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TV-Nachrichten in Zeiten von Corona: ,Es wird desinfiziert, was das Zeug hält‘

von   |  4 Kommentare

Seit Tagen hält das Coronavirus Deutschland und die Nachrichtenredaktionen der Republik in Atem. Über ihren aktuellen Arbeitsalltag haben wir mit Wulf Schmiese, Redaktionsleiter des «heute-journal» im ZDF, und Sonja Schwetje, Chefredakteurin von ntv, gesprochen.

Ob Ärzte, Krankenpfleger, Kassierer oder Müllwerker: Sie alle leisten in Zeiten der Corona-Krise einen unverzichtbaren Dienst. Eine wichtige Aufgabe unter besonderen Bedingungen erfüllen in diesen Tagen aber auch die Nachrichtenredaktionen des Landes, die das hohe Informationsbedürfnis der Bürgerinnen und Bürger verstärkt bedienen. Auf eine intensive Arbeitswoche blickt unter anderem Dr. Wulf Schmiese zurück, der das «heute-journal» leitet. Ähnlich wie viele Mitarbeiter beim ZDF hat Schmiese in dieser Woche viel von zu Hause aus gearbeitet, während seine Stellvertreterin auf dem Mainzer Lerchenberg zugegen war. Nur früh morgens war er kurz vor allen anderen im Büro und am Freitagabend, um live einen Kommentar zu sprechen zu möglichen Ausgangssperren wegen Corona.

„Wir konferieren durchgehend, die Tage sind lang. Von morgens um zehn bis abends um 23 Uhr“, lautet das Fazit, das Schmiese im Gespräch mit Quotenmeter.de zieht. Dass unsere Gesellschaft die Auswirkungen des Coronavirus lange Zeit unterschätzt hat, wurde Schmiese in der vergangenen Woche bewusst. „Seit Dienstag, dem 10. März wurden wir weitgehend monothematisch. Um alle Corona-Meldungen zu bündeln, haben wir den täglichen Corona-Ticker eingeführt. Da stiegen auch die Zahlen der Infizierten in Italien steil an, sausten die Börsen nach unten, wurden Grenzen scharf nach Infizierten kontrolliert und ernste Sorgen um die Zukunft der Wirtschaft sichtbar. Seitdem steht kein Thema mehr höher bei uns als die Corona-Brunst - eine Welt-Krise.“

Handschuhe in der Redaktion, Atemmasken im Studio


Seit Freitag, 13. März, arbeitet ein großer Teil der Redaktion des «heute-journal» im Homeoffice, seit Montag greifen beim ZDF weitreichende Sicherheitsvorkehrungen. „Es wird desinfiziert, was das Zeug hält. Teilweise sind die Displays der Telefone schon gar nicht mehr zu sehen“, erklärt Schmiese. In den Schnitträumen seien zudem Glasscheiben aufgebaut worden, die Redakteur und Cutter voneinander trennen. Das Nachrichten-Studio selbst, die sogenannte "Grüne Hölle", darf niemand mehr ohne Atemmaske betreten - ausgenommen davon sind nur die Moderatoren. In der Redaktion ist die Belegschaft dazu angehalten, medizinische Schutz-Handschuhe zu tragen. „Alle halten sich daran", bekräftigt Schmiese.

Doch wie viele Leute kann eine Nachrichtenredaktion, die eine tägliche Fernsehsendung auf die Beine stellt, überhaupt nach Hause schicken? „Wir brauchen natürlich Mitarbeiter bei uns auf dem Lerchenberg, die Berichte schneiden, Stücke und Texte abnehmen und die unsere Sendung fahren. Weitere, die sogenannten Researcher und Themenredakteure, die schnell etwas recherchieren können für die Moderatoren“, gibt Schmiese zu bedenken. „Insgesamt sind wir aber derzeit nur eine Handvoll Leute in der Redaktion zu den beiden Moderatoren.“ Wer dieser Tage in der Themenplanung oder im Social-Media-Bereich arbeite, könne dies auch von zu Hause tun.

