Die Kino-Kritiker

«Faking Bullshit» - Krimineller als die Polizei erlaubt

von   |  2 Kommentare

«Heute Show»-Gesicht Alexander Schubert legt mit seiner staubtrockenen Komödie «Faking Bullshit» ein Regiedebüt vor, das hervorragend zu seiner bisherigen Rollenauswahl als Schauspieler passt.

Filmfacts: «Faking Bullshit»

  • Start: 10. September 2020
  • FSK: 12
  • Laufzeit: 103 Min.
  • Genre: Komödie
  • Kamera: Julian Landweer
  • Musik: Román Fleischer
  • Buch & Regie: Alexander Schubert
  • Darsteller: Erkan Acar, Sina Tkotsch, Adrian Topol, Bjarne Mädel, Sanne Schnapp, Alexander Hörbe
  • OT: Faking Bullshit (DE 2020)
Den meisten Zuschauern dürfte Alexander Schubert durch seine Rolle als Albrecht Humboldt in der ZDF-Satiresendung «Heute Show» bekannt sein. Als vorm Greenscreen auftretender Außenreporter (!) vertritt er als einziges Mitglied der Kirchenredaktion konservative Standpunkte und wird daher immer mal wieder mit Stephen Colbert aus «The Daily Show» verglichen. Zuletzt ging er als Anton P. Immelmann aber auch ein dauerhaftes Engagement in der Comedyserie «Die Läusemutter» ein. Diesen vorwiegend humoristischen Rollen hat Schubert jedoch immer wieder auch ernsthaftere Darbietungen entgegenzusetzen; in «The Witch and the Ottoman», «Gundermann» oder «Blackout – Die Erinnerung ist tödlich». Doch egal wie man es dreht und wendet: Schubert ist und bleibt ein Vollblutcomedian – und deshalb ist es auch nur konsequent, dass sein Regiedebüt genau in diesem Segment verortet ist.

Mit der Hilfe einer weiteren Ensemble-Variation der bekannten «Schneeflöckchen»– und «Ronny & Klaid»-Gesichter, für die Schubert noch selbst als Schauspieler vor der Kamera stand (und im Falle von «Schneeflöckchen» den Filmautor Arend Remmers verkörperte), legt er eine charmante Neuinterpretation der skandinavischen Komödie «Kopps» vor, in der es darum geht, dass ein paar eigentlich gewissenhafte Polizisten plötzlich selbst zu Straftätern werden – alles nur um ihren Job zu retten.



Eine verschlafene Kleinstadt, irgendwo in Nordrhein-Westfalen...


Für die Polizisten Deniz (Erkan Acar), Rocky (Adrian Topol), und das Ehepaar Netti (Sanne Schnapp) und Hagen (Alexander Hörbe) gibt es hier nahezu nichts zu tun. Doch dieser zufriedenstellende und liebgewonnene Zustand, wird für die befreundeten Beamten schlagartig zum Problem, als überraschend Tina (Sina Tkotsch) auf ihrer Wache auftaucht. Tina wurde beauftragt, die Abwicklung der Wache 23 einzuleiten. Angesichts mangelnder Kriminalität hält man die Kollegen hier offenbar für entbehrlich. Doch im Gegensatz zu ihrem direkten Vorgesetzten Rainer (Alexander von Glenck) wollen sich Deniz, Rocky, Netti und Hagen nicht so einfach mit dem Ende ihrer Wache abfinden. Um ihre Arbeitsplätze zu retten beschließen die Polizisten, kurzerhand die Seiten zu wechseln und wohl oder übel selbst für Straftaten zu sorgen, ganz nach dem Motto: „Wer keine Arbeit hat, der macht sich welche!“ Im Obdachlosen Klaus (Bjarne Mädel), finden die Polizisten schnell jemanden, dem sie das ein oder andere in die Schuhe schieben können. Doch der anfänglich gut funktionierende Plan geht nicht auf…

Im September 2017 feierte die Meta-Actionkomödie «Schneeflöckchen» ihre Deutschlandpremiere auf dem Fantasy Filmfest. In Ermangelung allzu großer Namen gehörte dieser Slot damit zwar nicht gerade zu den meisterwarteten des Festivals, doch im Nachhinein waren sich so ziemlich alle einig, mit «Schneeflöckchen» eine echte Genreperle – und das auch noch aus Good Old Germany! – entdeckt zu haben. Würde «Faking Bullshit» nun ebenfalls auf dem Fantasy Filmfest seine Uraufführung feiern, ginge es wahrscheinlich ähnlich zu; mit Ausnahme, dass es sich natürlich mittlerweile damit werben lässt, dass dieser Film im weitesten Sinne aus der «Schneeflöckchen»-Bubble stammt. Schuberts Arbeit als Regisseur und Drehbuchautor wäre am Ende wohl keiner der Wettbewerbsgewinner, aber definitiv ein Sieger der Herzen.

Denn auch wenn die Idee der selbst Verbrechen begehenden Polizisten ja allein deshalb schon nicht neu sein kann, weil es eine gar nicht mal so unbekannte Filmvorlage dazu gibt, gleicht Schubert die Geschichte dermaßen selbstbewusst und stilsicher an den deutschen Markt an, dass man «Faking Bullshit» hie und da auch als aufrichtigen Versuch interpretieren könnte, das hierzulande angeknackste Image der Polizei ein Stückweit wieder herzustellen, ohne sich direkt anzubiedern. Die Ermittler in «Faking Bullshit» sind keine perfekten Staatsdiener; ganz im Gegenteil. Aber sie stehen leidenschaftlich für ihre(n) Beruf(ung) ein, die da lautet: dienen und beschützen. Und wenn man ihnen dies wegnehmen will, greifen sie eben zu rabiaten Methoden.

