Die Kritiker

«Tatort – Kein Mitleid, keine Gnade»

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Homophobie, schnöselige Reichensöhnchen, verlogene Oberklassetöchterchen, Schulmobbing und ein tobender Cybermob: Die zumeist so gemütlichen Kölner starten mit dramatischem Stoff in ihr «Tatort»-Jahr.

Hinter den Kulissen

  • Regie: Felix Herzogenrath
  • Drehbuch: Johannes Rotter
  • Cast: Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Thomas Prenn, Emma Drogunova, Justus Johanssen, Moritz Jahn, Roland Riebeling, Joe Bausch, Karim Günes, Anke Retzlaff, Husam Chadat
  • Kamera: Gunnar Fuß
  • Schnitt: Vincent Assmann
  • Musik: Sven Rossenbach, Florian van Volxem
Der Kölner «Tatort» ist zumeist sehr ruhig, gefällig und nicht besonders gesellschaftskritisch – er gehört zu den seichteren, leichtgängigeren Sonntagskrimis im Ersten. Doch der erste Kölner «Tatort» des Jahres zählt zu den Ausnahmen, die die Regel bestätigen: Unter der Regie von Felix Herzogenrath («Der Staatsfeind») und nach einem Drehbuch von Johannes Rotter («Bloch – Das Labyrinth») erzählt der Neunzigminüter von einer Gruppe gut betuchter, arroganter, doppelmoralischer und hasserfüllter Wohlstandskids, die sich in brutaler Homophobie üben und es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nehmen …

Einen schlechteren Geburtstag konnte sich Freddy Schenk (Dietmar Bär) wohl kaum vorstellen: Auch an seinem Wiegenfest werden er und sein Partner Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) mit einem Mordfall konfrontiert – denn die Leiche eines 17-jährigen Schülers wurde nackt und mit blauen Flecken übersät an einem Seeufer bei Köln gefunden. Auf dem Gymnasium, auf das der Tote ging, stoßen Schenk und Ballauf nur auf eisige Kälte und Feindseligkeit. Niemand will den Toten so wirklich gekannt haben – bis auf Mobbingopfer Paul Hünecke (Thomas Prenn), das jedoch mit niemandem etwas zu tun haben will und auch vor den Polizisten wegrennt, wenn er sie nicht gerade anbrüllt. Und es kommt noch dicker: Als Schenk eingreift, während eine Gruppe aus Schülerinnen und Schülern hänselt, dreht Schülerin Nadine Wilcke (Emma Drogunova) den Spieß um und bezichtigt den Ermittler, sie begrapscht zu haben. Der Mob aus Gymnasiasten stimmt sofort in Schmähchöre ein, die abgefilmt werden – so dass Schenk wenige Stunden später zum Buhmann des Internets wird …

Rotter und Herzogenrath kennen in der Zeichnung der Tatverdächtigen keine Zurückhaltung: Die Klassenkameraden des Toten sind weitestgehend mit breitem Pinsel entworfen – egal ob männlich oder weiblich, der hochnäsige Mob aus Jugendlichen, die sich aufgrund ihres sozialen Status (gut betucht und auf bestem Wege, eine hervorragende Bildung zu erlangen) für unverwundbar halten, ist gallig und grell. Doch da dieser «Tatort» keine individuelle Charakterstudie ist, sondern ein Kriminalfilm darüber, wie Homophobie weiterhin in Deutschland grassiert, lässt sich dem Film nicht vorwerfen, zu grobschlächtig vorzugehen: Die Mobmentalität während Hänseleien, die Herzogenrath kompromisslos grell in Szene setzt, ist unausstehlich, aber real. Und sobald nicht eine ganze Gruppe auf jemandem rumhackt, sondern nur ein, zwei Einzelpersonen, findet Rotter durchaus Abstufungen darin, wie die Schülerinnen und Schüler ihren Hass ausformulieren.

Gemeinhin nutzen Rotter und Herzogenrath diesen «Tatort», um altbekannte, doch noch immer nicht behobene gesellschaftliche Missstände zu kommentieren, indem sie sie vorführen, statt sie dem Publikum vorzukauen. So stellt sich nie eine der zentralen Figur an den Rand des Geschehens und sagt, dass sich die Tatverdächtigen wegen ihrer hohen Position auf der vermeintlichen gesellschaftlichen Leiter so tolldreist aufführen – doch Herzogenraths Inszenierung legt diese Deutung deutlich nahe. Und durch parallele Subplots legt dieser «Tatort» den Finger in die weiterhin klaffende Wunde, dass im Männer-Fußballsport Intoleranz fast schon militant-religiöse Züge annehmen kann.

Der Handlungsfaden über den Cybermob, der es auf Schenk abgesehen hat, fällt da im Vergleich fast schon vom Tisch, trotzdem ist er als Vorführung dessen, wie schnell sich Leute aufwiegeln lassen, eine stimmige thematische Ergänzung dieses Krimis, den die Komponisten Sven Rossenbach und Florian van Volxem sehr atmosphärisch untermalen. Kalte, dissonante Elektroklänge heben diesen «Tatort» weit über dem Klangalltag der ARD-Sonntagskrimis hinaus, und Kameramann Gunnar Fuß findet ebenso mehrmals sehr aussagekräftige, distanzierte Bilder, die stärker sind als das, was man vom Kölner Team gewohnt ist. Es scheint auch so, als wären Bär und Behrendt stärker gefordert als meistens, was dazu führt, dass sie die Verhör- und Indiziensuchsequenzen kerniger und empathischer spielen als üblich. Das wiederum erhöht die Spannung, ebenso wie das aufgewühlte Spiel von Thomas Prenn als Mobbingopfer Paul und von Emma Drogunova als dramatische und gerissene Antwort auf weibliche «Fack Ju Göhte»-Lästermäuler.

Fazit: Ein Kölner «Tatort» wie wenige andere zuvor: Spannend, relevant und ästhetisch ungewöhnlich.

«Tatort – Kein Mitleid, keine Gnade» ist am 12. Januar 2020 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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