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Interview

Gebärdensprachdolmetscherin Laura Schwengber: „Ohjemine, macht sie da wirklich ein Huhn nach?“

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Sie war in den zurückliegenden Jahren „Die mit den Händen tanzt“. Beim «ESC» hat sie die Musik denen näher gebracht, die sie nicht hören können. Über die Arbeit einer Gebärdensprachdolmetscherin, über ihre musikalischen Vorlieben und geäußerte Kritik.

Sowohl beim «ESC» 2017 als auch beim «ESC» 2018 waren Sie als Gebärdensprachdolmetscherin tätig – werden Sie die Aufgabe dieses Jahr vermissen?
Ich wollte für dieses tolle Projekt die Chance auf eine Weiterentwicklung schaffen.
Laura Schwengber, Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache
Die Zeit beim ESC habe ich sehr genossen und viel für mich mitgenommen, mich aber bewusst entschieden, den Auftrag in diesem Jahr an meine Nachfolger*innen weiterzugeben. Ich wollte für dieses tolle Projekt die Chance auf eine Weiterentwicklung schaffen. Einige taube Menschen wünschen sich zum Beispiel taube Dolmetschende beim ESC. Diese Chance wollte ich schaffen. Außerdem suche ich immer wieder neue Herausforderungen und mein neues Team #DieMitDenHändenTanzen nimmt mich diese Saison sehr ein.

Wie lange dauerte es im Schnitt, einen «ESC»-Song "einzustudieren", bis sie sich für die Übersetzung bei der Liveshow bereit fühlten?
Wenn ich einen Song für die live-Bühne vorbereite, dann versuche ich mich eher in die Musik fallen zu lassen. Für mich ist Musik erleben so viel mehr als „den Text verstehen können“, deshalb lege ich viel Wert auf die Emotion im Song. Was macht der mit mir? Wie wirkt der Song? Und erst zuletzt schaue ich, welche Wörter benutzt die Sängerin, um diese Wirkung zu erreichen. Für den «ESC» war das ein bisschen anders: Weil ich viele der Sprachen nicht verstanden habe, musste ich das viel intensiver vorbereiten. Das dauert ewig. Pro Halbfinale gehen da gern mal ein bis zwei komplette Tage drauf und viele Stunden Musikhören. Das blockiert insgesamt mehrere Wochen, in denen dann kaum anderen Projekte stattfinden können Für meinen Einstieg „ins Musikbusiness“ war der «ESC» eine großartige und wichtige Erfahrung mich so intensiv mit Musik auseinanderzusetzen.

Generell gesprochen: Welche Songtypen sind besonders schwer zu übersetzen? Und gibt es Lieder, bei denen Sie sich denken "Ach, endlich was Leichtes zwischendurch …"?
Ich erinnere mich noch sehr gut an den italienischen Beitrag aus 2018: Rap auf Italienisch, ohne Refrain, ohne Wiederholungen, sondern eine Zeile nach der anderen. Das alles ziemlich schnell und ich verstehe quasi kein Wort italienisch. Das war wirklich schwierig. Beim Song von Netta, mit dem sie letztendlich gewonnen hat, dachte ich mir zu Beginn der Vorbereitungen auch „Ohjemine, wie soll das gehen und macht sie da wirklich ein Huhn nach?!“. Aber nach ein paar Durchläufen lernte ich den Song lieben und konnte mich beim Finale dann sehr drauf gefreut. Den Gewinnersong darf ich zum Schluss immer noch einmal dolmetschen. Das war der perfekte Abschluss für „meinen ESC“.