Wir erleben häufig, dass ein Thema, von dem wir als Journalisten ahnen, welche Dimension es nehmen wird, anfangs auf geringe Beachtung trifft. Das war bei der Euro- und der Flüchtlingskrise ähnlich wie jetzt der Fall. Es ist auch menschlich, wenn man bedenkt, wie groß die Herausforderung in solchen Situationen ist, dass die erste Reaktion eher abwartend ist. Speziell beim Coronavirus sind wir in der Mediengruppe seit Anfang des Jahres sehr wachsam gewesen und haben uns frühzeitig auf bestimmte Krisenszenarien eingestellt.
Sonja Schwetje, Chefredakteurin ntv
Während das «heute-journal» die ZDF-Zuschauer jeden Abend auf den neusten Stand der Entwicklungen bringt, berichtet ntv durchgehend über die aktuellen Entwicklungen in der Corona-Krise. Chefredakteurin Sonja Schwetje betont im Gespräch mit Quotenmeter.de, dass man beim Coronavirus bereits seit Anfang des Jahres sehr wachsam gewesen sei und sich frühzeitig auf bestimmte Krisenszenarien eingestellt habe. „Wir erleben häufig, dass ein Thema, von dem wir als Journalisten ahnen, welche Dimension es nehmen wird, anfangs auf geringe Beachtung trifft. Das war bei der Euro- und der Flüchtlingskrise ähnlich wie jetzt der Fall“, erklärt Schwetje gegenüber unserer Redaktion.

Ihr Sender gehört ohne Frage zu den Profiteuren der aktuellen Situation. Mit der Übertragung von Nachrichten-Strecken und Live-Pressekonferenzen fuhr ntv in den vergangenen Tagen häufig weit überdurchschnittliche Zuschauerzahlen ein und ließ so immer wieder auch große Sender hinter sich (wir berichteten). Dabei steht die Mediengruppe RTL wie viele andere Mitbewerber vor der Herausforderung, mit weniger Menschen vor Ort auskommen zu müssen. Wer von zu Hause arbeiten kann, soll dem seit dieser Woche nachkommen.

,Abstand halten, Händewaschen, Desinfektion'


Sonja Schwetje selbst befand sich einige Tage im Homeoffice, ist nun aber zurück im Sender. „Um für Fragen in den Teams zur Verfügung zu stehen. Und um immer wieder persönlich auf Schutzmaßnahmen wie ausreichend Abstand zwischen Kollegen, stündliches Händewaschen und regelmäßige Desinfizierung aller Geräte und Arbeitsplätze hinzuweisen“, betont die Chefredakteurin des Nachrichtensenders.

Für den Fall, dass in der Mediengruppe RTL zu viele Mitarbeiter gleichzeitig erkranken sollten und der Newsbetrieb damit gefährdet wäre, sieht sich der Nachrichtensender übrigens gewappnet. „Mit einer solchen Situation müssen wir rechnen und haben alternative Sendeszenarien dafür erarbeitet“, erklärt Sonja Schwetje. Journalisten stellten einen Teil der sogenannten "systemrelevanten Berufe" dar, ihre Aufgabe sei es gerade jetzt, verlässlich und aktuell zu berichten. „Wir halten engen Kontakt mit den Behörden und versuchen, all unseren Mitarbeitern, also selbstverständlich auch unseren Reportern und Kamerateams größtmöglichen Schutz zu gewähren. Abstand halten bei Drehs, regelmäßiges Händewaschen, Desinfektion“, so die Chefredakteurin von ntv.

Corona nimmt zwangsläufig den meisten, zeitweise fast den ganzen Raum unserer Sendung ein. Es verdrängt dadurch andere Nachrichten, über die wir in normalen Zeiten viel mehr berichten würden und jetzt nur noch im Nachrichten-Block Platz finden

Wulf Schmiese, Redaktionsleiter «heute-journal»
Aber besteht bei den sich täglich überschlagenden Meldungen zum Coronavirus eigentlich die Gefahr, dass wir andere Meldungen vernachlässigen? „Corona nimmt zwangsläufig den meisten, zeitweise fast den ganzen Raum unserer Sendung ein. Es verdrängt dadurch andere Nachrichten, über die wir in normalen Zeiten viel mehr berichten würden und jetzt nur noch im Nachrichten-Block Platz finden“, gibt Wulf Schmiese zu bedenken. Zugleich betont er, dass die Sendezeit des «heute-journals» täglich schon "um etliche Minuten ausgeweitet" worden sei.