Im besten Sinne harmlos


Nun sehen diese „rabiaten Methoden“ längst nicht so aus, wie man es sich beim ersten Hinhören vielleicht vorstellen mag. Gewiss ließe sich aus dieser Grundlage auch ein durch und durch ernstes Drama oder gar ein Thriller spinnen. Doch «Faking Bullshit» ist von Anfang bis Ende Komödie. Und zwar eine der staubtrockenen Sorte, denen sich gleichermaßen noch weitere Attribute zuordnen ließen: harmlos (aber nicht brav), albern (aber nicht kindisch) oder frech (aber nie schlüpfrig). Kurzum: «Faking Bullshit» ist die Antithese zu so ziemlich allen aktuellen Comedytrends aus den beiden hierzulande meistkonsumierten Filmländern Deutschland und den USA. Während es in unseren Gefilden in erster Linie seicht und romantisch zugeht (Komödienrevolutionen wie die «Fack ju Göhte»-Reihe bilden eine rare Ausnahme), überbietet man sich in den Vereinigten Staaten in Sachen Derbheit und trifft nicht selten unter die Gürtellinie. Alexander Schubert scheinen diese Trends fremd zu sein – allerdings nicht auf die Art, dass er sie verschlafen hätte, sondern dass er mit seinem Film einfach eine ganz andere Art Humor bedienen möchte.

Mit viel treffsicherem Wortwitz (allein der aller erste Dialog, ein gleichermaßen holpriges wie dadurch absurd komisches Flirtgespräch zwischen Deniz und einer schönen Barbekanntschaft, dauert einige Minuten und schaukelt sich erst durch den ausufernden Inhalt zu sehr charmanten Humorsphären hoch) und wenig Slapstick sorgt Schubert dafür, dass in seinem Film vor allem die authentisch spleenigen Charaktere im Mittelpunkt stehen. Und die scheint der Filmemacher wirklich gern zu haben, denn die Dialoge, die er für sie bereithält sowie die Figurenentwicklungen jedes Einzelnen zeugen davon, dass er genau weiß, wie viel absurdes Verhalten er jedem zugestehen kann, ohne sie je lächerlich zu machen.

Wenn Deniz und sein Kollege den Obdachlosen Klaus (dass dieser Name übrigens deshalb ausgewählt wurde, weil sie ihn zum Klauen auffordern – „Klau’s!“ also – wäre der Humorfarbe des Films zufolge allen Beteiligten zuzutrauen) dazu animieren wollen, in einem Kiosk ein Deo zu stehlen, wirkt das auf der einen Seite hochamüsant – nicht zuletzt aufgrund von Bjarne Mädels hervorragendem Spiel (überhaupt ist der Film darstellerisch verdammt stark). Sondern auch auf eine Art und Weise tollpatschig, die die Charaktere nie dumm dastehen lässt. In «Faking Bullshit» handeln um Seriösität bemühte Charaktere aufgrund einer absurden Idee den Umständen entsprechend komisch. Dass nicht etwa auch noch die Figuren selbst absurd oder dumm sind, ist in dieser Kombination – gerade im deutschen Kino – nicht selbstverständlich.

Das gilt übrigens auch für viele Einschübe, in denen Schubert sich mit dem Thema der Political Correctness befasst. Sexismus und Rassismus werden immer wieder aktiv thematisiert, was sich allerdings nicht immer organisch in den Gesprächsfluss der Figuren fügt. Während die Intention nobel ist, wirkt der ungelenke Einbezug in die Handlung grobmotorisch und dadurch hie und da gar störend. Obwohl man ja gerade dieses Thema nicht häufig genug ansprechen kann, wäre hier weniger mehr gewesen, um vielleicht auch diejenigen mit den Messages abzuholen, die noch nicht vollständig für den korrekten Umgang mit Minderheiten (oder Frauen) sensibilisiert sind.

Darüber hinaus ist «Faking Bullshit» am stärksten, wenn die Interaktion unter den Darstellern möglichst improvisiert wirkt. Das verhilft auch dem Film zu einem anarchischen Charakter, während er in der zweiten Hälfte in deutlich geregeltere Bahnen findet. Dann nämlich wird aus den eigensinnigen Jobrettungsversuchen eine geradlinige Krimihandlung, die den Film gleichermaßen vorantreibt wie ausbremst. Das klingt in seiner Gegensätzlichkeit paradox, doch genau so unterschiedlich dürfte diese Inszenierungsentscheidung wahrgenommen werden. Für die einen mag die Stringenz einer klassischen (wenngleich immer noch sehr komischen) Kriminalermittlung besser funktionieren als die verspielte Anarcho-Interaktion unter den Darstellern. Den anderen könnte es in der zweiten Hälfte fast schon zu krimikonventionell zugehen. Alles eine Frage des Humors.

Fazit


Warmherzig, albern, aber nie unterhalb der Gürtellinie – das Remake des schwedischen Komödienhits «Kopps» ist eine im besten Sinne harmlose Comedy mit einem toll aufgelegten Cast, der einige Schwächen in der B-Note mit Spielfreude und der Leidenschaft für das Absurde ausgleichen kann.

«Faking Bullshit» ist ab dem 10. September in den deutschen Kinos zu sehen.

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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
Nr27
08.09.2020 12:38 Uhr 1
Im Text steht es richtig, im Fazit falsch: Das Original ist schwedisch, nicht niederländisch! :slightly_smiling_face:
Sentinel2003
16.09.2020 15:56 Uhr 2
Ick würde mir das Ding aber nie im Kino an gucken, geschweige denn überhaupt!! Der Trailer hat null Bedürfnis auf ein eventuelles Gucken hervor gerufen!

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