Macht es das Dolmetschen leichter, wenn Sie einen Song mögen, oder macht das keinen Unterschied?
Auf der einen Seite erleichtert es die Vorbereitung, wenn ich den Song gern höre. Dann rieselt er immer wieder in meine tägliche Playlist, ich kann ihn bald mitsingen und er macht mich fröhlich. Höre ich einen Song nicht gern, dann ist die Vorbereitung richtige Arbeit, da zieht mich ein Song auch schon mal runter, macht mich nervös oder traurig. Manchmal richtig wütend! Aber das ist gut, damit kann ich dann arbeiten und eine ausdrucksstarke Übersetzung entwickeln. Insofern ist es dann manchmal sogar schwieriger auf der Bühne zum Beispiel nicht einfach mitzusingen, wenn ich den Song mag - das Mundbild muss zu den Gebärden passen und da passt mitsingen oft nicht.

Unter anderem durch Ihre Einsätze beim «ESC» werden sie öffentlich nahezu auf Ihre Gebärdenübersetzung von Musik reduziert – hat dies auch zu Nachteilen in Ihrem Berufsalltag geführt?
Zum Glück können viele Leute das ganz gut trennen. Natürlich bin ich oft „die mit den Händen tanzt“, aber mittlerweile habe ich das zu meinem Markenzeichen gemacht. #DieMitDenHändenTanzt ist mein Hashtag geworden. Ich finde es toll, wenn Leute Interesse an meiner Arbeit haben, weil das die Türen für die Beteiligung und Teilhabe tauber Menschen öffnet. Letztendlich ist die Musik der öffentliche Teil meiner Arbeit. Bei allen anderen Einsätzen halte ich mich strikt an eine strenge Schweigepflicht. Das schätzen die Kund*innen. Einige Kund*innen sagen auch, mein Gebärden hätte immer so einen Flow, ein bisschen wie Musik und viele mögen genau das sehr gern. Einige fragen mich auch ganz bewusst deshalb an oder weil sie mich mal persönlich kennenlernen möchten. Das sind immer schöne Momente.

Neben viel positiver medialer Aufmerksamkeit ruft ihre Musikübersetzung auch vereinzelte, negative Reaktionen auf – so bezeichnete Bloggerin Julia Probst Ihre Übersetzungen als unsauber und zu exzentrisch. Wie nehmen Sie solche Stimmen auf?
Mit „Musikdolmetschen ist so überflüssig wie Fußpilz“, wie Julia Probst das einmal bloggte, kann ich für meine Arbeit konkret nichts anfangen. Wer diese These aufstellt, hat offensichtlich kein Interesse an Musik in Gebärdensprache.
Laura Schwengber, Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache
Mit „Musikdolmetschen ist so überflüssig wie Fußpilz“, wie Julia Probst das einmal bloggte, kann ich für meine Arbeit konkret nichts anfangen. Wer diese These aufstellt, hat offensichtlich kein Interesse an Musik in Gebärdensprache.

Grundsätzlich sind kritische Stimmen für mich jedoch sehr wichtig. Nach dem letzten «ESC» schrieb mir jemand, dass ich an einer Stelle das englische Mundbild verwendet habe, um klarzumachen, dass der Song englisch ist und ich die Deutsche Gebärdensprache verwende. Das fand die Zuschauerin nicht so gut zu verstehen. Das mache ich seitdem nicht mehr. Nicht immer sind alle so konstruktiv, einige haben auch einfach einen Narren daran gefressen, dass ich als hörende Person mit Gebärdensprache arbeite, obwohl sie nicht meine Muttersprache ist. Das ist ein Fakt, den ich mit fast allen meiner Kolleginnen teile. Mediale Aufmerksamkeit bringt immer beide Seiten mit sich. Das war ein schwieriger Prozess, aber mittlerweile kann ich damit ganz gut umgehen. Gemeinsam mit meinen tauben Coaches setze ich mich viel mit der Kritik auseinander und wir schauen gemeinsam, wie sie meine Arbeit verbessern kann.

Was machen Sie dieses Jahr während der «ESC»-Übertragung?
Endlich mal als Zuschauerin vor dem Bildschirm dabei sein, wenn der ESC in Gebärdensprache ausgestrahlt wird.

Dann: Viel Vergnügen!

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