Trotz allem Stress und der veränderten Situation in den Redaktionen blicken Wulf Schmiese und Sonja Schwetje positiv auf die vergangenen Tage. „Unser Team ist hochmotiviert. Niemand verdrückt sich trotz Homeoffice, jeder liefert und will weiterhin seinen Teil zum Erfolg der Sendung beitragen“, lobt Schmiese. Ganz ähnlich sieht das Sonja Schwetje: „Ich bin sehr stolz auf all unsere Mitarbeiter, egal ob im Mobile Office oder im Sendezentrum, jeder macht hier einfach einen sensationellen Job.“ Großartig findet es Schwetje, wie ihre Kolleginnen und Kollegen mit viel Kreativität improvisierten und sich gegenseitig unterstützten.

,Mehrheit ist vernünftig und will keinen Verschwörungs-Hokuspokus'


Belohnt werden die zahlreichen News-Formate und Nachrichtensendungen des Landes dieser Tage nicht zuletzt mit hohen Quoten. „Dass Nachrichten-Sendungen nun das Lagerfeuer der Nation sind und fünf bis sechs Millionen Menschen, darunter sehr viele junge, uns allabendlich schauen, macht uns echt stolz auf unser Land“, gibt Schmiese zu. „Denn diese Zuschauer wollen sauber informiert werden und sie wissen: Das «heute-journal» berichtet nach bestem Wissen und Gewissen, nüchtern und der aktuellen Lage angemessen. Die extrem hohen Quoten beweisen, dass die Mehrheit vernünftig ist und keinen Verschwörungs-Hokuspokus will. Gerade in unsicheren Zeiten werden gesicherte Informationen gesucht - und die wollen wir täglich liefern.“

Wenngleich die Lage sehr dynamisch ist und die Welt abseits der Pandemie nicht völlig stillsteht, dürfte das Coronavirus auch in naher Zukunft das beherrschende Thema bleiben. Es dominiert die Gespräche bis in den Familien- und Freundeskreis hinein. „Schon beim Aufwachen frage ich mich: ,Was hat sich über Nacht wieder bewegt zu Corona?‘“, so Wulf Schmiese. Auch Sonja Schwetje ist sich sicher: „Das Virus ist Teil unseres Alltags und wird es sicher auch noch eine längere Zeit bleiben.“ Langweilig dürfte es in den Nachrichtenredaktionen des Landes auch in den kommenden Wochen nicht werden.

Wie die Redaktion "ARD aktuell" mit der Corona-Krise umgeht und wie Chefredakteur Marcus Bornheim die Situation bewertet, lesen Sie in unserem aktuellen Interview hier.

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Es gibt 4 Kommentare zum Artikel
Sentinel2003
22.03.2020 18:17 Uhr 1
Ich bin es fast schon leid, mir jeden Tag Sondersendung an Sondersendung ansehen zu müßen....zum Glück gibts auch Ablenkung, was habe ich gestern "Schlag den Star" fast schon aufgesogen wie einen Schwamm!
Wolfsgesicht
22.03.2020 18:20 Uhr 2
Das Dumme ist ja dass sich die Situation täglich ändert. Darum braucht man diese Sendungen (zumindest die Tagesschau) ja auch. Man kommt nicht drum rum zu lesen was aktuell noch erlaubt und was verboten ist.
Sentinel2003
23.03.2020 01:21 Uhr 3
Nun, wenn ich die ARD Text Seite 812 lese mit den täglichen Neu Infizierten und die RBB Text Startseite fühle ich mich auch sehr gut informiert!! Aber, jeder, wie er natürlich selbst möchte...
Kaffeesachse
23.03.2020 08:22 Uhr 4
Niemand muss sich auch in dieser Zeit irgendwas ansehen. Jedes Gerät hat noch diesen Knopf, an dem man es ausschalten darf. Hier gibt es übrigens kein Kontaktverbot. ;)

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