst in einer beklemmenden Kulisse
Da läuft einem wirklich der Schauer über den Rücken, sich vorzustellen, wenn man selbst in einer solchen Situation geraten würde. Für die meisten von uns gewiss undenkbar, aber die Inszenierung von Vadim Perelman («Haus aus Sand und Nebel») macht es möglich, sich ganz intensiv hinein zu fühlen, was es bedeutet, ums nackte Überleben zu kämpfen und dass dabei jede noch so absurde Lüge absolut legitim wäre. Perelman, ein jüdischer Ukrainer, der mit neun Jahren mit seiner Mutter nach Amerika emigrierte, um den Zwängen des damaligen Sowjetregimes zu entkommen, und seine Drehbuchautorin Ilya Zofin gingen zuerst davon aus, dass die Geschichte auf Tatsachen beruhen würde, wurden dann aber eines Besseren belehrt als sie die Erzählung von Wolfgang Kohlhaase in die Hand hielten.



Kurzerhand kaufte man die Rechte daran, womit Ende 2018 die Dreharbeiten in Minsk beginnen konnten. Da der Hauptschauplatz ein Konzentrationslager ist, ließ man anhand von Fotos Bauten errichten, die in ihrer Gesamtheit tatsächlich eine gespenstische Kulisse ergeben. Beklemmend, trist und menschenverachtend für die Insassen, während die Aufseher zwischen Mittagessen und Volkslieder singend so tun als wäre es das Normalste auf der Welt. Im Vordergrund stehen jedoch die beiden Hauptfiguren, und jedes Mal, wenn sie sich begegnen, gerät auch das Publikum ins Schwitzen. Es ist die pure Angst, die da emporkriecht und damit auch für eine ungeheure Spannung sorgt.



Im Angesicht des Todes
«Persischstunden» ist nicht einfach nur ein Schwarzweißbild von Gut und Böse. So einfach macht es sich der Regisseur nicht, vielmehr liefert er eine Charakterstudie zweier Männer, von denen einer die Macht hat und der andere der Ausgelieferte ist. Wie begegnen sie sich, welche Vertrauensbasis, gar gegenseitige Sympathie entwickeln sie zueinander, um anschließend wieder klar zu stellen, wer hier welche Position bekleidet? Um solche Nuancen au der Metaebene herauszuarbeiten, bedarf es hervorragende Schauspieler, die sich einer solchen Herausforderung nur zu gern stellen. Der Argentinier Nahuel Pérez Biscayart, der schon öfters in Deutschland unter anderem unter der Regie von Maria Schrader («Vor der Morgenröte») arbeitete, brilliert dabei mit einem zurückhaltenden Spiel, aber auch mit Schelmenhaftigkeit, die im Angesicht des Todes sogar für eine bisschen Ironie sorgt bei der Vorstellung, wie ihm ein narzisstischer Nazi so dermaßen auf den Leim gehen kann.

Lars Eidinger, seit «25 km/h» und «Mackie Messer» vom Theatermann zum Kinostar gereift, hat es als Schurke gewiss einfacher als sein Gegenspieler. Zwar darf er in seiner ‚Herrenrasse‘-Uniform hin und wieder etwas Menschliches aussenden, doch es dominieren natürlich die dämonischen Akzente. Mal leise, mal laut darf Eidinger hier so richtig auf die ‚Kacke hauen‘. So gehört es sich, wenn man einen Nazi spielt.

Fazit: Ein perfides Kammerspiel mit zwei Schauspielern in Höchstform, um uns den Schrecken deutscher Geschichte noch einmal vor Augen zu führen.

«Persischstunden» ist seit Donnerstag, 1. Oktober 2020, im Kino zu sehen.

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